Home
http://www.faz.net/-gt2-15lv9
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Im Gespräch Sind Sie hysterisch, Frau Hustvedt?

 ·  Zu ihren bekanntesten Romanen zählen „Die Verzauberung der Lily Dahl“ und „Was ich liebte“. Ein Gespräch mit der amerikanischen Autorin über ihr neues Buch „Die zitternde Frau“, in dem sie dem Verhältnis von Körper und Geist nachspürt.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Wir treffen Siri Hustvedt in einer Kneipe in Düsseldorf. Die Schriftstellerin, groß und blond, erzählt beim Essen von seltsamen Zitteranfällen, unter denen sie leidet. Die Gabel hält sie aber ruhig in der Hand. Und auch ihren Sinn für Humor hat sie sich bewahrt.

Sie sollten bei einer Gedenkfeier für Ihren Vater, der Professor an der University of Minnesota war, eine Rede halten, doch dann geschah etwas Unerwartetes.

Ich begann zu zittern. Meine Arme und Beine gerieten völlig außer Kontrolle. Dabei war ich entspannt und auf die Rede gut vorbereitet gewesen. Natürlich war mir der Vortrag sehr wichtig, es ging ja um meinen Vater. Aber da ich keinerlei Nervosität gespürt hatte, wurde ich dann von dem Anfall auch so überrascht. Ich hielt meine Rede bis zum Schluss. Und als ich am Ende angelangt war, hörte seltsamerweise auch das Zittern auf. Später fragte ich Neurologen, was mir da passiert sein könnte. Aber niemand hatte eine Erklärung dafür. Das war der Moment, an dem ich begann, über dieses Buch nachzudenken. Ich begann zu schreiben, während ich mich gleichzeitig auf die Suche nach der Ursache für mein Zittern begab.

Ihr Buch passt so gar nicht in das derzeit gefragte Genre „Krankheitsbuch“. Fürchten Sie bei diesem Thema dennoch nicht, in der falschen Schublade zu landen?

Die Amerikaner, die das Buch schon gelesen haben, darunter viele Mediziner, lieben es. Es mag ja sein, dass mir diese Leute Sympathie entgegenbringen. Aber wenn das Buch in Deutschland eine Kontroverse auslöst, stört mich das überhaupt nicht, im Gegenteil.

Sie verwandeln sich darin unter Live-Bedingungen in ein Forschungsobjekt und legen dabei quasi Ihre Psyche auf den OP-Tisch. Wie schonungslos waren sie sich selbst gegenüber?

Ich bin doch beides zugleich, Forscher und Objekt meiner Forschung, Doktor und Patient.

Aber Sie verwandeln sich vor den Augen des Lesers von der strahlenden Heldin, einer sehr erfolgreichen und attraktiven Autorin, in eine gestörte Persönlichkeit, in ein Opfer ...

Nein. Da missverstehen Sie mich. Ich bin kein Opfer, und will auf keinen Fall so verstanden werden. Mir geht es ja gerade darum, die Opferhaltung in Herrschaft umzudrehen. Opfergeschichten gibt es zuhauf, nach dem Motto: Ich wurde von meinen Eltern geschlagen, oder: Ich habe den Krebs überwunden. Mein Buch unterscheidet sich von dieser Literatur, weil ich mich intellektuell mit meinem Leiden auseinandersetze. Und wenn ich den Schmerz beherrsche, bin ich ihm nicht mehr ausgeliefert. Sich nicht mehr als Opfer zu fühlen bedeutet natürlich nicht, dass ich geheilt bin. Meine Medizin muss ich weiterhin nehmen.

Wie fanden Sie zu dieser doppelten Form?

Ich wurde getrieben von meiner Neugier. Und die Perspektive, beide Seiten einzunehmen, Forscher und Forschungsobjekt, finde ich sehr interessant. Nicht zufällig gibt es im Buch einen Diskurs über den Doppelgänger. Die zentrale Frage ist die nach der Beziehung von Körper und Geist zueinander. Ich wünsche mir, dass der Leser mit dem Buch auf eine Reise geht, an deren Ende die Fragen zwar nicht beantwortet werden, sie sich aber als sehr viel komplexer herausstellen, als es zu Beginn den Anschein hatte.

Und das erlaubt es Ihnen, das Buch ohne Antworten enden zu lassen? Sie rätseln ja bis zuletzt über den Grund für das Zittern.

Ja. Weil es darauf keine Antwort gibt.

Die Trennung von Körper und Seele manifestiert sich auch in dem Bild von Ihnen als zitternder Frau: Der Kopf funktioniert, während der Körper von Krämpfen befallen wird.

Das stimmt. Und wir wissen ja bis heute nicht, wie die Verbindung zwischen Körper und Geist funktioniert. Diese Wissenslücke erforscht mein Buch.

Francis Crick hat also unrecht, wenn er behauptet, alles, was man fühle, selbst der Sinn für die eigene Identität, sei in Wirklichkeit nur das Verhalten von Nervenzellen und Molekülen?

Ich behaupte nicht, dass Crick unrecht hat. Aber nicht alles kann auf neuronale Netzwerke reduziert werden. Wir sind Gehirne, die nun einmal in Körpern leben. Der Mensch darf nicht isoliert von seiner Umgebung betrachtet werden, und Gehirne entwickeln sich in Zusammenhang mit dieser Umwelt. Die Hirnforschung neigt dazu, das menschliche Gehirn zum Fetisch zu erklären. Das mag aufregend sein, aber manchmal wird darüber die philosophische Essenz vergessen.

War das Buch für Sie auch eine Art Therapie?

Das Erzählen ist ein Weg, die Krankheit und den Schmerz zu beherrschen, nicht aber, sie zu heilen. Das Sprechen und Schreiben darüber hilft. Ich durchdringe mein Leiden auf neurologischer, philosophischer und psychologischer Ebene, und das Buch reflektiert diesen Vorgang. Doch die Krankheit ist nicht überwunden. Und auch da ist die Perspektive entscheidend. Denn es gibt in der Wissenschaft Hinweise darauf, dass es die reine, also biologische Empfindung von Schmerz gar nicht gibt, sondern sie von der Persönlichkeit des Erkrankten abhängt. Gerade bei chronischen Erkrankungen ist die Art und Weise, wie man sie persönlich wahrnimmt, entscheidend für den Verlauf. Bei einer Grippe kehrt man schnell zu demjenigen zurück, der man glaubt zu sein. Eine chronische Krankheit kann man nur annehmen oder verdrängen. Deshalb lautet der letzte Satz in meinem Buch: Ich bin die zitternde Frau. Das bedeutet, dass ich die Krankheit angenommen habe. Und zwar nicht als Fremdling, sondern als Teil von mir.

Und das war zu Beginn nicht so?

Überhaupt nicht. Erst durch meine Recherche habe ich gelernt, die Krankheit zu beherrschen, vor allem das Bild, das ich davon habe. Sicherlich wäre ich den Weg niemals so gegangen, wenn der Beginn der Krankheit nicht so verlaufen wäre, mit diesem starken emotionalen Schub durch die Beschäftigung mit dem Tod meines Vaters.

Was vermuteten Sie denn als Ursache für Ihre Zitteranfälle?

Nun, zunächst dachte ich, dass ich an Hysterie erkrankt sei, heute nennt man das ja dissoziative Störung. Aber die Ärzte stellten bald fest, dass ich daran ganz sicher nicht leide.

Im Buch klingt es fast so, als wären Sie erleichtert gewesen, wenn die Diagnose Hysterie gestimmt hätte?

Ja, klar. Weil ich dann eine Erklärung gehabt hätte, mir endlich der Grund für mein Zittern bekannt gewesen wäre. Hysterie ist zwar nicht unbedingt erstrebenswert, aber diese Krankheit wird mich ganz bestimmt nicht töten, sie wäre also nicht die schlimmste Option gewesen.

Warum haben Sie aus dem Stoff überhaupt ein Sachbuch gemacht? Bekannt sind Sie ja vor allem als Romanautorin. Wollten oder konnten Sie das Thema nicht fiktionalisieren?

Für mich als Autorin ist das Genre Sachbuch absolut kein fremdes Terrain. Gerade habe ich einen Aufsatz für eine medizinische Fachzeitschrift fertiggeschrieben, vor ein paar Tagen hielt ich in München einen Vortrag über Ästhetik und Neurologie, außerdem bin ich Mitglied einer medizinischen Fachgruppe am Rockefeller Centre in New York. Mir kommt der Gedanke, ein Sachbuch zu schreiben, deshalb nicht so exotisch vor wie Ihnen.

Sie sind also auch da der Doppelgänger, von dem in Ihrem Buch die Rede ist?

Richtig. Ich bin Wissenschaftlerin und Autorin. Aber ich war natürlich nicht naiv und habe mein Buch von Wissenschaftlern gegenlesen lassen, darunter waren Neurologen, Psychologen, Psychoanalytiker. ..

. ..auch ein Romanautor?

Mein Mann hat es gelesen. Als ich ihm von dem Projekt erzählte, sagte er: Schreib das Buch für mich. Weil er sich in diesen Themen nicht auskennt und sie ihn eigentlich auch nicht interessieren. Deshalb habe ich ihm gelegentlich Stellen vorgelesen, und wenn er es nicht verstand, habe ich es überarbeitet.

Haben Sie vielleicht für einen kurzen Moment gehofft, das Buch könnte Sie heilen?

Der Akt des Erzählens und die Beschäftigung damit haben zweifellos therapeutische Wirkung. Und wissen Sie was? Fast alle Neurologen, Psychologen und Analytiker, die ich kenne, haben sich für ihre Berufe aus persönlichen Gründen entschieden. Weil sie ihr eigenes Leiden verstehen wollten. Der Unterschied zu mir ist, dass diese Fachleute über ihr Leiden meistens keine Bücher schreiben. Der New Yorker Neurologe Oliver Sacks ist da eine große Ausnahme, der in seinem Buch Der Tag, an dem mein Bein davonging die Leser an den Abgründen seiner neurologischen Störungen teilhaben lässt. Aber für mein Buch gibt es kein Vorbild. Es passt in kein Genre. Am ehesten würde ich es als einen persönlichen Essay mit philosophischen Gedanken beschreiben. Die persönliche Erzählung ist ja nur ein Mittel, um viel komplexere Gedanken und Theorien zur Sprache zu bringen.

Ihr Buch ist tatsächlich sehr wissenschaftlich mit mehr als hundertneunzig Fußnoten. Dann aber gibt es wieder sehr persönliche Stellen.

Viele Leute fragen mich, warum ich in diesem Buch so persönlich geworden sei. Aber es ist doch klar, dass ich die meisten Dinge in meinem Leben niemals in ein Buch packen würde. Ich vermute daher, dass die Leser mit persönlich eher einen intimen Ton meinen, der sich tatsächlich durch mein Werk zieht, und zwar in der fiktiven wie in der nichtfiktionalen Literatur. Und ich fühle mich dem Leser auch nah, also einem imaginären Leser, nicht dem echten. Und wirklich alles, was ich in diesem Buch beschrieben habe, hat sich genauso zugetragen. Aber längst nicht alles, was mir passiert ist, habe ich auch aufgeschrieben. Deshalb ist Die zitternde Frau auch alles andere als ein offenes Buch. Es wäre für mich aber undenkbar gewesen, ein Buch über mein Zittern zu schreiben und den Anfang von allem, nämlich die Gedenkrede auf meinen Vater, wegzulassen. Meine Lebensgeschichte ist das Buch deshalb noch lange nicht.

Wie fühlte es sich an, dieses Buch zu beenden? War das anders als bei einem Roman?

Natürlich bin ich stolz darauf, aber der Akt des Schreibens war doch sehr anders. Bei Romanen gibt es keinen Vertrag mit dem Leser, in dem steht, dass alles, was sie lesen, wahr ist. Als Romancier lebt man in einem imaginären Raum und erfindet sich eine Identität. In diesem Buch bin ich nur ich selbst, was immer das bedeuten mag.

In einer Szene beschreiben Sie, wie Sie bei einem Vortrag über das Zittern plötzlich tatsächlich zu zittern beginnen.

Das war sehr unheimlich. Ich hielt diese Rede in Florida, und mein Vorredner, ein Schriftsteller, war wirklich gut gewesen. Ich dachte noch, oh je, jetzt komme ich mit meinem Neurologenkram, aber dann beruhigte ich mich wieder, nahm meine Notizzettel und ging zum Podium. Und als ich dann anfing zu reden, begann ich zu zittern. Ich hörte, wie die Leute in der ersten Reihe flüsterten: Schau, jetzt hat sie einen Anfall! Ich konnte kaum stehen bleiben, so heftig waren die Erschütterungen, und dann sagte ich zum Publikum: Wenn Sie Nachsicht mit mir üben, dann glaube ich, wird es vorübergehen.

Ihre Mutter sagte, wenn Sie zitterten, sähen Sie aus, als säßen Sie auf einem elektrischen Stuhl.

Ja, es ist wirklich keine angenehme Sache. Vor allem die Angst davor ist groß, dass es wiederkommt.

Könnte das Zittern auch jetzt, in diesem Augenblick, anfangen?

Nein. Ich nehme Medikamente dagegen, deshalb wird es jetzt nicht passieren.

Können Sie sich denn vorstellen, nicht mehr öffentlich aufzutreten? Die Anfälle treten ja nur in diesen Situationen auf .Nein. Ich möchte mein Leben so führen wie bisher. Ich möchte weiterhin lesen, schreiben, an Konferenzen teilnehmen, öffentlich sprechen. Solange ich das mit Medizin hinbekomme, tue ich das auch. Das ist meine Form von Widerstand.

Die Fragen stellte Sandra Kegel

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Regen in Paris

Von Nils Minkmar

Acht Monate lang durfte Regisseur Patrick Rotman den französischen Präsidenten Hollande begleiten. Entstanden ist ein Film über Regen und Depression. In Frankreichs Kinos scheint er zu floppen. Mehr 1 10