07.11.2009 · Phyllis Dorothy James, geboren 1920, war jahrelang in der britischen Verwaltung tätig, zuletzt in der Kriminalabteilung des Innenministeriums. Doch berühmt wurde sie als Krimi-Autorin: Ihr neunzehnter Roman ist soeben erschienen. Ein Interview.
Von Thomas DavidBaroness James of Holland Park ist guter Dinge, als sie in ihrem Haus empfängt. Sie macht es sich auf dem Sofa bequem, nur der Roman von Val McDermid und ein Buch über Agatha Christie deuten auf mörderische Leidenschaft hin.
Wie fast alle Ihre Bücher, so handelt auch „Ein makelloser Tod“, Ihr neunzehnter Roman, nicht nur von Mord, sondern auch vom Tod selbst. Was wissen Sie über den Tod?
Nun, ich nehme an, ich weiß, was wir alle wissen: dass wir geboren werden und sterben müssen, dass der Tod vollkommen unvermeidlich ist. Wenn man jung ist, verschwendet man normalerweise nur wenige Gedanken an ihn, der Tod erscheint einem so fern, dass er beinahe keine Realität besitzt, obwohl auch das in meinem Fall anders war und ich von Kindheit an eine Faszination für den Tod verspürte. Aber jetzt, kurz vor meinem neunundachtzigsten Geburtstag, was nach jedermanns Verständnis alt ist, denke ich mehr über ihn nach und habe mir eine endgültige Meinung über den Tod gebildet. Ich denke nicht permanent daran, aber es liegt in der Natur der Sache, dass mir nicht mehr sehr viele Jahre beschieden sein können, und jetzt, nachdem ich ein Herzversagen erlitten habe, ist das Leben sehr viel unsicherer geworden. Ich habe keine Angst vor dem Tod, aber ich fürchte ein wenig das allmähliche Nachlassen der Kräfte, das ihm vorausgeht, wenn er nicht schnell kommt: das Versagen des Verstandes, die Unfähigkeit zu schreiben, den Verlust der Unabhängigkeit, die für mich von großer Bedeutung ist.
Wie erklären Sie sich die Faszination, die der Tod bereits als Kind auf Sie ausübte?
Ich weiß nicht, ob sie möglicherweise damit zu tun hat, dass mir das Leben schon in früher Kindheit unsicher erschien. Diese Faszination ist mir selbst ein Rätsel, aber ich weiß noch, wie mir schon als Kind, wann immer jemand von seinen Zukunftsplänen oder auch nur vom bevorstehenden Urlaub erzählte, der Gedanke durch den Kopf ging: „Schön, aber was, wenn wir dann nicht mehr hier sind?“ Seltsam, dass ein Kind so etwas denken kann, aber ich glaube nicht, dass mich diese Gedanken unglücklich oder besonders morbide gemacht haben. Sie waren jedoch immer da.
Für Agatha Christie war ein Mord kaum mehr als der willkommene Anlass zu einem Gesellschaftsspiel.
Das stimmt, aber der Kriminalroman, und damit meine ich insbesondere den klassischen englischen Detektivroman, hat sich seit dem sogenannten „Goldenen Zeitalter“, dem Zeitalter von Agatha Christie, Ngaio Marsh, Dorothy L. Sayers und Margery Allingham, auf dramatische Weise verändert. Damals war der Tod tatsächlich nur eine Notwendigkeit, weil man für den Detektivroman eben ein Rätsel, die Hinweise auf die Tat, den Kreis der Verdächtigen und natürlich den Detektiv brauchte, der wie ein Rachegott auftritt und die verlorene Ordnung wiederherstellt. Es gab auch Detektivromane ohne Mord, Dorothy L. Sayers’ „Aufruhr in Oxford“ zum Beispiel, aber meist handelt es sich bei dem Rätsel des Detektivromans um einen gewaltsamen Tod, zumal der Tod eines Menschen von einzigartiger Bedeutung und Mord ein einzigartiges Verbrechen ist – der Mörder nimmt schließlich ein Leben, das er nicht gegeben hat. Für Agatha Christie hatte der Tod in ihren Romanen noch fast etwas Beiläufiges; heutzutage geht man mit ihm viel ernsthafter und realistischer um.
Zu Beginn von „Der Beigeschmack des Todes“, einem Ihrer besten Romane, werden die Mordopfer in einer Kirche gefunden, und auch in Ihrem jüngsten Buch wird eine Leiche in einer kleinen Kapelle entdeckt. Ist ein Toter in Ihren Romanen Indiz für ein größeres Mysterium, das das vordergründige Rätsel des Verbrechens gewissermaßen transzendiert?
Das ist ein interessanter Gedanke, der mir beim Schreiben zwar nicht bewusst ist, unterbewusst aber vielleicht eine Rolle spielt. Christus sagte, es falle kein Spatz auf Erden, ohne dass Gott es merke, und so ist für mich jeder Tod, selbst der Tod einer eher unbedeutenden Nebenfigur, von größter Bedeutung.
Hätten Sie Kriminalromane geschrieben, wenn Sie keine gläubige Christin wären?
Es stimmt, dass ich fest im christlichen Glauben verankert bin, aber ich glaube, selbst wenn dies nicht der Fall wäre, würde ich den Tod noch interessant und rätselhaft finden. Der Mensch ist letztlich nichts als das klügste aller Tiere, und es ist ihm im Laufe der Zeit zwar gelungen, sich fast vollständig vom Tierreich auszugrenzen, aber wenn wir geboren werden und wenn wir sterben, sind wir den Tieren unleugbar nah.
In seiner letzten, nur wenige Wochen vor seinem eigenen Tod gehaltenen Predigt sprach der jakobinische Dichter und Priester John Donne darüber, dass die Angelegenheiten des Todes Gott allein obliegen. Weshalb ist der Glaube an göttliche Gerechtigkeit kein Trost für die Mörder Ihrer Romane und hält sie nicht davon ab, selbst zur Tat zu schreiten?
Ich glaube nicht, dass ihr Glaube stark genug ist oder dass sie notwendigerweise Angst haben vor der Strafe Gottes. Aber wie im Leben, so gibt es auch in meinen Romanen Menschen, die diesbezüglich ganz unterschiedliche Vorstellungen und Erwartungen hegen. Ich habe Freunde, die davon überzeugt sind, dass mit dem Tod wirklich alles zu Ende ist, und dieser Gedanke scheint sie keineswegs mit Sorge zu erfüllen. Und ich habe andere Freunde, die einen unerschütterlichen Glauben an ein ewiges Leben besitzen und daran, dass sie die Menschen, die sie liebten und die vor ihnen starben, wiedersehen werden. Aber letztlich bleibt diese Frage ein Mysterium, und ohne prätentiös erscheinen zu wollen, habe ich doch immer versucht, es in das literarische Genre des Detektivromans einzubeziehen.
George Chandler-Powell, ein plastischer Chirurg, der die Journalistin Rhoda Gradwyn operiert, deren Ermordung in Ihrem jüngsten Roman schließlich Commander Adam Dalgliesh und sein Team auf den Plan ruft, lebt in der Überzeugung, dass „weder Hilfe noch Trost von einem übernatürlichen Wesen zu erwarten waren und sein Leben wie das aller anderen von der Zeit und vom Schicksal bestimmt wurde und dass es an ihm lag, einen möglichst großen Teil selbst in die Hände zu nehmen“. Wie sehr wurde Ihr Leben von der Zeit und vom Schicksal bestimmt?
Nun, das, was andere vielleicht als „Glück“ oder „Schicksal“ bezeichnen, würde ich selbstverständlich die Güte Gottes nennen, und ich habe in diesem Sinne sehr viel Güte erfahren. Der Erfolg meiner Bücher kam nicht über Nacht, ich musste viele Jahre dafür arbeiten, aber ich wurde mit einem Talent geboren, mit einer Liebe für die Sprache, dem Drang zu schreiben und der Kraft, die man braucht, um diesem Drang nachzugehen. Ich kann mich also sehr glücklich schätzen, würde aber nicht von „Glück“ im Sinne von Zufall sprechen, sondern sagen, dass meine Talente ein Geschenk Gottes sind.
Als Adam Dalgliesh die Leiche Rhoda Gradwyns betrachtet, befällt ihn der Gedanke, dass die besten Pathologen und die besten Polizeibeamten „nie ganz den Respekt vor dem Tod“ verlören: „ein Respekt, der aus Gefühlen der Zusammengehörigkeit geboren ist, so vorübergehend sie sein mögen, dem unausgesprochenen Wissen um das allen gemeinsame Menschsein, das allen gemeinsame Ende“.
Ich denke, dieser Respekt ist Teil unserer Menschlichkeit und wird einem Toten in allen Gesellschaften gezollt. Wir feiern zugleich das Leben des Menschen und betrauern dessen Verlust und den Verlust aller Gefühle, Gedanken und Erfahrungen, die in dem Moment des Todes ausgelöscht werden. Ich erinnere mich an einen Streik des öffentlichen Dienstes hier in England, der zur Folge hatte, dass die Toten nicht beerdigt werden konnten. Sie verblieben in den Leichenschauhäusern, bis die Totengräber wieder ihre Arbeit aufnahmen, und das wurde von vielen Menschen als eine erschreckende Respektlosigkeit betrachtet, die die Trauer der Hinterbliebenen noch verstärkte.
In Ihrem Ende der achtziger Jahre erschienenen Roman „Vorsatz und Begierde“ beschreiben Sie den Mord an einem fünfzehnjährigen Mädchen aus der Perspektive des Opfers. Können Sie sich ein Bild dessen machen, was T. S. Eliot in seinem Gedicht „Die hohlen Männer“ als „Traumreich des Todes“ bezeichnete?
Nein, so weit würde ich niemals gehen. Ich kann in meinen Romanen nur den Augenblick beschreiben, in dem das Opfer nichts anderes mehr spürt, in dem das Herz zu schlagen aufhört und es klinisch tot ist. Alles, was danach kommt, können wir nicht wissen, und wir können nicht in Bereiche vordringen, die sich unserer Vorstellung entziehen. Ich weiß, dass es Autoren gibt, die dies versuchen und ein Leben nach dem Tod und diese andere Sphäre der Realität beschreiben: Aber in einem Detektivroman kann ich nach dem Mord nur von dem erzählen, was der Tod für die Hinterbliebenen bedeutet und für diejenigen, die im Einflussbereich des Mordes stehen. Wir dürfen nicht vergessen, dass es sich bei dem Detektivroman um ein sehr rationales Genre handelt.
In „Der schwarze Turm“ trägt sich Dalgliesh trotz seiner Gesundung nach einer Leukämie-Erkrankung mit dem Gedanken, seinen Beruf aufzugeben: ein Gedanke, den Sie in Ihrem jüngsten Roman wiederaufnehmen. Ist „Ein makelloser Tod“ Ihr letztes Buch?
Das mag durchaus so sein, aber diese Frage ist schwer zu beantworten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich je mit dem Schreiben aufhören würde, aber andererseits möchte ich auf gar keinen Fall einen Roman veröffentlichen, der meinen eigenen Ansprüchen nicht genügt. „Ein makelloser Tod“ fühlte sich zeitweilig durchaus wie eine Art Abschiedsvorstellung an, nicht nur, weil Dalglieshs Spezialeinheit am Ende des Romans vor der Auflösung steht, sondern auch, weil etwa das letzte Drittel des Romans im Krankenhaus geschrieben wurde. Ich hatte dort mein eigenes Zimmer, bekam keine Telefonanrufe, die ich beantworten musste, keine E-Mails und kaum Besuche, die mich störten, und schrieb den letzten Teil des Buches deshalb ziemlich schnell. Meine Sekretärin kam zweimal die Woche aus London, und ich diktierte ihr die neuen Seiten, die ich geschrieben hatte. Es war eine sehr friedliche Zeit, aber sie folgte auf eine Notaufnahme ins Krankenhaus, und mir war klar, dass sich mein Leben sehr verändern würde.
„Ein makelloser Tod“ blickt dennoch nicht ins Dunkel, sondern endet mit einem Gefühl von Aufbruch und Neuanfang, das nicht nur durch Dalglieshs Hochzeit vermittelt wird, sondern auch durch die Figur der Lettie, einer Bediensteten auf Cheverell Manor, der die Welt jenseits des Manor zwar fremd und zerstörerisch erscheint: „Aber es war trotzdem noch ihre Welt, die Welt, in die sie geboren worden war. Sie war Teil dieser Zerstörung, genau wie sie Teil ihrer Pracht und Freude war.“ Welches sind im hohen Alter von neunundachtzig Jahren die Freuden Ihres Lebens?
Es ist interessant, dass Sie diese Stelle zitieren, weil sie meine eigenen Gefühle tatsächlich sehr genau wiedergibt. Nun, die Freuden sind natürlich abermals die „Neigungen des Herzens“, von denen wir vorhin sprachen: die Familie und meine Freunde. Dann selbstverständlich die Schönheit der Erde, die Schönheit Englands, die trotz bedauernswerter Zerstörungen zu einem Großteil erhalten ist, und die körperlichen Freuden: Essen, Trinken. Nicht die Freuden von Sex, aber die körperliche Freude, am Leben zu sein, die Sonne zu spüren, den Wind auf meinem Gesicht. Die intellektuellen Freuden, die mir das Lesen von Romanen und Gedichten verschafft, das Betrachten von Bildern und der Besuch von Museen. Durch die lange Erkrankung und den frühen Tod meines Mannes habe ich in meinem Leben viel Traurigkeit und Trauer erfahren, ich musste erhebliche Anstrengungen durchstehen, aber ich bin erfüllt von größter Dankbarkeit für die Dinge, die ich im Leben erreicht habe. Sie sind mehr, als irgendjemand verdient haben könnte, und ich danke Gott dafür. Ich hätte in der Mitte dieses letzten Buches sterben können, wenn mich eine Freundin nicht schnell genug zum Arzt geschafft hätte. Aber ich bin nicht gestorben. Ich habe das Buch zu Ende schreiben können, und ich bin mit dem Ergebnis zufrieden.
Zur Person
Phyllis Dorothy James kommt am 3. August 1920 als Tochter eines Finanzbeamten in Oxford zur Welt. Nach dem Umzug nach Cambridge besucht sie die Cambridge High School for Girls, ein Studium an der Universität bleibt ihr versagt.
1941 heiratet sie den Arzt Connor Bantry White, mit dem sie zwei Töchter hat. White kehrt psychisch krank aus dem Zweiten Weltkrieg zurück und verbringt die Jahre bis zu seinem Tod 1964 größtenteils in einer psychiatrischen Klinik.
Phyllis White arbeitet von 1949 bis 1968 in der Verwaltung des National Health Service, bis zu ihrer Pensionierung 1979 schließlich in der Polizeiverwaltung und der Kriminalabteilung des Innenministeriums. „Ein Spiel zuviel“, ihr unter dem Namen P. D. James veröffentlichter erster Roman, in dem sie bereits die zentrale Figur ihres Gesamtwerks, den Scotland-Yard-Detektiv Adam Dalgliesh, einführt, erscheint 1962 wie all ihre folgenden Bücher im renommierten Londoner Verlagshaus Faber and Faber.