08.09.2007 · In einer Woche übernimmt sie das Hochamt des deutschen Fernsehens: die Sonntagstalkshow, die bislang Sabine Christiansen moderierte. Im F.A.Z.-Interview spricht sie über die hohen Erwartungen, ihre Konkurrenten und die neue Erfahrung, eine Marke zu sein.
Von Michael HanfeldIn einer Woche übernimmt sie das Hochamt des deutschen Fernsehens: die Sonntagstalkshow, die bislang Sabine Christiansen moderierte. Nervös wirkt Anne Will bei unserem Treffen in Berlin aber nicht. Eher wie jemand, den der Trubel um die eigene Person belustigt.
Wie fühlt man sich eigentlich, wenn man das Rad neu erfinden soll?
Dann fühlt man sich überfordert. Aber das muss ich zum Glück ja nicht - weder das Rad noch das Fernsehen.
Sind Sie da so sicher? Die Erwartungen scheinen mir dementsprechend zu sein. Sie übernehmen das Hochamt des deutschen Fernsehens.
Die Erwartungshaltung ist hoch, aber darüber beklage ich mich nicht. Davon, dass sich Menschen für diese Sendung interessieren, lebe ich. Dennoch: Ich kann das Rad nicht neu erfinden, und ich muss es nicht. Ich knüpfe an ein Erfolgsformat an, an ein gelerntes Format. Die Menschen haben ganz bestimmte Erwartungen, wenn sie am Sonntagabend nach dem „Tatort“ das erste Programm sehen. Diese Erwartungen muss ich bedienen - und die sind gar nicht so übertrieben hoch: Es soll eine spannende Diskussion mit interessanten Gästen geben, einen lebhaften, kontroversen Austausch und eine Moderatorin, die all das im Griff hat. Das ist machbar.
Was wollen Sie anders machen als Ihre Vorgängerin Sabine Christiansen? Sehen wir auch bei Ihnen die üblichen Verdächtigen und einen ewig - am besten auch noch um die Moderatorin - sich drehenden Zirkus Berliner Eitelkeiten? Werden Sie dem entkommen?
Das ist gar nicht so einfach. Es hat wieder mit den Erwartungen zu tun: Die Zuschauer erwarten in einer Sendung wie meiner Spitzenpolitiker und Spitzenfunktionäre. Das ist ein überschaubarer Kreis von Menschen - die „üblichen Verdächtigen“, wie Sie sie nennen. Man sagt schnell: Den habe ich doch schon da und dort und viel zu oft gesehen. Man muss aber fragen: Wer ist die Idealbesetzung zu meinem Thema? Und dann ist man schnell wieder bei diesem oder jenem Minister. Aus der Falle komme ich nicht raus. Aber dann - und darin, denke ich, werde ich mich von anderen unterscheiden - kommt es auf meine Art, Gespräche zu führen, an. Jetzt werden Sie sagen: Na ja, die macht es sich ja leicht und sagt, sie selber macht den Unterschied. De facto ist es so.
Als Fragestellerin kennen wir Sie vornehmlich aus dem Zwiegespräch. Da sind Sie sehr charmant und sehr hartnäckig. Wird sich das in größerer Runde verändern?
Die Rolle des Moderators verändert sich schon. Im Einzelgespräch kann man sich ein Ziel setzen und alles dafür tun, dieses Ziel zu erreichen: nachfassen, mehrere Anläufe nehmen. Jetzt habe ich mehrere Ziele: Ein Gesprächsziel, auf sechzig Minuten angelegt, und ich habe das Ziel, eine Diskussion zu entfachen und sie einzurahmen. Ich muss die gut zuhörende Interviewerin sein und auch diejenige, die anstachelt, die bestimmte Positionen provoziert und sich dann wieder zurücknimmt. Das ist eine andere Anforderung als diejenige, die ich bei den „Tagesthemen“ hatte. Und eigentlich - ist sie größer.
Und die lässt sich nicht mit einem neuen Talkshow-Jetset bewältigen? Bei Christiansen haben wir zum Schluss abgezählt, wer öfter da war: Westerwelle oder Wowereit. Bei Hans-Olaf Henkel konnte man den Ton wegdrehen und den Text auswendig mitsprechen.
Die Menschen, die Verantwortung tragen, zumal politische, sind aber im Zweifel immer noch diejenigen, die man zu einem Problem hören will. Es liegt eine Chance in der richtigen Kombination der Gäste. Im Zwiegespräch kann man etwas Neues erreichen. Nehmen Sie Guido Westerwelle: Er ist nun einmal der Vorsitzende der FDP. Oder Klaus Wowereit: Er ist Regierender Bürgermeister von Berlin. Soll ich sie, wenn es um die Liberalen oder um die Hauptstadt geht, nicht einladen? Es kommt auf die Fragetechnik an, damit in den Antworten nicht das Lied erklingt, das Sie auf dem Wohnzimmersofa mitsingen können. Mehr Chancen gibt es nicht.
Kontroversen aufzuwerfen ist schwer in Zeiten der großen Koalition, in denen die Volksparteien nur sehr bedingt Interesse an öffentlichen Auseinandersetzungen haben.
Es ist relativ schwer, einen parteipolitischen Streit zwischen den großen Parteien anzuzetteln, weil die nun einmal in dem Grundharmoniebedürfnis einer großen Koalition gebunden sind. Man kann es aber auch positiv sehen und sagen: Das macht es zu einer echten Herausforderung. Dann muss man eben andere auf die jeweils gegnerische Position setzen und das Themenspektrum öffnen.
Was erwartet die ARD von Ihnen? Die Intendanten fanden „Christiansen“ ja nicht wirklich verkehrt. Es kam zwar nichts dabei heraus, aber es war nett, und die Quoten waren ansehnlich. Wie unterhaltsam muss „Anne Will“ im Ersten sein?
Es gibt die alles überragende Erwartung, dass das ein Erfolg wird. Die muss es auch geben. Die habe ich auch, weil Sabine Christiansen an diesem Sendeplatz ein Erfolgsformat bespielt hat, zehn Jahre lang. Das muss man erst einmal hinkriegen. An mich ist die Erwartung herangetragen worden, dass ich diesen Sendeplatz hege und einen journalistischen Ansatz pflege, der für Erkenntnisgewinn sorgen sollte. Das macht mich auch selbst zufrieden - nach einer Diskussion sagen zu können, ich habe etwas davon gehabt. Es muss nicht lustig und entspannend sein. Die Intendanten - und vielleicht nicht nur die - trauen mir aber offenbar zu, dass ich diese Sendung mit Erfolg bestreite. Und die Probesendungen, die wir gemacht haben, hat mich in der Zuversicht bestärkt, zu sagen: Das wird gut.
Können Sie frei schalten und walten? Sie haben die Produktionsfirma „Will Media“ gegründet, unterstehen aber der Chefredaktion der ARD. Vor deren Einmischung sich bekanntlich Günther Jauch, der ja beinahe zur ARD gekommen wäre, fürchtete.
Meine Firma „Will Media“ produziert die Sendung im Auftrag der ARD. Produktionstechnisch arbeiten wir mit CineCentrum zusammen. Der NDR ist unser Vertragspartner, der Chefredakteur des NDR ist der zuständige Mann. Mit ihm habe ich zu tun. Aber mich schrecken die Strukturen der ARD überhaupt nicht. Die kenne ich gut. Da hätte ich ja in den mehr als sechs Jahren bei den „Tagesthemen“ verzweifeln müssen. Ich habe die Diskussionen in der ARD - etwa wenn Impulse aus den Schaltkonferenzen kamen - immer als positiv empfunden. Das hat uns in der Regel, um nicht zu sagen, beinahe immer, geholfen. Das schreckt mich wirklich nicht.
Aber der Chefredakteur des NDR könnte, wenn Sie Ihre Sendung beisammenhaben, sagen: Nee, das gefällt mir gar nicht.
Der NDR hat das Letztentscheidungsrecht. Aber das ist die juristische Seite. Ankommen wird es darauf, ob und wie gut ein Widerspruch begründet ist. Oder ob es einen besseren Vorschlag gibt. Da werden wir uns ins Benehmen setzen.
Was haben Sie sich für Ihr Studio ausgedacht? Bei Sabine Christiansen - um diese Sendung ein letztes Mal zu erwähnen - hatten wir auch optisch einen Personenkult in der Talk-Kuppel. Für die Eingeweihten war das Höchste die After-Show-Audienz. Werden Sie auch so etwas inszenieren?
Wir produzieren in Adlershof, in einem sehr schönen Studio, das der Designer Florian Wieder für die ARD entworfen hat. Wir waren gleich begeistert. Es ist ein warmes Studio, vorherrschend sind Naturtöne, Braun, Beige, Rot. Alles fügt sich, aber es ist nicht plüschig, das wäre die völlig falsche Assoziation. Und nach der Sendung gibt es keine Party. Wir werden noch eine Weile beisammenstehen und fahren dann alle zurück, wo auch immer wir hergekommen sind.
Kein Pomp and Circumstances? Kein Thron, auf den sich die Moderatorin irgendwann selbst setzt? Das Fernsehen macht doch so schön größenwahnsinnig.
Bisher hat es mich zum Glück noch nicht erwischt. Und ich vermute, dass es auch jetzt nicht passiert. Ich hoffe, dass ich es genauso handhaben werde wie bisher, dass ich eine genauso große Distanz halten werde zu meinen Interviewpartnern. Ich finde mich jetzt nur in einer anderen Form wieder. Früher habe ich meist Schaltgespräche geführt, jetzt werde ich den Gästen - bis auf wenige Ausnahmen - persönlich begegnen. Aber ob das mir notwendig abverlangt, dass ich in für mein Empfinden zu große Nähe treten muss? Ich weiß es nicht. Ich glaube, es wird mir gelingen, Distanz zu halten. Das entspricht auch meinem Grundempfinden. Ich sehe, dass die Sendung sehr viel mit mir zu tun hat. Überall steht mein Name drauf. Da hatte ich jetzt schon so zwei, drei Momente, wo ich im Studio stand und dachte: Das ist auch alles irgendwie wirklich viel.
Sie werden von der Person zur Marke.
Genau.
Für manche Ihrer Kollegen ist das längst selbstverständlich. Aber Sie finden das seltsam.
Ja. Es gab letztens in unserer Redaktionskonferenz die Situation, dass jemand sagte: Ja, dafür steht Anne Will. Da meinte ich: Du kannst gerne Anne sagen. Aber der Kollege meinte das Format. Mein Name taugt plötzlich für ganz viel: Ich bin Marke, ich bin Format, ich bin U-Bahn-Fahrerin. Alles auf einmal. Trotzdem fand ich es gut, die Sendung so zu nennen, wie ich heiße. Denn es ist ja so: Meine Art, mit Gesprächspartnern umzugehen, wird die Sendung kennzeichnen. Da kann ich noch so bescheiden sein: Da komme ich nicht raus. Aber ich spreche immer noch von der Sendung und von mir.
Wie sehen Sie sich in der Konkurrenz zu den anderen Talkmastern im Ersten und Zweiten? Die ARD hält es im Augenblick wie der FC Bayern: Wir lassen alle Stars auflaufen, und dann schaun mer mal, was daraus wird: Beckmann, Maischberger, Plasberg, Will.
Ich weiß, dass ich nicht im luftleeren Raum sende. Es wird bestimmt die eine oder andere kollidierende Gästeanfrage geben. Grundsätzlich ist es aber so, dass ich auf meine Sendung gucke und dann erst schaue, was die anderen machen. Wir müssen unser Thema und unsere Idealbesetzung finden. Wenn ich sehe, dass Frank Plasberg oder Maybrit Illner ein bestimmtes Thema haben und wir partout keinen eigenen Ansatz finden, müssen wir es sein lassen. Wir werden nicht die fünfte Sendung zu einer Geschichte machen. Wenn aber kein Weg an einem Ereignis vorbeiführt, dann werden wir es bringen. Aber es soll schon so sein, dass wir am Sonntag ein Thema setzen und einführen. Der Sonntag hat einen besonderen Charakter. Da kann man mit guten, intensiven Gesprächen ansetzen. Da gibt es mehr Raum. So sehe ich sonntags fern, so lese ich am Sonntag Zeitung.
Wenn Sie auf Ihre Karriere schauen: Das lief schon erstaunlich. Sie haben angefangen als Volontärin beim Sender Freies Berlin, waren Sportreporterin und in der Politik, Moderatorin beim WDR, dann bei den „Tagesthemen“ und jetzt „Anne Will“. In früheren Gesprächen waren Sie einmal so unvorsichtig zu sagen, dass Sie nicht den großen Karriereplan hatten, sondern die Dinge auf Sie zukamen und Sie gefragt wurden. Stimmt es eigentlich, dass Sie mitten im Umzug von Berlin nach Hamburg waren, als Sie dann wieder der Ruf nach Berlin ereilte?
Ja, das stimmt. Das war wirklich ein schlechter Zeitplan. Ich steckte im vergangenen Januar gerade im Umzug, als Günther Jauch der ARD absagte und der Intendant des NDR, Jobst Plog, mich anrief und fragte, ob ich mir vorstellen könne, die Nachfolge von Sabine Christiansen anzutreten. Damit war noch überhaupt nicht entschieden, dass ich es werde. Ich habe den Umzug zu Ende gemacht. Anfang Februar war ich in Hamburg, und Anfang Februar fiel die Entscheidung. Ich hätte mir viel Arbeit sparen können. Ich habe ausgepackt, wieder eingepackt und ausgepackt.
Dass Sie nun bald wieder einpacken müssen - damit rechnet wohl niemand.
Darüber müssen wir dann mal nach den ersten Sendungen sprechen. Ich spüre, dass uns ein großes Vertrauen entgegengebracht wird. Das macht es mir leicht.
Zur Person
Anne Will wird am 18. März 1966 geboren und wächst in Hürth auf. Nach dem Abitur studiert sie in Köln und Berlin Geschichte, Politologie und Anglistik.
Ihre Karriere als Journalistin beginnt mit einem Volontariat beim Sender Freies Berlin. Sie arbeitet fürs Radio, zum Fernsehen zieht es sie ursprünglich nicht. Mit dem Angebot, den Berlin-Marathon an der Strecke zu kommentieren, lockt man sie beim SFB dann doch vor die Kamera. 1996-1998 moderiert sie das WDR-Medienmagazin „Parlazzo“. Bundesweit bekannt wird Anne Will 1999 als erste weibliche Moderatorin der „Sportschau“. 2001-2007 ist sie Nachrichtenmoderatorin der „Tagesthemen“.
Ihre Sendung „Anne Will“ produziert die Moderatorin selbst mit ihrer Firma Will Media im Auftrag des Norddeutschen Rundfunks für die ARD. Die Will Media hat zwanzig Mitarbeiter, darunter zehn Redakteure, von deren Büros in Berlin-Mitte aus man auf das Bundesfinanzministerium blickt. Die Produktionskosten der Talkshow belaufen sich auf knapp acht Millionen Euro pro Jahr, der Vertrag läuft über drei Jahre.