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Im Gespräch: Bela B. Felsenheimer Was fasziniert Sie so an Zombies, Herr Felsenheimer?

06.03.2011 ·  Bela B. ist Musiker in der deutschen Rockband Die Ärzte. Nun hat der Schlagzeuger, Sänger, und Schauspieler ein Hörbuch eingelesen, das von den „besten Weltuntergängen“ handelt. Wir treffen ihn in einer Hotelbar hoch über Hamburg, um über sein Faible für alles Vergängliche zu sprechen.

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Herr Felsenheimer, Sie sind in Spandau aufgewachsen, quasi mit dem Dritten Weltkrieg vor der Haustür. Was war das für ein Gefühl?

Ich bin nicht sicher, ob die Russen Berlin gleich überrannt hätten, wenn der Dritte Weltkrieg ausgebrochen wäre. Vielleicht hätten sie die Stadt auch erst einmal nur erobert. Als Kind habe ich die Kalte-Krieg-Thematik voll mitbekommen. Weil es so ein Thema war, erklärt das möglicherweise auch den Fatalisten, der ich bin. Wir haben auch DDR-Fernsehen empfangen, und irgendwann hatte ich dann einen perfiden Spaß daran, den „Schwarzen Kanal“ mit Karl-Eduard von Schnitzler zu schauen.

Die berühmte Agitationssendung des DDR-Fernsehens . . .

. . . in der immer gegen den faschistischen Westen gehetzt wurde. Das war lange vor meinen Punkrockphase, wo alles faschistisch war, was mich nicht verstanden hat. Ich habe das einfach nur sehr lustig gefunden, Schnitzler dort hetzen zu sehen. Dann war noch dieses Grundgefühl: Wir sind sowieso die Ersten, die nicht mehr so weiter leben können wie gewohnt, wenn der Kalte Krieg wirklich zu einem heißen wird. Vielleicht hat sich das gleichzeitig auf die Kreativität unserer Musik ausgewirkt. Man kann sagen, dass Die Ärzte Anfang der achtziger Jahre eine Ausnahmeerscheinung in der sonst doch eher düsteren West-Berliner Szene mit Bands wie den Einstürzenden Neubauten war. Wir waren eine der wenigen Bands mit positiver Grundeinstellung.

Die Ärzte sangen Anfang der achtziger Jahre vom „Zitroneneis“ oder vom „Lustigen Astronauten“. Und am Schlagzeug saß Bela B., ein schwarzhaariger Vampir.

Richtig. Allerdings gab es damals diese ganzen Begriffe noch nicht. Ich glaube, selbst das Wort Grufti existierte zu dem Zeitpunkt noch gar nicht.

Was hat Sie am Dunklen so angezogen?

Ich hatte eine Affinität zu Horrorfilmen, und als dann die Misfits ihre erste Platte herausbrachten, da fühlte ich mich gleich verstanden, zu Hause und habe das dann weiter ausgebaut. Ich habe das auch musikalisch umgesetzt und etwa einen Song über einen Vampir geschrieben und über die Romantik, die ich in dieser Figur sah. Insofern kann ich auch nachvollziehen, dass heute Millionen von Teenies von der „Biss zum“-Serie fasziniert sind, auch wenn mir das inzwischen wieder ein bisschen zu flach wird. Für den Erfolg der Ärzte ist es im Übrigen ganz gut gewesen, dass es zwei so extreme Gegensätze gab: Farin Urlaub und mich.

Nach der vorläufigen Auflösung der Ärzte haben Sie dann 1990 mit Ihrer neuen Band „Depp Jones“ das Album „At 2012 A.D.“ gemacht. War das eine Anspielung auf den Maya-Kalender, der am 21. Dezember 2012 ablaufen soll und das Ende der Welt markiert?

Als wir das Album herausbrachten, war der Maya-Kalender absolutes Drittwissen. Unser Plan war, eine Platte zu machen, mit Texten, die zumindest zum Teil apokalyptisch sind. Ich war zu der Zeit sehr beeinflusst durch Heavymetal. Insofern hat die Apokalypse ständig eine Rolle gespielt in meiner Stereoanlage und in den Räumen, die sie beschallt hat. Das passte einfach, und für den Albumtitel konnte es gar nicht groß genug sein. Und der Weltuntergang nach dem Ende des Maya-Kalenders war dann halt das Ding. In den Texten steht allerdings gar nichts über die Maya.

Im Grunde ging Ihre dunkle Phase noch früher los: Ihre erste Band hieß „Soilent Grün“, frei nach dem Science-Fiction-Film „Soylent Green“, in dem die Welt unter Nahrungsmangel leidet und Charlton Heston herausfindet, dass das synthetische Hauptnahrungsmittel aus Leichen hergestellt wird.

„Soylent Green ist Menschenfleisch!“, ruft Heston am Ende des Films. Wir haben dann auch einen Song von uns so genannt, und dieser eine Satz war der einzige Text, den wir ständig brüllten. Das lief damals noch mit so einem süffisanten Lächeln, da war ich sechzehn. „Ja, ja, was soll’s?“, habe ich damals gedacht. Und jetzt ist der Weltuntergang gleich um die Ecke, und nun lächele ich natürlich über den Dirk Felsenheimer von damals.

Hat der reiche Bela B. von heute Angst, bei einem Weltuntergang alles zu verlieren?

Es gibt ein wahnsinnig gutes Zitat von Brad Pitt als Tyler Durden im Film „Fight Club“: Alles, was du besitzt, besitzt dich irgendwann. Das ist eine Sache, über die ich nachdenke, seitdem ich mich mal doof benommen habe in Zusammenhang mit meiner Kreditkarte.

Was war passiert?

Ich war in einem Laden und habe ungefragt ganz gönnerhaft für alle bezahlt, irgendwie so was. Ich glaube aber nicht, dass ich mich mit dem Weltuntergang auseinandersetze, weil ich schlimmere Verlustängste hätte als jemand, der kein Rockstar ist. Ich glaube, dass wir gerade an einem Punkt sind, an dem sich die Medien permanent damit beschäftigen, dass das Leben auf der Erde und die Erde selbst endlich und extrem gefährdet sind. Mit dem Thema Klimaerwärmung kann auch ein Achtjähriger schon so halbwegs etwas anfangen. Früher haben sich eben hauptsächlich Heavymetal--Bands mit dem Thema Weltuntergang beschäftigt. Jetzt tut es fast jeder, und jeder Prominente hat etwas dazu zu sagen, nach dem Motto: Macht doch mal öfter das Licht aus.

Sie gehen das Ganze etwas subtiler an und lesen 160 Minuten Weltuntergangsszenarien vor. Wie haben Sie das Buch „Exit Mundi – Die besten Weltuntergänge“ des niederländischen Wissenschaftsjournalisten Marteen Keulemans entdeckt?

Ganz profan: Mein Freund Oliver Frank ist auf dieses Buch gestoßen und sagte: Schau dir das mal an, das ist interessant. Ich fand es auch faszinierend, und ich mag auch Leute wie Marteen Keulemans, die sich in Sachen hineinsteigern, die von außen betrachtet erst einmal gar keinen Sinn ergeben – wie zum Beispiel, sich wissenschaftlich mit sämtlichen Weltuntergangsszenarien zu beschäftigen; eingeschlossen sehr, sehr vieler, die gar nicht möglich sind.

Welcher Weltuntergang ist der unmöglichste?

Auch wenn ich als Horrorfilm-Fan dafür ein Faible habe, ist das sicherlich die Zombie-Apokalypse. Wenn sich aber jemand dann sogar noch mit Zombies wissenschaftlich auseinandersetzt, dann kann sogar ich noch was lernen. Ich habe also dieses Buch gelesen und mir gesagt: Also, wenn jemand vor einem wissenschaftlichen Hintergrund erörtert, was mit der Welt passiert, wenn die Zombies die Macht übernehmen, dann ist das vielleicht doch der richtige Stoff.

Was fasziniert Sie an lebenden Toten?

Ich bevorzuge einfach die Bedrohung durch Dinge, die mir ähnlich sind, die also vielleicht zwei Beine und zwei Augen haben. Eine außerirdische Lebensform in einer Gaswolke, die alles Leben auslöscht, ist eventuell zu abstrakt für mich. Insofern finde ich Zombies ganz toll. Gleichwohl heißt es ja, dass das die unwahrscheinlichste aller Apokalypsen ist, mit einem Wahrscheinlichkeitsgrad gleich null.

Sie haben einmal gesagt, dass wir auf einen Kollaps zulaufen, wenn wir mit unserem einheitlichen Lebensstil weitermachen.

Das soll ich gesagt haben? Das ist eigentlich der erhobene Zeigefinger, den ich immer zu vermeiden versuche.

Wenn Sie es doch gesagt hätten, was meinten Sie konkret damit: Dinge wie die Umweltverschmutzung oder doch vielleicht die beinahe zombiehafte Gleichförmigkeit der modernen Gesellschaft?

Im Grunde meine ich, dass wir ständig auf irgendwelche Sachen zusteuern im vollen Wissen, dass wir uns falsch verhalten. Das fängt bei ganz banalen Dingen an. Stichwort Musikindustrie: Die ist trotz der Gewinnmaximierung, die sie sich durch irgendwelche Aktionen verspricht, dem Untergang geweiht. Wir denken aber auch in vielem anderen nicht nachhaltig, obwohl ich das Wort „nachhaltig“ inzwischen schon als Unwort bezeichnen würde, so oft geht es den Leuten über die Lippen. Jedenfalls, dieses Zusteuern auf kleine Katastrophen heißt dann nichts anderes als: Wenn wir so weitermachen wie bisher, dann ist der Untergang einfach nicht aufzuhalten. Wenn Musiker von ihrer Musik nicht mehr leben können, dann wird es vielleicht viel mehr ehrlichere Musik geben, aber auch sehr viel weniger davon.

Wenn man sich so viel mit Weltuntergängen beschäftigt wie Sie, hört man dann irgendwann automatisch auf, die Zukunft zu planen?

Nein, zumindest habe ich auch für 2013 schon Termine zugesagt, also für das Jahr nach dem Jahr, in dem laut dem Maya-Kalender die Welt untergehen soll.

Wird man wenigstens auf Dauer depressiv, wenn man sich nur mit dem Ende beschäftigt?

Ich hatte drei Phasen. Als ich während der Arbeit am Hörbuch ernsthaft angefangen habe, mich mit Weltuntergängen zu beschäftigen, fand ich es zuerst sehr lustig und amüsant. Nach einer Weile haben mich die Fakten frustriert. Das ist schon bedrückend, wenn man dauernd nur vom massenhaften Aussterben liest. Schließlich sind die meisten Szenarien in dem Buch möglich und auch wahrscheinlich. Aber dann kam wieder ein befreiender Fatalismus auf, und der passt dann auch wieder ganz gut zum Menschen Bela B.

Hat Ihnen bei dieser Wandlung eine Religion oder ein Glaube geholfen?

Nein. Das Einzige, was ich glaube, ist, dass ich einfach viele tolle Menschen kenne, nicht nur Erwachsene, sondern auch viele Kinder, die auch noch da sein werden, wenn ich, zumindest in meiner jetzigen Form, nicht mehr bin. Daran glaube ich fest: dass es sich trotz aller Untergangsprophezeiungen zum Besseren wenden wird. Das klingt vielleicht seltsam für jemanden, der gerne Horrorfilme anschaut, aber es ist so.

Wie kann man den Untergang aufhalten?

Jeder kann etwas ändern. Man sollte sich zuerst mit sich selbst auseinandersetzen. Wir treiben Sport oder hören mit dem Rauchen auf, um dem körperlichen Verfall entgegenzuwirken oder weniger krank zu werden. Aus der selben Logik heraus kann man doch auch präventiv etwas gegen den Verfall der Erde unternehmen, den Stromanbieter wechseln, weniger Fleisch essen, aufmerksamer beim Textilkauf sein oder mal mit dem Fahrrad fahren.

Jetzt haben Sie aber doch ganz schön den Zeigefinger erhoben.

Ja, ist wohl leider so. Vielleicht rege ich mich zu gerne auf.

Falls nun doch die Welt am 21. Dezember 2012 untergeht: Haben Sie vorgesorgt, damit etwas vom Künstler Bela B. bestehen bleibt?

Ich gehe einfach mal davon aus, dass ein paar unzerstörbare CDs von mir oder den Ärzten durchs Weltall trudeln und vielleicht von dem einen oder anderen intelligenten Leben aufgefangen werden. Ob das dann eine gute Werbung für die Menschheit ist, müssen die Klingonen entscheiden.

Und wenn es doch ein herkömmlicher Tod für Sie wird?

Wenn ich wirklich mal über so etwas nachdenke, dann über Dinge, die unmittelbar nach meinem Tod passieren. Aber das sind eher profane Gedanken, sollte ich mich in absehbarer Zeit endlich mal als Organspender melden? So etwas.

Ganz schön gewöhnlich für einen Star.

Stimmt. Aber um zum Beispiel Vampir zu werden, müsste ich erst einmal als Lebender einen Vampir treffen, der mich beißt. Mir ist aber nicht mal in Transsylvanien einer begegnet. Neben der Organspende gibt es aber noch die Frage, ob ich mich einäschern lassen soll, und ob ich dann möchte, dass meine Asche im Meer verstreut wird. Aber ich vermute, ich bin gar nicht so der maritime Typ.

Bela B. wird am 14. Dezember 1962 als Dirk Felsenheimer in Berlin-Spandau geboren. Nach der Schule beginnt er eine Ausbildung bei der Polizei, die er nach wenigen Wochen abbricht wie auch später eine Ausbildung zum Verkäufer. Danach absolviert er eine Lehre in einem Modehaus.

Von 1980 an spielt er zusammen mit Jan Vetter in der Punkband „Soilent Grün“. Nach deren Auflösung 1982 machen Felsenheimer und Vetter weiter zusammen Musik, nennen ihre neue Band „Die Ärzte“ und sich selbst fortan „Bela B.“ und „Farin Urlaub“. Nach einer Pause und der Wiedervereinigung im Jahr 1993 werden die Ärzte zu einer der erfolgreichsten deutschen Rockbands.

Bereits seit den frühen achtziger Jahren ist Felsenheimer als Schauspieler aktiv, später folgen Engagements als Hörbuchsprecher. Mit Marteen Keulemans „Exit Mundi - Die besten Weltuntergänge“ ist Bela B. derzeit auf Lesereise unterwegs.

Das Gespräch führte Martin Gropp.

Quelle: F.A.Z.
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