Home
http://www.faz.net/-gt2-u6kw
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Die Oscar-Moderatorin im Interview Planen Sie eine Revolution, Frau DeGeneres?

24.02.2007 ·  Am Sonntag wird Ellen DeGeneres eine Show moderieren - und eine Milliarde Menschen werden ihr dabei zuschauen. Die Präsentatorin der Oscar-Gala spricht über den Druck, ihre Lieblingsfilme und ihre Hoffnung, dass jemand ausrutscht.

Von Nina Rehfeld
Artikel Bilder (6) Lesermeinungen (0)

Nachdem Amerikas beliebteste Komikerin Ellen DeGeneres schon mehrfach durch die Golden Globes und die Emmy Awards führte, wird sie morgen die Oscar-Verleihung moderieren. Ganz in ihrem Element, auf der Bühne des „Second Floor Theatre“ im Gebäude des Senders ABC im kalifornischen Burbank, erscheint Ellen DeGeneres zum Gespräch. Sie trägt einen dunklen Hosenanzug und gibt sich ein wenig schüchtern.

Frau DeGeneres, Sie werden an diesem Sonntag erstmals die Oscar-Verleihung moderieren. Planen Sie eine Revolution?

Nun, ich bin neu und revolutionär. Ich werde das Material von Chris Rock benutzen und einiges von Whoopi Goldberg, außerdem habe ich alte Aufzeichnungen durchkämmt. Ich gehe davon aus, dass sich keiner mehr so genau erinnert - je älter die Scherze, desto besser meine Chancen. Ich habe ein paar tolle Witze über Ben Hur auf Lager.

Wie man hört, träumen Sie schon lange von den Oscars ...

Ja. Natürlich. Jedes Jahr dachte ich: Dieses Mal rufen sie mich an. Bestimmt. Und als es dann endlich passierte, war ich überglücklich.

Dominiert derzeit noch Ihre ungeheure Freude, oder spüren Sie schon den Druck?

Nun, da ich soeben verraten habe, dass dies ein großer Traum von mir ist - ja, ich spüre den Druck deutlich. Jeder kennt dieses Gefühl, aber mir ist auch klar, dass dies nicht meine Nacht ist, sondern die der möglichen Preisträger. Sie sind nominiert, sie sind nervös, und sie hören vermutlich nicht einmal, was ich zu sagen habe.

Dafür werden Ihnen Hunderte Millionen Fernsehzuschauer genau zuhören.

Ja, eine Milliarde Menschen werden die Veranstaltung weltweit verfolgen und gespannt darauf warten, dass wir endlich zu den besten Schauspielern und dem besten Film kommen.

Wie bereiten Sie sich vor? Bitten Sie andere Moderatoren um Tipps?

Nein, was ich tue, hat nichts mit dem zu tun, was andere vor mir gemacht haben. Ich möchte so weit wie möglich von eventuellen Vergleichen fernbleiben. Ich hatte vor, eine Sing- und Tanznummer aufzuführen, aber das hat ja Billy Crystal schon vor mir gemacht. Übrigens ist alles, was bisher gemacht wurde, eigentlich meine Idee gewesen. Sie haben es mir geklaut.

Sie werden nicht tanzen?

Ich werde nicht tanzen.

Oder singen?

Auch das nicht. Ich werde nicht einmal sprechen. In diesem Jahr ist alles Pantomime. Und ich sitze in einer Kiste.

Sicher sind Sie schon von zahlreichen Designern kontaktiert worden, oder?

Ja, und wissen Sie, die Leute sind vor allem daran interessiert, was ich trage, und nicht so sehr daran, wie ich die Sendung moderiere. Wenn ich ein Kleid tragen würde, wäre es eigentlich egal, was ich sage. Aber ich glaube nicht, dass ich ein Kleid anziehen werde.

Man wird sicherlich versuchen, Sie zu überreden.

O ja, alle haben mich schon mit diesem Kleid genervt. Aber es steht wirklich außer Frage. Es geht nicht um eine Rebellion oder so etwas, ich fühle mich einfach in einem Kleid sehr unwohl.

Wie lange ist es her, dass Sie eines getragen haben?

Ich hatte neulich einen Rock und ein Bauernhemd an für einen Undercover-Sketch in New York. Aber viele haben mich trotzdem erkannt. Ich trug sogar eine Perücke und schob ächzend ein Sofa über den Bürgersteig, um zu testen, wie viele Leute wohl einer Frau, die ein Sofa über den Bürgersteig zerrt, helfen würden. Es waren natürlich zum Großteil Frauen. Also: Ich ziehe Kleider an, wenn es unbedingt sein muss, aber ich fühle mich wie eine andere Person und weiß nicht, warum das so ist.

Es wird also keine dramatischen Kostümwechsel geben wie bei vergangenen Moderatoren?

Wissen Sie, ich liebe Anzüge, und das wäre natürlich eine wunderbare Gelegenheit, all diese Designer-Angebote nutzen zu können. Nur um etwas zu betonen: Mir ist das, was ich trage, natürlich sehr wichtig. Wenn ich mit Portia de Rossi zu einer Veranstaltung gehe, wollen alle nur wissen, was sie trägt. Aber ich habe auch keine Sachen von JC Penney an. Es ist Gucci!

Hollywoods Stars und Sternchen verbringen die Wochen vor der Verleihung in Spas und Schönheitssalsons - was tun Sie?

Ich habe mir heute Morgen in der Dusche die Fußballen geschmirgelt.

Die Produzentin Laura Ziskin konnte uns nicht sagen, ob es mit Rücksicht auf die Anstandsbedenken der amerikanischen Medienbehörde FCC eine siebensekündige Sendeverzögerung geben wird, wie das inzwischen bei Live-Veranstaltungen im amerikanischen Fernsehen üblich ist.

Das macht nichts. Dann warte ich einfach sieben Sekunden, bevor ich etwas sage.

Das amerikanische Fernsehen ist einer seltsamen Anstandshysterie verfallen. Müssen Sie am politisch korrekten Auftreten arbeiten?

Ich finde, man muss niemanden beleidigen, um richtig komisch zu sein. Ich mache das nicht, ich finde es ziemlich billig. Andererseits bin ich wahrlich nicht prüde. Aber ich will gar nicht erst anfangen, darüber nachzudenken. Meine einzige Sorge ist, ein möglichst breites Publikum zum Lachen zu bringen. Ich möchte keine supersmarten Witze reißen, die nur die ganz schlauen Leute verstehen. Das ist die eigentliche Gefahr: zu hip und zu clever zu sein, um sich selbst zu beeindrucken.

Es gibt Leute, die finden die Oscars im Vergleich zu anderen Preisverleihungen geradezu unwichtig.

Nun, die Oscars sind eben mein Traum. Ich habe übrigens nie davon geträumt, die Preisverleihung der amerikanischen Drehbuchautoren-Gilde zu moderieren.

Was waren Ihre Lieblingsfilme im vergangenen Jahr?

Ich fand „Little Miss Sunshine“ fantastisch, und ich hoffe, dass dieser Film ausgezeichnet wird. Laura Ziskin hat mir versprochen, dass sie mir sämtliche nominierten Filme besorgen wird, damit ich sie alle sehen kann.

Als Sie die Emmy-Verleihung moderierten, haben Sie gescherzt, dass kaum etwas die Taliban mehr ärgern könnte als diese Sendung - eine homosexuelle Frau unter Juden. Ist das auch als Kampfansage an die Homophoben zu verstehen?

Nein. Wissen Sie, hin und wieder entfällt es mir völlig, dass ich lesbisch bin - bis man mich daran erinnert. Ich trete doch nicht mit dem Gedanken auf die Bühne: Ich bin eine lesbische Moderatorin. Ich bin einfach nur ein Mensch, bis man es mir unter die Nase reibt. Vermutlich bedeutet das anderen Menschen mehr als mir.

Dennoch gelten Sie vielen nun als ähnliche Pionierin wie der farbige Schauspieler Chris Rock, der 2005 die Oscar-Verleihung moderierte.

Ja, vielleicht. Warten Sie: Chris Rock ist homosexuell? Wissen Sie, das Ziel ist doch, dass es völlig egal ist, ob ein schwarzer Mann oder eine schwarze Frau oder eine lesbische Frau auf der Bühne steht. Wichtig ist, dass der Auftritt gut ist. Unsere Welt ist so versessen darauf, ständig Etiketten zu verteilen: Du bist Republikaner, du bist Demokrat, du bist dies und jenes.

Es wird also in diesem Jahr keine „Brokeback Mountain“-Schwulenwitze geben?

Deswegen haben sie mich im vergangenen Jahr nicht angerufen! Der Film und ich als Moderatorin - viel zu schwul.

Wie wichtig ist der erste Lacher?

Als ich im vergangenen Jahr Jon Stewart beobachtete, sagte er nach fünf oder sechs Pointen plötzlich wie erleichtert: Na also, na also! Das Publikum hatte schon vorher gelacht, aber jetzt klatschten sie zum ersten Mal. Ich merkte, dass er mit sich selbst sprach, weil er froh war, dass sie endlich Feuer gefangen hatten.

Was passiert eigentlich, wenn ein Oscar-Moderator am Vorabend eine Grippe bekommt?

Ich habe keinen Ersatz. Wenn ich krank werde, mache ich die Show trotzdem. Ich habe schon mit 39 Grad Fieber moderiert, und manchmal gleicht das Adrenalin dies einfach aus. Man macht weiter und bricht am nächsten Tag zusammen. Je mehr schiefgeht, desto besser. Ich möchte, dass jemand eine spektakuläre Rede hält, über die man am nächsten Tag spricht. Und ich hoffe, dass jemand auf den Stufen zum Podium ausrutscht.

Und notfalls helfen Sie nach?

Ja. Wenn es sein muss, gibt es von mir einen Schubser.

Als Sie Ihre sexuelle Neigung 1997 öffentlich machten, wurde ihre ABC-Talkshow trotz guter Quoten gekippt, weil sich der Sender zu stark unter Druck gesetzt fühlte. Erscheint Ihnen Ihre zweite Karriere nun als Glückssträhne?

Ich fühle mich weniger vom Glück begünstigt als verdient erfolgreich. Ich habe sehr hart an meiner Karriere gearbeitet. Wenn man mal alles verloren hat, vergisst man dieses Gefühl nie. Plötzlich stand ich wieder auf Stand-up-Bühnen, und das Publikum bestand vermutlich nur zu zwanzig Prozent aus Heteros, weil sie alle dachten, ich würde jetzt nur noch mit einer Regenbogenflagge auf und ab marschieren. Es war für mich eine ungeheure Herausforderung, ein Comeback zu wagen.

Ihre jetzige Talkshow ist im amerikanischen Fernsehen sehr erfolgreich. Müssen Sie neben der Unterhalterin zunehmend auch Unternehmerin sein?

Eigentlich schon. Aber neulich hatten wir einen schrecklichen Unfall. Wie Sie vielleicht wissen, bieten wir über die Website unserer Sendung eine Lingerie-Linie namens Ellen an, die sehr erfolgreich ist. Eine Frau aus Kanada schrieb vor kurzem, die Wäsche sei zwar sehr bequem, aber mit 24 Dollar zu teuer - sie würde sie lieber für zehn Dollar inklusive Versandkosten haben. Mir rutschte ein blöder Witz raus: „Okay, Ellen-Wäsche für zehn Dollar. Sonderangebot, nur 24 Stunden!“ Wir haben sechstausend Stück verkauft, aber uns kostet das Stück 13,50 Dollar, also machten wir in 24 Stunden 25.000 Dollar Verlust. Wir gehen bankrott, aber die Zuschauer mögen uns.

Was folgt nun auf den Oscar-Traum?

Nichts. Ich höre einfach auf und fange von vorne an. Nein, im Ernst, mein Leben ist wunderbar, ich könnte kaum glücklicher sein. Als ich anfing, war mein Ziel, bei Johnny Carson aufzutreten. Ich schlief damals auf dem Fußboden einer winzigen Kellerwohnung. Ich hatte kein Geld, kein Auto, ich lebte von einer Dose Suppe am Tag. Ich hatte nichts, und ich schrieb dieses Stück darüber, warum Flöhe auf der Welt sind. Ich war mir sicher, dass Johnny Carson das toll fände. Ich würde die erste Komikerin in seiner Show sein. Und so geschah es. Und irgendwie wurde mir klar - wenn man seine Ziele nur klar und laut formuliert und das Universum wissen lässt, was man erreichen möchte, dann kann man das auch erreichen. Eines meiner Ziele war, eine Talkshow zu leiten, und ein weiteres war die Oscar-Verleihung.

Ellen DeGeneres wird 1958 in New Orleans geboren und wächst in einem streng christlichen Haushalt auf.

Anfang der achtziger Jahre tritt sie im damals einzigen Comedyclub von New Orleans auf und tingelt bald durch Amerika.

1982 wählt der Kabelsender Showtime sie zur „Lustigsten Person Amerikas“ und begründet damit ihre Fernsehkarriere.

Nach einer Reihe von Fernsehauftritten bietet ihr der Sender ABC 1994 eine Show mit dem Titel „Ellen“ an. Als sich DeGeneres 1997 in einem heute berüchtigten Spot mit Oprah Winfrey zu ihrer Homosexualität bekennt, setzt ABC die Sendung ab.

2001 macht Ellen DeGeneres Schlagzeilen mit der ebenso sensiblen wie humorvollen Moderation der ersten Emmy-Verleihung nach den Terroranschlägen vom 11. September.

Seit 2003 moderiert sie die erfolgreiche „Ellen DeGeneres Show“ im amerikanischen Fernsehen.

Quelle: F.A.Z., 24.02.2007, Nr. 47 / Seite Z6
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Ab in die eTonne

Von Ursula Scheer

Der „eTown-Index“ rechnet aus, in welcher Stadt Deutschlands es die meisten wirtschaftlichen Internetseiten gibt. Googles System dahinter ist ebenso durchschaubar wie verworren. Mehr 1