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Der „Queen“-Regisseur im Gespräch Sind Sie ein verkappter Monarchist, Mr. Frears?

14.01.2007 ·  Stephen Frears sieht nicht aus wie der, der „The Queen“ gedreht hat. Mit T-Shirt und ungekämmtem Haar wirkt er eher, als käme er aus dem „Wunderbaren Waschsalon“ seiner Filmanfänge. Aber er redet wie ein echter Gentleman.

Von Andreas Kilb
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Stephen Frears sieht nicht aus wie der Mann, der „The Queen“ gedreht hat, den Film, nach dem die britische Monarchie im Kino besser dasteht als je zuvor. Mit ungekämmtem Haar, T-Shirt, Slippers und knittrigen Hosen wirkt er eher, als käme er direkt aus dem „Wunderbaren Waschsalon“ seiner filmischen Anfänge. Aber im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung redet er wie ein echter Gentleman.

Herr Frears, gab es Reaktionen aus dem englischen Königshaus zu Ihrem Film „The Queen“?

Monatelang gab es keine. Dann rief Robin Janvrin an, der Privatsekretär der Königin, und lud uns zum Lunch im Buckingham-Palast ein - Helen Mirren, den Drehbuchautor Peter Morgan, den Produzenten Andy Harries und mich.

Wann soll das Essen stattfinden?

Demnächst.

Wird die Königin dabei sein?

Ich weiß es nicht.

Wissen Sie, ob sie den Film gesehen hat?

Nein. Wir hatten eine Kopie an den Palast geschickt. Aus Höflichkeit. Wenn sie aber den Film angeschaut hat, dann hat er ihr offenbar nicht ganz missfallen.

„The Queen“ ist eine Art Denkmal in Bildern. Er zeigt die Königin so, wie man sie in Erinnerung behalten wird.

Sie ist altmodisch. Das muss man sein, wenn man eine Institution ist.

Manche Szenen wirken so, als hätten Sie tatsächlich in Balmoral gedreht.

Dazu bekamen wir keine Erlaubnis. Wir haben auf einem Landgut genau nebenan gedreht. Balmoral gehört der Königin. Ich weiß nicht, ob der Buckingham-Palast Eigentum des englischen Staates ist, aber Balmoral ist ihr Privatbesitz.

Haben Sie beim Drehen Dienstpersonal aus dem Königshaus gesehen?

Nein. Aber jemand hat mir neulich eine Geschichte erzählt: Königin Victoria ist immer von Balmoral zu dem Gut geritten, wo wir gedreht haben.

„The Queen“ zeigt die Königin in sehr privaten Momenten. In Deutschland muss man in solchen Fällen immer auf der Hut sein. Hier ist immer gleich jeder von allem beleidigt.

Naja, Sie haben eine Demokratie, wir eine Monarchie. Eine Monarchie, die zugleich eine Demokratie ist.

Und die neun Jahre lang von demselben Mann regiert worden ist.

Tony Blair ist immer noch intakt, weil er die Rolle des Parlaments geschwächt hat. Er ist genau wie George Bush: ein Antidemokrat. Er hat die Macht der Exekutive gestärkt. Blair führt mit seinen Freunden die Regierung, und das Parlament macht genau das, was er will. Als die Leute gegen den Irak-Krieg auf die Straße gingen und protestierten, war ihm das vollkommen egal. Aber wir werden unsere Rache noch bekommen.

Wollen Sie eine konservative Regierung?

Nein, eine gemäßigte. Weniger autoritär, weniger autokratisch.

In „The Queen“ wirkt Tony Blair - der von Michael Sheen gespielt wird, demselben Schauspieler, der ihn auch schon in Ihrem Fernsehfilm „The Deal“ von 2003 verkörpert hat - ziemlich sympathisch.

Er war damals, kurz nach seinem Amtsantritt, sehr populär. Er hatte eine gewaltige Mehrheit, man dachte, dass er das Land verstünde. All das änderte sich, als Präsident Clinton durch Bush abgelöst wurde. Damit fingen die Probleme an. Auf einmal kam Blairs Christentum an die Oberfläche. Plötzlich gab es zwei religiöse Präsidenten.

Ist Blair so religiös?

Ja. Seine Frau ist katholisch, und sobald er zurücktritt, wird er auch katholisch werden. Er nimmt seine Kinder mit zur Messe. Als ihn ein Journalist bei einer Pressekonferenz fragte, ob er und Bush zusammen gebetet hätten, hat er sich mächtig aufgeregt.

Im Film wirkt er sehr weltlich.

Alles hat sich geändert, als er ins Kosovo ging. Die Leute feierten ihn, als wäre er Jesus Christus persönlich. Sein ganzes Verhalten in der Irak-Frage war das eines Verrückten mit einer religiösen Mission. Ein Krieg des neunzehnten Jahrhunderts, vollkommen lächerlich, ohne Sinn für die Geschichte.

Michael Sheen und Helen Mirren ergänzen sich im Film auf wunderbare Weise. Während er immer gestikuliert und grimassiert, bleibt ihr Gesicht vollkommen starr. Sie zeigt nichts und verrät doch alles.

Die Königin ist berühmt dafür, dass sie ihre Gefühle nicht zeigt. Ich habe immer schon Filme gemocht, in denen die Hauptpersonen ihre Gefühle unterdrücken müssen.

In diesem Sinn ist „The Queen“ der Gegenfilm zu „Ein Herz und eine Krone“ mit Audrey Hepburn. Bei Lady Di hatte man manchmal das Gefühl, dass sie ihre Persönlichkeit nach dem Vorbild der Hepburn-Figur modellierte.

Das ist der Unterschied zwischen Tradition und Moderne. Lady Diana war sehr modern, die Queen ist sehr traditionell. Sie ist aber auch sehr flexibel. Deshalb hat ihre Familie so viele Jahrhunderte überlebt.

Ist Ihnen das sympathisch?

Ich sympathisiere damit im Kontrast zu Blair, weil er mich so sehr enttäuscht hat. Dadurch gewinnt die zurückhaltende Art der Queen doch sehr. Sie ist in diese absolut lächerliche Institution eingesperrt, die königliche Familie. Die aufgeblasenen Leben, die sie leben! Vor diesem Hintergrund wird noch klarer, was für eine eindrucksvolle Frau sie ist.

Das einzige Wesen, das der Queen Gefühle entlocken kann, scheint der Hirsch zu sein, den sie von ihrem Jeep aus beobachtet.

Ein Vierzehnender. In Schottland geben sie sich Mühe, die Menge des Rotwilds klein zuhalten. Sie schießen die alten Tiere ab. Solche wie diesen Hirsch. Er läuft herum, obwohl er eigentlich schon tot sein sollte. Er ist eine Metapher für eine Einrichtung, die sich überlebt hat.

Als der Hirsch dann tot ist und Helen Mirren vor seinem kopflosen Körper steht, verbeißt sie sich die Tränen.

Das hat mit Geschmack zu tun. Tränen wären geschmacklos gewesen.

Hat die schauspielerische Leistung Helen Mirrens auf das Team abgefärbt, wurde sie beim Drehen als Königin behandelt?

Wissen Sie, im Grunde ist dieser Film ein gutes Beispiel für die Möglichkeiten des Cas- ting. Es ist ein exzellentes Skript, es gibt exzellente Schauspieler, aber die Besetzung Helens hat über alles entschieden. Als ich sie traf, kannte ich Helen nicht. Sie machte mich nervös. Genau wie es die Queen mit Leuten macht. Sie hatte genau die Ausstrahlung, die sie für den Film brauchte. Sie besaß von Anfang an eine große Autorität.

„The Queen“ ist nicht gerade der typische Stephen-Frears-Film. Was hat Sie an der Geschichte gereizt?

Ganz einfach. dass es noch niemand gemacht hat. Was ich brauche, was ich suche, sind unverbrauchte Stoffe.

Trotzdem gibt es in dem Film Dinge, die Ihre spezielle Handschrift tragen.

Ich könnte nicht sagen, welche. Es ist alles unbewusst. Ich weiß genug, um zu wissen, dass so etwas passiert, aber ich spiele keine aktive Rolle dabei.

Die Szene, in der Tony Blair abends vor dem Fernseher sitzt und irgendetwas in sich hineinlöffelt - das Gegenstück dazu ist das königliche Picknick in Balmoral, bei dem die Erwachsenen sich Mühe geben, vor den Kindern zu verbergen, worüber sie reden.

Sie leben formelle Leben. Was die Queen wirklich mag, ist der Abwasch danach. Ich habe das oft gelesen: Sie gehen im Sommer in ein Cottage, und die Queen spült das Geschirr. Ich stelle mir vor, wenn man die Queen ist, ist das alles, wonach man sich sehnt: eine ganz normale Person zu sein.

Noch eine typische Frears-Szene: Wie sie in die Küche geht, um den Anruf von Blair anzunehmen. Küchengeruch und Politik. Das Private und das Öffentliche als Kontrastfarben.

So stand es im Drehbuch. Ich bin unschuldig!

Haben Sie die Woche nach Dianas Tod so erlebt, wie sie der Film zeigt?

Ich war zu der Zeit in Amerika, ich drehte gerade „The Hi-Lo Country“. Ich habe das alles nur aus der Ferne mitbekommen. Meine Frau war damals sehr viel mehr von Dianas Tod berührt als ich. So wie alle Frauen. Sie sagte zu mir: „Das verstehst du nicht.“

Ihre ersten Filme handelten sehr deutlich von Klassenunterschieden. Warum spielt das in „The Queen“ kaum noch eine Rolle?

Was ich bei diesem Film gelernt habe, ist Folgendes: Man muss das Gegenteil von dem tun, was man tun will. Wenn man es auf Sensationen anlegt, auf Prügeleien, gibt man den Leuten Gelegenheit, sich von der Geschichte zu distanzieren. Außerdem, wenn man einen Film über wirkliche Menschen macht, tritt man immer einen Schritt zurück, um fair zu sein. Man lässt sich nicht gehen. Es wäre einfach, einen klassenbewussten Film über die Queen zu machen, diese absurd reiche Landbesitzerin. Aber das wollten wir nicht. Diesmal wollte ich brav bleiben.

Ein anderer typischer Frears-Zug in Ihrem Film ist, dass man die Hauptfiguren mehrfach beim An- und Ausziehen sieht. Sie zeigen oft Leute beim Anlegen ihrer gesellschaftlichen Masken - in „Mary Reilly“, in „Gefährliche Liebschaften“, in „Grifters“.

Stimmt. „Mary Reilly“ ist natürlich das beste Beispiel, ein Film über Gespaltenheit, über Masken, über Doppeldeutigkeit. Aber ich will das alles nicht analysieren. Wenn ich es analysieren würde, würde es vielleicht nicht mehr so gut funktionieren.

Wo sehen Sie sich selbst in der Generationenfolge britischer Filmregisseure - irgendwo zwischen Ken Loach, Mike Leigh und Danny Boyle? Wem fühlen Sie sich nahe?

Ken, Mike und ich, wir haben alle den gleichen Hintergrund. Wir kommen aus dem Wohlfahrtsstaat der siebziger Jahre. Dann haben wir mit Mrs. Thatcher den Sprung zum Kapitalismus erlebt.

Der in Ihnen die Gegenkraft geweckt hat, die Lust am filmischen Erzählen.

So kann man das sagen ... Wir versuchen alle, die Werte des Wohlfahrtsstaats unter dem Kapitalismus zu bewahren. Am Ende geht es darum, ob man sich damit abfindet, amerikanische Filme zu machen, oder nicht. Wenn man immer noch Filme über England dreht, was eigentlich eine Dummheit ist, wird man automatisch zum Nostalgiker. Die Leute interessieren sich nur für amerikanische Filme. Alle englischen Regisseure, Danny Boyle, Roger Michell, Sam Mendes, sind in diesem Sinn altmodisch. Ken macht seine Filme für sehr wenig Geld, aber er kriegt sie gemacht, Mike auch, ich auch. „The Queen“ ist nichts anderes als eine Erzählung über England - genauso wie „Kes“ vor dreißig Jahren. Er handelt davon, wie es ist, heute in England zu leben. Als Königin, als Premierminister, als Zuschauer, als Filmregisseur.

Zur Person: Stephen Arthur Frears

- Stephen Arthur Frears wird am 20. Juni 1941 in Leicester geboren.

- Er studiert am Trinity College der Cambridge University Jura.

- 1967 drehte Frears mit „Burning“ seinen ersten Film. 1971 gibt er mit „Gumshoe“ sein Debüt als Spielfilmregisseur.

- Von 1972 an dreht er Fernsehfilme für die BBC und macht sich einen Namen als Regisseur mit einer Vorliebe für sozialkritische Themen.

- Der Durchbruch im Kino gelingt ihm 1985 mit „My Beautiful Laundrette - Mein wunderbarer Waschsalon“. Sein Film „Dangerous Liaisons“ (1988; Gefährliche Liebschaften) nach dem Roman von de Laclos gewinnt drei Oscars.

- Für seinen Film „The Hi-Lo Country“ wird Frears bei der Berlinale 1999 mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet.

- 2000 kehrt Frears mit „High Fidelity“ nach Nick Hornbys Kultroman zu seinem ironischkritischen Blick auf die Menschen und ihre Schwächen zurück.

-Im kommenden Mai wird Frears Präsident der Jury beim Filmfestival in Cannes sein.

Quelle: F.A.Z., 13.01.2007, Nr. 11 / Seite Z6
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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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