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Im Gespräch: Meryl Streep Glauben Sie an Gott, Mrs. Streep?

01.02.2009 ·  Die Rekordschauspielerin: Für ihren Auftritt in „Glaubensfrage“ hat Meryl Streep gerade ihre fünfzehnte Oscar-Nominierung erhalten. Ein Gespräch über Beruf und Familie, einen Brief von Bette Davis und ihren Ekel vor der Oscar-Verleihung.

Von Marco Schmidt
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Wir treffen Meryl Streep beim Filmfestival von San Sebastián, wo sie den Donostia Award für ihr Lebenswerk bekommt. Mit ihrem Gelächter wirkt sie wie ein aufgekratztes Mädchen. Fast im selben Atemzug bietet sie intelligente Analysen, und ihre blauen Augen blitzen hinter Brillengläsern.

Mrs. Streep, in Ihrem neuen Film „Glaubensfrage“ liefern Sie sich ein packendes Leinwand-Duell mit Philip Seymour Hoffman: Sie spielen die sittenstrenge Direktorin einer Klosterschule, er einen lebensfrohen Priester. Autor und Regisseur John Patrick Shanley kolportierte, die Dreharbeiten seien wie ein Gladiatorenkampf gewesen: „Die beiden Oscar-Preisträger haben sich gegenseitig nichts geschenkt“, sagte er. Hat Hoffman Sie ordentlich ins Schwitzen gebracht?

Was für ein haarsträubender Blödsinn! In Wahrheit war alles völlig entspannt. Während der Drehpausen habe ich ständig gestrickt und meiner Kollegin Amy Adams das Stricken beigebracht. John Patrick Shanley fühlte sich offenbar aus unserem Handarbeitsclub ausgeschlossen und nahm irrtümlich an, ich würde mich langweilen - darum versuchte er immer wieder, Philip und mich aufeinanderzuhetzen. Dabei ist sein mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnetes Theaterstück, das dem Film zugrunde liegt, so exzellent geschrieben, dass man überhaupt nichts anheizen musste: Diese grandiosen Szenen spielten sich quasi wie von allein.

Interview: Glauben Sie an Gott, Mrs. Streep?

Sind Sie selbst ein religiöser Mensch?

Nein. Ich kann durchaus nachvollziehen, dass Glaubensgrundsätze vielen Leuten Sicherheit und Trost geben. Aber Religionen waren mir stets suspekt, weil sie gewissermaßen Mauern errichten, die uns voneinander trennen. Und ich verwahre mich vehement gegen den lächerlichen Vorwurf, man könne seinen Kindern die entscheidenden Grundwerte und den Sinn des Lebens nicht vermitteln, wenn man nicht Mitglied einer Kirche, eines Tempels, einer Synagoge oder eines Aschrams wäre. Ich habe größte Ehrfurcht vor dem Wunder des Lebens, und ich würde mich als zutiefst moralischen Menschen bezeichnen.

Hauptthema des Films „Glaubensfrage“ ist der Zweifel. Ist er auch eine Triebfeder Ihrer schauspielerischen Arbeit?

O ja. Jeder Schauspieler sollte von Natur aus neugierig sein, das ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für diesen Beruf. Und Neugierde ist eine Form von Zweifel: Es geht darum, dass man unbedingt wissen will, was sich hinter den Fassaden verbirgt. Dass man sich vom äußeren Schein nicht blenden lässt.

Zweifeln Sie auch an der Qualität Ihrer Arbeit? Geht es Ihnen wie manchen Kolleginnen, die ihren eigenen Anblick auf der Leinwand nicht ertragen?

Nein. Ich sehe mir auf der Leinwand sehr gern zu. Früher dachte ich oft: „Meine Güte, da siehst du ja furchtbar aus!“ Doch diese Phase der Eitelkeit habe ich längst überwunden. Inzwischen fühle ich mich in meinem Leben und in meinem Körper ausgesprochen wohl. Und ich empfinde es stets als große Belohnung, wenn ich den fertigen Film sehen darf. Nur zu Beginn der Dreharbeiten gehe ich jedes Mal wieder durch die Hölle.

Wieso? Wird die Arbeit durch Routine und Erfahrung nicht allmählich leichter?

Schön wär's! Im Gegenteil: Ich habe das Gefühl, es wird immer schwieriger. Man stellt sich von Mal zu Mal mehr in Frage. Man weiß ja auch aus Erfahrung, wie viel bei einem Projekt schiefgehen kann. Bei jeder neuen Rolle denke ich anfangs: „Was tue ich hier? Warum soll ausgerechnet ich diese Figur spielen? Wer ist diese Figur überhaupt? Und wie um Himmels willen komme ich dazu, mir einzureden, ich könnte schauspielern?“ Mein Mann macht sich schon lustig über mich und sagt: „Jedes Mal dasselbe Theater mit dir! Hört das denn nie auf?“

Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Projekte aus?

Ich frage mich: Ist dieser Film es wert, der Welt gezeigt zu werden? Die Frage kann man aus den unterschiedlichsten Gründen bejahen, zum Beispiel, um eine politische Diskussion anzustoßen, oder einfach nur, um den Menschen ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern. Jedenfalls habe ich nie eine Rolle angenommen, um meine Karriere voranzutreiben. Nie. Ich hatte auch gar keine andere Wahl.

Warum nicht?

Weil ich im Gegensatz zu vielen Kollegen nie Filme produziert habe. Dazu hatte ich einfach keine Zeit, schließlich musste ich vier Kinder großziehen. Das heißt, ich war völlig davon abhängig, welche Drehbücher man mir zuschickte. Ich kam mir stets vor wie ein Mädchen, das darauf wartet, zum Tanzen aufgefordert zu werden! Wissen Sie, wir Schauspieler sind ja eigentlich total machtlos, es sei denn, wir heißen Tom Cruise. Man bringt uns zwar einen Kaffee, wenn wir darum bitten, aber das war's auch schon. Darum habe ich gelernt, mir meine eigenen Freiheiten zu schaffen.

Und wie sehen diese Freiheiten aus?

Nun, ich höre mir brav an, was der Regisseur sagt, doch sobald die Kamera läuft, mache ich einfach, was ich will. Ich bin sozusagen mein eigener Boss!

Jonathan Demme, der mit Ihnen „The Manchurian Candidate“ gedreht hat, sagte einmal über Sie: „Bei Meryl Streep weiß man nie, was als Nächstes passiert. Ihre Fantasie ist unerschöpflich. Bei jeder Wiederholung einer Szene bietet sie etwas völlig Neues an.“ Gerät man da als Regisseur nicht in Versuchung, Sie aus reiner Neugierde jede Szene endlos wiederholen zu lassen?

Keine Angst, mein Lieber, ich habe meine subtilen Methoden, einem Filmemacher zu signalisieren, wann es genug ist! Ich liebe die Zusammenarbeit mit Regisseuren wie Jonathan Demme, Sydney Pollack oder Mike Nichols, die den Schauspielern die größtmögliche Freiheit lassen. Wie ich immer zu sagen pflege: Ich arbeite nicht bloß in einer einzigen Abteilung! Stattdessen mische ich mich gern überall ein und komme stets mit einer Fülle von Ideen zu den Dreharbeiten. Bei allen meinen Filmfiguren überlege ich mir zum Beispiel schon ganz konkret, was sie anziehen sollen. Kostümbildner halten mich also vermutlich für eine schreckliche Nervensäge.

Sie gelten auch als Perfektionistin, die für jede Rolle akribisch recherchiert.

Zugegeben: Ich arbeite gern hart und schätze es gar nicht, wenn andere nur Dienst nach Vorschrift machen. Aber ich sehe mich nicht als Perfektionistin. Das Gerücht, ich würde exzessiv Recherche betreiben, ist jedenfalls Quatsch. Ich besorge mir nur ein paar Informationen, um meinen Eindruck zu untermauern, den ich von einer Filmfigur habe. Mehr nicht. Ansonsten besteht meine Rollenvorbereitung oft eher darin, Menschen auf der Straße oder in der U-Bahn zu beobachten.

Können Sie sich denn überhaupt unerkannt in der Öffentlichkeit bewegen?

O ja. Alles eine Frage der Kostümierung und der Körperhaltung. Daheim in New York fahre ich grundsätzlich mit der U-Bahn, ohne dass mich jemand erkennt. Und wenn ich doch einmal erkannt werde, dann ist es den Leuten egal. Ich blicke also in die Gesichter der Menschen und versuche, die Geheimnisse dahinter zu ergründen. Denn hinter jedem von uns steckt eine Geschichte. Wir brauchen nur Autoren, die sie aufschreiben. Und Schauspieler, die sie übersetzen.

Übersetzen? Wie meinen Sie das?

Ich meine, dass wir Schauspieler im Grunde genommen Übersetzer sind: Für das Publikum übersetzen wir die Erfahrungen von Menschen, die Hunderte von Jahren vor uns oder Tausende von Kilometern von uns entfernt gelebt haben. Wir sammeln Erfahrungen und geben sie der Welt zurück, so dass andere Menschen sie nachempfinden können. Interessanterweise wollte ich schon als Kind Übersetzerin werden: Meine Mutter nahm mich mit in die UN-Vollversammlung, und ich fand es großartig, wie die Simultandolmetscher dazu beitrugen, Frieden zu stiften zwischen all den Leuten, die einander nicht verstehen konnten. Heute habe ich erkannt, dass die Schauspielerei ähnliche Chancen bietet. So schließt sich der Kreis zu meinem Kindheitstraum!

Mittlerweile gelten Sie als Schauspiel-Ikone. Passiert es häufig, dass junge Kollegen in Ehrfurcht vor Ihnen erstarren?

Ja, aber sobald sie mich kennengelernt haben, verschwindet ihre Angst sehr rasch. Manchmal wünschte ich sogar, sie würde wieder zurückkehren: Ein bisschen mehr Respekt könnte nicht schaden! Meistens vermassele ich nämlich gleich am ersten Tag eine Aufnahme, weil ich meinen Text vergesse, und dann denken alle: „Na, so toll ist die ja gar nicht!“

Glauben Sie, dass Schauspielerinnen in Hollywood es heute leichter haben als früher?

Das kommt darauf an. Für junge Kolleginnen ist das Geschäft sicher härter geworden, denn sie müssen heutzutage bizarre Medienerwartungen bedienen und sich zum Sexobjekt degradieren, um aufs Cover zu kommen. Mehr und mehr fungieren sie als bloße Kleiderständer: Der Druck wächst, bei Events bestimmte Marken zu tragen und zu verkaufen. Als ich noch jung und hübsch war, also ungefähr vor 150 Jahren, da haben wir bei Preisverleihungen einfach irgendetwas angezogen, was wir okay fanden. Damit habe ich mich manchmal furchtbar blamiert, aber so etwas war mir schon immer völlig schnurz. Inzwischen ist die Oscar-Verleihung zu einer Modenschau verkommen, bei der es gar nicht mehr um die Filme geht. Einfach ekelhaft! Doch für ältere Schauspielerinnen hat sich die Situation sehr verbessert.

Inwiefern?

An meinem vierzigsten Geburtstag sagte ich zu meinem Mann: „So, das war's. Wir müssen uns nach einem Altersruhesitz umsehen. Ohne Rollenangebote kann ich mir New York nicht mehr leisten.“ Aber inzwischen gibt es ein paar weibliche Studiobosse in Hollywood, und die sorgen dafür, dass auch Filme über ältere Frauen gedreht werden. Da hatte ich einfach enormes Glück: Ich bin jetzt neunundfünfzig und sehen Sie sich mal an, was für wundervolle Rollen ich in den vergangenen Jahren spielen durfte! Kein Vergleich beispielsweise mit Bette Davis, die immerhin als beste amerikanische Filmschauspielerin aller Zeiten gilt. Für sie gab es damals mit fünfzig Jahren gerade mal eine große Altersrolle: „Was geschah wirklich mit Baby Jane?“

Es kursiert die Legende, Bette Davis hätte Ihnen einst einen Brief geschrieben, in dem sie Sie als Ihre legitime Nachfolgerin bezeichnete. Stimmt das?

Ja. Als ich diesen erstaunlichen Brief in meiner Post fand, war ich völlig von den Socken. Dummerweise kann ich ihn seit zwanzig Jahren nicht finden. Ich glaube nicht, dass ich so bescheuert war, ihn wegzuwerfen. Wahrscheinlich hat ihn irgendjemand verräumt, beim Versuch, etwas Ordnung in das organisierte Chaos meines Büros zu bringen.

Wissen Sie wenigstens, wo Ihre Oscars stehen?

Ja. Ganz oben im Regal, wo ich sie nicht abstauben kann. Es ist faszinierend zu sehen, wie die Dinger ihre Farbe wechseln, wenn man sie nicht andauernd poliert. Der ältere der beiden Kerle hat schon jeglichen Glanz verloren.

Juckt es Sie nicht in den Fingern, einmal selbst Regie zu führen?

Nun, die meisten Regisseure, mit denen ich bis jetzt gearbeitet habe, werden Ihnen sicher sagen, dass ich de facto schon seit Jahren inszeniere! Im Ernst: Regie führen ist ein Vierundzwanzig-Stunden-Job, für den ich als Mutter bislang keine Zeit hatte. Darüber reden wir noch mal, wenn ich das letzte meiner vier Küken aus dem Nest geschubst habe!

Ihr Mann ist ein erfolgreicher Bildhauer. Wie haben Sie es geschafft, zwei Karrieren zu verfolgen, vier Kinder großzuziehen und dreißig Jahre lang eine glückliche Ehe zu führen?

Wir haben beide denselben Humor und denselben Musikgeschmack. Das sind schon mal gute Voraussetzungen. Und wir hatten stets getrennte Badezimmer. Ich glaube, das ist das wahre Geheimnis jeder glücklichen Partnerschaft: getrennte Badezimmer!

Zur Person

Meryl Streep wird am 22. Juni 1949 in Summit im amerikanischen Bundesstaat New Jersey geboren.

Nach ihrem Schauspielstudium in Yale avanciert sie rasch zu einer der renommiertesten Theaterdarstellerinnen New Yorks. Für ihren zweiten Leinwandauftritt im Vietnam-Epos „Die durch die Hölle gehen“ wird sie 1979 für den Oscar nominiert. 1980 bekommt sie ihren ersten Oscar für das Scheidungsdrama „Kramer gegen Kramer“, drei Jahre später folgt der zweite für das Holocaust-Melodram „Sophies Entscheidung“.

Im Laufe ihrer Karriere wechselt Meryl Streep mühelos zwischen Politdramen wie „Silkwood“ (1983), Schmachtfetzen wie „Jenseits von Afrika“ (1985), Komödien wie „Der Teufel trägt Prada“ (2006) oder Musicals wie „Mamma Mia!“ (2008). Mittlerweile kann sie die Rekordzahl von fünfzehn Oscar-Nominierungen auf sich verbuchen.

Seit 1978 ist sie mit dem Bildhauer Don Gummer verheiratet, mit dem sie vier gemeinsame Kinder hat.

Am 5. Februar kommt ihr neues Drama „Glaubensfrage“ in die deutschen Kinos.

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Von Jürgen Kaube

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