19.01.2007 · Marc Cherry war lange Zeit arbeitslos. Dann startete eine von ihm entwickelte Serie im Fernsehen - und schlug ein wie eine Bombe. Der Erfinder der „Desperate Housewives“ spricht über seine „großartigen Frauen“, Schreibblockaden und seine Mutter.
Von Nina RehfeldAls Marc Cherry die Fernsehserie „Desperate Housewives“ schuf, quälten ihn Geldsorgen und die Frage, was nur aus seinem Leben werden solle. Doch sein sarkastischer Blick auf das hysterische Streben nach Perfektion in Amerikas Suburbia machte die Serie zum Fernseherfolg des Jahrzehnts. Wir treffen uns am Set der „Housewives“ in den Universal Studios in Los Angeles. Marc Cherry trägt zu seiner rundlichen Figur eine Nickelbrille. Seine fröhliche Redseligkeit ist kaum zu bremsen.
Mr. Cherry, Sie humpeln ja. Ist Ihnen eine der Damen mit ihren spitzen Absätzen auf den Fuß getreten?
Nein, nein. Das würde ich nicht einmal spüren. Nein, das ist auf eine Ungeschicklichkeit zu Hause zurückzuführen.
Marcia Cross, die in Ihrer Serie „Desperate Housewives“ die ordnungssüchtige und stets perfekt gekleidete Bree Van de Kamp spielt, ist schwanger. Hat Sie die Nachricht verstimmt?
O nein, überhaupt nicht. Ich liebe Marcia, und nachdem sie mir die frohen Neuigkeiten am Telefon mitgeteilt hatte, strahlte ich meine Sekretärin an: „Marcia ist schwanger!“ Sie fragte bloß: Wie wird sich das auf Bree auswirken?, und da erst dämmerte es mir - ach du liebe Güte! Und zu der Zeit ahnte ich noch nicht einmal, dass es nicht nur eins sein würde, sondern gleich Zwillinge! Klar, sie konnte ja mit 44 nicht bloß ein Kind in die Welt setzen. Vom Ehrgeiz zerfressen, die Frau.
Bree ist eine zentrale Figur. Wie werden Sie mit Marcia Cross' Schwangerschaft umgehen?
Wir haben lange überlegt, ob wir ihre Schwangerschaft in Brees Leben thematisieren sollen. Aber wir haben uns dagegen entschieden. Sie wird also fünf oder sechs Episoden lang fehlen. Und ich kann ihnen jetzt schon versprechen, dass sie mit immer mehr Einkaufstüten zu sehen sein wird. Unsere Kostümdesigner und Regisseure sind sehr kreativ.
Stimmt es, dass Bree mehr oder weniger auf Ihrer Mutter Martha Cherry basiert?
Sie basiert völlig auf meiner Mutter!
Ist Bree also Ihre Lieblingsfigur, oder ist sie es gerade nicht?
Ich verehre meine Mutter, und ich habe daraus nie einen Hehl gemacht. Besonders nachdem sie mir während meiner langen Arbeitslosigkeit all das Geld lieh und keine Zinsen forderte, als ich es ihr zurückzahlte. Ja, ich glaube, sie ist meine Lieblingsfigur - wenn ich die ein oder andere Szene mit Brees Sohn Andrew schreibe, dann kann ich Dinge zu meiner Mutter sagen, die ich ihr vor zwanzig Jahren sagen wollte. Wir sind eine sehr liebevolle Familie, aber ich habe das Gefühl, dass ich hier manche Dämonen exorzieren kann.
Wie sieht Ihre Mutter das Ganze?
Meine Mutter ist eine praktische Frau. Sie findet, ich sollte alle Geheimnisse enthüllen, wenn mir das hilft, erfolgreich zu sein. Denn sie weiß: Je erfolgreicher ich bin, desto teurer werden die Geschenke, die ich ihr mache.
Ist sie inzwischen selbst ein Hollywoodstar?
Die berühmte amerikanische Fernsehjournalistin Diane Sawyer hat meine Mutter neulich angerufen und sie angefleht, in ihre Sendung zu kommen. Meine Mutter gab Diane Sawyer einen Korb. Sie ist schon eine echte Showbiz-Diva! Aber wissen Sie, sie mag das Rampenlicht nicht. Wenn ich sie sehr dränge, gibt sie hin und wieder ein Interview.
Die zweite Staffel der „Desperate Housewives“ ist in Amerika als enttäuschend im Vergleich zur ersten kritisiert worden ...
... wissen Sie, am Ende der ersten Staffel bin ich über die Ziellinie getaumelt und kollabiert. Dann hob ich den Kopf und stöhnte schwach: Oh, sie wollen noch mehr davon? Ich war schlicht überwältigt.
Hat der plötzliche Erfolg Sie ausgelaugt?
Bevor die „Desperate Housewives“ auf Sendung gingen, war ich arbeitslos. Ich habe drei Jahre lang herumgesessen und darüber nachgegrübelt, was ich tun würde, wenn ich eine Fernsehserie hätte. Doch nach der ersten Staffel war mein Riesenvorrat an Ideen plötzlich verbraucht. Ich war total erledigt, konnte aber niemand anderen auch nur eine Dialogzeile für Bree schreiben lassen. Inzwischen haben wir uns neu gruppiert und mit Joe Keenan einen hervorragenden Autor gefunden, der wie ich aus einer verklemmten, weißen, angelsächsischen Oberschicht-Familie stammt. Ihm traue ich ohne weiteres zu, Bree zu schreiben.
Schreiben Sie schon an einer neuen Serie?
Ich glaube, dies wird meine letzte Fernsehserie sein, und zwar aus zwei Gründen: Erstens, wie soll ich diese noch überbieten? Und zweitens bin ich kein Autor vom Format eines David E. Kelley oder Aaron Sorkin, die schreiben und schreiben und immer wieder Phantastisches leisten. Mich laugt das Schreiben aus. Ich möchte gern Bühnenstücke schreiben, weil ich da anstatt einer Woche ein ganzes Jahr Zeit habe - ich glaube, das entspricht eher meinem Temperament.
Und das, wo überall das Goldene Zeitalter des amerikanischen Fernsehens beschworen wird?
Das stimmt, und besonders ABC hat dank des Mutes von Steve McPherson mit den „Desperate Housewives“ und „Lost“ unheimlich viel bewegt. Aber das Fernsehen ist ein Knochenjob, und ich behaupte, dass es im Showbusiness keinen härteren Job gibt, als eine einstündige wöchentliche Fernsehserie zu machen. Ich hatte im vergangenen Jahr nur eine Woche Urlaub. Ich hoffe also, irgendwann genügend Geld auf dem Konto zu haben, dass ich einen schlechter bezahlten Job mit menschlicheren Arbeitsbedingungen finden kann. Momentan streben sehr viele Autoren ins Fernsehen. Ich sage ihnen: Viel Glück, und seht zu, dass ihr euch vorher ordentlich ausruht.
Als Sie die „Desperate Housewives“ schufen, wollte sie zunächst kein Sender haben.
Ich glaube, man hat mich damals als einen solchen Verlierer wahrgenommen, dass es völlig egal war, wie gut die Worte auf dem Papier waren. Die Leute dachten: Der Typ ist schon so lange arbeitslos, der kann gar nichts Erfolgversprechendes leisten. Ich habe geradezu nach Misserfolg gestunken!
Dazu belebten Sie ein Genre wieder, das seit den achtziger Jahren nicht mehr erfolgreich gelaufen ist.
Ja, dies war eine Seifenoper, aber die Leute erwarten bei dem Begriff etwas im Stile von „Dallas“ oder „Denver Clan“. Ich habe mich jedoch den Wurzeln der Seifenoper zugewandt, nämlich Hausfrauen, und das Ganze mit Humor gespickt. Und bei allem gebotenen Respekt für die amerikanischen Fernsehmanager: Je weiter man vom Bekannten und Bewährten abweicht, desto ratloser schauen sie aus der Wäsche.
Dann schlug Ihre Serie wie eine Bombe ein. Fühlten Sie sich nun endlich rehabilitiert?
Ich dachte: O Gott, ich brauche ein Nickerchen! Ich schrieb sieben Tage die Woche, und ich bekam die Tragweite der ganzen Sache gar nicht richtig mit, bis ich im Frühsommer Urlaub in London machte. Eines Abends saß ich im Theater, und der Platzanweiser tippte mir auf die Schulter und flüsterte mir ins Ohr, dass ein sehr berühmter englischer Schauspieler mich gern kennenlernen würde. Das war ein Schlag für mich, denn ich hatte mich so sehr mit meinem Status als Arbeitsloser identifiziert, dass ich plötzlich einen völligen Identitätswandel wahrnehmen musste! Bis heute finde ich es seltsam, dass man in Südamerika Versionen meiner Serie produziert.
Wenn Bree nach Ihrer Mutter modelliert ist - schreiben Sie eigentlich Szenen aus Ihrem eigenen Leben?
Ja, natürlich, und ich erzähle Ihnen dies nur, weil ich darauf vertraue, dass meine Familie keine Zeitungen aus Übersee liest. Mein Vater hat meine Mutter einst mit der Entscheidung entsetzt, ein Pizzarestaurant zu eröffnen. Meine Mutter ist nie darüber hinweggekommen. Am Ende ist die Ehe meiner Eltern daran gescheitert. Aber da ich das nicht noch einmal durchmachen möchte, werde ich die Ehe von Tom und Lynette daran wohl nicht zerbrechen lassen.
Wir sind beruhigt ...
Und meine Schwester - ich fasse es nicht, dass ich Ihnen dies erzähle, aber ich kann meine Klappe einfach nicht halten. Meine Schwester inszenierte, als sie dreizehn Jahre alt war, einen Selbstmordversuch. Es war Show. Die Szene, in der Andrew Van de Kamp seine Schwester überrascht, basiert auf meinem Erlebnis, als ich meine Schwester überraschte und sagte: Was um Himmels willen machst du hier? Meine Familie war außer sich, und wir mussten alle zur Familien-Therapie, weil es so offensichtlich war, dass meine Schwester mehr Aufmerksamkeit wollte. Naja, heute muss ich meiner Schwester Blumen schicken, um den Familienfrieden zu wahren. Aber ich bin sehr froh, eine so schräge Familie zu haben. Das hilft mir, meine Rechnungen zu bezahlen.
Sie haben Ihrer Familie außerdem eine geographisch bewegte Jugend zu verdanken.
Ja, ich bin zwar als Kind von zwei strengen Südstaaten-Baptisten aufgewachsen, aber mein Vater arbeitete für eine Ölfirma, also verbrachte ich meine Schuljahre der dritten und vierten Klasse in Hongkong. Drei Jahre später siedelten wir nach Iran um, als der Schah noch an der Macht war. Später, als ich am College war, lebte meine Familie in Thailand. Ich gehörte zu den sogenannten Öl-Bälgern, die auf die gleichen internationalen Schulen gingen wie die Militär-Bälger. Genaugenommen war es ein spießiges Vorstadtleben mit einem bisschen internationalen Flair.
Leiden Sie eigentlich hin und wieder unter kreativen Blockaden?
Ach wissen Sie, gegen eine Schreibhemmung hilft nichts so sehr wie ein gut bevölkertes Fernsehset, das auf die nächsten Seiten wartet. Als meine Autorenpartnerschaft 1996 in die Brüche ging, war ich gelähmt vor Angst - ich habe vielleicht fünf Sätze am Tag zu Papier gebracht. Als man begann, mir mehr abzufordern, musste ich dem einfach nachkommen. Aber ich brauche dreißig Prozent länger als die meisten anderen Autoren, weil ich die Dinge gern in aller Tiefe analysiere und außerdem ein ausgemachter Perfektionist bin.
Was sehen Sie sich selbst gerne im Fernsehen an?
Ich liebe „CSI“ und „Law and Order“. Komödien sind schwierig für mich, weil ich so kritisch bin. Aber weil ich keine Ahnung habe, wie man einen guten Krimi schreibt, kann ich mir Krimis ansehen und einfach Spaß dabei haben.
Felicity Huffman und Eva Longoria drehen inzwischen in den „Housewives“-Drehpausen Kinofilme. Finden Sie das treulos?
Treulos? Nein, ich habe den Damen unmissverständlich klargemacht: Falls sie je versuchen, mich zu verlassen, werde ich sie verfolgen und umbringen. Ich liebe sie, ich liebe sie wirklich sehr, aber ja, sie gehören mir. Ich bin natürlich ungeheuer stolz, meine Felicity mit einer Oscar-Nominierung zu sehen. Das war unglaublich. Und natürlich macht es mir Angst, dass die Leute entdecken könnten, wie großartig diese Frauen sind. Eva Longoria sollte ein Filmstar sein, und das beunruhigt mich sehr. Denn dann könnte das Ende nah sein.