20.12.2010 · Vor zehn Jahren begannen die Exhumierungen von Mordopfern des Spanischen Bürgerkriegs, doch noch immer liegen die sterblichen Überreste von mehr als hunderttausend Menschen in Massengräbern: Die Geschichte eines Versagens.
Von Paul Ingendaay, MadridVielleicht, heißt es in der E-Mail, die im Oktober eintrifft, erinnern Sie sich. Erinnerung ist das Schlüsselwort. „Vielleicht erinnern Sie sich an Ihren Artikel über die Exhumierung zweier Ermordeter in Navalcán, bei der wir Gelegenheit hatten, uns zu unterhalten.“
Natürlich erinnere ich mich. Navalcán, ein heißer Tag im August 2006. Eine idyllische Gegend in der Provinz Toledo, hundertdreißig Kilometer südwestlich von Madrid. Und ein Dutzend Menschen, angeführt von einem Gerichtsmediziner und einem Anwalt, die im trockenen Boden außerhalb des Dorfs nach den Leichen zweier Arbeiter suchen, die am 4. Oktober 1936 erschossen worden waren. Die beiden Männer waren weder Soldaten noch politisch aktiv. Sie fielen nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs den Terroraktionen von Francos Militärs zum Opfer. „Paseo“, Spaziergang, nannte man das Abholen und Töten. Die meisten, die „spazierengeführt“ wurden, starben durch Schüsse in Nacken oder Schädel und wurden irgendwo am Wegrand verscharrt.
Man muss in die Augen der alten Frauen sehen
Seit dem Sommer 2006 haben mir verschiedene Familien von ihren verschwundenen Angehörigen erzählt, doch immer noch berührt mich die Heftigkeit, mit der siebzig Jahre nach dem Mord die Emotionen hervorbrechen. Es sind keine ganz eindeutigen Gefühle. Oft mischt sich die Erleichterung, endlich reden zu können, mit der doppelten Scham, so lange gelitten und so lange geschwiegen zu haben, und dazu kommt manchmal die Angst, die Täter von damals könnten zurückkehren, um den Geheimnisverrat zu rächen.
Diese Angst ist nicht leicht zu erklären. Um sie zu verstehen, muss man in die Augen der alten Frauen sehen, die Politik nie gestaltet, sondern immer nur erlitten haben. Auf dem Dorf gelten andere Spielregeln, so war es immer. Diktatur oder Demokratie, am Ende kommt es darauf an, wer die Macht hat. Und im Fall der beiden Arbeiter von Navalcán war der Fall klar. Einer der Mörder wurde nach dem Krieg Bürgermeister, und die Angehörigen der Opfer schlichen fortan wie Schuldige durchs Dorf. Diese Umkehrung der moralischen Lasten ist typisch für Gesellschaften, in denen lange Zeit nicht offen geredet werden durfte. Viele gewöhnen sich daran, senken den Blick und halten für immer den Mund.
Scheußliche Einzelheiten aus den ersten Bürgerkriegsmonaten
Erst als der Mann, der als Vierzehnjähriger die Grube schaufeln musste, siebzig Jahre später dem Ende nahe war, ließ er sich dazu überreden, den genauen Tatort preiszugeben. Einige Monate darauf kam der Bagger, um die oberste Geländeschicht abzutragen, und die Feinarbeit mit kleinen Schaufeln, Sieben und Löffeln begann: die Suche nach den Resten der liquidierten Landarbeiter Mariano Rodríguez Muñoz und Benito Otero Martín. Mehr als vier Jahre sind seit der Exhumierung vergangen. Doch endlich, heißt es in der E-Mail vom Oktober, erhielten die beiden Ermordeten eine Gedenkstunde im Kulturhaus von Navalcán. Danach würden ihre sterblichen Überreste auf dem Friedhof beigesetzt. Ob ich kommen wolle?
Es wird eine bewegende Zeremonie vor hundertfünfzig Menschen. Vorn auf dem Podium stehen weiße Plastikbehälter mit den wenigen Knochenresten, die sich in der sauren Erde von Navalcán noch finden ließen. Zu wenig für die DNA-Analyse und eine wissenschaftliche Identifizierung, aber genug, um an diesem Tag die Verschwundenen zu vertreten - ein Zeichen nach siebzig Jahren Zeichenlosigkeit. Die wenigen Jugendlichen, die an der Veranstaltung teilnehmen, gehören den Familien der Ermordeten an. Alle Übrigen sind zwischen Mitte dreißig und Mitte achtzig. Die alte Gregoria, die mir seinerzeit unter Tränen scheußliche Einzelheiten aus den ersten Bürgerkriegsmonaten anvertraut hat, ist inzwischen gestorben. Mehrere Menschen treten nach vorn und erzählen aus der Familiengeschichte, von der Leidensspur die Jahrzehnte hindurch und von dem, worum es ihnen geht: Gedenken, nicht Rache. Ein Gedenken, das seinen natürlichen Platz in der spanischen Gesellschaft hätte. Nur die ganz Alten sagen nichts.
Späte Gerechtigkeit, mehr ist nicht drin
Als die Feierstunde zu Ende ist, stellt sich mir ein Mann mittleren Alters vor, der nicht zur Familie gehört. Er heiße Vicente Carpeño, sagt er, und könne mir die Geschichte seines Dorfes erzählen, El Real de San Vicente, eine unfassbar grausige Geschichte, er sei für diese Gedenkstunde eigens aus Madrid angereist. Die Schicksale in den Dörfern ähnelten sich. Wir reden ein wenig und tauschen E-MailAdressen aus. Dann gehen wir zum Friedhof. Ein Priester spricht den Segen, als die Plastikbehälter, mit einem weißen Tuch bedeckt, in die Erde gelassen werden. Danach, beim Mittagessen im Gasthof, ist die Stimmung gelöst. Etwas ist abgeschlossen. Niemand wüsste genau zu erklären, was, aber die Menschen an der langen Tafel empfinden, dass dem Schicksal der beiden armen Burschen, die 1936 erschossen wurden, späte Gerechtigkeit widerfahren ist. Mehr ist nicht drin.
Bis vor zehn Jahren, als der Lokaljournalist Emilio Silva das kollektive Schweigen nicht länger hinnehmen wollte und beschloss, seinen ermordeten Großvater auszugraben, gab es noch nicht einmal das. Bis zum Jahr 2000, in vierzig Jahren spanischer Diktatur und mehr als zwanzig Jahren Demokratie, regierte beim Thema der im Bürgerkrieg Liquidierten bleierne Stille. Der spanische Soziologe Francisco Ferrándiz hat das Massengrab als „raffiniertes Mittel der Schreckenserzeugung“ bezeichnet. Indem es die einen eliminiert und beiseiteschafft, wirkt es lähmend, abschreckend, geradezu abtötend auf die Überlebenden. Erinnerung soll gelöscht, Weiterdenken ein für allemal versperrt und jedes Wort über den Terror unterbunden werden.
Alle duckten sich unter das Schweigegebot
Die Rechnung ging auf. Während Franco mit den Opfern auf Seiten der Putschisten einen pompösen Totenkult veranstaltete, den gefallenen Helden Monumente oder Straßen widmete und für sich selbst als Grabstätte den Platz hinter dem Hochaltar in der Basilika des faschistischen Weiheorts „Tal der Gefallenen“ reservierte, legte sich ein Tuch des Schweigens über die ermordeten Verlierer. Nicht nur ihr politisches Projekt war besiegt, auch die Menschen und ihre Lebensgeschichten waren verschwunden. Oft konnten die Toten nicht einmal innerhalb der eigenen Familie beim Namen genannt werden, denn jedes Gespräch hätte auch von der Hilflosigkeit, dem Leid und der Demütigung der Überlebenden handeln müssen. Darin liegt, betrachtet man die Langzeitwirkung der franquistischen Repression, das verheerende Erbe, das die demokratische Gesellschaft übernehmen musste.
Auch Emilio Silva, mit dem die Geschichte der Exhumierungen in Spanien beginnt, hat davon berichtet, dass die Kinder des Dorfes Priaranza del Bierzo (León) genau wussten, wo „die Toten“ lagen, und tunlichst einen großen Bogen um den Ort machten, der von moralisierenden Schauergeschichten umgeben war. Jeder wusste also Bescheid. Und alle duckten sich unter das Schweigegebot, das nicht nur vom Massengrab, sondern auch von der willkürlichen Art des Mordens ausging. Das Opfer war „abgeholt“ und „mitgenommen“ worden, so viel wusste man. Es verschwand ein für allemal. „Irgendetwas wird er schon getan haben“: Die gedankenlos pauschale Schuldvermutung der Ängstlichen, die es nicht erwischt hatte, sickerte als sprichwörtliche Wendung ins betäubte Bewusstsein der Mehrheit ein.
Die Schergen der Falange
Was sich in den vergangenen zehn Jahren verändert hat, lässt sich nicht leicht beschreiben. Es ist eine Volksbewegung ohne Ideologie oder politische Agenda, ein kollektiver Ruf nach der Erfüllung eines Rechts: in Würde die eigenen Toten zu bestatten. Überall im Land wird das Tabu, das über der Bürgerkriegsvergangenheit liegt, aufgehoben, selbst gegen Widerstand. Man solle nicht „alte Wunden wieder aufreißen“, heißt es mit einer häufig benutzten Metapher. Doch diese Wunde ist so schlecht verheilt, dass sie nach mehr als siebzig Jahren noch schmerzt. Allein in Aragonien soll es 588 Massengräber geben, in Andalusien 445 und in Asturien 318. Sich die schiere Masse an Gebeinen vorzustellen übersteigt die Phantasie.
Unter den zahllosen Tragödien, die auf diese Weise ans Licht gekommen sind, besitzt das Schicksal von Laurentino Fernández emblematischen Charakter. Ich lernte den Einundneunzigjährigen in Lario (Provinz León) auf der Wiese kennen, wo die Schergen der Falange am 30. September 1936 seine Mutter María, die Lehrerin der Mädchenschule, ermordet und zusammen mit dem Lehrer für die Jungenschule in eine Grube geworfen hatten. Das Einzelkind Laurentino hatte früh seinen Vater verloren und lebte mit Mutter und Stiefvater zusammen. Als sie María de los Desamparados abholten, um sie zu ermorden, war er gerade achtzehn geworden. Am nächsten Tag, so rief ihm jemand zu, werde man auch seinen Stiefvater holen.
Die Wiese, unter deren Oberfläche seine Mutter verscharrt liegt
Mit diesem Ereignis verwandelt sich Laurentinos Leben, er verstellt sich und wird ein anderer. Der junge Kommunist vergisst die Politik, meldet sich zum Militär der Nationalisten, um seinen Stiefvater aus der Haft freizubekommen, und lässt sich 1941 sogar mit der Blauen Division nach Russland schicken, um im Eroberungskrieg der deutschen Wehrmacht zu kämpfen. Von seiner wahren politischen Überzeugung wird in den nächsten Jahrzehnten nicht einmal seine eigene Familie etwas ahnen. Laurentino Fernández verbringt mehr als ein Jahr bei der Blauen Division, macht im spanischen Heer Karriere und übernimmt einen verantwortlichen Posten in der Finanzverwaltung des Militärs. Längst hat er geheiratet (seine Frau stammt aus einer nordspanischen Falange-Familie), hat Kinder und sieht sie groß werden.
Und dann, mit dem Tag der Pensionierung, verwandelt Laurentino Fernández sich in den Kommunisten zurück, der er war. Plötzlich darf er die Ideologie des Franco-Staats, dem er ein halbes Leben lang gedient hat, wieder hassen und fängt an, auf die Wiese zu gehen, unter deren Oberfläche seine Mutter verscharrt liegt. Sie soll laut geschrien und sich heftig gewehrt haben, als man die Vorbereitungen zum Töten traf, „die Schreie von María“ sollen im ganzen Dorf zu hören gewesen sein. Am Ende, so heißt es, griffen die Mörder zur Spitzhacke. Und was muss man sich dazu denken? Ja, was wohl? Dass die junge Lehrerin und gläubige Katholikin, die liquidiert werden soll, sich mit ihrer Ermordung nicht abfindet, die gesamte Dorfgemeinschaft aber wohl. Todesfälle dieser Art tragen eine lapidare bürokratische Bezeichnung: „Folge des Kampfes gegen den Marxismus“. Seit Laurentino die Berufsmaske des Militärs abgestreift hat, denkt er darüber nach, wie er seine Mutter aus der Erde holen kann.
Er hat sich an die Lüge gewöhnt
Der alte Mann ist nervös und gefasst zugleich, als die freiwilligen Helfer vor seinen Augen in der Grube hocken und Erde sieben. Am ersten Tag finden sie nichts. Dabei hängt daran alles! Am zweiten Tag werden die sterblichen Überreste von María de los Desamparados geborgen, zusammen mit denen ihres Lehrerkollegen Eusebio González. Laurentinos Reise ist zu Ende. Wer könnte sich die Verstellung, die einen guten Teil seines Lebens beherrscht hat, wirklich ausmalen? Er hat fingiert, um seinen Stiefvater zu retten und selbst zu überleben, er hat sich an die Lüge gewöhnt und ist auf sonderbare Weise eins mit ihr geworden, so dass man sich fragen mag, wer denn der wahre Laurentino war: der richtige oder der falsche? Wo immer die Wahrheit liegt, den inneren Kampf hat er ganz allein ausgetragen, denn seine Frau sagt zu den Schrecken der damaligen Zeit schon seit langem nichts mehr. Nur einen Satz bringt sie über die Lippen: „Die einen waren Verbrecher, die anderen waren Verbrecher.“
Kurz darauf gewährt mir der Forensiker Francisco Etxeberría, Professor für Gerichtsmedizin an der Universität des Baskenlandes, Einblick in den wissenschaftlichen Teil der Totengrabungen. Etxeberría war bei der allerersten Exhumierung dabei und hat zusammen mit der Anthropologin Lourdes Herrasti im Wissenschaftsinstitut Aranzadi (San Sebastián) den größten Datenbestand zu den Liquidierungen des Bürgerkriegs aufgebaut. Jeder Exhumierung gehen eine Archivrecherche und das Sammeln von Zeugenaussagen voraus. Teil drei ist der Ausgrabung, Teil vier der Analyse der Gebeine, Kleiderreste, Pistolenkugeln, Münzen und sonstigen Gegenstände gewidmet, die sich in einem Massengrab finden können. Den Abschluss der Arbeit bildet ein mehr als hundert Seiten langer forensischer Bericht. Jede Exhumierung wird gefilmt und der DVD-Sammlung hinzugefügt.
Der rechte Terror hatte von Anfang an etwas Systematisches
„Es ist eine Schande, dass in den Jahren der Demokratie nicht mehr getan wurde“, sagt Etxeberría. „Wo waren die Universitäten? Wo waren die spanischen Intellektuellen? Wo die Politiker?“ Wer immer heute vom schlecht aufgearbeiteten Erbe der Diktatur spricht, wird von Francos Apologeten an die rund siebentausend ermordeten Ordensschwestern, Seminaristen und Priester erinnert. Auch Bischöfe fielen im Sommer 1936 den pogromartigen Gewalttaten eines radikalisierten Pöbels zum Opfer, und die Zweite Spanische Republik versagte als Ordnungsmacht auf der ganzen Linie. Zu beschönigen ist an diesen Morden nichts. Hier und da finden sich sogar Massengräber, in denen Opfer der Republikaner liegen. „Um die kümmern wir uns genauso“, sagt Etxeberría. „Wir exhumieren sie. Manche wundern sich darüber. Sie verstehen nicht, dass es uns wirklich nicht um Ideologien geht, sondern um Menschen, die zu Opfern wurden.“
Doch im Gegensatz zu den Gewaltexzessen der Linken hatte der rechte Terror von Anfang an etwas Systematisches, und er hörte mit dem Ende des Bürgerkriegs nicht auf. Lange nachdem sich die Diktatur installiert hatte, wurden ideologische Gegner immer noch erschossen, in Konzentrationslager geworfen, dem Hunger und Infektionskrankheiten überlassen. Nicht die Versöhnung der „zwei Spanien“ war das Ziel, sondern fortdauernde Rache. Folter, Repression und Todesstrafen gegen „Politische“ gehörten zu den Mitteln eines Staates, der sich bis zum Ende auf Einschüchterung verließ. Unter diesen Umständen konnte nichts, was den Namen Gedächtnispolitik verdient, gedeihen. Einzelne Bürgermeister der konservativen Volkspartei (PP) unterstützen zwar heute die Grabungen nach den Opfern des Terrors. Die Parteispitze jedoch erkennt das Anliegen nicht an und igelt sich in starrer Verteidigungshaltung ein, als ginge es immer noch um die ideologischen Kämpfe von damals.
Mehr als zweitausend Massengräber
Wir stehen vor einer großen Spanien-Karte. Sie ist von Nadeln mit roten und grünen Köpfen übersät. Die roten Punkte, erklärt Francisco Etxeberría, bezeichnen die abgeschlossenen Exhumierungen. Die grünen, unüberschaubar vielen Punkte die Stellen, an denen sich Massengräber befinden, die irgendwann einmal geöffnet werden sollen. Mit den bisherigen Mitteln, das zeigt simples Nachrechnen, wäre die Arbeit nicht einmal in einem halben Jahrhundert zu bewältigen. Laut Quellen der spanischen Regierung sind von den mehr als zweitausend Massengräbern, deren Existenz bekannt ist, weniger als zweihundertfünfzig geöffnet. Aus diesen kaum zwölf Prozent wurden bis zum Herbst 2010 die sterblichen Überreste von 5277 Menschen geborgen. Mehr als hunderttausend Menschen, so die Schätzungen, sollen noch in Spaniens Erde liegen.
Etxeberría berichtet von einer Grabung, bei der sechsundvierzig Skelette zutage gefördert wurden. Da wies jemand auf ein Massengrab im Nachbardorf hin, so dass die Gruppe auch dort eine Exhumierung vornahm. Drei weitere Leichen kamen ans Licht. „Die Landkarte mit den roten und grünen Punkten“, sagt er, „gibt uns eine erste Vorstellung, nicht mehr. Das alles ist viel größer, als wir uns vorzustellen wagen.“
Die Kugeln des zwanzigsten Jahrhunderts
Die Toten des Bürgerkriegs sind für den Forensiker nicht nur ein gesellschaftspolitisches Anliegen, sondern eine stumme Präsenz im täglichen Leben. Als liefe er über die letzten Spuren der Ermordeten, von denen niemand mehr spricht, wenn es die Wissenschaftler nicht tun. Unlängst, so erzählt er, sei man bei Straßenarbeiten an der „Eisernen Brücke“ in San Sebastián auf Skelette gestoßen, von denen die Archäologen zunächst annahmen, es handele sich um Opfer der napoleonischen Kriege. Doch auch diesmal verrieten die Kugeln des zwanzigsten Jahrhunderts, dass hier Liquidierungen des Bürgerkriegs stattgefunden hatten. „Wir fanden im ersten Grab drei, im zweiten Grab vier Tote“, sagt Etxeberría. „In hundert Metern Entfernung von meinem Haus!“
Ein Großteil anthropologischer Forschung ist für Wissenschaftler bestimmt, die sich über die Fortschritte auf ihrem Gebiet in Fachzeitschriften und auf Tagungen austauschen. Doch Etxeberrías Forschung soll für die Bürger da sein, für alle, die etwas über ihre Angehörigen herausfinden wollen. Außer bei zufällig entdeckten Massengräbern kommen Exhumierungen meist zustande, wenn eine Familie ausdrücklich darum bittet. Vor allem aus juristischen Gründen. Hat die Familie kein Interesse oder widersetzt sich der Exhumierung, dürfen weder die Behörden noch private Vereine darauf bestehen.
Die Angehörigen der Lorca-Familie widersetzen sich der Exhumierung
Dieser schlichte Tatbestand liegt auch der Auseinandersetzung um das Grab des Dichters Federico García Lorca zugrunde. Der berühmteste Poet der spanischen Literaturgeschichte wurde am 19. August 1936 bei Granada von rechten Militärs erschossen. Er war achtunddreißig Jahre alt. Seit der irische Hispanist Ian Gibson in den sechziger Jahren die Umstände dieses Mordes recherchiert und in mehreren Büchern dargestellt hat, sind immer wieder Rufe nach der Öffnung des Massengrabs und der Lokalisierung der sterblichen Überreste laut geworden. Doch es gibt ein Problem. Die Angehörigen der Lorca-Familie widersetzen sich der Exhumierung, weil sie die Gedenkstätte am Schauplatz des Geschehens für ausreichend halten.
Laut eigener Aussage wollen sie den morbiden Medienbetrieb vermeiden, der bei der Suche nach Lorcas Gebeinen unvermeidlich wäre. Im Dezember 2009 wurde eine unter einem Zeltdach durchgeführte Grabung nach den drei Männern, die zusammen mit Lorca liquidiert wurden, ergebnislos abgebrochen. Die mögliche Aussicht, die Überreste der einen Opfer zu bergen und die des anderen in der Erde zu lassen, hat heftigen Streit ausgelöst, auch um die grundsätzliche Durchführbarkeit einer diskreten Aktion. Denn um zu wissen, welche Gebeine welchem Opfer zuzuordnen wären, müsste man sie erst analysieren, und um sie zu analysieren, müssen sie geborgen werden.
Ein Gesetz zur „historischen Erinnerung“
Der Fall beleuchtet die Interessen, die hier im Spiel sind. Zweifellos geht es auch um Deutungshoheit. Ian Gibson etwa, der seit den achtziger Jahren die spanische Staatsbürgerschaft besitzt, warf sein ganzes Renommee in die Waagschale, um abermals die Exhumierung des Dichters zu fordern, dem er sein ganzes Forscherleben gewidmet hat: „Der Staat“ müsse Lorcas Gebeine suchen. Auf diesen Appell reagierte der Historiker Julián Casanova mit dem Hinweis, für den Staat müssten die Gebeine eines berühmten Künstlers dasselbe bedeuten wie jene von Tausenden unbekannter Arbeiter. Jetzt liest Gibson in seinem sarkastischen und nicht ganz uneitlen Buch „Lorcas Grab: Chronik eines Unsinns“ (Verlag Alcalá la Real) allen, die über den Dichter weniger wissen als er, gehörig die Leviten. Nur die eine, die zentrale Frage beantwortet er nicht: was an den Knochenresten des Poeten, dessen Gedichte ja nicht mit ihm begraben wurden, so wichtig ist, dass man der Lorca-Familie das Entscheidungsrecht darüber entziehen dürfte.
Solche Fetischisierung verrät, dass der Staat tatsächlich ein - moralisches und juristisches - Vakuum hat entstehen lassen. Eigentlich müsste sich Spanien um die Exhumierungen kümmern und sowohl Bürgern wie auch Opferverbänden und Freiwilligen die Last von den Schultern nehmen - über die Subventionen hinaus, die den Suchenden gewährt werden. Doch ausgerechnet dort, wo es sinnvoll und notwendig gewesen wäre, greift das 2007 von der Zapatero-Regierung verabschiedete Gesetz zur „historischen Erinnerung“ zu kurz. Es überlässt die Untersuchung von Verbrechen, die mit guten Gründen als Völkermord zu bezeichnen wären, der privaten Initiative.
Rechts ein Buhmann, links ein Märtyrer
Nur dieses Versäumnis vermag zu erklären, warum der spanische Ermittlungsrichter Baltasar Garzón das Thema an sich riss und 2008 versuchte, die franquistische Führungselite postum auf die Anklagebank zu setzen. Als ihm die Untersuchung der Morde des Regimes aufgrund von Verfahrensfehlern entzogen und er im Sommer 2010 von seiner Funktion im Nationalen Obergericht suspendiert wurde, hatte die Auseinandersetzung rechts ihren Buhmann, links einen Märtyrer gefunden. Ob Garzón aus politischen Gründen zu Fall gebracht wurde oder Opfer seines Ehrgeizes wurde oder beides, ist am Ende unerheblich: Die Sache der Angehörigen der Opfer des Franquismus hat keinen medienwirksamen Anwalt mehr. Und der Jurist, der durch seine Ermittlungen gegen Augusto Pinochet und andere leitende Figuren von Unrechtsregimen wie prädestiniert für diese Aufgabe schien, landet selbst auf der Anklagebank.
Vicente Carpeño, der Mann, den ich bei der Gedenkstunde in Navalcán kennengelernt habe, schickt mir eine E-Mail. Wir wollen uns verabreden, aber er fasst schon einmal zusammen, was er mir später ausführlicher über sein Dorf hundert Kilometer westlich von Madrid erzählen will. „Als sie El Real de San Vicente einnahmen“, schreibt er, „machten sie eine Liste und durchsuchten Haus um Haus. Sie sperrten die ,Roten' beim Priester ein, der seine Einwilligung gegeben hatte. Sie hielten sie zwei Tage fest, und am 3. Oktober 1936 luden sie sie auf einen Lastwagen. Man hat nie wieder etwas von ihnen gehört. Sechs dieser Menschen stammten aus meiner Familie, darunter der Bruder und der Schwager meiner Mutter. Wenn meine Mutter, mein Onkel, meine Cousins und ich davon sprechen, weinen wir wie die Kinder.“
Die Angst ist nicht weggegangen
Als ich Vicente Carpeño an einem Abend Ende November in einem südlichen Madrider Vorort besuche, erwarten mich in einem kleinen, hell erleuchteten Zimmer sieben Menschen um einen Tisch. In den nächsten anderthalb Stunden begreife ich die Dimension der Verstümmelung, die dieser Familie angetan wurde. Die Republikaner des Dorfs hätten den Priester als Frau verkleidet, um ihn vor Repressalien zu schützen. Doch als die Nationalisten kamen, seien brutale Vergeltungszüge gestartet worden. Juliana, die Großmutter, kann kaum darüber sprechen. Drei Brüder und ihr siebzehnjähriger Sohn wurden ermordet. Zweimal sei ein Lastwagen gekommen und habe je elf Personen mitgenommen. Wahrscheinlich lägen die Toten im Umkreis von zwanzig oder fünfundzwanzig Kilometern des Dorfs in einem Massengrab.
Siebzig Jahre waren nicht genug, um aus diesem dunklen Tunnel herauszufinden. Man würde die Verschwundenen ja suchen. Wenn man nur wüsste, wo. Die neunundachtzigjährige Remedios weint. Vor vier Jahren hat sie erstmals über die Vorfälle von damals gesprochen. Und was hat es ihr eingebracht? Die Angst ist nicht weggegangen. Im Grunde glaubt sie immer noch, jemand könnte sich für alles, was sie weitergibt, rächen.
Die Toten...
Emil A. Troeger (etroeger)
- 21.12.2010, 04:05 Uhr
Der Einzelfall und seine Doppelgänger
Matthias Mersch (DerMersch)
- 21.12.2010, 13:30 Uhr
Paul Ingendaay Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.
Jüngste Beiträge