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Im Gespräch: Andreas Deja Was reizt Sie an Disneys Tigern, Herr Deja?

13.12.2009 ·  Im Hamburger Hyatt Hotel sitzt die Hauptfigur aus „Küss den Frosch“ – ein Mensch im Plüschkostüm. Doch was ist das gegen das Rollenspiel, das wenig später der Disney-Animator Andreas Deja veranstaltet? Er lebt seine Figuren im Gespräch aus.

Von Andreas Platthaus
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Im Hamburger Hyatt Hotel sitzt die Hauptfigur aus „Küss den Frosch“ - ein Mensch im Plüschkostüm. Doch was ist das gegen das Rollenspiel, das wenig später der Disney-Animator Andreas Deja veranstaltet? Er lebt seine Figuren während des Gesprächs aus. Wir sprachen mit ihm über die Probezeit bei Disney, Muskelprotze, Bösewichter, Extra-Speckfalten für mehr Beweglichkeit und die „Nine Old Men“ der Trickfilmkunst.

Als ich das erste Mal von Ihnen hörte, verdankte ich das einem Sonderheft der Kinozeitschrift „Cinema“ über Walt Disney. Anlass war der Kinostart von „Cap und Capper“, das muss also 1981 gewesen sein.

Ach je, ist das schon lange her.

Sie galten damals als Sensation: der erste Deutsche, der nach Hollywood gegangen und als Trickfilmzeichner bei Disney engagiert worden war. Wie kamen Sie als Mittzwanzigjähriger auf den Gedanken, das zu versuchen?

Ich wollte es einfach. Das „Dschungelbuch“ war als Kind mein erster Disneyfilm, und der hat mir den Kopf verdreht, aber auf eine ernsthafte Weise: Da war etwas, was mich traf. Ich habe dann einen Brief mit Fragen an Disney aufgesetzt, und ein Jahr später kaum auch Antwort. Das Wichtigste, was sie mir damals schrieben, war der Ratschlag, dass ich, wenn ich mich wirklich für die Arbeit interessieren sollte, wie sie dort gemacht wurde, bitte keine kopierten Figuren aus Disneyfilmen als Proben einreichen sollte. Das machten alle. Also keine Micky Maus, keinen Pluto, das könnten sie mir später noch beibringen. Ich sollte erst einmal Künstler werden, also eine ordentliche Ausbildung machen, mit Aktzeichnen und allem, was dazugehört. Und ihnen dann zeigen, wie ich die Welt sehe. An diesen Rat habe ich mich gehalten.

Sie haben sich also als Jugendlicher auf eine jahrelange Ausbildung festgelegt, ohne zu wissen, ob Sie später Ihren Traumjob überhaupt bekommen würden?

Ja, und das bedeutete vier Jahre Ausbildung zum Künstler. Und vorher schon Tiere beobachten und zeichnen, nicht nur ein paar Mal, sondern regelmäßig und richtig lange. Das war im Duisburger Zoo, der lag am nächsten zu uns. Dann habe ich Graphik an der Folkwangschule in Essen studiert, mich aber zwischendurch noch einmal an Disney gewandt, weil dort ein neues Ausbildungsprogramm ins Leben gerufen worden war, das von Eric Larson geleitet wurde, einem jener berühmten Veteranen im Disney-Animationsgeschäft, die man die „Nine Old Men“ nennt, weil sie an allen großen Klassikern mitgearbeitet hatten. Er schrieb mir zurück, Disney suche zurzeit keine neuen Leute, aber immer hervorragende Leute, und da dachte ich mir: Gut, dann musst du eben hervorragend werden.

Und so haben Sie dann auch Ihr Studium abgeschlossen?

Das war gar nicht mehr so wichtig, denn ich hatte doch den Mut, ein paar Zeichnungen an Eric Larson zu schicken, und er schrieb mir zurück: „I think you got what it takes.“ Und das auch noch auf Dschungelbuch-Briefpapier! Er riet mir aber, das letzte Jahr an der Folkwangschule noch zu absolvieren. Im Juni 1981 wurde ich dort fertig, im August war ich schon bei Disney.

War das nicht doch noch ein Risiko?

Na ja, die Probezeit betrug damals sechs Wochen. Dann musste man mit ein paar Zeichnungen für Eric Larson eine Figur animieren – sie nicht nur auf dem Papier bewegen, sondern mit ihr auch irgendwelche Emotionen zeigen. Ich hatte dafür eine kleine Hexe entworfen, die Schwierigkeiten mit ihrem Besen hat, und das hat Larson gefallen.

Was war Ihr Debüt auf der Leinwand?

Ich wurde für ein Jahr mit einem anderen jungen Zeichner zusammengesteckt, und wir arbeiteten an Entwürfen für den Trickfilm „Taran und der Zauberkessel“, der schließlich 1985 in die Kinos kam. Ich galt als der von uns beiden, der den Disneystil schon gut draufhatte, während der andere frisch von der kalifornischen Kunsthochschule CalArts kam und als skurril verschrien war. Zusammen sollten wir etwas Neues schaffen. Dieser Kerl war Tim Burton, und so habe ich mein erstes Jahr lang neben einem der berühmtesten Filmregisseure von heute gearbeitet.

In New York sind ja gerade erst seine Zeichnungen aus dieser Zeit im MoMA ausgestellt worden. Die sind zauberhaft.

Ich dachte damals immer, er hätte nebenher noch Kinderbuchillustrationen gemacht, und zwar im Stil jener Episoden aus der „Sesamstraße“, bei der Zahlen als Figuren auftreten.

Ja, das stimmt. Die Ausstellung zeigt ein Blatt mit einer Sechs, die als Monster inszeniert ist. Burton scheint sich aber nicht mehr erinnern zu können, wann er das gezeichnet hat. Als Entstehungszeitpunkt steht da 1980 bis 1990.

Das war 1982. Er hatte einige Sachen, die er wegschmeißen wollte, aber dann mir gegeben hat. Das ist ein ganzer Stapel.

Wie ging es danach bei Ihnen weiter?

Nach „Taran“ habe ich kurz an „Basil, der Mäusedetektiv“ gearbeitet, und dann ging es nach London, zu „Roger Rabbit“. Den sollten zwar nur europäische Animatoren zeichnen, aber Disney schickte zwei Leute herüber, um sicherzustellen, dass die Figuren stimmten, also Donald, Micky, Goofy, Pluto, die alle kurz in „Roger Rabbit“ auftreten. Aber ich hatte auch mit Roger selbst zu tun. Außerdem mit dem Anführer der bösen Wiesel und dem Rausschmeißer-Affen im Nachtclub.

Das sind ganz schöne Tough Guys . . .

Ja, plötzlich war ich auf Bösewichter festgelegt, obwohl ich nach meiner Rückkehr nach Amerika erst einmal König Triton für „Arielle“ animiert habe.

Eine sehr gütige Figur.

Aber dann wurde mir Gaston aus „Die Schöne und das Biest“ anvertraut, weil der als Muskelprotz anatomisch korrekt wirken sollte, und das traute man mir nach Triton zu. So kam ich zu den Bösewichtern: Jafar in „Aladdin“, Scar in „Der König der Löwen“. Das hätte ewig so weitergehen können, denn Hades in „Hercules“ hatten sie mir auch schon angeboten, aber da wollte ich nicht mehr, und so bekam ich dann auch mal die Hauptfigur.

In „Küss den Frosch“ haben Sie jetzt die alte Voodoozauberin Mama Odie animiert. Gehen Sie dazu ins Archiv, um sich Arbeiten Ihrer legendären Vorgänger anzuschauen?

Nein, die sind mittlerweile in meinem Hinterkopf, weil ich sie mir jahrzehntelang angeschaut habe. Erst mal sehe ich mir gar nichts an, um neu denken zu können. Die einzige Figur, die ähnlich ausgesehen hat wie Mama Odie, war Madam Mim aus „Die Hexe und der Zauberer“. Ich habe mir aber Fotos von zahnlosen Alten angesehen, um die Mundpartie und die Bewegungen der Lippen richtig hinzubekommen. Das fehlte bei „Madam Mim“: diese flexible, fleischige Form der Lippen. Oder die Extra-Speckfalten im Gesicht, die das Ganze beweglicher machen. Ich will am liebsten Figuren schaffen, für die es kein Vorbild gibt.

Der neue Film ist sehr witzig geworden, aber vor allem ein Farbenwunder.

Wir wollten damit die Kultur von New Orleans hochleben lassen und gerade nach der Zerstörung durch „Katrina“ die Stadt positiv präsentieren. Als wir die ersten Farbbilder gesehen haben, waren wir wirklich von den Socken. Ich kenne ja nur meine schwarzweißen Bleistiftzeichnungen, und manchmal sagt man sich bei den ersten Farbmustern: Das sieht aber doch ein bisschen flach aus. Aber der Art Director von „Küss den Frosch“, Ian Gooding, hat uns mit seiner Farbpalette vom Hocker gerissen. Er lässt uns Animatoren wirklich gut aussehen. Das wirkt in Farbe alles besser als unsere eigentlichen Zeichnungen.

Reine Bescheidenheit, ich glaube kein Wort.

Doch, doch. Die sind jetzt nicht nur kräftig bunt, sondern bieten auch Nuancen, die vorher nicht da waren. Nehmen Sie nur das Boot von Mama Odie: Da ist alles in Graubraun-Tönen gehalten, damit die Figur sich besser hervorhebt. Das ist ganz toll ausgearbeitet.

Wieso sind Sie überhaupt noch bei Disney? Vor fünf Jahren hieß es, klassisch gezeichnete Animation werde dort komplett eingestellt.

Einige Kollegen waren auch wirklich schon weg. Eric Goldberg etwa, der den Alligator Louis in „Küss den Frosch“ animiert hat, oder auch die beiden Regisseure des Films, John Musker und Ron Clements, die für einige der größten Disney-Erfolg der letzten zwanzig Jahre verantwortlich waren. Sobald aber John Lasseter zusammen mit seinem Pixar-Studio von Disney eingekauft worden war, hat er die Leute sofort wieder angeheuert.

Lasseter ist mit Pixar ja der Inbegriff von Computeranimation. Warum setzt er sich dieser Konkurrenz im eigenen Hause aus?

Weil er seine Faszination für gezeichnete Animation nie verloren hat. Das war bei Walt Disney auch so: Der hat sich immer wieder für neue Dinge interessiert – nach den Kurzfilmen für abendfüllende Trick- und dann für Realfilme, für Fernsehen, Freizeitparks – und hat doch nie die Begeisterung für den klassischen Trickfilm verloren. Das haben wir gemerkt. Die Arbeit an „Küss den Frosch“ hat von der Auswahl der Geschichte bis zur Fertigstellung vier Jahre gedauert, wobei wir Animatoren für unseren Part, der die schauspielerische und graphische Umsetzung der Figuren umfasst, gut anderthalb Jahre benötigten. Anfangs ist John Lasseter immer ganz intensiv dabei, um Geschichte, Figuren und Stil aufs richtige Gleis zu bringen. Wenn es dann läuft, zieht er sich wieder etwas zurück.

„Bolt“ aber hat er komplett umarbeiten lassen.

Ja, aber das lag daran, dass „Bolt“ schon in Arbeit war, als Lasseter zu Disney kam. Er und der ursprüngliche Regisseur Chris Sanders kamen nicht miteinander zurecht, weshalb Sanders zur Konkurrenz von Dreamworks gegangen ist. Der Film wurde dann von anderen Regisseuren beendet. „Küss den Frosch“ ist aber der erste Disneyfilm, den Lasseters komplett verantwortet. Bei Pixar war übrigens vorher auch ein Film auf der Grundlage des Märchens „Der Froschkönig“ in Planung. Davon sind wohl auch einige Elemente in die jetzige Geschichte eingegangen.

Was haben Sie für ein Gefühl bei dem Film?

Ein gutes. Und selbst wenn er nicht gut laufen würde, ist das Überleben der klassischen Animation bei Disney gesichert. Es gibt ja schon vier Nachfolgeprojekte.

Können Sie dazu etwas andeuten?

Kann ich, zumindest teilweise. Einer ist der nächste Film von Musker und Clements, aber ich weiß noch nicht, was das wird. Dann planen wir eine Fortsetzung von „Roger Rabbit“ – in Zusammenarbeit mit Dreamworks, was jahrelang unmöglich schien. Aber das braucht sicher noch Zeit. Im übernächsten Jahr werde ich erst einmal an der „Schneekönigin“ mitarbeiten, der schon lange bei Disney in Planung war. Und vorher kommt noch ein anderer Film: Wir arbeiten gerade an Testanimationen mit den Disneyfiguren von Winnie the Pooh. Mit denen soll mal wieder etwas Anspruchsvolleres passieren, nachdem sie kommerziell beinahe verheizt worden wären.

Wen zeichnen Sie dabei?

Ich hatte eine Lieblingsfigur, dachte aber, die wollten auch alle anderen Kollegen zeichnen. Trotzdem habe ich mein Interesse bekundet und einfach zwei Testszenen gezeichnet, und siehe da: Jetzt zeichne ich Tigger.

Weiß Gott kein Bösewicht.

Nein, das macht Spaß. Zumal mein Vorgänger Milt Kahl war, ein anderer von den Nine Old Men. Er hatte schon in den vierziger Jahren einen Tiger für den Goofy-Kurzfilm „Tiger Trouble“ animiert, dann Shir Khan im „Dschungelbuch“ und schließlich eben Tigger. Als wir kürzlich in der Academy of Motion Picture Arts and Sciences Kahls hundertsten Geburtstags gedachten, habe ich diese drei Filme in Ausschnitten vorgeführt – ein Animator, drei komplett verschiedene Konzepte eines Tigers. Es war ein toller Abend. Man muss ja den Leuten, die heutzutage in der Welt der Kunst tätig sind, die Bedeutung dieser großen Animatoren erst klarmachen. Diese Nine Old Men, das sind die Raffaels oder Michelangelos der Vereinigten Staaten. Ihr Beitrag zur aktuellen Kunst ist in Amerika so groß wie der der alten europäischen Meister hierzulande.

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