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Im Gespräch: Michael Hochgeschwender Verstehen wir Amerika noch, Herr Hochgeschwender?

12.03.2011 ·  Das Büro von Michael Hochgeschwender in der Münchner Schellingstraße sieht aus wie vor dreißig Jahren. Aus der Zeit stammt auch unser Bild von Amerika, sagt der Historiker. Sein Wählscheibentelefon ist erst kürzlich ersetzt worden.

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Nach dem Attentat von Tucson taten sich rhetorische Abgründe im politischen Spektrum auf. Der örtliche Sheriff Clarence Dupnik sagte: „Wir sind zu einem Mekka des Hasses und der Vorurteile geworden.“ Hat er recht?

Die Situation hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren tatsächlich dramatisch verschärft. Das hängt mit der auseinanderdriftenden Situation zwischen Reichen, Mittelklasse und Armen zusammen, aber auch mit den religiösen Erweckungsbewegungen, dem Zuzug von Hispanics, dem Gefühl der Überfremdung - das sind alles Punkte, die dazu beigetragen haben, dass es zu einer gesellschaftlichen Spannung gekommen ist, die sich immer wieder gewaltsam entlädt.

Barack Obama ist für die Mehrheit der Amerikaner der meistbewunderte Mann der Welt, andererseits scheinen viele ein Problem mit einem schwarzen Präsidenten zu haben.

Obama bringt die Problematik auf den Punkt. Es gibt im linken Spektrum eine Gruppe, die eine hohe Meinung von ihm hat, aber teilweise enttäuscht ist, weil er nicht ihren Erwartungen in allen Politikfeldern entspricht. Für den rechten Rand der Republikanischen Partei ist er - ähnlich wie in den neunziger Jahren Bill Clinton - eine absolute Hassfigur. Er gilt als notorischer Sozialist, als jemand, der nicht integrieren kann, als zu intellektuell, zu kühl, nicht bodenständig. Außerdem gibt es bei vielen Weißen noch immer erhebliche Vorbehalte gegen Schwarze in Führungspositionen. Obama hat einen dem schwarzen Mainstream nahestehenden Glauben mit sehr liberaler Färbung angenommen. Das macht ihn für Rechts-Evangelikale aus der weißen Mittelschicht unerträglich, weil seine Konfession in ihren Augen eine Verfälschung der christlichen Religion darstellt.

Kann es sein, dass unser Blick auf Amerika verstellt ist? Das Ausmaß, das Religion im Alltag spielt, scheinen wir meist zu unterschätzen.

In Amerika hat die Religion genau den umgekehrten Weg wie in Europa genommen: Im achtzehnten Jahrhundert gab es dort nur eine verschwindend kleine Minderheit von Angehörigen einer institutionalisierten Religion. Sieben bis zwanzig Prozent waren Angehörige einer christlichen Kirche. Um 1955 waren mehr als fünfundneunzig Prozent der Amerikaner Mitglied einer christlichen Kirche oder in einer anderen religiösen Gemeinschaft organisiert. Seither nimmt die Zahl wieder ab. Das heißt aber auch: keine Säkularisierung wie in Europa, wo es zu einem Zerbröckeln von Kirchlichkeit gekommen ist.

Welche Rolle spielt dabei der Marktgedanke: Religion als Produkt?

Es haben immer verschiedene Kirchen um Marktanteile unter den Gläubigen konkurriert. Das hatte zur Folge, dass die amerikanische Religion einen starken Zug zum Missionarischen bekam, dass es darum ging, über Marketing Kunden anzuwerben. Das hat der Religion eine dynamische Grundhaltung gegeben, die dem europäischen Staatskirchentum fremd war, weil man sich hier darauf verlassen konnte, dass die Leute zu einem kommen. In den Vereinigten Staaten musste man sie abholen. Daher haben die meisten Konfessionen den Markt vorbehaltlos akzeptiert. Es gibt nur wenige Ausnahmen - die katholische Kirche gehört dazu. Die Evangelikalen, die Pfingstkirchen, der Mainstream-Protestantismus, das Judentum haben die Marktbedingungen verinnerlicht und befürworten sie bedingungslos.

Das heißt, wenn mir das Produkt nicht mehr zusagt, gehe ich in eine andere Kirche? Weil für jeden etwas im Angebot ist?

Das wird auch ganz offen so gesagt. Die Hälfte der Amerikaner wechselt mehr als einmal im Verlauf ihres Lebens die Glaubensrichtung, oft ist es aber so, dass man in einem vergleichbaren Milieu bleibt: Ein konservativer Methodist wird ein konservativer Baptist oder ein konservativer Pfingstkirchler.

Ein Vorteil gegenüber der enormen Bindungsanstrengung, die Volkskirchen leisten?

Vorteil und Nachteil zugleich: In dem Moment, da man die Anziehungskraft einbüßt, sind sehr viele Leute auch schnell wieder weg. Viele der Mainstream-Kirchen - die Episkopalen, die Lutheraner, die Kongregationalisten - haben in den letzten zwanzig Jahren fast ein Drittel ihrer Mitglieder verloren, während sehr konservative Gemeinschaften wie die Evangelikalen erhebliche Zuwächse hatten. Es kann gut sein, wenn man auf der Modewelle schwimmt; es kann schlecht sein, wenn man von seinen Kunden verlassen wird.

Sie definieren fünf Erweckungsbewegungen als Motoren der Modernisierung. Lange Zeit schien diese Dynamik ein Vorteil für die Entwicklung der Gesellschaft zu sein. Droht jetzt der Rückschlag?

Vor allem die neofundamentalistische Erweckungswelle trägt deutlich antimoderne Züge - wenn man etwa an den Darwinismus denkt. Im Bereich der Kommunikationsindustrie oder des Marktkapitalismus bleibt man weiterhin uneingeschränkt modern. Das Grundproblem der Rechts-Evangelikalen ist ihre Schizophrenie: Einserseits leben sie in einer globalisierten Ökonomie, andererseits in einer Welt, in der es Evolution nicht gibt, weil es sie nicht geben darf. Sie leben in einer Welt mit sexueller Freizügigkeit, in der Ehen zerbrechen, halten aber an dem Ideal fest, dass Familien so organisiert sein sollen wie im neunzehnten Jahrhundert oder wie in den fünfziger Jahren - und bringen das selbst in der eigenen Familie nicht auf die Reihe. Darüber zerbricht der gesellschaftliche Konsens. Diese starken Ausdifferenzierungen können kaum noch durch die Verfassung eingefangen werden.

Warum gibt es heute auf deutscher Seite so viele Irritationen?

Deutsche in der Altersgruppe zwischen vierzig und sechzig Jahren stellen sich die Vereinigten Staaten so vor, wie sie sie seit den sechziger Jahren kennengelernt haben - als eher säkulares, stark liberal ausgerichtetes Land. Aber schon damals gab es diese Unterströmungen. Viele waren überrascht, als in den achtziger Jahren die vierte Erweckungsbewegung so erfolgreich war und als dann mit den Pfingstkirchen auch noch die fünfte Erweckungsbewegung dazukam.

Gibt es etwas Vergleichbares zur Ökumene hiesiger Prägung?

Die Mainstream-Religionen sind gut vernetzt. Die moderaten Katholiken und Protestanten, die Presbyterianer, die Episkopalen pflegen durch einen Kirchenrat institutionalisierte Beziehungen. Vor allem an Privatuniversitäten gibt es ein gemeinsames „Office of the Chaplain“, ein Kaplans-Büro, das sich um Seelsorge kümmert. Das funktioniert erheblich besser, als man sich das von außen vorstellt - wo man immer nur die radikalen Fundamentalisten vor Augen hat. Im konservativen Segment ist die Zusammenarbeit viel politischer. Dort gibt es immer wieder Versuche, übergeordnete Bewegungen zu schaffen. Vor zehn Jahren etwa hatte die „Christian Coalition“ im Lager der Rechts-Evangelikalen großen Einfluss. Man strebte Bündnisse mit konservativen Katholiken und Juden an, um eine konservative Ideologie durchzusetzen, indem man Druck auf lokale Politiker ausübte. Stimmen wurden versprochen, wenn sich beispielsweise ein Politiker für weniger Steuern einsetzte - was er zunächst unter Eid bezeugen musste. Diese Koalition ist allerdings rasch zerfallen, weil sich viele Katholiken von den Rechts-Fundamentalisten überholt fühlten: Katholiken tun sich schwer, gleichzeitig gegen Abtreibung und für die Todesstrafe zu sein.

Dennoch gib es den einen Punkt, an dem sich alle Religionsanbieter treffen - bei den vielbeschworenen amerikanischen Werten.

Die Vision vom American dream teilen alle, der Streit geht darum, wie man diese Mission auslegt. Die Liberalen sagen: Ein guter Amerikaner ist ein kritischer Amerikaner, der treu zur Verfassung steht, eine internationalistische Haltung hat, für eine gemäßigte Marktwirtschaft eintritt. Die Konservativen kommen mit einer unilateralen Position, die für die aktive Verbreitung der Freiheit eintritt und Werte vorlebt, die religiös fundiert sind. Man hat also eine gemeinsame Werte-Ebene, legt die Werte aber völlig unterschiedlich aus.

Welche Rolle spielt in diesem Szenario die Black Church?

Das ist ein Sammelbegriff, der überwiegend oder ausschließlich von Schwarzen gebildete Gemeinden beschreibt. Die Black Church ist sehr religiös, aber politisch ambivalent. Im Norden hat sie an Zulauf eingebüßt, im Süden bildete sie lange Zeit das Rückgrat der Bürgerrechtsbewegung. Dort ist sie auch heute noch mächtig. Politisch steht sie eher den Demokraten nah, für den Wohlfahrtsstaat, meist gegen die Todesstrafe. Sie hat eine Abneigung gegen Homosexuelle, eine im schwarzen Milieu weitverbreitete Haltung.

Die Kirchen erfüllen neben der spirituellen auch eine soziale Rolle: Die Gemeinden organisieren auf ehrenamtlicher Basis das Miteinander auf kommunaler Ebene.

Eine unterschätzte Funktion: Die Religion ist der Ersatz für den schwachen Wohlfahrtsstaat. Jeder Amerikaner wechselt durchschnittlich acht- bis zwölfmal seinen Wohnort. Der Staat bietet keine Anlaufstellen, also sind es im Wesentlichen die Kirchen, die ein Gefühl von Wärme vermittlen. Wenn einer in Arlington/Virginia Baptist war und nach San Francisco umzieht, sieht er sich dort mehrere Gemeinden an und entscheidet - je nachdem, ob ihm der Prediger gefällt -, welcher Gemeinde er beitritt. Das hat weniger mit Glaubensinhalten oder Orthodoxien zu tun, sondern damit, wo man sich aufgehoben fühlt.

Als William Penn 1681 Pennsylvania besiedelte, versprach er den Siedlern aus Europa volle Religionsfreiheit. Gilt das Angebot bis heute?

Das gilt heute noch viel mehr als im puritanischen siebzehnten Jahrhundert. Bis längstens 1832 gab es sogar Staatskirchen in einzelnen Bundesstaaten. Die Vorstellung von Religionsfreiheit und Toleranz entwickelte sich im Laufe des frühen achtzehnten Jahrhunderts und wurde erst im neunzehnten zu einer Selbstverständlichkeit. Die Gegnerschaft zum Staatskirchentum hat sich dann im zwanzigsten Jahrhundert endgültig entschieden.

Der erste Verfassungszusatz regelt auch die Religionsfreiheit. Ein Paragraph, der bis heute erbittert verteidigt wird. Denn jede Gruppe glaubt, dass sie auserwählt ist. Sind die Konfessionen deswegen weniger bereit, ihre Fortschrittsfähigkeit unter Beweis zu stellen?

Nicht notwendig. Natürlich haben alle diese Religionen einen Wahrheitsanspruch, aber gleichzeitig regiert der Primat der Einzelgemeinde ohne Kirchenstrukturen. Aufgrund dieser lokalen Ausrichtung ist man ängstlich darum bemüht, keine allgemeine Kirche aufkommen zu lassen.

Sind darum die Katholiken Minderheitenprogramm geblieben?

Die Katholiken hatten immer das Definitionsproblem: Wie kann man gleichzeitig guter Katholik und guter Amerikaner sein?

Ist die Flucht in die Religion ein Ausdruck zunehmender Abstiegsängste?

Auch. Die Vorstellung, dass Amerikaner immer optimistisch und zukunftsfroh sind, ist ein Mythos. Wenn man mit Angehörigen der Mittelschicht spricht, merkt man, wie ausgeprägt ihre Angst vor sozialem Abstieg ist. Man weiß, dass man im Falle des Arbeitsplatzverlusts sehr schnell unten ankommen kann. Und man hat das Gefühl, der Sache ökonomisch nicht mehr gewachsen zu sein: Dass zum Beispiel die Deutsche Börse die New York Stock Exchange übernehmen will, ist für die Amerikaner ein ganz schwerer Schlag ins Kontor der nationalen Selbstgewissheit.

Fundamentalistische Prediger erreichen ein Millionenpublikum, die Zahl der Waffennarren geht in die Millionen. Ist die Bereitschaft zum Bürgerkrieg höher als in Europa?

Der Besitz von Waffen zählt auf konservativer Seite zu den konstitutiven Elementen der amerikanischen Nationalität. Die Vereinigten Staaten sind ein postrevolutionäres Land: Die Bereitschaft zur Gewalt dort ist deutlich höher als in den auf polizeiliche Ordnung und staatliche Autorität gegründeten Staaten des westlichen Kontinentaleuropa. Von der Gründung an gab es immer wieder politische Unruhen, Bürgerkrieg, Lynchjustiz, organisiertes Verbrechen. Erst in den siebziger Jahren trat eine relative Ruhe ein, aber mit der ist es heute vorbei.

Michael Hochgeschwender wird 1961 in Würzburg geboren. Als er zehn Jahre alt ist, übersiedeln seine Eltern für ein Jahr in die Vereinigten Staaten; sein Vater arbeitet als Austauschlehrer in einem Vorort Philadelphias.
Seine Mutter antwortet damals auf die Frage, ob Amerika ein gutes Land zum Leben sei: „Wenn man jung, weiß, wohlhabend und gesund ist.“

Seit 2004 ist der diplomierte Theologe Professor für Nordamerikanische Kulturgeschichte, Empirische Kulturforschung und Kulturanthropologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

2007 erscheint seine Studie „Amerikanische Religion - Evangelikalismus, Pfingstlertum, Fundamentalismus“ ; 2010 „Der Amerikanische Bürgerkrieg“.

Michael Hochgeschwender ist Fan des Studentensportclubs Notre Dame Fighting Irish (Indiana) und Mitglied des TSV 1860 München.

Das Gespräch führte Hannes Hintermeier.

Quelle: F.A.Z.
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