Punk. Ich hatte keine Ahnung, was das war. Ich war achtzehn, ich lebte in Kassel, und ich wollte weg. Ich ging nach London, und mit einem Schlag war ich mittendrin. Silvesternacht 1990, vor dem Eingang des Londoner Nachtclubs „Slimelight“. In einer finsteren Hinterhofgasse steht eine Menschenschlange. Im Gegenlicht der Funzelbeleuchtung schillern grüne, rote und neongelbe Irokesen, die wie Pfauenräder auf den kahlrasierten Glatzen in die Luft ragen.
Fast alle tragen Motorradlederjacken, die mit Bandnamen wie „The Exploited“, „The Damned“ oder „The Clash“ bemalt sind. Manche haben sich auch ein Anarchiezeichen oder „FOAD“ (kurz für „fuck off and die“) draufgesprüht. Man sieht viele Hundehalsbänder, schwarze Lederriemen um Handgelenke und Arme, zerschlissene und abgeschnittene Hochzeitskleider, Tätowierungen aller Art und viel, viel Metall in den Ohren, Lippen und Nasen.
Transvestit im PVC-Minirock und mit Militärmütze
John, der neben mir eine Dose Bier trinkt und mit seinem Nasenring spielt, hätte heute gerne sein „Dead Kennedys“-T-Shirt angezogen. Aber leider habe ich es mit meinen roten Socken in die Waschmaschine (an sich schon ein spießiges Gerät!) gesteckt, und jetzt ist das T-Shirt rosa und John schlecht gelaunt.
Vor uns in der Schlange balanciert ein Transvestit im schwarzen PVC-Minirock und Militärmütze auf gefährlich hohen Pfennigabsätzen. Hinter uns hält ein Goth- beziehungsweise Gruftie-Pärchen Händchen. Sie steckt in zerrissenen Netzstrümpfen und Latexbustier, er in hautenger Lederhose, alles in Schwarz natürlich. Beide reden ununterbrochen. Das ist untypisch für Goths, die bei Partys sonst immer apathisch in der Ecke stehen, damit auch ja ihr Make-up nicht verschmiert. Demnächst wollen sie heiraten. Eine satanische Hochzeitszeremonie ist geplant, am Ende werden sie sich gegenseitig Asche übers Haupt schütten. Keine Frage, die beiden sind auf „E.“. Chemisch induzierte Euphorie. Endlich werden auch wir in den Club eingelassen.
Viel witziger, viel aufregender, viel wilder als Techno
Was ich damals nicht wusste: 1990 war Punk schon tot. Clubs wie „Slimelight“, wo sich Punks mit Goths vermischten, gab es zwar noch, aber sie waren die letzten Ausläufer einer müde gewordenen Jugendbewegung. 1990, da lag nicht Punk in der Luft, sondern die „shut up and dance“-Ekstase der Techno Raves. Die Kinder der Ära Thatcher (in Deutschland Kohl) konnten mit Punk nichts anfangen. Für sie war Hedonismus angesagt, die synthetische Glücksdroge Ecstasy war auf dem Vormarsch und Punk nicht mehr als ein postmodernes Zitat.
Trotzdem hatte Punk für uns einen unwiderstehlichen Reiz, denn Punk war viel witziger, viel aufregender, viel wilder als Techno. Techno fühlte sich schon damals an wie Gleichschaltung. Punk dagegen erschien uns als Befreiung. Für John, den man mit acht Jahren mit Hilfe eines Hochbegabtenstipendiums in ein Eliteinternat gesteckt hatte, war es Befreiung von einem System, das nur Unterwerfung zugelassen hatte. Für mich war es Befreiung von der Enge der hessischen Provinz, von Schubladendenken und dem vielgepriesenen „gesunden Menschenverstand“.
Die Monster-Kinder der Hippie-Generation
Erst später begriff ich, dass meine Faszination mit Punk ähnlich motiviert war wie die frühe Punk-Bewegung Mitte der siebziger Jahre. Zentrales Thema der ersten Punks war Wut. Wut auf das bürgerliche Establishment, Wut auf die Klassengesellschaft, Wut auf die friedfertigen Hippies, die mit ihren Endlosdiskussionen alles zerredet und nichts erreicht hatten. Und diese Wut kristallisierte sich in der Musik. Als die „Sex Pistols“, die erste britische Punk-Band, am 7. Juni 1977 auf einem Boot die Themse hinunterfuhren und das fünfundzwanzigste Thronjubiläum von Elizabeth II. damit feierten, dass Johnny Rotten sang „God Save the Queen, the Fascist regime, there's no future and England's dreaming!“ war das eine Frontalattacke auf die Leitplanken der englischen Gesellschaft.
Alles an Johnny Rotten versetzte das britische Bürgertum in Panik: seine grünen (später roten) Stachelhaare, seine zerschlissene, mit Sicherheitsnadeln zusammengehaltene Kleidung, sein freizügiger Gebrauch von Schimpfworten, sein manischer Blick und natürlich Liedtexte wie „I am an antichrist, I am an anarchist“. Rotten und später auch der Bassist der Band Sid Vicious (benannt nach Johnny Rottens beißwütigem Hamster) waren die Monster-Kinder der Hippie-Generation. Der Beweis dafür, dass freie Liebe und Flowerpower nur zur Perversion führen können. Aufgestachelt von den britischen Boulevardgazetten - in ihrer Lieblingsrolle als entrüstete Moralapostel -, sah die Gesellschaft ihre Grundpfeiler wanken. Großbritannien befand sich in einer moralischen Hysterie.
Ausklinken aus einer Gesellschaft ohne Perspektive
Genau damit hatten die ersten Punks im Umfeld von Bands wie den „Sex Pistols“, „The Damned“ oder „The Clash“ ihr Ziel erreicht. Auch wenn die frühen Punks entschieden unpolitisch waren, so attackierten sie doch die herrschenden Normen und Traditionen. Die Achtundsechziger-Bewegung war eingeschlafen, ihre politischen Rhetoriker hatten sich mit ihren verbalen Luftblasen selbst verschluckt, Britannien ächzte unter der wirtschaftlichen Depression, und die selbstzufriedene Bourgeoisie versteckte sich hinter ihren Buchsbaumhecken.
Da half kein Diskutieren mehr, kein Demonstrieren, kein Politisieren. Die frühen Punks wollten sich abgrenzen, sich ausklinken aus einer Gesellschaft, die für sie keine Perspektive bot. Wie jede Subkultur definierten sich auch die frühen Punks durch ihre eigene Mode, Musik, Sprache, sexuelle Mores, Drogen und Posen - mit ihrer Aggression, ihrer Hässlichkeit und ihrem Nihilismus vermittelten sie dem Rest der Gesellschaft ein ganz klares „Ich nicht!“. Das war auch alles, was die frühe Punk-Bewegung an politischem Axiom vorzuweisen hatte.
Sex lediglich als „zwei Minuten Quietschgeräusche“
Dass Punk-Ikonen wie Siouxsie von der Band „Siouxsie and the Banshees“ oder Sid Vicious eine Zeitlang Hakenkreuz-Armbinden trugen, bedeutete nicht, dass sie sich Rechtsextremismus oder gar die Ideologie der Nazis auf die Fahnen geschrieben hatten. Nein, das Hakenkreuz war einfach als naive Provokation gedacht. Wichtig war der Effekt, den es auf brave Bürger hatte. Das Hakenkreuz verbreitete Angst und Abscheu, und genau darauf hatte man es abgesehen.
Ebenso war auch die sadomasochistisch angehauchte Mode, die Designerin Vivienne Westwood und „Sex Pistols“-Manager Malcolm McLaren 1976 und 1977 in ihrem Laden „Sex“ auf der Kings Road in Chelsea verkauften, nicht als sexuelle Titulierung zu verstehen. Im Gegenteil, Erotik war uninteressant. Johnny Rotten bezeichnete Sex als „zwei Minuten Quietschgeräusche“. Sex war schnell und belanglos - von den tantrischen Yogaverrenkungen der Hippies wollte man ebenso wenig wissen wie von der Romantikindustrie der fünfziger und sechziger Jahre. Nein, Vivienne Westwoods sogenannte „bondage trousers“, bei denen ein Gürtel in Kniehöhe den Träger beim Gehen behindert, sollten einfach Aufregung stiften. Man bediente sich der Machtmittel des Masochisten, den Blick des Beobachters zu kontrollieren.
McLaren als einer der Pioniere der Punk-Bewegung
Die „Sex Pistols“ sagten „nein!“ so laut, rotzig und herausfordernd, dass die Welt keine andere Wahl hatte als zuzuhören. Jede Art von Strukturen, Dogmatik und großangelegten Welterklärungstheorien wurde abgelehnt. Für die einen begann damit ein Prozess, bei dem alles Vorgegebene in Frage gestellt wurde. Für die anderen nur ein weiteres Kapitel im großen Buch des Zynismus. Das Traurige an den „Sex Pistols“ war nämlich, dass sie, trotz aller noch so authentischen Wut, der unangenehme Geruch der Inszenierung umwehte. Eine Inszenierung, die von „Sex Pistols“Manager Malcolm McLaren ausging und die im Drogentod von Sid Vicious ihr tragisches Ende fand.
Keine Frage, McLaren gehört zu den Pionieren der Punk-Bewegung. Er hatte das explosive Charisma von Johnny Rotten, bürgerlich John Lydon, erkannt und ihn trotz Widerstands der anderen Bandmitglieder zum Sänger der neu gegründeten „Sex Pistols“ gemacht. Und mit Johnny Rotten, der McLaren durch sein selbstgemachtes „I hate Pink Floyd“-T-Shirt aufgefallen war, kaufte er sich das komplette Punk-Image, inklusive Sicherheitsnadeln, zerschlissener Pullover und stacheliger Haare. Rotten war schon lange vor den „Sex Pistols“ Teil einer kleinen Londoner Szene gewesen, die angeblich durch die Journalistin Caroline Coon den Namen „Punk“ erhielt.
Schlaghosen als ästhetisches Missverständnis
Als Kind von irischen Einwanderern war Rotten in ärmsten Verhältnissen in London aufgewachsen. Seine Außenseiterposition verstärkte sich noch, als er als Kind an Hirnhautentzündung erkrankte und von da an Epilepsie litt. Schon aufgrund der wirtschaftlichen Depression sahen weder er noch seine Freunde irgendeinen Sinn darin, sich einen Beruf zu suchen. Ihr Lebensgefühl entwickelte sich über Mode: Die damals omnipräsenten Schlaghosen empfand man als ästhetisches Missverständnis.
Stattdessen zerriss man Altherrenanzüge aus der Kleidersammlung und steckte sie mit Sicherheitsnadeln wieder zusammen. Lange Haare waren längst nicht mehr radikal, also schnitt man sie ab und - inspiriert von David Bowies „Ziggy Stardust“ - färbte sie mit Faschingsfarben grün oder gelb. Malcolm McLaren und Vivienne Westwood erkannten darin einen Trend und begannen, alte Hemden zu vernähen, umzufärben und als „Anarchy Jackets“ zu verkaufen. Anarchie wurde käuflich, und Punk zum Konsumprodukt.
Ein 19 Jahre alter Rotzbengel als Star der Rebellion
Am 26. November 1976 brachten die „Sex Pistols“ ihre erste Single heraus, „Anarchy in the U.K.“ aus dem „Never mind the Bollocks. Here's the Sex Pistols“-Album. Der Song gilt als erste Punk-Single und erreichte Platz 38 in den britischen Charts. Wenige Monate darauf ersetzte McLaren den bisherigen Bassisten Glen Matlock durch Sid Vicious, einen Freund von Rotten. Vicious konnte zwar weder Bass noch irgendein anderes Instrument spielen, aber er besaß das richtige Punk-Image. Er war ein neunzehnjähriger Rotzbengel, überschäumend vor Rebellion.
Seinen Namen hatte er keineswegs verdient, denn viele seiner damaligen Freunde beschreiben ihn als „süß“ und „liebenswert“. „Vicious“, also bösartig, wurde er erst, als er versuchte, die Erwartungen der Boulevardgazetten zu erfüllen. Trotz seiner zunehmenden Heroinabhängigkeit, seiner nervigen Freundin Nancy Spungen und seinem Mangel an musikalischer Begabung wurde er bald unersetzlich für die Band. Er wurde zum ultimativen „Sex Pistol“, zum Markenzeichen. McLaren drückte das so aus: „Wenn Johnny Rotten die Stimme von Punk ist, dann verkörpert Sid Vicious die Haltung.“
Punk war plötzlich mehr als subkulturelle Folklore
Ebendiese Haltung sorgte dafür, dass die nächste Single der „Sex Pistols“, „God Save the Queen“, deren Erscheinen am 27. Mai 1977 mit den Feierlichkeiten zum fünfundzwanzigjährigen Thronjubiläum der Königin zusammenfiel, an die Spitze der britischen Charts schoss. Und das, obwohl die BBC und Privatsender sich weigerten, den Song zu spielen. Auch die großen Plattenläden wollten die Platte nicht verkaufen. Die schlug daraufhin ein wie eine Brandbombe: Die Monarchie wurde beleidigt, und das Establishment musste hilflos mit ansehen, wie die Jugend applaudierte. Punk war plötzlich mehr als subkulturelle Folklore. Punk war real geworden.
Doch der Rummel, der Punk zum Phänomen gemacht hatte, bedeutete kurz darauf auch seinen Tod. In kürzester Zeit waren die „Sex Pistols“ nichts weiter als ein paar unartige Pferdchen im Medienzirkus. Statt sich um seinen Schützling zu kümmern, ließ McLaren es zu, dass Sid Vicious immer weiter in seiner Drogenabhängigkeit versank, denn schließlich war seine Selbstzerstörung Teil des Spektakels. Johnny Rotten verließ die Band am Ende ihrer Tour durch die Vereinigten Staaten im Januar 1978.
Punkmusik politischer und weniger medienfreundlich
Im Oktober desselben Jahres wurde Nancy Spungen erstochen in einem Hotelzimmer aufgefunden, das sie sich mit Sid Vicious geteilt hatte. Vicious starb drei Monate später an einer Überdosis. Bei der Überführung seiner Urne soll ein Flughafenbeamter den Behälter fallen gelassen haben, und seine Asche verflüchtigte sich in der Klimaanlage von Heathrow. Punk war ausgebrannt, die Rebellion als Medienereignis trivialisiert. Wieder einmal bestätigte sich der Satz des amerikanischen Poeten Gil Scott Heron: „Die Revolution wird nicht im Fernsehen übertragen werden.“
Im darauffolgenden Jahrzehnt gab es mehrere Punk-Wiedergeburten. Punkmusik wurde politischer und weniger medienfreundlich. Punkrock wanderte wieder in den Untergrund, konzentrierte sich auf Orte wie den „Slimelight“-Club. Gleichzeitig aber wurden grüne Haare und zerrissene T-Shirts zu den Insignien der ganz normalen pubertären Auflehnung, die liberale Eltern einfach nur lächelnd ignorieren. Eine Phase, die man eben durchlebt und trotz deren man ein paar Jahre später zum funktionierenden Steuerzahler wird.
Kein Schimmer von Individualität oder gar Anarchie
Mittlerweile kann ein Punk mit sauber rasiertem Irokesen und Nieten-Lederjacke auch schon mal für Kartoffelchips oder Fertigsuppen werben. Wie bei anderen Subkulturen hat sich die Vermarktungsmaschinerie auch die visuelle Rhetorik der Rebellion des Punk einverleibt. Globale Superstars wie Madonna bedienen sich ihrer, ebenso wie Modeschöpfer von Gaultier bis Chanel oder Helmut Lang. Man kann kaum noch ein Modemagazin aufschlagen, ohne eine Pastiche auf Punk darin zu entdecken - die französische „Vogue“ bestückte damit im vergangenen Sommer sogar eine ganze Ausgabe. Die Idee der Verweigerung wurde auf den Kopf gestellt und in eine gigantische Industrie der Begehrlichkeiten verwandelt. Sid Vicious ist tot, doch sein Stil wurde zum Milliardengeschäft. Die „dunkle Seite des Mondes“ (Johnny Rotten möge mir diese Reverenz an „Pink Floyd“ vergeben) ist, dass dieser Stil mittlerweile ungefähr so revolutionär ist wie „Tokio Hotel“.
Nach der Silvesternacht im „Slimelight“ gingen John und ich auf ein Konzert der Arnacho-Punkband „Conflict“ im Londoner „Marquee“-Club. Es war als das letzte Konzert der Band angekündigt, und dazu waren alle angetreten: die alten Punks mit ihren Nazi-Armbändern, Irokesen, bemalten Lederjacken und Doc-Martens-Stiefeln. Im Gegensatz zu meinen Erfahrungen in Clubs und Parties war dies eine spaßfreie Veranstaltung. Kein Schimmer von Individualität oder gar Anarchie in Sicht, sondern nur Klone in Punkuniform. Ich kam mir vor wie in einer Geisterbahn. Als die Band auf die Bühne kam, ging ein Raunen durch die Menge. Die Musiker trugen Jeans und blaue T-Shirts. Ihre Lieder waren traurig und handelten vom Ausverkauf des Punk. Davon wollte das Publikum nichts hören. Sie wollten Bestätigung ihres Gruppenrituals, nicht Kritik. Für mich wurde an diesem Abend klar, dass ich zu dieser Hammelherde nicht dazugehören wollte. Und mit eben dieser Erkenntnis begann für mich erst der eigentliche Punk.
Keine erhobenen Zeigefinger, keine Ausgrenzung
Ich besorgte mir einen Aushilfsjob im Laden und Pressebüro von Vivienne Westwood. Die Kunden bestanden hauptsächlich aus japanischen Touristen. Erst ein Foto vor dem Laden, dann ein Foto vor der Umkleidekabine und dann noch mal ein Foto nach dem Einkauf mit Vivienne-Westwood-Tüte in der Hand. Das war Punk auf seine banalste Weise: als nostalgische Fremdenattraktion. Postmoderne pur, auf den ersten Blick ein gefundenes Fressen für Zyniker. Aber im Hinterzimmer des Ladens, wo sich das Pressebüro befand, ging es anders zu. Da hielt Westwood-Muse Jibby Beane ihr Kaffeekränzchen.
Die über Fünfzigjährige mit ausladenden Hüften hatte sich gerade als Boheme-Diva neu erfunden, stöckelte in knallengen Caprihosen auf schwindelerregenden Plattform-Pumps durch die Gegend und nannte jeden „Daaaaaarling“. Sie war die Bienenkönigin in einem Wuselhaufen flamboyanter Gestalten, zu denen auch Westwoods Sohn Ben, ein Softporno-Fotograf, gehörte. Stolz reichte er seine neusten Pin-up-Fotos herum, und ihm war egal, ob sie irgendjemand für Kunst hielt. Es war ein Chaosclub jenseits von „gutem Geschmack“ und „gesundem Menschenverstand“. Hier gab es keine erhobenen Zeigefinger, keine Ausgrenzung, kein abwertendes „Wie peinlich!“ Exzentrik war Maxime und Witz das Leitmotiv.
Momentan wieder mehr Punks auf den Straßen
Für John Lydon alias Johnny Rotten bedeutete Punk immer extreme Individualität statt Gruppendruck, Chaos statt autoritärer Strukturen. Mit Selbstzerstörung, wie sie Sid Vicious vorlebte, hat Punk demnach nichts zu tun. In all seinen Interviews lässt Lydon kaum ein gutes Haar an Vivienne Westwood. Dazu muss man sagen, dass Westwood „John fucks the pope“ auf das Schaufenster ihres Ladens sprühte, als Lydon die „Sex Pistols“ verließ. Trotzdem war meine Erfahrung im Hinterzimmer von Vivienne Westwood genau das, was Lydon als Punk definiert: Freiheit pur. Punk, das ist weder eine Musikrichtung, noch eine Mode, Jugendbewegung oder Subkultur. Man braucht keine Gruppe, um den Status quo in Frage zu stellen. Punk, das ist die einzige Freiheit im Leben, die man hat: nämlich, nein zu sagen.
Momentan scheint man wieder mehr Punks auf den Straßen zu sehen. Jugendliche, die mit ihrem Äußeren zwar nicht mehr schockieren können, trotzdem aber einen Trennstrich ziehen wollen. Ob sie mehr aus ihrer Ablehnung machen, als sich Metallstücke durch Körperteile zu jagen, bleibt abzuwarten. John jedenfalls trug weiterhin seinen Nasenring, promovierte in Teilchenphysik und arbeitet heute für eine Bank. Ob er immer noch ein Punk ist, weiß ich nicht, aber ich wünsche es mir. Die dreißigjährige Geschichte des Punk könnte einen zynisch werden lassen. Aber Zynismus ist der Protest der Schwachen. Lang lebe Punk.
Von den „Sex Pistols“ zu Vivienne Westwood
Der englische Begriff „Punk“, der schon bei Shakespeare als Synonym für eine Prostituierte auftaucht, meint ursprünglich faules Holz und wird als abwertende Bezeichnung für armselig, schäbig, Unsinn verwendet. Als Geburtsstunde der Bewegung, die als Reaktion auf die Hippie-Bewegung entstand, gilt in Großbritannien das Konzert der „Sex Pistols“ auf einem Themseboot namens „Queen Elizabeth“ im Juni 1977.
Die apolitischen Punks stellten ihre gegen das bürgerliche Establishment gerichtete Haltung vor allem äußerlich durch grellbunte Haare, Irokesenschnitte und entsprechende Kleidung aus - mit der Designerin Vivienne Westwood an ihrer Spitze. Doch der anfängliche Schock, den die Punks verursachten, löste sich bald von einer Rebellion zur Modebewegung auf.
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