25.08.2007 · Er hat den Inhalt von 12.000 Büchern im Kopf, aber kann sich nicht allein die Schuhe zubinden. Kim Peek war das Vorbild für „Rain Man“. Doch anders als der Filmheld hat Kim Peek gelernt, sein Leben mit anderen Menschen zu teilen. Ein Besuch.
Von Nina Rehfeld, PhoenixFran Peek folgt einem seltsamen Ritual, wenn er jemandem seinen Sohn Kim vorstellt: „Sagen Sie ihm Ihren Geburtstag“, bittet er. Auf die Daten hin legt Kim den Kopf ein wenig schief, blickt ins Leere und sagt mit leicht gedehnter Intonation: „24. März 1968, war ein Sonntag. Dieses Jahr war's ein Samstag, 2033 werden Sie 65, ein Donnerstag.“ Sein Vater nickt anerkennend, und Kim wendet sich mit einem tiefen Stöhnen, das in ein meckerndes Glucksen übergeht, seinen Händen zu. „Woher wissen Sie das, Kim?“ „Ich rechne es mir aus“, sagt er.
Kim Peek ist der Mann, der einst für den vierfach oscarprämierten Film „Rain Man“ mit Dustin Hoffman in der Hauptrolle Modell stand. Die außerordentliche Struktur seines Gehirns, das einen schweren Geburtsschaden an anderer Stelle überkompensierte, machte ihn berühmt. Er kann nicht nur den Ewigen Kalender auswendig aufsagen. Er kann alle deutschen Regierungschefs seit Bismarck aufzählen; die Postleitzahl jeder beliebigen amerikanischen Kleinstadt nennen; die einzelnen Instrumente eines sekundenkurzen Ausschnitts aus einem Orchesterstück identifizieren; eine Shakespeare-Sonate nach bloßem Überfliegen rezitieren; die Baseballergebnisse der Saison 1973 herunterbeten. Oder der von 1985. Oder 2003. Er hat den Inhalt von 12.000 Büchern gespeichert und muss eine Melodie nur einmal hören, um sie fehlerfrei nachsummen zu können. „Kim-Puter“, nennt sein Vater ihn. Kim Peek ist ein Genie.
Nur allein duschen kann er nicht
Aber im Moment konzentriert sich der 55 Jahre alte Mann mit dem übergroßen Kopf und den leicht schräg stehenden Augen auf die Stadtführung in seiner Heimat Salt Lake City. „Mein Vater hat mal mit einem Mann zusammengearbeitet, der dort drüben wohnte“, sagt Kim Peek in seinem gleichmäßig lauten Bass, der das heisere Wispern seines Vaters mühelos übertönt, und zeigt aus dem Beifahrerfenster des alten Ford Taurus auf ein Haus in den Hügeln am Stadtrand. „Hier sind meine Mutter und mein Vater zur Schule gegangen. Und da drüben ist . . .“ - er dudelt ein paar Takte aus einer lokalen Chevrolet-Werbung, und sein Vater erklärt, dass das Liedchen die Straße nennt, in der das Haus von Larry Miller steht, dem Besitzer der Basketballmannschaft Utah Jazz.
Kim fährt fort: „Hier hat vor acht Jahren ein Tornado alle Bäume entwurzelt. Und wenn man dort hinauf fährt: Beethoven!“ Sein Vater springt ein: „Beethoven ist Kims Wort für Bastard. Als Kim sechs war, riet uns der Gehirnchirurg Peter Lindström zu einer Lobotomie.“ Lindströms Ehefrau Ingrid Bergman, so erklärt Fran Peek weiter, hatte mit dem Regisseur Roberto Rossellini eine uneheliche Tochter, also einen Bastard, aber da sich dieses Wort in der Öffentlichkeit nicht schickt, hat es Kim durch das Wort Beethoven ersetzt. Der Komponist bezeichnete einst in einem Brief an seinen Bruder das uneheliche Kind seiner ungeliebten Schwägerin als Bastard.
Es sind rasante gedankliche Hakenschläge, die Kim Peek vollführt, und ohne die interpretatorische Hilfe seines Vaters kann man kaum folgen. Manchmal scheint es, als höre man einem Fünfjährigen bei der Beschreibung seiner Sommerferien zu, dann wieder fühlt man sich dem intellektuellen Universum von Kim Peek schlicht nicht gewachsen - trotz der Tatsache, dass dieser Mann Schwierigkeiten hat, sein Hemd richtig herum anzuziehen („in zwei von drei Fällen macht er es falsch“, sagt sein Vater) und nicht allein duschen oder sich rasieren kann. Neulich wies man Fran an einer Flughafen-Sicherheitskontrolle darauf hin, dass Kim seine Schuhe falsch herum trage. Auf die Frage des Vaters, ob ihn die Füße nicht schmerzten, sagte Kim: „Ich habe mich damit noch nicht beschäftigt, Dad.“
Inzwischen macht er lieber Witze
Für Darold Treffert, einen langjährigen Freund von Kim und Fran Peek und führenden Experten bei der Erforschung des Phänomens sogenannter Inselbegabter, bricht sich in Kims Assoziationskapriolen ungeahnte Kreativität Bahn. „Kim verfügt über ein enormes Erinnerungsvermögen. Aber in den vergangenen Jahren scheint er lieber, als einfach nur Bücher auswendig zu lernen, Freude an Wortspielen zu finden. Manchmal geht mir erst Stunden später auf, wie witzig eine Bemerkung von ihm war.“ Offenbar langweilt sich der mnemonisch Hochbegabte mit der bloßen Wiedergabe abgespeicherten Wissens.
Das nimmt beinahe noch mehr Wunder als Kims fantastisches Gedächtnis. Denn Humor gilt als Fähigkeit, die Abstraktionsvermögen voraussetzt - eine Fähigkeit, die Kim bislang weitgehend abgesprochen wurde. „Kim nimmt die Dinge sehr buchstäblich, wie ein Kind“, sagt sein Vater. „Die Fähigkeit zu argumentieren fehlt ihm.“ Doch einem befreundeten Priester trug er einst eine Botschaft an den Papst auf: Er möge sich mal mit dem Tippfehler jener Mönche beschäftigen, die anno 1611 die Bibel neu übersetzten. „Sie haben bei dem Wort ,celebrate' das ,r' vergessen“ - eine Anspielung auf das englische Wort für zölibatär, „celibate“.
Kein emotional verödeter Autist wie „Rain Man“
Beim Mittagessen im Stammrestaurant der Peeks bestellt Fran - „das Übliche, Kim?“ - seinem Sohn ein Sandwich und Milchreis und fragt: „Wer war der erste Regierungschef der Deutschen?“ Kim setzt sein Wasserglas ab, das er mit beiden Händen festhält, und sagt mit halbgeschlossenen Augen: „Sie wurden erst Kurfürsten genannt, dann Könige, dann Weimar, dann Hitler, dann Aufteilung und Besetzung, dann fiel die Mauer und Wiedervereinigung unter Kohl.“ Offenbar will er die lästige Übung hinter sich bringen, um zu Interessanterem vorzudringen: „Was halten Sie eigentlich von Angela Merkel?“ fragt er mit geschärftem, direktem Blick. „Ich finde, sie wirkt wie eine feine Lady.“
Dies ist nicht jener in sich gekehrte, emotional verödete Autist, den Dustin Hoffmann in Barry Levinsons „Rain Man“ darstellte. Dies ist einer, dessen Hirn auf anderen Umlaufbahnen schaltet und der damit recht selbstsicher lebt. Hin und wieder sagt er Dinge, die wie seltsam verschrobene Weisheiten klingen: „Wenn Sie an mich denken, werde ich stets unter Menschen sein.“ Oder: „Ich suche nach Leuten, die den Anblick von Menschen mögen.“
Dustin Hoffman riet zur Öffentlichkeit
„Früher“, sagt Fran, während Kim aufsteht und mit einem Geschichtsbuch unterm Arm gedankenversunken durch das Restaurant streift, „habe ich nicht gewagt, ihn mit in die Öffentlichkeit zu nehmen.“ Es war Dustin Hoffman, der den Anstoß zur Veränderung gab. Als er im Rahmen der Recherchen zu „Rain Man“ einen Tag mit Kim verbrachte, nahm er Fran Peek beiseite und sagte: Sie sollten Ihren Sohn nicht länger der Welt vorenthalten.“ Fran zögerte. Immer wieder hatte er gehört, dass sein schwerstbehinderter Sohn am besten in der heimischen Sicherheit aufgehoben sei. Doch nach und nach wagte Fran sich vor. Er akzeptierte Interview-Anfragen und Vortragseinladungen von Schulen und Universitäten.
Und er staunte, wie sehr Kims Selbstbewusstsein aufblühte: Der Mann, der früher Augenkontakt mied und auf Ansprache von Fremden nicht reagierte, genießt es heute, seine Fähigkeiten zu demonstrieren. Er streift selbstsicher durchs Publikum und beantwortet Fragen, er weiß sogar mit Provokationen umzugehen. Einen jungen Mann, der vor sechshundertköpfigem Publikum in Salt Lake City von ihm wissen wollte, wie viele Donuts man stapeln müsse, um die Höhe des Eifelturms zu erreichen, beschied er: „Man hat mir gesagt, dass dies eine intellektuelle Veranstaltung sei. Ich weiß nicht, ob Sie qualifiziert sind.“
IQ zwischen 184 und 72
3,8 Millionen Menschen haben Kim nach den Berechnungen seines Vaters inzwischen bei Vorträgen und Symposien gehört. Nach der Überzeugung von Darold Treffert haben die umfangreiche soziale Interaktion und die Anerkennung, die Kim Peek dabei erfuhr, ihm ganz neue Bereiche seiner Persönlichkeit eröffnet. „Durch die Anwendung seines Talents hat er seine Sprachfähigkeiten und seine Kapazitäten zur Sozialisation erstaunlich steigern können. Er scheint eine Phase kreativer Improvisation zu durchlaufen, und es ist bemerkenswert, in welch neuer Komplexität sein Genie dabei zum Vorschein kommt.“
Als Kim neun Monate alt war, eröffnete man seinen Eltern, dass er schwerstbehindert sei, keine geistigen Fortschritte machen würde und am besten in eine Pflegeeinrichtung zu geben sei. Doch Fran erkannte Kims Begabung - mit drei konnte er lesen, mit vier lernte er ganze Buchbände auswendig - und förderte ihn, so gut er nur konnte. Er gab ihm stapelweise Bücher und Zeitungen zu lesen und organisierte, als man Kim wegen Verhaltensauffälligkeiten aus der Schule verwies, eine Heimlehrerin. Mit vierzehn hatte Kim das Schulcurriculum absolviert. Bei Intelligenztests schnitt er auf einigen Gebieten mit 184 höher als Albert Einstein (149) ab, auf anderen erreichte er mit 72 bloß Idioten-Niveau.
Zwei unverbundene Gehirnhälften
Bis heute löst Fran, IQ 135, jeden Morgen mit ihm die Rätselseite der „Salt Lake City Tribune“- „und ich bin immer noch erstaunt, was Kim alles weiß“. Oft, sagt Fran, helfe Kim ihm geistig auf die Sprünge. 81 Jahre ist er alt, die vielen Reisen ermüden ihn: „1,8 Millionen Flugmeilen haben wir bisher zurückgelegt, und 150.000 im Auto.“ Wenn man Kim nach seinem Lieblingsziel fragt, sagt er schlicht: „Ich bin gern unter Menschen.“
Anders als man vermuten würde, zählt Autismus nicht zu Kim Peeks Krankheitsbild, auch wenn er eine Reihe von autistischen „Macken“ pflegt. Kims übergroßer Schädel wies bei der Geburt eine schwere Schädigung der linken Gehirnhälfte auf. Zudem stellte sich heraus, dass den Hemisphären seines Hirns die verbindende Brücke fehlt, das sogenannte corpus callosum. Sein Vater hat diese Brückenfunktion weitgehend übernommen. Fran ist eine Art Interface des Kim-Puter, dessen komplexer Daten-Output sonst vielleicht weitgehend unlesbar wäre.
„Ich bin gern in Ihrer Zeit“
Als ein Journalist in Kims Hörweite eine Bemerkung über die symbiotische Beziehung der beiden machte, sagte Kim: Sie brauchen es nicht so vornehm zu sagen. Wir teilen uns einfach denselben Schatten. Ohne Fran würde Kim heute womöglich in einer psychiatrischen Anstalt verwahrt. Eine fürchterliche Vorstellung für den Vater. „Kim würde irre werden, wenn er mit einer Handvoll ,Reader's Digest'-Büchern auskommen müsste.“ Wie es einmal sein wird, wenn Fran sich nicht mehr um seinen Sohn kümmern kann, mag er sich nicht ausmalen.
Seit seiner Trennung von Kims Mutter 1981 betreut Fran Peek rund um die Uhr seinen ältesten Sohn. Ein weiterer Sohn und eine Tochter haben wie die Mutter nur sporadischen Kontakt zu Kim. Doch mit Kims zunehmender Selbstständigkeit hat auch sein Vater ein Stück Autonomie zurückgewonnen. Am Nachmittag lässt er Kim oft für einige Stunden in der Stadtbücherei allein, wo dieser mit schräggestelltem Kopf die Gänge durchstreift, bis er etwas findet. Dann setzt er sich an einen Tisch, legt seine Brille ab und vollführt ein Ritual, das einem zärtlichen Tanz gleicht: Mit einem Buch dicht vor der Nase neigt er seinen Kopf erst zur einen, dann zur anderen Seite, als würde er sich den Buchstaben und Ziffern zu einem Kuss nähern. Oder er führt sein rätselhaftes rotes Journal, in dem er in krakeliger Handschrift aus Telefonbüchern die Besitzer von Nummern mit bestimmten Ziffernkombinationen kopiert. Nicht einmal sein Vater weiß, was das zu bedeuten hat.
Kim schließt sein Heft, und steht auf, um sich zu verabschieden. Er fasst mich an den Händen, zieht mich an seinen runden Bauch und schaut mir lange tief in die Augen. Dann legt er seine Stirn an meine und sagt: „Sie sind ein großartiger Mensch. Ich bin gern in Ihrer Zeit.“