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Interview Hat Knut Starallüren, Herr Schüle?

14.04.2007 ·  Jetzt ist er süß und ein Star. Doch wie oft Knuts Leben schon in Gefahr war, weiß nur er: André Schüle, der Tierarzt des vier Monate alten Eisbären. Schüle ist blond und groß und redet schnell. Das muss er auch, denn er wird permanent angerufen, was ihm gar nicht angenehm ist.

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Jetzt ist er süß und ein Star. Doch wie oft Knuts Leben schon in Gefahr war, weiß nur er: André Schüle, der Tierarzt des vier Monate alten Eisbären. Schüle ist blond und groß und redet schnell. Neben seinem Büro im Berliner Zoo stehen Flamingos auf einem Bein. Unser Gespräch wird laufend von Telefonanrufen gestört, die Schüle unangenehm sind. „Ein Fernsehteam aus Toronto“, sagt er entschuldigend.

Herr Schüle, Knut ist ein Star. Weiß er das?

Nein, natürlich nicht. Auch wenn man manchmal den Eindruck hat - so wie er sich auf die Grabenkante seines Geheges stellt, als wolle er für die Fotografen und Kameras posieren.

Täglich strömen Tausende Menschen in den Berliner Zoo, um Knut zu sehen. Wie verkraftet er diesen Ansturm?

Knut bekommt das visuell nicht so doll mit, weil Eisbären sehr kurzsichtig sind. Er sieht also nur eine Menschenwand.

Was ja schon beunruhigend genug ist . . .

. . . die Menschen lassen ihn kalt, er guckt und riecht, weil die vielen Besucher sicherlich eine riesige Duftwolke für ihn produzieren. Verwirrt ist er aber nicht.

Wie ist es um die Psyche der anderen Tiere bestellt? Der Rummel macht sie doch sicherlich unruhig?

Nein, die kriegen das nicht so mit.

Die Knut-Hysterie nimmt teilweise bizarre Züge an. Es heißt, ein Berliner Chor will für die Touristen Knut-Lieder auf Japanisch lernen, und Frank Zander hat mit „Hier kommt Knut“ nun auch noch einen alten Song wiederbelebt. Stimmt Sie die Vermenschlichung Knuts nicht bedenklich?

Mich stört das nicht, obwohl ich sagen muss, dass mich dieses Ausmaß schon überrascht. Aber in ein paar Monaten wird der Trubel bestimmt nachlassen, weil Knut dann das Kindchenschema nicht mehr erfüllt.

Knut ist jetzt vier Monate alt. Wie ernähren Sie ihn?

Knut bekommt viermal am Tag einen Nährbrei. Die 300 bis 350 Milliliter setzen sich aus einer speziellen Welpenaufzuchtsmilch, aus Katzenfutter für Jungtiere, Lebertran - was sehr wichtig ist, um den hohen Fettgehalt der Eisbärenmilch von 35 Prozent nachzuahmen -, aus MultivitaminpräparANTWORT: aten und aus Kalzium für einen gesunden Knochenaufbau zusammen. In einem halben Jahr kriegt er Fleisch, kein Robbenfleisch natürlich, sondern Rindfleisch, dazu Obst, Gemüse, Nüsse und Brötchen.

Und wie macht er sich?

Er wiegt jetzt vierzehn Kilogramm. Sein Geburtsgewicht lag bei 810 Gramm.

Wenn er weiter so schnell zulegt, ist er bestimmt schon bald nicht mehr so niedlich?

In sechs Monaten wird Knut 60 bis 70 Kilo wiegen. Wenn er ein Jahr alt ist, wird er 80 bis 100 Kilo auf die Waage bringen. Die Pfleger müssen sich dann zurückziehen, sonst wird es lebensgefährlich, auch für Thomas Dörflein. Schließlich bleibt Knut ein Raubtier. Knut wird aber nichts und niemanden vermissen. Eisbären sind Einzelgänger, sie treffen sich nur zur Paarung. Auch in der freien Natur verlässt die Mutter ihre Jungen irgendwann, und sie müssen sich alleine durchschlagen.

Werden Knut und Herr Dörflein trotzdem immer ein besonderes Verhältnis zueinander haben?

Knut wird Thomas Dörflein immer an der Stimme und am Geruch erkennen. Eisbären sind sehr geruchsorientierte Tiere. Es gibt Erfahrungen mit der Handaufzucht von Eisbären in anderen Zoos. Eine Kollegin kam nach vielen Jahren wieder in den Zoo, in dem sie einen Eisbären aufgezogen hatte. Er hat sie sofort erkannt und ist neugierig an die Grabenkante gekommen. Ich würde ihr aber nicht raten, ins Gehege zu gehen.

Wie war Knuts Geburt?

Im Idealfall hätten wir von Knuts Geburt wenig mitbekommen. Die Eisbärin zieht sich ja zurück. In freier Wildbahn verkriecht sie sich in eine von ihr gegrabene Höhle im Schnee. Im Zoo muss man ihr Ähnliches bieten. Tosca, Knuts Mutter, hatte in ihrem abgedunkelten Gehege eine gemauerte Höhle. Vorher hatten wir Nistmaterial ausgelegt, Heu und Stroh angeboten. Als Tosca dann alles nach drinnen schaffte, wussten wir, es ist bald so weit. Vor der Geburt fressen Eisbärinnen eine ganze Menge, dann ziehen sie sich tagelang zurück. Die Geburt bemerkt man eigentlich nur durch die Geräusche, durch das Schmatzen oder wenn die Tiere schreien. Tosca hat ihre Jungen aber vor der Höhle zur Welt gebracht, im Stehen. Knut lag halb auf ihrem Bein, halb auf dem Boden.

Was passierte dann?

Thomas Dörflein rief mich an. Die Geburt hat am Nachmittag stattgefunden, um acht Uhr abends haben wir uns dann entschieden, die Jungen rauszuholen. Es ist gefährlich, zu lange zu warten, weil die Kleinen sonst auskühlen. Tosca hat nicht einmal reagiert, als Thomas Dörflein die Jungtiere mit einer Eisenstange unter dem Gitter hervorgezogen hat. Das ist schon ungewöhnlich, weil man eigentlich die Mutter erst in Narkose versetzen muss, um an ihre Jungen zu kommen.

Warum hat sich Bärenmutter Tosca nicht für Knut und seinen Bruder interessiert?

Sie hatte keinerlei Mutterinstinkt. Manche lernen das bei der ersten Geburt, bei anderen dauert es zwei, drei Geburten. Es kann auch passieren, dass sie ihre Jungtiere fressen oder mit ihnen spielen und sie lebensgefährlich verletzen.

Knut ist ja noch sehr jung. Schläft er viel?

Bis auf ein paar Ruhephasen ist er wach. Eisbären sind tagaktive Tiere, er tobt ständig mit den Pflegern. Ab und zu macht er ein Mittagsschläfchen von einer viertel oder halben Stunde. Nachts schläft Knut aber noch nicht alleine, weil er zwischen 11 und 1 Uhr eine Mahlzeit bekommt. Ein Pfleger übernachtet bei ihm auf einer Pritsche.

Ihre Panda-Dame Yan Yan ist vor kurzem gestorben. Aus Eifersucht?

Nein, sie hatte einen akuten Darmverschluss.

Interessieren sich die Besucher eigentlich noch für die anderen Tiere, oder strömen alle nur zu Knut?

Natürlich wollen sie auch die anderen Tiere sehen. Außerdem ist Knut ja nur zwei Stunden pro Tag auf der Anlage.

Knut hatte schon hohen Besuch. Die Starfotografin Annie Leibovitz kam extra aus Amerika, um ihn zu fotografieren, und in diesem Monat sieht man ihn mit dem Schauspieler Leonardo DiCaprio auf dem Titelbild der amerikanischen „Vanity Fair“.

Annie Leibovitz war natürlich begeistert. Knut ist wahnsinnig neugierig und verspielt, er sprang ständig an ihr hoch. Es gibt wohl niemandem, dem das nicht gefiele.

Und wie hat Knut die Begegnung mit Umweltminister Sigmar Gabriel verkraftet?

Er hat keine Schäden davongetragen.

Wird Knut den Berliner Zoo irgendwann verlassen?

Ja, und wir haben das Luxusproblem, dass schon viele Zoos angefragt haben, die Knut als Zuchtbären wollen. Wo er später leben wird, ist aber noch nicht entschieden.

Wie schwierig ist es überhaupt, einen Eisbären mit der Flasche großzuziehen?

Es ist sehr schwierig, deutlich schwieriger als bei anderen Tieren. Eisbären sind winzig, wenn sie zur Welt kommen, so klein wie ein Meerschweinchen. Sie neigen zu Infektionen, sind ganz dünn behaart und auf einen Brutapparat angewiesen. Knuts Bruder ist nach wenigen Tagen gestorben. Seine letzte Mahlzeit hatte er noch wunderbar getrunken, er hatte 37,5 Grad Körpertemperatur. Eine Stunde später lag die Temperatur bei vierzig Grad, und noch eine Stunde später starb er an einer bakteriellen Magen-Darm-Infektion.

Stand Knuts Leben auch schon einmal auf der Kippe?

Ja, er hatte anfangs häufig Fieberschübe. Heikel war auch, als er sich ans Wassertrinken gewöhnen musste. Er wusste ja nicht, was er mit seiner Zunge zu machen hat. Einmal verschluckte er sich, wurde bleich und musste mit Sauerstoff beatmet werden. Die ersten Tage sind immer kritisch. Achtzig Prozent der Versuche, Eisbären mit der Flasche großzuziehen, scheitern. Wir haben Knut auch erst am 5. Januar einen Namen gegeben, aus Aberglaube. Vorher nannten wir ihn nur Klein. Der Name Knut stammt übrigens von Thomas Dörflein, der sich etwas Kurzes, Nordisches wünschte mit einem Vokal, auf den das Tier gut hört.

Der Tierschützer Frank Albrecht hat den Berliner Zoo wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz angezeigt. Knut, so sein Vorwurf, werde nicht artgerecht gehalten.

Die Entscheidung, ein verstoßenes Jungtier mit der Hand aufzuziehen, ist immer eine Einzelfallentscheidung. Es gibt viele Gründe, die dafür sprechen können, ein Tier einzuschläfern: Es kann zu früh auf die Welt gekommen und unterentwickelt sein. Vielleicht ist es bei der Geburt stecken geblieben, hat sich verletzt. Knut und sein Bruder machten aber einen extrem guten Eindruck, der Saugreflex war stark, was ein Zeichen für Kraft ist. Wir hatten also die besten Voraussetzungen.

In einem anderen Zoo soll einmal ein von Hand aufgezogenes Eisbärmännchen Prügel bezogen haben, als es sich paaren wollte. Droht dieses Schicksal auch Knut?

Nein, das glaube ich nicht. Wenn man Tiere aus Zuchtgründen zusammenbringt, kann es immer sein, dass sie sich nicht auf Anhieb gut verstehen. Also leben sie häufig erst in nebeneinander gelegenen Gehegen, so dass sie sich riechen und sehen können. Natürlich muss man auch so lange warten, bis das Männchen groß und wehrhaft genug ist.

Dennoch werden immer wieder kritische Stimmen laut, die die Haltung von Tieren im Zoo verurteilen und beklagen, dass viele Tiere verhaltensgestört sind.

Diesen Vorwurf hört man natürlich immer wieder. Aber wir bemühen uns, alles, was unter dem Fachwort behavioral enrichment zusammengefasst wird, umzusetzen.

Was bedeutet das?

Wir bemühen uns, das Gehege so abwechslungsreich wie möglich zu gestalten. Man mussANTWORT: dem Eisbären das Futter nicht immer an denselben Ort stellen. Man kann es ihm zum Beispiel auch einmal in einer Eisbox präsentieren. Das ist ein 20 bis 30-Liter-Eimer Wasser, in den das Futter kommt und gefroren wird. Mit diesem Eisklotz muss sich der Eisbär dann beschäftigen. Oder man legt Futterspuren. Natürlich hätte Knut in der Wildnis eine größere Fläche zur Verfügung. Aber die vielen Kilometer, die ein Eisbär zurücklegt, legt er auch zurück, weil er jagen muss. Versuche zeigen, dass Tiere, die in freier Wildbahn ihr Futter immer an einer bestimmten Stelle vorfinden, das Umherziehen einstellen.

Knut ist zum Symbol für die Gefährdung der Eisbären durch den Klimawandel geworden. Er soll das Maskottchen der internationalen Artenschutzkonferenz 2008 in Bonn sein. Ist er nur süß, oder kann Knut auch etwas bewegen?

Ich glaube schon, dass Knut die Menschen für den Klimawandel sensibilisieren kann. Vielleicht kapiert der eine oder andere ja, dass diese tollen Eisbären tatsächlich um ihre Lebensgrundlage bangen müssen.

Die Fragen stellte Melanie Mühl

Quelle: F.A.Z., 14.04.2007, Nr. 87 / Seite Z6
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