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Im Gespräch: Inselbegabung Wie sieht Ihr Kopf von innen aus, Mister Tammet?

07.02.2009 ·  Daniel Tammet ist eine so genannte Inselbegabung. Er kann sich die Kreiszahl Pi bis auf 22.514 Stellen hinter dem Komma merken, eine Fremdsprache lernt er innerhalb einer Woche, das Autofahren hingegen nie. Ein Gespräch über freundliche und scheue Zahlen, fette und schwere Wörter und das Lernen mit dem Körper.

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Daniel Tammet ist eine sogenannte Inselbegabung. Er kann sich die Kreiszahl Pi bis auf 22.514 Stellen hinter dem Komma merken, eine Fremdsprache lernt er innerhalb einer Woche, das Autofahren hingegen nie. Ein Gespräch über freundliche und scheue Zahlen, fette und schwere Wörter und das Lernen mit dem Körper.

Mister Tammet, ich wurde am 6. September 1976 geboren. Was für ein Tag ist das gewesen?

Ein Montag.

Sind Sie sich sicher? Sie haben keine drei Sekunden nachgedacht.

Kalender haben ein bestimmtes Muster, eine Woche hat sieben Tage, und die Tage wiederholen sich. Mein Gehirn ist sehr gut darin, sich Muster einzuprägen und zu erinnern.

Ihr Gehirn kann Außergewöhnliches leisten, Sie haben eine phänomenale Begabung für Sprache und Zahlen. Die Kreiszahl Pi zum Beispiel können Sie bis auf 22.514 Stellen nach dem Komma rezitieren. Wie ist das möglich?

Ich bin ein sogenannter „Prodigious Savant“, ein Inselbegabter. Als Kind hatte ich epileptische Anfälle, außerdem diagnostizierten Ärzte bei mir das Asperger-Syndrom, eine Form von Autismus. Wissenschaftler, die mich untersucht haben, glauben, dass beides, die Epilepsie und der Autismus, miteinander verknüpft für meine Fähigkeiten verantwortlich ist. Bei den meisten Menschen ist ein Großteil kognitiver Aufgaben, zum Beispiel Sprache und Zahlenverständnis, hochspezialisiert und wird getrennt voneinander in unterschiedlichen Hirnregionen ausgeführt. Höchstwahrscheinlich gibt es bei mir eine Cross-Kommunikation zwischen den Zahlen- und Sprachregionen meines Gehirns.

Wie nehmen Sie Zahlen wahr?

Jede Zahl hat für mich eine bestimmte Form. Zahlen haben auch unterschiedliche Farben und sind von verschiedener Beschaffenheit. Manche sind groß, manche klein, andere schmal. Es gibt auch laute und freundliche Zahlen. Die 7 zum Beispiel ist rund, ein bisschen wie diese Olive hier.

Das klingt nach einer innigen Beziehung. Was bedeuten Ihnen Zahlen?

Ich liebe Zahlen. In der Schule war es schwer für mich, Freunde zu finden, also spielte ich in meinem Kopf mit Zahlen. Die Zahlen wurden meine Freunde, sie waren wie Menschen für mich.

Haben Sie eine Lieblingszahl?

Es gibt zwei Zahlen, die ich sehr mag. Eine ist die 4. Es ist eine sehr scheue Zahl, so wie ich. Ich mag auch die 11, eine wunderschöne Zahl, sehr freundlich und glänzend. Wenn ich nette Menschen kennenlerne oder ein schönes Buch lese, denke ich an die 11.

Wie lösen Sie mathematische Aufgaben?

Ich spiele mit Zahlen, ich spaziere durch eine Landschaft, die in ununterbrochener Bewegung ist. Es ist wie ein Kunstwerk, das entsteht und sich ständig verändert, ein numerischer Visualisierungsprozess. Zahlen stehen für mich untereinander in semantischen Beziehungen, das hilft mir, sie in Faktoren zu zerlegen. Meine Rechenfähigkeiten laufen intuitiv ab, vergleichbar mit der Syntaxberechnung bei Ihnen, wenn Sie einen Satz bilden.

Sie zeigen uns in Ihren Büchern, wie phantastisch das menschliche Gehirn ist. Wie fühlt es sich an, ein Genie zu sein?

Ich finde, wir sollten, wie Sie sagen, alle erkennen, wie wundervoll unser Gehirn ist – jedes einzelne. Es gibt viele Dinge, die für mich wegen meines Autismus sehr schwierig sind, zum Beispiel das Erinnern von Gesichtern. Für die meisten Menschen ist das einfach, sie denken nicht darüber nach. In Wahrheit aber ist es eine komplexe kognitive Aufgabe. Ich erinnere mich an Gesichter mit Hilfe von Fotos.

Aber die Gesichter Ihrer Familie erkennen Sie?

Ich greife sogar da auf Fotos zurück. Fotos verändern sich nicht, Gesichter verändern sich dauernd. Ich kann auch nicht Auto fahren, da sich meine Wahrnehmung auf Details konzentriert. Es ist wie mit Gesichtern. Man muss zwar die Details wahrnehmen, sie aber zu einem Gesamteindruck zusammenfügen. Manche Menschen sagen, mein Gehirn sei wie ein Computer. Das stimmt nicht, es ist menschlich. Ich bin ja kein Computer. In der Vergangenheit glaubten selbst Wissenschaftler, dass die Savants übernatürliche Fähigkeiten hätten. Kennen Sie den Film „Rain Man“?

Ja, den kenne ich.

Es gibt eine Szene in einem Restaurant, in der ein Päckchen mit Zahnstochern zu Boden fällt. Sofort sagt der „Rain Man“, wie viele Zahnstocher auf dem Boden liegen, und die Zahl stimmt tatsächlich. Der Psychiater Oliver Sacks hat Mitte der achtziger Jahre eine einflussreiche Studie über die Fähigkeiten von Savants verfasst, in der er genau über dieses Zahnstocherereignis schreibt. Er hat es bei Savant-Zwillingen beobachtet. Die Zwillinge, behauptet er, hätten die Zahnstocher nicht gezählt, sie hätten sie auf magische Weise gesehen, selbst die, die einander beim Fallen verdeckten. Sozusagen mit einer Art Röntgenblick. Das ist wirklich Unsinn. Die Fähigkeit, eine große Stückzahl auf einen Blick zu erfassen, ist nie bei anderen Savants beobachtet worden. Oliver Sacks ist kein Neurowissenschaftler. Mein Buch ist das erste, das Oliver Sacks‘ Thesen auf wissenschaftlicher Basis kritisiert.

Sie sprechen mehrere Sprachen. Welche sind das?

Englisch, Französisch, Finnisch, Walisisch, Spanisch, Rumänisch, Isländisch, Esperanto, Litauisch und Gälisch.

Stimmt es, dass Sie innerhalb einer Woche eine Sprache so gut lernen können, dass Sie mühelos in der Lage sind, ein Gespräch führen?

Ja, das ist so.

Haben Sie nicht ein paar Tricks für uns, wie wir eine Sprache schneller lernen können?

Ich bin überzeugt, dass jeder von uns von Geburt an einen Instinkt, eine Intuition für Sprache hat. Diese Begabung verlieren wir aber mit der Zeit, wir werden älter, unser Gehirn verändert sich. In der Schule lehrt uns niemand, diese Intuition zu nutzen. Stattdessen bringt man uns langweilige Techniken bei. Wir tun uns schwer, diese zu benutzen und sie in unserem Gedächtnis zu speichern. Deshalb glauben viele Menschen, sie seien unbegabt, und empfinden Angst vor Sprachen.

Was raten Sie uns?

Vergessen Sie, was Sie in der Schule gelernt haben.

Und stattdessen?

Wenn Sie eine Sprache lernen, denken Sie darüber nach, was der Klang eines Wortes bedeuten könnte. Vermuten Sie, um was für eine Art Wort es sich handeln könnte. Ist es ein schmales Wort, ein fettes Wort oder ein schweres Wort?

Das hört sich, ehrlich gesagt, merkwürdig an.

Nehmen wir zum Beispiel das Adjektiv „pambalaa“ aus der afrikanischen Siwu-Sprache. Meinen Sie, damit ist eine runde Person gemeint oder eine dünne?

Eine runde.

Genau. Und bedeuten die japanischen Farbbezeichnungen „aka“ und „midori“ Rot und Grün oder Grün und Rot?

Ich würde sagen: Rot und Grün.

Richtig, diese Intuition existiert. Sie werden staunen, wenn Sie darauf achten, wie viele Verbindungen es gibt. Das macht Spaß! In vielen Sprachen haben Sie übrigens einen hohen Klang bei Wörtern, die etwas Kleines benennen. Im Englischen zum Beispiel „little“, „tiny“, oder „itty-bitty“. Außerdem beschreibt die Lautfolge „gl“ häufig etwas, das mit Licht zu tun hat, wie „glimmer“, „glow“ oder „gleam“. Viele Wörter im Isländischen, die mit „hn“ beginnen, stehen für Rundes. „hné“ bedeutet Knie, „hnúi“ Knöchel und „hnöttur“ Orbit. Wenn wir uns diese Verknüpfungen bewusst machen, fällt uns das Erinnern leichter.

Haben wir auch ein Gefühl für Zahlen?

Ja! Es gibt Tests, die beweisen, dass wir ebenso wie einen Sprach- auch einen Zahleninstinkt haben. Wissenschaftler haben kleine Kinder Folgendes gefragt: Wenn John 15 Süßigkeiten bekommt, July 27 und Ann 51, wer hat dann die meisten Süßigkeiten? Ein Großteil der Kinder hat die Frage richtig beantwortet. Vielleicht fühlt sich in unserem Kopf die 51 schwerer an als die 17 oder die 27. Wir alle haben dieses Gefühl.

Was können wir tun, um unser Gedächtnis zu trainieren?

Egal, was Sie lernen, es geht darum, ein tieferes Verständnis zu entwickeln und sich nicht nur auf die Fakten zu konzentrieren. Um die Daten amerikanischer Präsidenten oder britischer Monarchen zu lernen, kann man sie wieder und wieder aufsagen. Man kann sich aber auch bewusst machen, dass Eduard VI. nach Heinrich VIII. kam, dann Maria I. und Elizabeth I., weil Männer immer die Ersten in der Thronfolge sind. Lernen hat nicht nur was mit unseren Köpfen zu tun, es bezieht auch unseren Körper mit ein. Es hängt davon ab, wo wir sind, wie wir uns bewegen. Denken Sie an Schauspieler, die sich große Textmengen merken können, weil sie sich mit ihrem Körper behelfen. Auch Musik kann als Gedächtnisstütze dienen.

Erklären Sie uns das bitte genauer.

Musik arbeitet mit Wiederholungen und mit Rhythmus. Man hat herausgefunden, dass unser Gehirn während des Musikhörens ständig Vorhersagen über den Takt trifft. Diese Vorhersagen basieren auf Lernerfahrungen, und diese Vorhersagefähigkeit ist ausschlaggebend für ein gutes Gedächtnis. Wir können auf diese Weise besser einschätzen, ob wir genügend gelernt haben. Hören wir Musik, während wir lernen, erinnern wir uns später, wenn diese Musik wieder läuft, besser an das Gelernte.

Es macht aber keinen Unterschied, ob wir Bach oder Britney Spears hören.

Nein. Ich weiß, dass es Leute gibt, die behaupten, man müsse Mozart hören, dann werde man klüger. Aber wenn Sie klüger werden wollen, dann müssen Sie lesen, ins Museum gehen, Sie sollten eine Menge dafür tun, aber nicht erwarten, dass eine Sache Sie auf magische Weise schlauer macht.

Und wie können wir unserem Gehirn dabei helfen, sich in der Flut von Informationen zurechtzufinden, also Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden?

Sie müssen eine Beziehung zu Informationen aufbauen, die keinen Zweifel daran lässt, dass Sie die Kontrolle über die Informationen haben und nicht umgekehrt. Dazu gehört auch, nicht andauernd seine E-Mails zu lesen.

Sie meinen, das Internet schadet unserem Denken?

Es hat das Potential, unseres Denkens sehr zu schaden. Viele Menschen haben vergessen, dass die Information nicht so wichtig ist wie die Idee dahinter. Informationen sind eine Ansammlung von Daten, jede Information für sich ist nutzlos, wenn wir sie nicht in einen Zusammenhang setzen und interpretieren können. Informationen als Selbstzweck zu sehen kann sehr gefährlich werden: Ernstzunehmende Krankheiten wie Masern sind mit den Jahren immer bekannter geworden, jeder denkt, etwas darüber zu wissen. Es gab Fälle, da impften Eltern ihre Kinder nicht, weil sie den Experten nicht trauten, sondern ihr Wissen aus anderen Kanälen bezogen. Einige der Kinder erkrankten an Masern und starben. Das kann in einer Wikipedia-Welt passieren.

Sagen Sie uns doch bitte noch, ob wir tatsächlich lernen können, glücklicher zu sein.

Selbstverständlich! Glücklichsein ist eine Fähigkeit, die Sie trainieren können wie einen Muskel. Mich erfüllt es, schöner Musik zu lauschen, ein Buch zu lesen oder an meine Zahlen zu denken. Das ist für mich wie Meditation. Wenn Sie jeden Tag etwas tun, das Sie entspannt und Ihnen ein Gefühl von Glück beschert, dann speichert Ihr Gehirn das ab. Sind Sie gestresst, ist es sehr nützlich, diese Fähigkeit zu besitzen, Sie können sich nämlich daran erinnern, das macht Sie ruhiger. Probieren Sie es aus!

Zur Person

Daniel Tammet wird am 31. Januar 1979 in London geboren.

Ärzte diagnostizieren bei ihm eine leichte Form von Autismus. Als Kind leidet er unter einer Reihe epileptischer Anfälle, danach tritt plötzlich seine Inselbegabung auf, die ihn befähigt, komplexe Rechenaufgaben zu lösen und innerhalb kürzester Zeit eine neue Sprache zu erlernen.

Menschen wie Daniel Tammet nennt man „Prodigious Savants“. Weltweit gibt es nur etwa fünfzig dieser Genies.
2005 dreht der britische Sender Channel Five einen Dokumentarfilm über Daniel Tammet: „Brainman“ macht ihn bekannt.

Heute führt Daniel Tammet ein beinahe normales Leben. Er schreibt Bücher und unterrichtet Englisch. Doch erst ein jahrelanger Lernprozess der sozialen Kodes, die für uns selbstverständlich sind, hat das ermöglicht.

Daniel Tammets neues Buch „Wolkenspringer“ ist kürzlich im Patmos Verlag erschienen.

Das Gespräch führte Melanie Mühl.

Quelle: F.A.Z.
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