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Im Gespräch: Till Brönner Sind Sie ein Kitschtrompeter, Herr Brönner?

17.11.2007 ·  Der Trompeter Till Brönner gilt als Popstar und als der bekannteste deutsche Jazz-Künstler. Ein Interview über Mainstream-Jazz, Weihnachtsalben und seinen Mitschüler Stefan Raab.

Von Matthias Hannemann
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Herr Brönner, uns bleibt nicht viel Zeit. Meine Tochter ist jetzt schon fast neun Monate alt, progressive Eltern haben da schon mit dem Fremdsprachen-Unterricht begonnen und den Studienplatz reserviert. Also bitte: Soll sie Trompete lernen?

Das muss sich spielerisch entwickeln. Mein Sohn wird vier und hat gerade das Klavier entdeckt. Er patscht mit der ganzen Hand darauf und mag den Rhythmus. Aber Trompete ist immerhin besser als eine quietschende Geige. Ab welchem Alter man Trompete spielen kann, hängt stark vom Körperbau ab. In der Regel nicht vor dem achten, neunten, zehnten Lebensjahr. Die Arme müssen eine gewisse Länge haben, und die Lunge muss stark genug sein.

Wann wussten Sie, dass der richtige Zeitpunkt bei Ihnen gekommen war?

Ich komme aus einem musikalischen Elternhaus. Mein Vater spielte Cello, meine Mutter Klavier, mein Großvater Kirchenorgel. So bekamen wir ein Gespür für Melodien und auch musikalische Traditionen. Ich bin über die Blockflöte zur Trompete gekommen und habe nebenbei, ohne Unterricht zu nehmen, etwas auf dem Klavier geklimpert. Mein erster Trompetenlehrer arbeitete beim Stabsmusikkorps der Bundeswehr, das damals in der Nähe von Siegburg - meiner Heimat - stationiert war. Ich war schwer beeindruckt, denn er kam immer in Uniform zu uns. Die Trompete und das Lametta glitzerten. Das gefiel mir fast so gut wie die Big Bands aus dem Fernsehen der siebziger Jahre: James Last, Paul Kuhn, Max Greger. Heute ist das Geschichte.

Sie hätten auch im Posaunenchor anfangen können.

Das hätte ich gerne gemacht. Aber ich bin katholisch, und die Posaunenchor-Arbeit ist eine evangelische Einrichtung, um die ich die Protestanten sehr beneidet habe. Ein paar Mal habe ich allerdings auch in unserer Gemeinde Trompete gespielt.

Und auch gemeinsam mit Stefan Raab, wie man hört. Sie besuchten dieselbe Schule.

Ich hatte das Glück, dass es an meiner Schule in Bad Godesberg eine Big Band gab. In der spielten auch noch viele ehemalige Schüler, die mittlerweile Studenten waren und ein beachtliches musikalisches Niveau hatten. Damals lernte ich, dass man nach Möglichkeit mit Musikern zusammenspielen sollte, die besser sind als man selbst. Das spornt an und ist lehrreich. Und dann gab es eine zweite Band namens Sakro-Pop, in der Stefan Raab trommelte. Wir verrockten Kirchenlieder, zum Beispiel „Danke für diesen guten Morgen“ und anderes sakrales Liedgut. Aus dem Aloisiuskolleg erwuchsen in den Folgejahren noch viele weitere erfolgreiche Musiker.

Auch der Trompeter Nils Wülker zum Beispiel, einige Jahre jünger als Sie. Eine richtige Talentschmiede, Ihr Gymnasium.

Wenn es an Schulen Menschen gibt, die etwas begeistert machen, färbt das auf andere ab. Wir hatten auch ein Schulsymphonieorchester, das tolle Musiker hervorbrachte.

In anderen Ländern, in Norwegen zum Beispiel, gibt es regelrechte Jazz-Programme: Gestandene Musiker kommen an normale Schulen, spielen im Musikunterricht und erwecken so fast immer zumindest bei einem der Schüler die Leidenschaft für Jazz.

Es gibt auch hier immer wieder Musiker, die das aus Eigeninitiative machen. Aber klar, vertragen könnten wir ein richtiges Programm in dieser Art auch. Jazzmusiker können oft viel besser als andere Musiker die Freude am Musizieren vermitteln, denn sie improvisieren - und das ist ein spielerischer Umgang mit dem Stoff. Natürlich mangelt es in Deutschland nicht an Gelegenheiten, Jazz zu erleben, auch nicht in ländlichen Regionen, die oft große Festivals beherbergen. Und natürlich gibt es im Süden der Republik eine lange Blasmusiktradition. Begabte junge Jazzmusiker kommen nicht selten aus diesen Reihen.

Was reizte Sie denn damals mehr - die Musik oder die fotografische Überstilisierung, mit der Jazzmusiker wie Armstrong, Baker oder Davis zu Ikonen gemacht wurden?

Das Faszinierende an diesen Persönlichkeiten ist, dass sie in einer Zeit zu Ikonen wurden, in denen Jazz die heißeste Ware war, die unter dem Ladentisch zu haben war. Sie erklärten den bestehenden musikalischen Konventionen den Krieg, sie waren selbst untereinander zerstritten und zeigten das in aller Öffentlichkeit. Das ist faszinierend, aber diese Zeiten sind vorbei.

Die Musikindustrie schlägt trotzdem gerade jetzt Kapital daraus.

Der Ballroom-Jazz, die Sache mit den großen Jazzorchestern, wird heute wohl wieder genauso ausgeschlachtet wie früher. Weil es funktioniert. Ob Diana Krall oder Roger Cicero oder ich: Es gibt Leute, die meinen, das sei alles ein und dieselbe Soße. Doch auch im populären Jazzbereich gibt es große Unterschiede.

Ärgert es Sie, wenn man Ihnen immer wieder entgegenhält, zu sehr den Mainstream zu bedienen, zu gefällig zu sein?

Ich kann das heute nicht mehr persönlich nehmen. Ich muss mich bei meiner Musik nicht verbiegen. Wenn die Tür an der richtigen Stelle ins Schloss fällt, sollte man auch applaudieren dürfen.

Sie müssen zugeben: Weihnachtsalben etwa stehen unter schwerem Kitschverdacht. Da wird man doch zunächst zucken dürfen, wenn Sie jetzt auch ein Weihnachtsalbum herausbringen wollen.

Ich bin ein Weihnachtsplattenfan. Ich mag es, solche Aufnahmen von Ella Fitzgerald, Louis Armstrong oder Oscar Peterson zu hören, der eines der schönsten Weihnachtsalben überhaupt gemacht hat. Das Schöne daran ist, dass fast alle Zuhörer die Grundmelodien kennen und die neuen Versionen daher beurteilen können.

Sie machen ein solches Album, weil es hier einfacher ist als mit dem großen Realbook der Jazz-Standards, ein großes Publikum abzuholen?

So würde ich das nicht sagen. Auch bei einer Weihnachtsplatte geht es darum, bestehende Formen aus den Angeln zu heben. Mir wird manchmal vorgeworfen, ich sei zu vorhersehbar. Dabei reizt mich auch hier das Außergewöhnliche. Wahnsinnig komplizierter Jazz aber hätte auf einer Weihnachtsplatte, wie ich sie mag, nichts verloren. Mir geht es letztlich doch auch immer darum, dem radioverseuchten deutschen Hörer zu zeigen, dass es auch andere Musik gibt, die er hören kann. Das ist auch der Grund, weshalb ich moderierte Konzerte wie zum Beispiel „Talking Jazz“ in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn mache.

Sie ärgert die Kritik also doch.

Ich habe mich einfach immer öffentlich ausprobiert. Bei mir ist es so, dass fast alle Versuche auf Alben dokumentiert sind. Ich finde das eher positiv. Aber auf viele wirkt es sicher fahrig. Doch jeder muss sich ausprobieren, keiner spielt von Anbeginn immer gleich.

Und was heißt das?

Ich fühle mich am wohlsten, wenn ich richtigen Jazz spiele, wenn die Trompete zu achtzig Prozent im Vordergrund einer Aufnahme steht. Früher habe ich mich vielleicht etwas zu nah an aktuelle musikalische Strömungen herangewagt. Aber Projekte wie die Aufnahmen mit Hildegard Knef oder den No Angels waren für mich trotzdem wertvoll. Wer weiß, vielleicht werden die No Angels in zehn Jahren unsere Swing-Versionen hören und denken, das sei das erste richtig gute No-Angels-Album gewesen.

Wie schwierig ist es überhaupt, sich als deutscher Jazzmusiker zu behaupten?

Deutschland ist nicht Amerika, wo Blechbläser zum Teil noch unter ähnlichen Bedingungen arbeiten können wie vor dreißig Jahren. In der dortigen Musikindustrie wird oft noch mit richtigen Orchestern produziert. Es ist Musikern möglich, für mehrere Konzerte am Tag gebucht zu sein, sie sind gewerkschaftlich stark organisiert. Das ist hierzulande anders. Bei Studioaufnahmen etwa werden Trompeter nur noch äußerst selten hinzugezogen. Ich glaube nicht, dass diese Entwicklung aufzuhalten ist, sosehr Hörgewohnheiten dem Jazz mittlerweile wieder entgegenkommen - das Beispiel Roger Cicero.

Wären Sie im RIAS-Orchester geblieben, hätten Sie sich um das Geschäftliche keine Sorgen machen müssen.

Da war ich Mitte zwanzig und merkte, dass die dortigen Auftritte auch immer viel mit schauspielerischen Leistungen zu tun hatten. Die kleinen Schlampigkeiten, die sich da bei mir einstellten, konnte ich nicht ertragen. Ich konnte mich im Spiegel nicht mehr ansehen. Vor allem aber wollte ich nicht länger bestimmte Stilrichtungen auf Knopfdruck spielen. Die RIAS Big Band war sehr gut, aber mich hätte dieser Job auf Dauer kaputtgemacht.

Wirklich auf der Straße standen Sie daraufhin nicht. Was hätten Sie gemacht, wenn Sie der Branchenriese Universal nicht in seine Arme geschlossen hätte?

Keine Ahnung. Wahrscheinlich wäre ich zur EMI gegangen. Nein, ich hatte, ehrlich gesagt, ganz schön Angst davor, dass der Absprung nicht klappen würde. Als Freiberufler, ohne schriftlich garantiertes regelmäßiges Einkommen, gilt man in Deutschland schnell als nicht mehr kreditwürdig. Ich merkte zum Glück bald, dass ich mich über Wasser halten konnte. Ich spielte längere Zeit den Dienstleister, eine Fähigkeit, die ich zwar perfekt beherrsche, aber nicht erstrebenswert finde. Heute habe ich das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein, den eigenen Sound gefunden zu haben. Dass mein Sohn vor einiger Zeit im Auto auf die Philharmonie zeigte und stolz sagte: „Da spielst du immer, Papa“, war ein schöner Moment. Vielleicht bekommt er doch bald mal eine kleine Trompete in die Hand . . .

Nervt es Sie dann, wenn als Jazz oft nur das verstanden wird, was bei Partei-Frühschoppen und Firmenjubiläen den Hintergrund abgibt?

Das ist ja gar nicht so! Natürlich gibt es viel Altherrengeplänkel. Aber eben auch viel Neues. Daheim läuft heute die neue Platte von Herbie Hancock. Und wenn Sie nach Trompetern fragen: Die neue Platte von Christian Scott gefällt mir gut. Ebenso übrigens wie das, was jemand wie Markus Stockhausen mit der Trompete so anstellt. Es passieren ständig spannende Dinge.

Und auf dem Weihnachtsmarkt: die allgegenwärtigen Petersburger Blasorchester?

Bei denen bewundere ich, wie lange die konditionell durchhalten. Wissen Sie, wie schwierig das ist: bei der Kälte! Das Problem des Blechbläsers ist, dass man täglich üben muss, um den Ton und die Kraft nicht zu verlieren. Und trotzdem ist irgendwann Schluss, und man muss das Instrument weglegen. Ich habe anfangs gedacht, man könnte viel mit einem anderen Instrument oder anderen Mundstück herausreißen. Das war aber nicht so. Nur Kontinuität und regelmäßige Pausen trainieren sinnvoll. Besondere Schwächen habe ich natürlich auch - die Zungenarbeit macht mir Sorgen.

Merkt man gar nicht, wenn man Sie so plaudern hört.

Doch, da muss ich besser werden. Und auch an der Atmung muss man arbeiten. Ich nehme weiterhin alle paar Wochen Trompetenunterricht.

Was lernt jetzt meine Tochter: Trompete, weil Trompetenspieler die Könige des Jazz sind?

Trompeter können sich immer Gehör verschaffen. Das ist doch schon mal was. Und die größten Stars des Jazz, gar keine Frage - das waren, von Armstrong bis Wynton Marsalis, eben Jazztrompeter.

Zur Person

Till Brönner wird 1971 in Viersen geboren. Nach dem Abitur an einer Jesuitenschule in Bonn-Bad Godesberg studiert er in Köln Jazztrompete - und kommt nach nur drei Semestern zum RIAS-Tanzorchester Berlin. Dort ist er von 1991 bis 1998 Solotrompeter.

Für sein Album „Generations Of Jazz“ (1993) erhält Brönner den Preis der Deutschen Schallplattenkritik und den der Deutschen Plattenindustrie. Es folgen Alben wie „German Songs“, „Midnight“ (zusammen mit Michael Brecker) oder „Oceana“. In diesen Tagen erscheint „The Christmas Album“.

Till Brönner, der Pop-Star unter den Jazz-Trompetern und „Echo“-Preisträger 2007, gilt als der bekannteste deutsche Jazz-Künstler.

Quelle: F.A.Z., 17.11.2007, Nr. 268 / Seite Z6
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