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Im Gespräch: David Chipperfield Worauf antwortet Architektur, Mr. Chipperfield?

30.01.2010 ·  Die Liste seiner Bauten in Deutschland ist lang. Das neue Museum Folkwang in Essen ist jedoch sein erstes Projekt im Ruhrgebiet. Mit der F.A.Z. spricht der englische Architekt David Chipperfield über logistische, finanzielle und intellektuelle Herausforderungen.

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Die Pressekonferenz ist seit drei Stunden zu Ende, das letzte Kamerateam abgezogen. David Chipperfield sitzt auf einer Bank im Museum Folkwang. Er wirkt entspannt. Fast haben wir das Haus für uns allein, um ein Gespräch zu führen.

Herzlichen Glückwunsch zum neuen Museum Folkwang!

Vielen Dank.

Die Liste Ihrer Bauten in Deutschland ist lang, doch ist es Ihr erstes Projekt im Ruhrgebiet. Wie war Ihre Wahrnehmung der Region, bevor Sie zum Wettbewerb eingeladen wurden?

Ehrlich gesagt, kannte ich sie kaum. Aber ich hatte auch keine Vorurteile. Ich habe in Düsseldorf gearbeitet, ich kenne die Kunstszene in Düsseldorf und Köln, meine Frau kommt aus Köln. Essen war ein ziemlich unbeschriebenes Blatt für mich.

Im Vergleich zum Neuen Museum in Berlin, an dem Sie zwölf Jahre gearbeitet haben, scheint das Museum Folkwang ein eher kleines Projekt, der Sprint nach dem Marathonlauf. Worin bestand die Herausforderung?

Aber das ist doch kein kleines Gebäude, mehr als 24.000 Quadratmeter, das ist ziemlich groß! Die Herausforderung war zunächst eine logistische: Die Zeit war sehr knapp, zweieinhalb Jahre vom Wettbewerb bis zur Eröffnung. Die 55 Millionen Euro, die das Museum kosten durfte, waren ein großzügiges Geschenk, aber für ein Gebäude dieser Größe und Qualität nicht viel. Die intellektuelle Herausforderung bestand vor allem darin, dass Hartwig Fischer, der Museumsdirektor, klare Vorstellungen zur Rolle des Tageslichts entwickelt hatte, die meinen sehr nahe sind.

Hatten Sie ein Problem damit, ein Haus, das noch keine fünfundzwanzig Jahre alt ist, abzureißen?

Es gibt ja nichts Schlimmeres, als etwas abzureißen und durch einen Neubau zu ersetzen, der nicht besser ist. Die Entscheidung ist vor allem ein ungewöhnliches Bekenntnis zur Qualität. Das Interessante an Architektur ist für mich, dass sie Antworten gibt, dass sie auf Situationen reagiert. Der Kontext in Essen setzt sich zusammen aus dem städtebaulichen Umfeld, dem Status des Gebäudes von 1960, dem Erbe und der Geschichte von Folkwang - darauf mussten wir reagieren. Ein Museum um eine bedeutende Sammlung zu bauen gibt mir ein schönes Gefühl von Sicherheit und ermutigt mich, Architektur als ein Werkzeug zu verstehen und nicht als etwas, das sich selbst genügt. Sie werden lachen, aber ich glaube, das Gebäude hier wird ein Erfolg, wenn die Besucher sich daran erfreuen, aber auch, wenn sie es einfach ignorieren. Ich habe überhaupt kein Problem mit Leuten, die hierherkommen, sich die Ausstellung ansehen, ein paar Stunden bleiben, nach Hause fahren und sagen: „Wir hatten einen wunderschönen Tag.“

Weil ihnen die Architektur nicht in die Quere kam?

Ja, um ignoriert werden zu können, muss Architektur eine gewisse Qualität haben. Mich interessiert genau dieser Punkt, an dem wir uns für Architektur begeistern oder sie ignorieren können.

Beim Neuen Museum stellte sich diese Alternative nicht. Sie haben es als das „wichtigste Projekt“ Ihrer Karriere bezeichnet. Hat es Sie verändert?

Auf jeden Fall hat es mich Diplomatie gelehrt.

Und als Künstler, in Ihrer Haltung zur Architektur?

Ich glaube, für einen Architekten ist es schwierig, sich „nur“ intellektuell zu verhalten. Sich zwischen richtig oder falsch zu entscheiden mag bei moralischen Fragen geboten sein, bei architektonischen bin ich mir da nicht so sicher. Als Architekt muss ich eine intellektuelle und konzeptionelle Position einnehmen, ohne dass ich dafür die praktischen Anforderungen vernachlässige. Da liegt das Problem, und deswegen sind wir Architekten, auch wenn wir es gerne wären, keine Künstler. Als Maler kann ich ein Bild malen, das ist ein individueller Akt, als Architekt aber kann ich nicht einfach ein Haus bauen und sagen: „Na, wie gefällt dir das, kaufst du es mir ab oder nicht?“ Diese Unabhängigkeit haben wir nicht. Wir müssen vermitteln zwischen den Erwartungen, Ansprüchen und Erinnerungen der Menschen, das setzt uns viel stärker in einen Dialog mit der Condition humaine.

Und daraus ergibt sich eine andere Verantwortung?

Unbedingt! Ich glaube, beim Neuen Museum haben wir nur überlebt, weil wir eine intellektuelle Position einnahmen, der wir treu geblieben sind, ohne deshalb die Emotionen und Konflikte zu unterschätzen. Die Aufgabe der Vermittlung ergibt sich aus Verantwortung für das Projekt. Das hat nichts mit Kompromissen zu tun. Es war meine Verantwortung, mir anzuhören, was eine Kriegsruine mitten in Berlin bedeutet, aus Sicht der Historiker wie auch für die Erinnerung der Berliner. Das waren Lehrstunden für mich, das hat mir beigebracht, verschiedene Ansichten und Anschauungsweisen zu berücksichtigen. Das meine ich mit Diplomatie, Humandiplomatie.

Das Neue Museum war in jeder Hinsicht ein einzigartiges Projekt, bei dem Sie relativ frei von praktischen und ökonomischen Zwängen arbeiten konnten. Diese Ausnahme verweist auf die Regel, auf das Dilemma einer Praxis, in der der Preis zum wichtigsten, oft einzigen Kriterium der Architektur geworden ist und ihre Qualität immer weiter drückt.

Na ja, ganz frei waren wir nicht, privilegiert aber schon. Schließlich ging es um ein Monument von nationaler Bedeutung. Qualitätsfragen konnten da genauer genommen werden als sonst.

In Ihrem Berliner Büro arbeiten mehr Architekten als in Ihrem Office in London. Gilt der Prophet Chipperfield nichts in seinem Vaterland? Wie erklären Sie sich das?

England ist ein kommerziell ausgerichtetes Land, der Markt war in den letzten fünfzehn, zwanzig Jahren sehr erfolgreich, Privatisierung wurde großgeschrieben, die Situation ist ganz anders als in Deutschland, Frankreich oder Spanien.

Deregularisierung heißt weniger Wettbewerbe und weniger öffentliche Aufträge?

Ja, und deshalb hat mein Büro in den letzten fünfzehn Jahren in verschiedenen Ländern, in denen die Rahmenbedingungen besser sind, an Wettbewerben teilgenommen. Ich habe von Anfang an im Ausland gearbeitet, meine ersten drei Gebäude sind in Japan entstanden. Ich bin es gewohnt, woanders zu sein.

Ärgert Sie das auch?

Früher hat es mich schon geärgert, und es frustriert mich immer noch. Mir ist sehr daran gelegen, dass die Bedingungen für Architekten in England besser werden. Ich kann mich ja nicht mehr beklagen, ich habe das Glück, in vielen Ländern zu arbeiten, große Aufträge zu haben. Ich wurde sogar gerade zum Ritter geschlagen. Doch nicht für meinen Beitrag zum Gemeinwesen, sondern weil ich mich um die Beziehungen meines Landes zu anderen Ländern verdient gemacht habe.

Ihr Satz „Ideen erfreuen sich an Beschränkungen“ hat Chancen, zum Aphorismus zu werden. Goethe hat das nicht ganz so knapp hingekriegt: „In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister!“

Kenne ich, finde ich gut.

Ist der Eindruck richtig, dass der sehr gute Architekt David Chipperfield erst zu Hochform aufläuft, wenn er auf Schwierigkeiten trifft?

Ich denke schon. Es gibt Architekten, die sind Genies im Erfinden. Frank O. Gehry zum Beispiel: Er hat seine persönliche Handschrift entwickelt, und das auf sehr hohem Niveau, und es gibt andere, deren Handschrift nicht so überzeugend ist. Ich finde, Architektur ist mehr als eine Skulptur, in der man leben kann, sie muss ein Beitrag zum Städtebau sein, zu unserer Umwelt. Ich will Gebäude schaffen, die wachsen, nicht Gebäude, die landen, die einfach vom Himmel fallen. Ich möchte Architektur machen, die, nicht weil sie außergewöhnlich, sondern weil sie gewöhnlich ist, Bewunderung findet. Dieses Museum ist einerseits etwas Besonderes, andererseits aber auch sehr gewöhnlich: Ich suche die Balance zwischen Vertrautheit und Fremdheit.

Sie waren beim Wettbewerb für das Berliner Stadtschloss Mitglied des Preisgerichts. Hat es Sie nicht gereizt, selbst teilzunehmen?

Sie glauben doch nicht, dass Berlin mir gestattet hätte, nach dem Neuen Museum auch noch das Schloss zu bauen?

Warum nicht? Die Berliner stehen Schlange vor dem Neuen Museum.

Klar hätte mich das interessiert. Wenn auch nicht so sehr zu den Bedingungen des Wettbewerbs.

Weil sie zu eng formuliert waren?

Das Problem ist doch, dass das Thema Schloss zu einem riesigen politischen Thema wurde. Sein Bau wurde zum Gesetz gemacht, statt Ansichtssache zu bleiben, und das hat auch den Wettbewerb kontaminiert, der von rechtlichen Fragen bestimmt wurde.

... und die Architektur blieb auf der Strecke?

Alle hatten nur die besten Absichten, und die meisten versuchten ernsthaft, eine gute Lösung zu finden. Aber schon organisatorisch wurden viele Fehler gemacht. Der erste und größte war der, einen offenen Wettbewerb zu veranstalten. Statt eines zweistufigen Verfahrens, in dem nur die besten Vorschläge in eine dann aber stark besetzte Endrunde kommen.

Das Ergebnis lässt vermuten, dass sich die Politik gegen die Architekten durchgesetzt hat.

Was ich wirklich ganz großartig finde an Deutschland, ist, wie hier Debatten geführt werden. Ich kenne kein anderes Land, in dem mit solcher Intensität, auf einem derart hohen intellektuellen Niveau diskutiert und gestritten wird. Ich sitze hier oft in Jurys, und die sind meistens ganz wunderbar, die Leute kämpfen, werden wütend - die Diskussion zum Schloss aber war im Grunde keine.

Dabei hat das Thema die Öffentlichkeit bewegt wie wenige andere?

Es ging in dem Wettbewerb nur darum, einen Architekten zu finden, der die historischen Fassaden wieder aufbaut. Franco Stella hat dieser Vorgabe am weitesten entsprochen und dafür die intelligenteste Lösung vorgeschlagen. Die Herausforderung besteht jetzt in der inhaltlichen Konzeption, und dafür ist Hermann Parzinger die Idealbesetzung. Ich bin enttäuscht über die schematische Fassaden-Lösung, aber ich bleibe optimistisch, was die Zielsetzung des Humboldt Forums angeht.

Ihre Enttäuschung über den Wettbewerb zum Stadtschloss ist keine Absage an Wettbewerbe an sich?

Nein, überhaupt nicht. Ich bin ein begeisterter Verfechter von Wettbewerben, gerade in Deutschland.

Wettbewerbe sind dennoch die Ausnahme und können nur punktuell Qualität durchsetzen.

Anlässe, pessimistisch zu sein, gibt es täglich. Klar kann man sagen: Es zählen nur noch Wirkung, Erfolg und Effizienz, das ist der Gang der Welt. Wir könnten auch alle Fast- food für fünf Euro bei McDonald's essen und glücklich sein. Aber warum geben wir zu zweit hundert Euro für slowfood aus? Einerseits herrscht diese Tendenz zum „immer billiger“, die alles mitzureißen scheint. Doch gibt es auch eine Bereitschaft zum Widerstand, so etwas wie ein romantisches Verhältnis zur Qualität. Und solange die angeboten wird, bleibe ich zuversichtlich, dass die Leute den Unterschied bemerken. Das lässt sich sogar an diesem Gebäude zeigen, das auch in einer „Minus zehn Prozent“-Version zu haben gewesen wäre. Dann hätten wir, statt die Tragstruktur der Höfe in den Fensterprofilen zu integrieren, Stützen gesetzt. Das wäre billiger gewesen, hätte aber die Idee zerstört. Nur, wie erklären Sie das einem Bauleiter, der auf die Kosten schaut? Der sagt Ihnen doch glatt: „Aber wieso, das merkt doch keiner, das sehen nur die Architekten.“ So addieren sich schnell viele kleine Kompromisse und führen dazu, dass die Realisierung das Konzept ruiniert. Ich bin sicher, dass jeder diese Qualitätseinbußen fühlen kann. Doch ist es verdammt schwer, den Menschen ein Gespür dafür zu vermitteln.

Die Fragen stellte Andreas Rossmann.

Quelle: F.A.Z.
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