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Im Gespräch: Annette Humpe Nach jedem Projekt mache ich genau das Gegenteil

31.08.2010 ·  Vor dreißig Jahren brachte sie mit „Ideal“ die Neue deutsche Welle in die Wohnzimmer. Im Oktober wird Annette Humpe sechzig Jahre alt und ist mit der Gruppe „Ich + Ich“ so erfolgreich wie nie zuvor. Ein Gespräch über drei Jahrzehnte in den Charts, neue Pläne und kosmische Liebe.

Von Uwe Ebbinghaus
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Annette Humpe öffnet die Tür ihrer Altbauwohnung direkt am Lietzensee in Charlottenburg. Sie wirkt völlig entspannt, die Wohnung atmet Zen-Buddhismus. Auf dem Balkontisch stehen zwei Gläser mit einer Flasche Wasser, daneben Zigaretten.

In wenigen Tagen vor genau dreißig Jahren waren Sie zum ersten Mal im Fernsehen zu sehen und dann gleich in der Tagesschau. Es wurde über ein Konzert vor dem Berliner Reichstag berichtet. Mit dabei war Ihre Band Ideal, Sie sangen damals „Ich steh' auf Berlin“. Vielen gilt das als erster Durchbruch der Neuen Deutschen Welle ins deutsche Wohnzimmer.

Das Besondere an diesem Rockkonzert war, dass es direkt an der Mauer stattfand und sich auf der Ostseite ganz viele DDR-Jugendliche versammelt hatten, um ein Westkonzert zu hören. Das war die Nachricht. Die Fernsehaufnahmen vor Ort mussten dann aus Zeitgründen abgedreht werden, schon bevor Barclay James Harvest auf die Bühne kam. Also wurden wir gefilmt und kamen in den Genuss der Berichterstattung. Ich weiß gar nicht, ob wir namentlich erwähnt wurden, aber wir waren im Bild. Unser Erfolg begann damals gerade zu explodieren.

Wie haben Sie das empfunden, so plötzlich am Puls der Zeit zu sein?

Man weiß das in dem Moment ja nicht, man lebt es einfach. Ich habe die Neue Deutsche Welle ja auch nicht erfunden. Ich habe die Strömungen der Zeit aufgenommen. Ich bin 1978 zwei Monate lang mit einer Freundin quer durch Amerika gefahren, und wir haben uns überall neue Bands angeschaut, die Talking Heads, Blondie, Devo. Ich kam zurück nach Berlin und mir war klar, dass ich das auf Deutsch machen muss.

Was genau mussten Sie da machen?

Ich weiß nicht, in unserer Musik von damals steckt ja viel Wut. Außerdem konnte ich mich auf der Bühne gar nicht anders verhalten, als ich es tat. Ich war nicht so niedlich wie Blondie, ich wollte auch nicht eine Sängerin sein. Ich finde auch nicht, dass ich eine gute Sängerin bin. Ich hatte Musik studiert und habe mich als Musikerin und Songschreiberin verstanden.

Ihr Gesang in Liedern wie „Blaue Augen“ oder „Eiszeit“ ist aber mit das Raffinierteste, was man in deutscher Sprache hören kann: gelangweilter Sprechgesang, Knabenchorstimme, hysterisches Punkgekreische, Kälte, Schmacht . . . Vieles davon findet man später bei Nena oder Hubert Kah wieder, sogar noch bei Herbert Grönemeyer. Das war doch nicht alles der New-Wave-Musik abzulauschen?

Ich habe eine Wahnsinnsdiskothek im Kopf. Ich habe unglaublich viel Musik gehört in jungen Jahren. Davon zehre ich heute noch. In der Kleinstadt, in der ich groß geworden bin, gab es nichts anderes zu tun, als Musik zu hören. Wir hatten auch keinen Fernseher, wir haben unsere gesamte freie Zeit am Klavier verbracht oder vor dem Radio. Ich habe die Musik richtig aufgesogen, jeden Beatlessong haben wir nachgespielt. Dadurch habe ich ganz viel gelernt über die Struktur von Songs.

Wenn man sich den Text von „Blaue Augen“ genau anschaut, ist der ja sonderbar. Sie distanzieren sich zunächst von den Fifties, Sixties, dem Luxus, aber auch von der damaligen Szene und der verordneten Coolness der Zeit. Die neue Bewegung wird schon in Frage gestellt, bevor sie richtig begonnen hat.

Der Widerspruch interessierte mich. Der Trick war, dass man in den Strophen sagt: Ich bin ganz cool, mich haut sowieso überhaupt nichts vom Hocker. Das Thema baut man dann auf und erzählt im Chorus gerade das Gegenteil.

Gab es die besungenen blauen Augen?

Ja. Die gehörten meinem damaligen Freund. Ich dachte, der ist mal fällig für ein Liebeslied. Das war für die ganzen Anstrengungen, wenn ich auf Tour war.

Ideal trennte sich 1983. Wie kam es dazu?

Ich hatte das Gefühl, unsere Zeit ist vorbei, wir haben uns auch nicht mehr verstanden in der Band. Bei meinen Projekten gibt es immer strenge Regeln dafür, was musikalisch möglich ist und was nicht. Bei Ideal zum Beispiel gab es keine Chöre, zumindest nicht in der Schönheit, wie ich sie später mit meiner Schwester Inga machen konnte. Es gab ein Übermaß an Härte - die musste ausgeglichen werden. Ich brauche das immer wieder: Nach jedem Projekt mache ich genau das Gegenteil.

Danach haben Sie DÖF ins Leben gerufen und sind mit „Codo“ und dem Refrain „Und ich düse, düse, düse, düse im Sauseschritt“ in die Hitparade vorgedrungen. Mit Ideal hatte das wirklich nichts mehr zu tun. Was haben Sie sich dabei gedacht?

Gar nichts. Ich dachte: Wie gut habe ich es im Leben, dass ich zwei Monate in Wien sein darf und mit zwei völlig Verrückten ein Album machen kann.

Dann war die Neue Deutsche Welle schon wieder vorüber. Warum kam das so plötzlich?

Durch die absolute Kommerzialisierung der Plattenfirmen, die irgendwann aus jeder Kleinstadt eine mittelmäßige Band nach oben gepusht haben. Die Neue Deutsche Welle wurde verwässert und verniedlicht und hat sich zurück zum Schlager entwickelt.

Sie haben Rio Reisers erstes Soloalbum produziert, darauf das Erfolgslied „König von Deutschland“. Wie kamen Sie zusammen?

Wir kannten uns, er kam auf mich zu. Ich habe ihn sehr verehrt. Er spielte früher mal Klavier in einer Transvestiten-Band. Und als er einmal wegen einer Tour verhindert war, habe ich den Job übernommen. Das war sehr schön, mit fünf Transvestiten auf der Bühne.

Sie haben erfolgreich die Prinzen produziert und betextet, auch Lucilectric, Udo Lindenberg und viele mehr. Vielen Radiohörern ist wahrscheinlich gar nicht bewusst, dass sie von Ihnen seit über 30 Jahren permanent . . .

. . . infiltriert werden. (lacht)

Wie schafft man es, textlich immer auf der Höhe der Zeit zu sein?

Ich bleibe nicht auf der Höhe der Zeit, ich bleibe am Gefühl dran. Die Zeit interessiert mich nicht. Und wenn ich etwas fühle, kann ich mir gut vorstellen, dass das andere auch fühlen. Manchmal entsteht so etwas ganz zufällig: Ich sehe zum Beispiel bei H & M ein Schild mit dem Slogan Zwei für einen - gemeint ist der Preis. Dann beginnt es in mir zu arbeiten. Ich denke: Dass muss doch eigentlich heißen Einer von Zweien, dann kommt mir allmählich eine Geschichte dazu in den Sinn. Ich fahre nach Hause, und von da an kommt das Handwerk zum Zuge.

Man liest viel über Ihr Lampenfieber. Das sei auch der Grund für Ihre Bühnenabstinenz bei Ich + Ich. Hat Lampenfieber nicht jeder?

Also erst mal hat das längst nicht jeder so schlimm wie ich. Eine Ursache ist aber sicher auch, dass ich mich selbst als Sängerin nicht mag. Wenn man oben auf der Bühne steht, muss man es aber irgendwie genießen, sonst hat man kein Star-Appeal. FRAGE:

Ich + Ich war nach Jahren der Zurückgezogenheit und Mutterschaft eine echte Zäsur - und auch ein Wagnis für die ewige Ideal-Frontfrau, mit einer Musik, die Vergleiche mit Rosenstolz oder Pur auf sich zieht, zurückzukehren?

Ich bin es gewöhnt, dass ich, auch wenn ich erfolgreich bin, von einer Ecke immer ganz hart gedisst und angefeindet werde. Auch Ideal hatte viele Gegner: Tötet Ideal sah ich mal in einem Punk-Laden an die Wand gesprüht. Solche Reaktionen können mich aber schon lange nicht mehr schocken. Ich bekomme für Ich + Ich die tollsten Briefe von Fans, die schreiben, wie ihnen die Musik hilft. Ich schaue mir das abends an, wenn es mir schlecht geht und denke: Was will ich mehr?

Was ist das Erfolgsrezept von Ich + Ich? So erfolgreich wie jetzt waren Sie ja noch nie.

Damit hätte niemand gerechnet. Das Konzept ist - das ist mir erst später klar geworden -, dass eine erfahrene ältere Frau einem jungen Mann die Worte in den Mund legt. Er sagt Sachen, nach denen sich Frauen sehnen, voller Verständnis, Psychologie, Feinfühligkeit.

Männer bleiben auf der Strecke.

Nö, Fortgeschrittene nicht. Was sagen Sie denn als Mann zu Ich + Ich?

Die erste CD finde ich wirklich faszinierend, da steckt fast ein Übermaß an Kreativität drin. Aber es kommt bei dem gesamten Projekt auf die musikalische Einlösung der Texte an, finde ich, und die ist bei den beiden folgenden Alben nicht immer gegeben.

Bei den letzten beiden standen wir unter Druck. Wir waren sehr erfolgreich und mussten und wollten Neues liefern. Dabei geht leicht das Spielerische verloren. Die erste Platte ist immer unschuldig und die allerschönste.

Ihre Texte kann man als Ausdruck von Mutterliebe, Geschwisterliebe, Liebe zwischen den Generationen verstehen. Nur mit der Liebe zwischen Mann und Frau wird es schwierig. Sie haben einmal gesagt, bei Ich + Ich gehe es um kosmische Liebe.

Ja, Mann-Frau-Liebeslieder interessieren mich nicht.

Ist das nicht sonderbar? Ihre Zuhörer finden sich ganz persönlich in Ihrer Musik wieder, Sie selbst aber denken in kosmischen Zusammenhängen.

Na ja, ich bin Buddhistin. Aber ich bin nicht missionarisch. Ich mache ein Angebot, wie man die Welt auch betrachten kann. So ungewöhnlich ist das aber gar nicht. Im Alter machen das alle guten Musiker. Auch Madonna macht das versteckt in ihren Texten, denken Sie zum Beispiel an Frozen.

1993 antworteten Sie auf die Frage, welchen Traum Sie sich unbedingt noch erfüllen wollen: „Eine spirituelle Operette schreiben.“ Viele hielten das wohl für Ironie - und wurden zwölf Jahre später mit Ich + Ich überrascht. Das ist ja eigentlich ein spirituelles Musical.

Ja. Ich bin niemals ironisch.

Inzwischen haben Sie zwei Millionen Alben verkauft. Gibt es denn wirklich so viele Menschen, die Trost brauchen?

Massen. Wir wissen doch, in was für einer Gesellschaft wir leben.

Ihr Sohn hat im Jahr 2001 einen schweren Unfall erlitten, Sie haben um sein Leben gebangt. Kommt daher vielleicht ihre besondere Sensibilität für Trost?

Das spielte bestimmt eine Rolle. Ich habe in der Reha-Klinik, in der mein Sohn lag, so viele Schicksale gesehen - im Vergleich zu denen ging es mir noch gut. Denn mein Kind ist aus dem Koma erwacht, mein Kind hat neu laufen gelernt und sprechen. Da waren aber auch Kinder, die würden womöglich nie mehr erwachen, und bei denen saßen die Mütter auch am Bett, haben sie beim Vornamen angesprochen und gehofft, dass sie erwachen.

Vor diesem Hintergrund wirkt Ihre Musik wie das Natürlichste der Welt. Ist aber mit drei tröstlichen Alben nicht alles erzählt?

Ich mache jetzt erst mal eine Pause, und dann sehen wir weiter. Ich nehme das alles nicht so ernst. Wir reden hier ja nicht über Hilfsgüter in Pakistan. Das ist nur Musik, das ist mein Job, ich möchte gute Qualität abliefern.

Es gibt bei Ihnen ja so etwas wie den Fluch des dritten Albums, außerdem werden Sie im Oktober, man kann es kaum glauben, sechzig Jahre alt. Können Sie sich vorstellen, etwas ganz anderes als Ich + Ich zu machen?

Ja. Ich bin offen. Das muss man sein als Buddhist. Man muss loslassen können.

Nach Ihrer persönlichen Logik müsste jetzt wieder etwas Härteres kommen.

Nein, es wäre vielleicht nur nicht Musik.

Werden Sie schreiben?

Vielleicht.

Fiktional oder non fiktional?

Weiß ich noch nicht.

Sie müssten eigentlich Ihr Leben aufschreiben.

Um Gottes Willen, so weit kommt das noch. Niemals.

Annette Humpe

wird am 28. Oktober 1950 in Hagen geboren. 1974 zieht sie nach Berlin.

Dort gründet sie 1979 gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester Inga die Gruppe Neonbabies, die genauso zu den wichtigsten Protagonisten der Neuen Deutschen Welle zählt wie Annette Humpes zweite, noch bekanntere Band, die 1980 unter dem Namen Ideal entsteht.

1983 löst sich Ideal auf, doch Annette Humpe hat als Produzentin und Sängerin der Gruppe DÖF, in der auch ihre Schwester wieder vertreten ist, sofort neuen Erfolg. 1990 zieht sich Annette Humpe als Sängerin zurück, schreibt und produziert aber weiterhin für zahlreiche deutsche Musiker, darunter Udo Lindenberg, Nena und Die Prinzen.

2004 gründet Annette Humpe gemeinsam mit dem Sänger Adel Tawil die Formation Ich & ich.

Gerade produziert sie das neue Album von Max Raabe.

Sie hat einen Sohn und lebt in Berlin.

Die Fragen stellte Uwe Ebbinghaus

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1971, Redakteur im Feuilleton.

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