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Die Ordnung der Welt Fergie war nie eine Prinzessin

04.09.2010 ·  Das Beloit College in Wisconsin sammelt die Gewohnheiten und Vorlieben amerikanischer Studienanfänger. Die Liste ist zu einer faszinierenden Quelle über gewandeltes Alltagswissen und kulturelle Kompetenz herangewachsen.

Von Hubert Spiegel
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Wir machen Listen. Unentwegt. Wir schreiben Einkaufszettel, Wunschlisten für den Weihnachtsmann, Listen mit Pflichten und Aufgaben und Listen mit den Namen der Menschen, die wir dringend anrufen wollen oder deren Geburtstag wir nicht vergessen dürfen. Und wir lesen Listen. Immer wieder. Die größten Romane aller Zeiten, die aktuellen Hits und Bestseller, empfehlenswerte Krankenhäuser oder günstige Haftpflichtversicherungen – alles wird aufgelistet. Wir schreiben und lesen Listen, um uns zu informieren, um Hierarchien herzustellen oder zu bewahren, und als Gedächtnisstütze. Aber brauchen wir wirklich eine Liste, die uns daran erinnert, dass sich die Welt verändert hat?

Die Liste ist ein Medium der Entschleunigung. Sie verlangsamt den Prozess, den sie zu beschreiben versucht, bis hin zum Stillstand. Sie ist eine Momentaufnahme, die den ersehnten Augenblick des Innehaltens suggeriert. Dabei hat sie es selbst lieber flott. Die Liste verlangt nach einer gewissen Grundgeschwindigkeit, sie will abgearbeitet werden, Schritt für Schritt, zack, zack, zack. Dabei ist sie keineswegs eine Erfindung der rasenden Moderne.

Homer begann mit der Aufzählung der Heerführer

Die Ursprünge der Liste liegen im Nebel grauer Vorzeit verborgen. Selbst Bücher, die von nichts anderem handeln als von Listen, tappen da im Dunkeln. Umberto Eco vermutet den Ursprung der Liste im menschlichen Bedürfnis, das Unfassbare ins Begriffliche zu zwingen. Für ihn ist die Liste der Versuch, „die Unendlichkeit fassbar zu machen“. Als erstes literarisches Zeugnis dieses Begehrens gilt ihm Homers Aufzählung der Heerführer und ihrer Schiffe, die gegen Troja in den Krieg ziehen. Aber es sind zu viele, als dass der Dichter sie alle nennen könnte. Homer habe sich nach Kräften, aber vergeblich am „Topos des Unaussprechlichen“ abgearbeitet. Die Menschheit, glaubt Eco, werde nie aufhören, dies zu tun.

Natürlich gab es auch Versuche, das Unfassbare nicht nur sprachlich zu benennen, sondern mathematisch zu berechnen. Im Jahr 1622 entwarf Pierre Guldin die vermutlich längste Liste aller Zeiten. Er überschlug die Anzahl der Wörter, die sich bilden ließen, wenn man die damals gebräuchlichen 23 Buchstaben des Alphabets in allen denkbaren Kombinationen zusammenstellte – von zwei Buchstaben bis hin zu Wörtern mit 23 Buchstaben. Ob diese Wörter einen Sinn ergaben oder sich auch nur aussprechen ließen, interessierte den Mathematiker nicht.

Pierre Guldin konnte nichts von einer Erfindung namens Internet ahnen

Seine Berechnungen endeten bei etwas mehr als siebzigtausend Milliarden Milliarden Wörtern. Aber Guldin rechnete weiter. Er dachte darüber nach, all diese Wörter niederzuschreiben, und zwar in Hefte von jeweils tausend Seiten mit hundert Zeilen je Seite und sechzig Buchstaben je Zeile. Um diese Hefte aufzubewahren, entwarf er Bibliotheksgebäude, schlichte Kuben mit einer Seitenlänge von 133 Metern, die jeweils 32 Millionen Hefte fassen konnten. Um alle Hefte unterzubringen, wären 8 052 122 350 solcher Bibliothekswürfel nötig.

Ein rascher Blick auf die zur Verfügung stehende Erdoberfläche überzeugt uns von der Unmöglichkeit des Vorhabens: Unser kleiner Planet bietet lediglich für 7 757 213 799 der Guldinschen Wortspeicher Platz. Allerdings konnte Guldin, dessen Berechnungen Umberto Eco in seinem im vorigen Jahr erschienenen Buch „Die unendliche Liste“ zur Kategorie der „schwindelerregenden Listen“ zählt, nichts von einer Erfindung namens Internet ahnen.

Kontakt zu den Studenten verloren

Eine Liste aller im Internet verfügbaren Listen gibt es nicht. Das Ordnungssystem der Liste lässt sich selbst nur wenig besser erfassen als sein Gegenstand, die Welt mit all ihren Phänomen, die ja nicht nur recht zahlreich, sondern auch alles andere als statisch sind. Deshalb ist eine Liste, die uns daran erinnert, dass die Welt sich ändert, vielleicht doch keine dumme Idee.

Sie entstand am Ende des vorigen Jahrtausends, als sich zwei Hochschullehrer eingestehen mussten, dass sie den Kontakt zur Lebenswelt ihrer jungen Studenten weitgehend verloren hatten und wenig Aussicht darauf bestand, dass die Zukunft daran etwas ändern würde. Die Ereignisse und Daten, die Gewohnheiten und Vorlieben, die Freizeitbeschäftigungen, aber auch die Technologien, die das Leben ihrer Studienanfänger mittlerweile beeinflussten oder sogar bestimmten, waren ihnen fremd geworden, denn sie selbst hatten ihre prägenden Jugendjahre in einer anderen Zeit verbracht, in einem anderen Referenzsystem, in einer anderen Welt.

Smartphone als Allzweckwaffe

Deshalb riefen sie die „Beloit College Mindset List“ ins Leben, die seit 1998 alljährlich im August auf der Homepage der Hochschule veröffentlicht wird. Ursprünglich war sie nur für den internen Gebrauch der Hochschullehrer gedacht, als eine Art Gedächtnisstütze, die Professoren daran erinnern sollte, ihr eigenes Referenzsystem nicht mit demjenigen ihrer Studenten zu verwechseln. Mittlerweile ist die Mindset List ein international beachteter Katalog mit Einträgen zu den sich rasant ändernden Weltsichten, Denkweisen und Haltungen der nachwachsenden Generationen.

Die aktuelle, soeben veröffentlichte Liste beginnt mit einer kurzen Charakterisierung der Klasse von 2014, also dem jüngsten Collegejahrgang, der in vier Jahren seinen Abschluss machen wird. Die Klasse von 2014, so schreiben die Professoren Ron Nief und Tom McBride, findet nichts Seltsames an den unzähligen koreanischen Autos auf amerikanischen Straßen. Die heute Achtzehnjährigen wundern sich nicht darüber, dass sie fünfhundert Fernsehsender empfangen können, aber höchstens ein halbes Dutzend davon einschalten.

Schlüsselbegriffe der jungen Generation

Clint Eastwood kennen sie nicht als „Dirty Harry“, sondern nur als großen alten Hollywood-Regisseur. Solange sie denken können, hatte Amerika Probleme mit seinem Haushaltsdefizit, und sie können sich nicht vorstellen, dass Russland einmal Nuklearwaffen auf die Vereinigten Staaten gerichtet hat und umgekehrt. Nichts von dem, was vor ihrer Geburt stattgefunden hat, ist in ihr Bewusstsein gedrungen – so zumindest die erfahrungsgesättigte Annahme der beiden Professoren –, und sie sind von klein auf daran gewöhnt, sich jede Information augenblicklich beschaffen zu können: „Instant access“, sofortiger Zugang oder Zugriff, ist ein Schlüsselbegriff dieser Generation, die jetzt mit dem Smartphone als Allzweckwaffe in der Hand das College betritt, wo sie lernen soll, dass Bildung nicht rund um die Uhr online abrufbar ist, sondern erworben werden muss.

In der Welt, in der die Klasse von 2014 aufgewachsen ist, war Al Gore immer schon eine Zeichentrickfigur, John McEnroe nie ein professioneller Tennisspieler und Fergie nie eine Prinzessin, sondern Popsängerin. Die Tschechoslowakei hat für diese Schüler nie existiert, und den Rauch fremder Zigaretten fürchteten sie fast von Geburt an als krebserregend. Seitdem sie denken können, kooperieren Russen und Amerikaner friedlich im Weltall, nehmen HIV-positive Sportler an den Olympischen Spielen teil und machen amerikanische Unternehmen Geschäfte in Vietnam.

Keine Vorstellung vom Kalten Krieg

Sie haben niemals einen Computer ohne CD-ROM-Laufwerk gesehen, nie gedankenverloren ein Spiralkabel beim Telefonieren um die Finger gewickelt und bei der Aufforderung „Go West“ nie daran gedacht, sie sollten anhalten, bevor sie in China angekommen wären. Woody Allen war immer schon mit seiner Adoptivtochter zusammen, und es hat immer schon Homosexuelle im Vorabendprogramm gegeben. All dies sollten ihre Collegeprofessoren ebenso wenig vergessen wie die Tatsache, dass jeder Vierte von ihnen mindestens einen Elternteil hat, der eingewandert ist.

Nur zwölf Jahre liegen zwischen der aktuellen Liste und ihrem frühesten Vorgänger, der Beloit College Mindset List des Jahres 1998. Damals, kurz vor dem Ende des alten Jahrtausends, betrat die erste Generation das College, deren Angehörige keine Vorstellung vom Kalten Krieg hatten, kaum etwas mit der Reagan-Ära zu verbinden wussten, niemals das Computerspiel Pacman gespielt hatten und die special effects von „Star Wars“ als vorsintflutlich empfanden. Für sie hatte es immer schon Kabelfernsehen gegeben, aber sie wussten nicht, wer J. R. Ewing war oder woher Mork eigentlich stammte. Kontaktlinsen waren immer weich, nie hart, die Lage der „Titanic“ war immer schon bekannt und die Haut von Michael Jackson stets hell gewesen. Kansas, Boston und Chicago waren keine erfolgreichen Musikgruppen, sondern Städte.

Daumenkino? Was soll das sein?

Wenn heute die Klasse von 2014 nacheinander alle zwölf Mindset-Listen studieren würde, von jetzt bis zurück ins Jahr 1998, als sie alle sechs Jahre alt waren, dann wäre es, als liefe die Spanne von zwei Dritteln ihres bisherigen Lebens an ihnen vorbei wie in einem turbogetriebenen Daumenkino. Natürlich wüssten sie nicht, was ein Daumenkino ist. Und wenn sie sich über etwas auf diesen Listen wunderten, dann vermutlich darüber, wie vieles darauf ihnen unbekannt ist, obwohl es doch zu ihrem eigenen kurzen Leben gehört.

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