13.08.2011 · Im strukturschwachen Vorpommern zimmern ein paar Menschen mit vielen Ideen an einem neuen Image, an einer Identität - und entfachen damit neue Konflikte. Heraus kommt eine Geschichte über Schlechtmacher und Schönredner in einem älter werdenden Land.
Von Sonja HartwigIch liebe doch mein Eggesin, hier bin ich zu Hause, hier krieg ich Luft, hier will ich nicht weg“, sagt die Rentnerin, die auf einem Stuhl in der Fachwerkkirche sitzt. „Ich zeig Ihnen mal das schöne Eggesin“, sagt der Bürgermeister, setzt seine Sonnenbrille auf und steigt in seine glänzende Geländelimousine. „Hier ist nichts los“, sagt die Mutter mit den zwei Kindern und steigt auf ihr Fahrrad. „Fahren Sie besser nach Ueckermünde, da haben sie Wasser“, sagt eine Angestellte. Der östlichste Osten des Landes. Flaches Land, faule Leere. Aber nein, nicht doch. Das wollen sie nicht in der Zeitung lesen. Das stand da schon zu oft. Sie wollen nicht wieder die Buhmänner sein, die Blöden und Faulen, die Fernsehgucker, bei denen die Fassade blättert und im Zimmer des Bürgermeisters selbst die Blumen die Köpfe hängen lassen.
Eine ungewohnte Währung
„Hier muss doch mal wieder Leben rein“, sagt eine Rentnerin. „Im Sommer, da kommen doch viele Urlauber, da ist was zu holen, das muss doch was heißen“, sagt der Bürgermeister. Die Region komme, sagt er. Die Region stehe, sagt ein anderer. Schönreden, schlechtmachen. Dazwischen gibt es kaum andere Stimmen in Eggesin, einem ehemaligen Garnisonsstandort, dem seit der Wende die Hälfte der Einwohner weggelaufen ist. Die Blaubeerstadt, zu der Stadt und Bürger sie dann gemacht haben. Eine Stadt, die Ehrenamtliche braucht, weil sie kaum Jobs vergibt, die Ideen hat, aber wenig Image, die viele Vorhaben umsetzte, die zum Politikum wurden: Blaubeerscheune, Kulturwerkstatt, Gemeinschaftszentrum. Das waren Vorhaben, die wieder Leben hierherbringen sollten.
Cordula Schmorl, 66 Jahre alt, steht in dem weißen Neubau, schräg gegenüber der Amtsverwaltung. Wegzugehen, das habe sie sich nie vorstellen können, sagt sie. Weitermachen wolle sie. Über Jahre arbeitete sie in der Küche der Kaserne, obwohl sie eigentlich etwas anderes gelernt hatte, Finanzkauffrau. Nun kümmert sie sich um das Geld bei einem Verein, der sich auf eine ungewohnte Währung stützt: Zeit. Frau Schmorl setzt sich an einen gedeckten Tisch. Kaffee gibt es und selbstgebackenen Kuchen. Draußen sind Pflanzen aufgereiht, die gleich getauscht werden sollen, beim Tauschplausch. So nennen die Teilnehmer das Treffen, zu dem sie einmal im Monat zusammenkommen. Ableger gegen Ableger, Kaktus gegen Benjamini, so etwas. Aber eigentlich geht es um das, was Cordula Schmorl mit einem Flugblatt erklären will. Das Bild eines Baums ist darauf. Und „Frau H. und Herr V.“.
Einen Markt für jeden
Herr V., sagt Cordula Schmorl, konnte nicht mehr allein die Bäume schneiden, daher kam Frau H., schnitt ihm die Bäume, und Herr V. ist jetzt im Minus bei der Bank. So einfach ist es, das Konzept der Zeitbank. Kontenführung wie bei der Sparkasse, Absicherung im Alter. So hatten sie sich das anfangs gedacht, als sie etwas suchten, um der Überalterung entgegenzuwirken. Als das Bundesbauministerium Modellregionen brauchte, die Zukunft schaffen wollen, und sie Gelder bekamen für ein Gemeinschaftshaus mit der Zeitbank. Mitten im Ort steht sie nun, auf einer Wiese, nur wenige Gehminuten vom Rathaus entfernt, zwischen unbenutzter neugotischer Kirche und umgestalteter Fachwerkkirche. Und genau darin liegt der Ärger. Die Bürger wollten das Zentrum und die Bank nicht, mehr als zweitausend unterschrieben dagegen. Sie sagten: Es gibt doch schon genug. Wir haben Vereine, aber keine Arbeit. Sie wollten nicht, weil die Handwerker um ihr Handwerk fürchteten. Die Gastronomen um ihre Gastronomie. Das Zentrum kam trotzdem. Manche nennen es Kasten, Würfel, Karnickelbucht, Trafostation.
„Wir vermieten Räume, aber backen dann ja nicht den Kuchen“, sagt Cordula Schmorl. „Wir bieten Hände an, aber kein Handwerk, keine Großaufträge“, sagt Lutz Bramer. „Wir wollen eine Chance bieten, in den ersten oder zweiten Arbeitsmarkt hineinzukommen“, sagt Heidrun Hiller. Alle drei sind im Vorstand der Zeitbank. Sie wollen, dass Zeit sich auszahlen kann, in einer Region, in der viele auf die Auszahlung am ersten Tag des Monats warten.
„Klar, is ja Hartztag“, sagt ein Handwerker im Blaumann und macht kehrt, als er die Schlange vor der Sparkasse sieht. Zurück in den Bulli, weg zum Auftrag. „Das ist es ja, was vielen fehlt“, sagt Heidrun Hiller, „aber einen Markt muss es doch für jeden geben.“
So läuft ein Geschäft ab
Sie ist Diplomingenieurin, stammt aus Berlin, lebte zwei Jahre in Eggesin und gründete vor drei Jahren die Zeitbank mit. Dann zog sie nach Neubrandenburg, wo sie an der Hochschule arbeitet. Zum Tauschplausch kommt sie immer noch nach Eggesin. Dorthin, wo die Menschen oft zu ihr sagten: „Früher haben wir uns gekannt, haben uns geholfen.“ Wenn sie dann fragte, warum das nicht mehr so sei, zuckten alle mit den Schultern. Die Zeitbank war Heidrun Hillers Antwort, doch nun steht dahinter ein Fragezeichen. Die Idee, die in anderen Ländern entwickelt wurde, in Japan, den Vereinigten Staaten und Kanada, und die man in den Neunzigern erstmals in die Bundesrepublik importiert hatte, scheitert hier auf dem Land. Die Gleichung, Nachbarschaft und Hilfe zur Nachbarschaftshilfe zu addieren, ging in Vorpommern bislang nicht auf.
Heidrun Hiller ist Frau H. aus dem Beispiel. Die Frau H., die die Bäume bei Herrn V. schnitt. Die beiden machten eines der wenigen Geschäfte bei der Zeitbank. Herr V. heißt eigentlich Manfred Vogt, ist 1,5 Stunden in den Miesen und steht mit seiner Frau im Garten hinter dem Haus, das sie gebaut haben, als die Stadt jung war und wuchs. „Viele gingen weg, viel schrumpft“, sagen sie, „und wir werden nun alt und grau hier.“ Ein Bekannter erzählte ihnen von der Zeitbank. Die Hilfe kam schnell, und sie war gut, sagt Vogt. Vielleicht melde er sich noch mal im Winter, um den Schnee geschippt zu bekommen. Dafür könne er dann ja mal den Hof bei jemandem fegen. Sonst mache er, solange er kann, noch alles selbst.
Die Mächtigen gegen die Machtlosigkeit
Hinter dem Garten der Vogts rollt der Ostseelandverkehr, nächster Halt: Ueckermünde. Dort, wohin die Touristen wollen. Ueckermünde hat das Meer, Eggesin hatte die Armee. Und Vogt hatte dort fünfundzwanzig Jahre seine Arbeit, machte Karriere und stieg auf bis zum Major. Solche Lebensläufe gibt es viele in Eggesin. Man hört sie immer wieder, in der Stadt, die eine der Alt-Eggesiner und eine der Armee-Eggesiner ist. Es sind zwei Identitäten, die beide „Heimat“ sagen, wenn andere schon von Hoffnungslosigkeit sprechen, die aber in unterschiedliche Richtung denken, wenn jemand „Zukunft“ sagt.
An dieser Stelle wird der Ort der Leere, an dem diese Geschichte spielt, zu einem Austragungsort eines Kampfs, in dem viele zum Verlierer geworden sind, ohne je in die Schlacht gezogen zu sein. Es ist ein Ort, an dem es manchmal schwer fällt zu glauben, welcher Kampf jetzt nach der großen Niederlage immer noch geführt wird, und vor allem: wer gegen wen kämpft. Und doch ist es eine sehr deutsche Geschichte, hier im östlichsten Osten. Es ist ein Kampf mit vielen Nebenschauplätzen: Tradition gegen Moderne, Kirche gegen Politik, Ost gegen West, Neu gegen Alt, Struktur gegen System. Unternehmer kämpfen um das Überleben, die Mächtigen gegen die Machtlosigkeit, Eggesiner für Eggesin und nicht wenige um ihre Existenz. Alle kämpfen gegen die Zeit. Dabei sollte mit ihr, der Zeit, doch alles beginnen, ein neues Kapitel Vorpommern, ein neues Kapitel Eggesin. Die Zeitbank, sagen sie in der Stadt, das sei noch Gutgesells Werk.
Die verheerenden Auswirkungen der Zeitbank
Dennis Gutgesell, ein Soldatensohn, wuchs in Eggesin auf, absolvierte eine Ausbildung, und während er kurze Zeit für ein Studium in den Westen ging, machte er im Osten Wahlkampf. Im August 2003, da war er 27, wurde er zu einem der jüngsten Bürgermeister der Republik gewählt. Sein Büro war damals noch im grauen Plattenbau aus DDR-Zeiten. Nun sitzt er in einem mächtigen roten Backsteinhaus, fünfundzwanzig Kilometer entfernt, in Pasewalk. Gutgesell ist erster Stellvertreter des Landrats. Er wechselte Posten und Perspektive, weil es die Probleme, die Eggesin hat, auch in anderen Städten gibt: „Arbeit schaffen, Wirtschaft stärken, all das machen Sie nicht allein in einer Stadt wie Eggesin, dafür müssen Sie raus“, sagt er.
In seinem Büro hängt ein Bild: Horst Köhler und er, am Hafen von Ueckermünde, ein Schnappschuss. Gutgesell dankte dem damaligen Bundespräsidenten, weil so ein hoher Besuch viel bedeute. Er gebe den Menschen im Armenhaus der Republik Hoffnung. Man hört den Wandel in seiner Stimme, den Wunsch, nicht nur Macher zu sein, sondern Mitmacher zu finden. Man hört die vielen Ideen, die er hat, man hört ein Ausrufezeichen hinter dem, was sich ändern muss, und immer wieder ein Fragezeichen hinter dem Wie. Die Zeitbank in Eggesin, das war sein Projekt. Eines, mit dem er sich gegen die Unvermeidlichkeit wehren wollte, mit der erst Aufgaben und Arbeit schwinden, mit der Beschäftigungen wegfallen und dann die Bewohner gehen.
Vernichtung der Gemeinschaft
Es wäre ein Vorhaben, das auch Arbeit bringen könnte, dachte er anfangs. Doch er musste einsehen, dass nur wenige Arbeitslose Arbeit ohne Geld ausüben wollen, dass Gesellschaft sich durch Geld strukturiert, dass die Investition von Zeit ein Entgelt verdient. Er schraubte die Ansprüche herunter, doch Umorientierung, sagt er, heiße ja nicht, ohne Perspektive weiterzumachen: „Die Zeitbank ist Hilfe zur Selbsthilfe, stärkt Strukturen, hält Senioren fit. Sie ist ein Segment, aber die Probleme der Region wird sie nicht lösen.“ Man hört seine Hoffnung, aber man hört auch seine Wehmut über die Schlacht, die in der Stadt um eine Idee tobte, die doch der Gesellschaft helfen sollte. Es gab viele Gerüchte, wenig Gespräche und eine emotionale Bürgerversammlung. Am Ende, als das Haus gebaut wurde, stand Gutgesell, wie er heute sagt, als „Sieger auf einem verwüsteten Schlachtfeld“.
Die Zeitbank bekomme noch ihre Zeit, sagt Gutgesell. Die Zeitbank werde mit der Zeit verlieren, sagt der Eggesiner Pfarrer Kai Becker. Beide wollen sie nicht viel über den Streit sprechen, der auch einer zwischen Kirche und Stadt war. Ein Streit um Kompetenzen, einer mit vielen Versionen und Wahrheiten. Ein Streit zwischen Ehrenamtlichen und Unternehmern. Das sei gemeinschaftsfördernd, sagten die einen. Das sei geschäftsvernichtend, sagten die anderen.
Auf seinem Internetauftritt zählt Peter Daniel, der Hotelier aus Eggesin, auf, was sich in der Nähe seines Hotels befindet: eine Bank, ein Friseur, Wechselstube, Reisebüro, Blumengeschäft, Krankenhaus, Arzt, Apotheke, Postamt. Doch Touristen, sagt er, die kommen doch zum Wasser und zum Bummeln: Das habe man hier nicht. „Was soll ich denen zeigen? Wo Aldi ist?“
Die Unternehmer ärgert das
Peter Daniel eröffnete Mitte der Neunziger das Hotel „Waldidyll“. Seit kurzem hat er drei Sterne, um sich abzusetzen, sagt er. Matthias Reim war schon da, Helen Fischer, Andrea Berg und Roland Kaiser. „Mit Ihrem Haus und Ihrem Restaurant könnten Sie anderswo Millionen verdienen“, sagten manche zu ihm. „Wenn ich könnte, würde ich alles einpacken und dahin fahren, wo dies mehr geschätzt wird“, sagt er. Er spricht vom „Schwarztourismus“, schimpft auf Politiker, die Platt reden, wenn sie nicht mehr mit Phrasen weiterkommen. Er spricht von einer Stadt, die Vereine fördert, aber keine Unternehmen, die mehr für die Gewerbesteuerzahlenden tun sollte, die Gewerbesteuer aber gern nehme, um damit Betriebskosten von Projekten zu bezahlen, die in der Stadt keinen Rückhalt haben. Er sei schließlich Unternehmer, sagt er. Daniel geht es ums Geld, nicht um einen Gag, um Tradition statt um Träume. Und schon gar nicht geht es ihm um diese Blaubeere, die es doch auch in anderen Wäldern gebe. „Blaubeerstadt, Blaubeerstadt“, lacht er. Es gebe doch auch Pilze ohne Ende, „warum nennen wir uns nicht Pilzstadt?“
„Blaubeerstadt, Blaubeerstadt“, ruft der Bürgermeister, ein CDU-Politiker, der zur Wahl antrat, als Gutgesell ins Landratsamt aufstieg und ein junger Germanist aus Thüringen auf den Posten strebte, einer, den die Eggesiner nicht kannten. Der, den die Eggesiner kannten, gewann. Seitdem ist das sein Motto: gewinnen. Er sei Unternehmer, sagt Dietmar Jesse, sein ganzes Leben lang gewesen. Seine Firma kümmert sich um Abfallentsorgung, die Tochter führt sie jetzt weiter. Er kümmere sich um die Stadt, die nicht mehr nur Durchfahrtsort sein soll. Jesse will Außenwirkung und Ausstrahlung. Er will, dass hier was los ist. Er will, dass Eggesin nicht der einzige Fleck auf der Erde ist, an dem die Leute sich nicht ans Wasser setzen. Eine 3D-Begehung soll es künftig auf der Stadt-Homepage geben. Repräsentieren und renovieren, das sei sein Ehrgeiz: „Nestwärme verbreiten, sonst kommt keiner und brütet.“
Dietmar Jesse scheut die Zukunft nicht
Dann führt er uns von seinem Büro durch die Blaubeerscheune, einen sanierten Vierseitenhof direkt gegenüber vom Rathaus. Auf den Tischen liegen blaue Decken und blaue Servietten, es wird Blaubeerkuchen angeboten und Blaubeerwein verkauft. Jesse zeigt auf Bilder mit Blaubeeren, auf Bilder von der Blaubeerkönigin und spricht vom Blaubeerfest. Die Blaubeere kam, weil es kein Militär mehr gab, die Menschen flohen und die, die blieben, sich fragen mussten, wer sie sind und wo sie leben. „Bis in das achtzehnte Jahrhundert, als es hier noch mehr Wald gab“, sagt Jesse, „wurde die Blaubeere nach England exportiert.“ Als das Militär ging, haben sie sie wiedergeholt: Ein Steinmetz schlug sie überdimensioniert in Stein und stellte sie in den Ortskern, die Blaubeerkönigin brachte sie in den Odenwald, und „bis der letzte Eggesiner sie sieht und liebt, dauert es halt“, sagt Jesse.
Er steigt in seinen schwarzglänzenden Geländewagen, und dann zeigt er das, was er zuvor in seinem Büro eine „Augenweide“ nannte oder „affengeil“. Eine Stunde will er sich nehmen, am Ende werden es vier Stunden. Er fährt an den Strand, an den Hafen, über das Feld. Viel Heide, viele Blumen. Er fährt da vorbei, wo es guten Fisch gibt, wo sein Navigationsgerät keine Straßen mehr anzeigt; dahin, wo Polen beginnt. Er will zeigen, dass es hier, in seiner Heimat, die er nur zwei Mal wegen eines Urlaubs verlassen hat, nicht nur staubgraue Häuser gibt. Es habe sich viel getan, sagt er. Es gab Rückbau. Und es gab Aufbau. Seitdem sich die Welt drehte, nur noch fünftausend Einwohner hier leben und der Altersdurchschnitt um mehr als zehn Jahre stieg. Aus einem Hotel wurde ein Pflegeheim, in Mehrfamilienhäuser wurden Aufzüge eingebaut.
Jesse zeigt auf eine Fläche, auf der ehedem viele Fünfstöcker standen, und auf eine Penthousewohnung, die ganz neu ist, genau wie die Schule, die Kindertagesstätte und die Photovoltaikanlagen. Er fährt durch sein kleines Industrie- und durch das alte Militärgebiet. Kasernenkasten reihen sich aneinander, die meisten stehen leer. Vor vier Jahren, als sich die Regierungschefs in Heiligendamm trafen, da war das letzte Mal Leben hier drin, sagt Jesse. Und dann: „Wir haben hier keine Angst vor einem Weltuntergang. Denn unsere Welt, die ist schon einmal untergegangen.“