07.02.2009 · Kaum ein Sänger hat so treue Fans, kaum einer wird so in Liebe und Hass verfolgt wie Morrissey. Mit seiner Band The Smiths hat er Songs zum Erwachsenwerden geschrieben, die sich wie Gedichte lesen. Jetzt hat Morrissey ein neues Album aufgenommen.
Von Tobias RütherAuf dem Schreibtisch liegt ein Stapel Papier. Artikel aus zwanzig Jahren, die meisten haben Männer geschrieben, und alle diese Texte handeln von Morrissey, dem Sänger und ehemaligen Kopf der englischen Popband The Smiths. Sie gleichen sich alle, mehr oder weniger, und variieren ein Leitmotiv: „Ich war klein und verzagt“, so lautet es ungefähr, „und sah selten Licht, aber Er sang davon, Er kannte mich, Er wusste, wie das war, klein und verzagt, verschattet und ohne Freunde zu sein, und tröstete mich. Morrissey und seine Lieder haben nichts weniger als mein Leben gerettet.“
Sogar ein Buch über die Smiths heißt so: „Songs That Saved Your Life“, eine Chronik der Band aus Manchester, die zwischen 1982 und 1987 vier Studioalben mit feinsinniger Gitarrenmusik aufgenommen hat und dann zerbrach. Auch Simon Goddard, Autor dieser Chronik, ist ein Fan und bittet seine Leser im Vorwort um Verständnis, die Smiths einfach für die gottverdammt größte und wichtigste Band aller Zeiten zu halten, für seine Lebensband. Seit mehr als zwanzig Jahren gibt es sie schon nicht mehr, aber was sollte das ändern
Die zarte, harte Pflanze
Morrissey allerdings hat immer weitergesungen, und deswegen liegt jetzt dieser Stapel Papier auf dem Schreibtisch. „Years Of Refusal“ heißt seine neue Platte. Auf dem Cover hält er ein Baby auf dem Arm, es ist Sebastien, so steht es im Beiheft, und ist der Sohn des Tourmanagers. Morrissey trägt seine charakteristische Tolle auf dem Kopf und hat sich in ein hellblaues Hemd von Fred Perry gezwängt, bis die Knöpfe platzen. Hochempfindliche Virilität soll das wohl bedeuten. Ein bisschen gefährlich, ein bisschen soft, eine zarte, harte Pflanze, Männertreu. Irgendwo zwischen „Scorpio Rising“ von Kenneth Anger und „Touch of Evil“ von Orson Welles stellt sich Morrissey, der Filmbilder immer liebte und zu Covern umfunktionierte, mit dieser Pose hin: zwischen das weiche Leder eines Motorradsattels, Brillantine und Chrom, zwischen Ganovenehre und Kindkaisertum.
Andere drucken Porträts auf ihre Plattenhüllen, Morrissey betreibt Ikonographie. Schon auf den letzten Alben „You Are The Quarry“ von 2004 und „Ringleader of the Tormentors“ von 2006 konnte man das sehen, als Morrissey sich in Nadelstreifen und im Frack inszenierte. Und jedes Mal hielt er etwas anderes in seinen Händen, einmal eine Maschinenpistole, dann eine Geige und jetzt eben einen kleinen Jungen.
Zölibat der Ungeküssten
Die Musik zu diesen Ikonen wird von Mal zu Mal aggressiver, und das ist angenehm. Morrissey bittet darum, seine zwölf neuen Lieder „sehr laut“ abzuspielen. Früher, bei den Smiths und auch noch eine Zeitlang danach, wirkte er keuscher. Da klammerte er sich, um Halt ringend, an Laternenpfähle und schmachtete, schmachtete, schmachtete. Noch vor seiner Popkarriere hatte er ein Buch über James Dean geschrieben, den er als Junge verzweifelt liebte. Aber wie Morrissey das Unerreichbare anbetete, wie er Ungeküsstheit als Zölibat ausgab: Das hat vor allem junge Außenseiter angezogen, die gar nicht keusch sein wollten, sondern ganz im Gegenteil ungeduldig darauf warteten, endlich mal zum Zuge zu kommen, es aber nicht kamen und deshalb Trost suchten in Liedern wie „How Soon Is Now“ von den Smiths. „Da gibt es einen Club“, singt Morrissey in dieser Hymne von 1985, „wo du jemanden kennenlernen könntest, der dich wirklich liebt, und du gehst hin, und du stehst allein herum, und du gehst heim, du weinst und du willst sterben.“
Wer aus diesem Club allein heimkommt und solche Zeilen hört, will natürlich auch sofort sterben. Oft war „How Soon Is Now“ sogar eben noch in genau diesem Club gelaufen, wo dann die jungen Ungeküssten gemeinsam herumstanden und litten, o Gott, was für eine fürchterliche Veranstaltung, diese Pubertät.
Das Manchester der Hedonisten
Aber nicht nur seinen Fans hat Morrissey mit seinen Liedern auf die Beine geholfen, um Stand im Leben zu kriegen und sich nicht mehr zu schämen für Fehler und Zweifel, Unfähigkeit und mangelndes Talent. Auch Morrisseys Karriere selbst ist beispielhaft für die emanzipatorische Kraft der Popmusik. Im Mai wird der Sänger fünfzig Jahre alt. Eigentlich ist Morrissey sein Nachname, mit Vornamen heißt er Stephen Patrick, die Eltern kamen, das hört man schon, aus Irland: Die Mutter war Bibliothekarin, der Vater Krankenhauspförtner. In Hulme wuchs Morrissey auf, das ist ein schwieriges Viertel von Manchester, blass, stumpf und grau.
Dort, zwischen Sozialbauten und Fabriken, hatte Tony Wilson im Januar 1978 seinen „Factory“-Club gegründet, aus dem nicht nur das gleichnamige, von der Plattenindustrie unabhängige Label hervorging, sondern auch Bands wie Joy Division, New Order oder später die Happy Mondays. Es ist ein historischer Zufall, dass Morrissey und die Smiths ihre Platten nicht auf Factory Records veröffentlicht haben. Doch sie gehörten zu den großen Freigeistern und Hedonisten natürlich dazu, die sich Ende der siebziger Jahre in Manchester fanden, in einem anderen historischen Zufall, der aber gut ausging. Denn anders als in früherer Zeiten zogen sich diese Freigeister und Hedonisten nicht zurück in eine künstlerische Gegenwelt, wie das beispielsweise noch die Romantiker taten, sondern legten Hand an, versuchten, ihr Leben trotz widriger Umstände in den Griff zu bekommen, um danach die widrigen Umstände um sie herum zu ändern. Ihr Instrument war die Popmusik.
Nostalgische Vorlieben
Morrissey kann kein Instrument spielen. Also hat er sich selbst instrumentalisiert und neu erfunden, ein kleiner Junge aus einer öden Gegend, der daheim auf dem Tisch zu den Tophits aus dem Radio sang und dann über diesen Tisch hinauswuchs und, fast wie Bob Dylan, zu einem literarischen Popstar wurde. Eine Karriere, die so eigentlich nur in der Popmusik möglich ist. Sie gibt nicht viel auf Schulabschlüsse, grüne Daumen, Kopfrechnen, Muskelschmalz, und eigentlich gibt sie auch nicht viel auf Bücherschränke. Aber sie belohnt es reich, wenn jemand einer Sehnsucht, die nie richtig erfüllt wird, seine Stimme leiht oder dem Wunsch, jemand anderes zu sein, und der Furcht, genau das zu wagen.
Man hat Morrissey immer kontrovers genannt. Dazu hat er jeden Anlass gegeben, den man sich denken kann. Und auch daraus speist sich der Stapel Papier auf dem Schreibtisch: aus den Berichten von Konzerten in den frühen neunziger Jahren, bei denen Morrissey sich in den Union Jack wickelte und „England for the English“ sang; aus dem ungelüfteten Geheimnis seines Sexlebens und den vermeintlich pädophilen Stellen in seinen Texten; aus den Tiraden gegen England und seiner Hoffnung auf eine striktere, britische Einwanderungspolitik; aus der nostalgischen Liebe zu lauwarmem Tee und Regen und dem Hass auf Sonntagsbraten, Thatcher, Cromwell und die Queen; aus seinem Gang ins Exil, erst nach Dublin, von dort nach Los Angeles, dann nach Rom, und seinen Ferndiagnosen über die britische Gegenwart. Jetzt vagabundiert Morrissey umher, sagt er, und hat seine Siebensachen eingelagert.
Jemand muss Ich sein
Dass er das Gute, das Schlechte und das Hässliche auch als Kunstfigur getan haben könnte, hinter der Morrissey, wie er wirklich ist, verschwindet: Darauf sind die englischen Musikzeitschriften, die ihn so oft in die Mangel genommen haben, selten gekommen. Dabei gehört auch das zum Reichtum der Popmusik. Man nennt es für gewöhnlich Image und tut es damit als eine Art Garderobenproblem ab, es ähnelt aber vielmehr dem Unterschied zwischen dem Autor und dem Erzähler eines Romans. Wenn einer „ich“ in einem Text sagt, ist das ein anderes Ich. Warum sollte das in der Popmusik nicht so sein?
„Somebody has to be me - it can't be you“, hat Morrissey in einem aktuellen Interview mit dem Fernsehmoderator Russell Brand gesagt, als der ihn fragte, ob es nicht schrecklich sei, ständig mit den Schmerzensmännern seiner Texte verwechselt zu werden. Jemand muss Ich sein: Auch das setzt die Emanzipation im Pop frei. Es funktioniert umgekehrt genauso, einsam in der Nacht vor der Stereoanlage: Jemand muss ich sein, auch wenn es noch so schrecklich ist. (Ob man aber wirklich so schrecklich werden muss, „England for the English“ zu singen, ist fraglich.)
Ein Identifikationsmusiker
Morrisseys Songs sind immer unter die Haut gegangen; er hat Identifikationsmusik geschrieben. Und wenn man die Jahre so durchmustert und die großartigen Bands und Sänger, die kamen und gingen und immer wieder kommen, dann sind da doch nur wenige, die mit einer solchen Hingabe geliebt oder gehasst wurden. Dazwischen gibt es bei den Smiths und Morrissey wenig. Und auch wenn Popmusik nicht viel auf Bücherschränke gibt: Bei den Fans von Morrissey werden darin sicher die gleichen Bücher stehen, „Der Fänger im Roggen“ zum Beispiel, „Das Bildnis des Dorian Gray“, „Bonjour Tristesse“, „Siddharta“ und „Des Menschen Hörigkeit“, Identifikationsbücher allesamt.
Man könnte sagen, dass Morrissey und die Smiths dieses Kollektiv überhaupt erst geschaffen haben, und das ist wieder so seltsam an der Popmusik: Dass sie Menschen zusammenbringt, die sich mit ihrer Kompliziertheit und ihren Körperproblemen besonders individuell vorkommen, aber alle tragen sie Parka und Schuhe von Doc Martens und den Pony tief im umwölkten Gesicht, und alle singen sie im Chor: „Sixteen, clumsy and shy / That's the story of my life.“ Es gibt Parolen für Menschen, die sich einzigartig und unverstanden fühlen? Wenn das keine Kunst ist!
Zwang zum Bekenntnis
Morrissey beherrscht diese Kunst, auch wenn er auf seinen drei letzten Platten immer prätentiöser wurde und sich weiter aus der Welt der Wachstumsschmerzen ins Kunstgewerbe entfernte. Er zog nach Italien und sang davon, Pier Paolo Pasolini zu sein, der schwule Regisseur der Halbwelt und der katholischen Sakramente, der 1975 in Ostia ermordet wurde. Ein Mann wird älter, aber Morrissey hat es geschafft, seine Fans dabei mitzuziehen. Sie kaufen jede neue Kompilation der Smiths, und davon gibt es inzwischen doppelt so viele wie reguläre Alben; sie tun es vielleicht auch, um die Zeit zu vertreiben, bis die Band endlich wieder zusammenfindet, was wohl in diesem Leben nicht mehr passieren wird. Man ist eigentlich nicht Fan von Morrissey, man bekennt sich zu ihm: „True To You“ heißt die Website seiner Getreuen, in die sie Geschichten über seine Lieder hineinstellen oder Geständnisse, was diese Lieder aus ihnen gemacht haben: Songs That Saved Our Lives.
Auf dem neuen Album „Years Of Refusal“ gibt es, wenn es hochkommt, nur eines, das wirklich an die lebensrettenden Vorgänger wie „Last Night I Dreamed that Somebody Loved Me“ oder „Everyday is Like Sunday“ heranreicht. Es heißt „It's Not Your Birthday Anymore“, beginnt still und türmt sich dann auf zu einem Refrain, der nichts fehlen lässt an Gemeinheit und Selbsterkenntnis: „Dein Geburtstag ist vorbei“, singt Morrissey da, „hast du wirklich geglaubt, dass wir all den sentimentalen Sirup ernst meinten, den wir gestern über dich gesagt haben?“ Das ist genau der sentimentale Sirup, von dem Morrissey-Fans zehren, süßestes Selbstmitleid, wer kennt es nicht: Jetzt lästert ihr alle über mich, aber wenn ich tot bin, werdet ihr alle an meinem Grab stehen und mich beweinen. Allzumenschlich ist das, aber gegen Allzumenschliches hat Morrissey noch nie etwas gehabt.
Am Ende lösen sich aber die Rätsel, die Morrissey einem stellt, nicht auf; und wäre es so, hätte man ihn und seine Lieder vielleicht längst vergessen. Er ist hochfahrend und wehleidig, er ist kokett und dreist, er will sein Publikum umarmen, aber es soll ihm niemals zu nahe kommen, er will immer nur nach Hause, aber dort nicht bleiben, er ist tausend Mal Dandy und Narziss genannt worden, ohne sich solche dämlichen Etiketten selbst an die langsam auseinandergehende Brust zu heften, die er aber trotzdem in aller Nacktheit seinem Publikum entgegenstreckt. Er ist einfach überhaupt noch nie langweilig gewesen, und das macht das Leben mit Morrissey so schön.
Tobias Rüther Jahrgang 1973, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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