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Interview Haben Sie George gesehen, Herr von Weizsäcker?

30.06.2007 ·  Was nicht in seinen Memoiren steht: Ein Gespräch mit Richard von Weizsäcker über seine Berliner Kindheit, die literarischen Idole seiner Jugend und die Rettung eines architektonischen Juwels - der Heilandskirche in Sacrow. Von Frank Schirrmacher.

Von Frank Schirrmacher
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Sie stand auf DDR-Gebiet und war dem Verfall preisgegeben: In einer einmaligen Rettungsaktion glückte einer West-Berliner Allianz die Rettung des architektonischen Juwels der Heilandskirche in Sacrow. Altbundespräsident Richard von Weizsäcker erinnert sich daran - und an die Wurzeln seiner geistigen Entwicklung, die ihn unter anderem in das Wohnzimmer von Stefan George führte. Wir unterhalten uns im Schlosspark von Sacrow an der Heilandskirche.

Anfang der achtziger Jahre waren Sie Regierender Bürgermeister von Berlin. Niemand konnte den Mauerfall vorausahnen. Dennoch haben Sie die Idee mit vorangetrieben, die im Niemandsland stehende Heilandskirche zu retten. Was verband Sie mit Sacrow?

Die Sacrower Kirche steht an einem landschaftlich derartig exponierten Platz, dass niemand aus West-Berlin an der Havel vorbeigehen konnte, ohne voller Staunen und Sehnsucht hinüberzublicken. Die Heilandskirche stand da ungenutzt, allmählich verfallend. Wir wussten nicht, wie das Gemeindeleben in Sacrow selbst aussah, es lag im Sperrgebiet. Zugleich ging es uns in der exponierten Lage Berlins darum, dem normalen Empfinden der Menschen in dieser geteilten Stadt gewisse Brücken zu bauen.

Ohne Ihren Einsatz und das Engagement des „Tagesspiegel“-Herausgebers Franz Karl Maier gäbe es die Kirche heute nicht mehr.

Als Mitglied des Rates der Evangelischen Kirche hatte ich fast bei jeder Sitzung mit der Frage zu tun, in welchem Umfang wir Mittel für den Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR überweisen können. Natürlich haben wir uns gefragt, was wohl damit geschehen würde? Ein großer Teil floss immer wieder in die Aufrechterhaltung der Standfestigkeit des Berliner Doms ein, weil die SED damals aus zutreffenden statischen Überlegungen heraus sagte: Berlin-Mitte ist auf Sand gebaut, wenn der Dom absackt, dann steigt der Palast der Republik hoch. Ihr müsst etwas für den Dom tun. Wir aber wollten primär etwas für die Gemeindehäuser tun und ich für die Heilandskirche. Herr Maier hat erklärt, wenn Berlin die gleiche Summe aufbringt, gibt er fünfhunderttausend Mark dafür. Wir mussten also das Geld im Haushalt mobilisieren, was nicht leicht war.

Man konnte die Kirche damals nicht betreten. Wie ist es Ihnen gelungen, den Berlinern die Rettungsmaßnahme schmackhaft zu machen?

Ich will nicht behaupten, dass das auf Anhieb überall laut begrüßt wurde. Und es kam eben auch hinzu, dass in der Gemeinde Sacrow der Hauptgedanke ganz vernünftigerweise der Gemeindearbeit galt. Ein Gemeindehaus hat die Menschen mehr interessiert als das Prachtstück von Friedrich Wilhelm IV. und Ludwig Persius. Trotzdem war die Maßnahme von einer nicht geringen symbolischen Bedeutung.

Rettung in letzter Minute: Zwei Jahre später wäre die Kirche eingestürzt. Darum ist das Symbol so bedeutend, weil es aus dem Nichtwissen heraus aufgebaut wurde.

Das stimmt schon. Wir mussten ja das Geld auf einem staatlichen Weg überweisen und dann der Gemeinde zukommen lassen. Solche Transaktionen wurden in der DDR durch den Vertreter des Bundes der Evangelischen Kirchen abgewickelt, nämlich durch Manfred Stolpe. Stolpe hatte natürlich Freude an dieser Transaktion, musste sie sich aber genehmigen lassen oder sie durchschleusen. Die evangelisch überwiesenen Beträge durchliefen einen staatlichen Kanal. Stolpe hatte in Zusammenarbeit mit meinem Senatschef die Entgegennahme der Gelder und ihre Weiterleitung zu ermöglichen, aber natürlich auf Grund von entsprechenden politischen Signalen.

Wann waren Sie zum ersten Mal in der Heilandskirche?

Gleich nach dem Mauerfall war ich in Sacrow. Als Bundespräsident konnte ich überhaupt nicht in die DDR fahren, als Regierender Bürgermeister hingegen bin ich natürlich immerfort in Ost-Berlin gewesen. Und ich habe fast ein Jahr vor dem Beschluss des Bundestages über die Hauptstadt hier in der Nikolaikirche gesagt: Berlin wird wieder Hauptstadt, und ich werde mit dem Bundespräsidialamt nach Berlin gehen.

Sie haben ja auch symbolische Politik mit Blick auf Architektur gemacht - als Sie das Schloss Bellevue 1994 zum Amtssitz des Bundespräsidenten machten.

Bellevue war natürlich vorher auch schon Amtssitz gewesen, wenn auch zweiter, aber es gab damals doch die Debatte, ob man nicht irgendwo anders hinziehen sollte. Bellevue war natürlich zu groß. Außerdem waren beim Berliner Vier-Mächte-Abkommen alle möglichen Verbote in Bezug auf Tätigkeiten in Berlin ausgesprochen worden. Ich habe das Bellevue dann natürlich erst recht als den kommenden Amtssitz bezeichnet. Wir haben dort unendlich viele Nächte zugebracht, aber nie richtig mit eigenen Möbeln drin gewohnt, sondern sind in eine eigene Wohnung gezogen. Das war mein vierter Umzug nach Berlin in meinem Leben.

Der erste war . . .

. . . als Kind 1927. Später war ich von 1933 bis 1936 in der Schweiz auf der Schule und bin dann als Siebzehnjähriger nach Berlin zurückgekommen. 1937 habe ich am Bismarck-Gymnasium Abitur gemacht.

Wie Ihr Altersgenosse Marcel Reich-Ranicki, der auch ein Fan der Heilandskirche ist. Er erzählt, dass es Juden verboten war, im Wannsee zu baden, deshalb seien sie am Hafen von Sacrow schwimmen gegangen - die Kirche war für ihn ein Symbol der Freiheit.

Ich habe die Kirche natürlich auch als Kind wahrgenommen. Die Hälfte meiner Mitschüler waren Juden. Unsere Lehrer waren wirklich überwiegend voller Schutzgedanken für die jüdischen Schüler. Und sie sind mit einer Ausnahme alle rechtzeitig aus Nazideutschland entkommen. Das Verhältnis mit den jüdischen Mitschülern spielte eine große Rolle, die Lehrer sind damit hochverantwortlich umgegangen.

Ihr Vater soll zur Beerdigung Stefan Georges einen Kranz geschickt haben?

Das hat er, nicht zuletzt im Einvernehmen mit einem der allernächsten Freunde meiner Eltern, Robert Boehringer. Dieser war im Rechtssinne Erbe Georges. Unter den Erwachsenen, die mir in meiner Kindheit nahe bewusst und vertraut wurden, war Boehringer ein strenger und liebevoller Erzieher. Lange nach dem Krieg hat er mir übrigens einmal gesagt, ich solle doch aufhören, mich für Politik zu engagieren. Doch ich wollte und konnte dem strengen Erzieher hier nicht folgen.

Wie gut waren Sie denn selbst mit der Dichtung Stefan Georges vertraut? Sind Sie ihm auch persönlich begegnet?

Als George 1933 starb, war ich dreizehn Jahre alt. Im Alter von zwölf Jahren war ich einmal der Einladung von Robert Boehringer gefolgt, als er meinen ältesten Bruder Carl Friedrich und mich in eine Wohnung im vierten Stock am Berliner Kurfürstendamm führte. Da saß ich dann als Bub auf einem Sofa, und neben mir saß ein Mann, der mit seinem Griff meinen Nacken so stark umfasste, dass ich den Griff noch bis heute zu verspüren meine. Später hat man mir gesagt, das war Stefan George.

Das steht aber nicht in Ihren Memoiren. Was hat Sie denn am meisten an George beeindruckt?

Die dominierende Aura seiner Person rings um ihn her. Angefangen, ernsthaft Stefan George zu lesen, habe ich erst nach dem Krieg. Seine frühen Gedichte, zum Beispiel in dem Band „Algabal“, haben mich fasziniert. Nicht wenig habe ich auswendig gelernt, zum Beispiel den Abschluss eines düsteren Gedichtes: „Der kaiser wich mit höhnender gebärde / Worauf er doch am selben tag befahl / Dass in den abendlichen weinpokal / Des knechtes name eingegraben werde.“ Vor allem aber die späteren Gedichte George bleiben mir im Gedächtnis.

Sie sind wahrscheinlich der einzige Politiker in Deutschland, der überhaupt weiß, dass es die gibt. Kannten Sie auch Ernst Jünger?

Durch Zufall lernte ich ihn kennen. In den sechziger Jahren war ich eine Zeitlang bei einer Pharmafirma in Ingelheim am Rhein tätig. Deren Chef war ein Pour-le-Mérite-Träger aus dem Ersten Weltkrieg, ebenso wie Ernst Jünger. Diese Ordensträger trafen sich auch einmal in Ingelheim. Dort erhielt ich den Auftrag, mich um Jünger zu kümmern. Das habe ich mit großer Neugier gemacht, ohne dass er mein Idol geworden wäre.

Welchen Eindruck machte er bei dieser Begegnung auf Sie?

Er war gepflegt, korrekt und nicht sehr ergiebig.

Haben Sie Ernst Jünger gelesen?

Gelesen habe ich „Der Arbeiter“ und die „Marmorklippen“. Es war hochinteressant und nicht herzerwärmend für mich, was gewiss nur an mir liegt. Am Ende des Zweiten Krieges kam noch ein religiöser Text von ihm heraus, der mich etwas irritierte. Nicht er, sondern Bert Brecht, Stefan George und Hugo von Hofmannsthal waren meine literarischen Idole.

An der American Academy wurde vor wenigen Wochen das „Richard von Weizsäcker Fellowship“ eingerichtet. Welchen Wunsch verbinden Sie damit?

Den nach vernünftigen transatlantischen Beziehungen. Zunächst ist das Entscheidende, wen die American Academy zur Wahrnehmung der Fellowship einlädt. Der erste Inhaber wurde James D. Wolfensohn, der ehemalige Präsident der Weltbank. Er hielt seinen Vortrag auf Einladung unseres Bundespräsidenten im Schloss Bellevue. Anwesend waren Kofi Annan und Michel Camdessus. Alle drei sind alte Bekannte von Horst Köhler aus seiner Zeit in Amerika. Wolfensohn sprach über Globalisierung und das transatlantische Verhältnis, ohne mancherlei Stolpersteine zu verheimlichen. Zugleich unterstrich er, dass wir hier zum Westen gehören und gemeinsam im Westen bleiben.

Die Einrichtung des Fellowships war eine Initiative der American Academy, die wohl erwogen war. Sie war eine politische Aussage, die sehr viel mit Ihrer außenpolitischen und vergangenheitspolitischen Einstellung zu tun hat.

Beides ist mir immer besonders wichtig gewesen und wird es auch bleiben. Um nach dem grausamen Krieg und seinen Zerstörungen ein Verhältnis zu Polen wiederzugewinnen, das war der Grund, weshalb ich zum ersten Mal in meinem Leben für ein politisches Amt kandidiert habe, nach meiner Mitarbeit an der Ostdenkschrift im Jahr 1965. Polen war, kaum dass es am Ende des ersten Krieges seine Souveränität durch den Eingriff der USA wiedererlangt hatte, 1939 das erste und schwerste Opfer des zweiten Krieges, danach unter sowjetischer Vorherrschaft.

Aber derzeit gibt es politische Spannungen zwischen Deutschland und Polen.

Nach dem Ende des Kalten Krieges wird uns mit den Polen immer wieder das transatlantische Verhältnis und die Einsicht verbinden, dass wir nur handlungsfähig sind, wenn wir in der Europäischen Union zusammenstehen. Die Gründung und die Zukunft der Europäischen Union beruhen auf dem klaren Bewusstsein der Vergangenheit - ohne ihren Missbrauch für die gemeinsame Zukunft. Alte Stereotypen, die auf dem Brüsseler Gipfel doch durchklangen, werden wir hinter uns lassen. Es wird vorangehen mit den Polen - mit und ohne Fußball-Europameisterschaft 2012.

Quelle: F.A.Z., 30.06.2007, Nr. 149 / Seite Z6
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Jahrgang 1959, Herausgeber.

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