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David Hockney Ich rauche, weil es mir guttut

13.07.2007 ·  Einer der berühmtesten Künstler der Gegenwart ist begeisterter Kettenraucher. Seit dem 1. Juli gilt in England ein Rauchverbot in öffentlichen Räumen: David Hockney ist empört. Eine Widerrede.

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Seit dem 1. Juli erlebt England einen völlig grotesken Fall von staatlicher Bevormundung: In geschlossenen öffentlichen Räumen darf nicht mehr geraucht werden. Politiker und Medien glauben, diese Maßnahme werde zu gesünderen Menschen und einer sauberen Umwelt führen. Sie glauben, die Menschen so einfach ändern zu können. Mit ihren Marketingmethoden glauben sie, die Menschen steuern zu können. Sie irren. Die Leute werden zu Hause bleiben und auf - legale und illegale - Drogen ausweichen.

Ich habe viele Jahre in Kalifornien gelebt. Auch dort wurden Rauchverbote erlassen - ohne nennenswerte Auswirkungen auf das Verhalten von Rauchern. In Kalifornien bewegt man sich in seinem privaten Lebensbereich. Betritt man einen öffentlichen Raum, etwa die Oper oder Disney Hall, kann der Raucher, weil das Klima so ideal ist, an jedem Tag im Jahr einfach nach draußen gehen. Viele Restaurants haben Terrassen. Im Grunde hat mich das Rauchverbot nicht groß gestört. In Kalifornien ist seit der Verhängung des Rauchverbots aber etwas anderes passiert, worüber die Medien nicht berichtet haben, und weil ich seit sieben Jahren wieder in England arbeite, ist es mir auch nicht sofort aufgefallen.

Schmerztabletten statt Zigaretten

Das Ausmaß der Arzneimittelwerbung im Fernsehen zeigt, was an die Stelle der Zigarette getreten ist (obwohl zwanzig Prozent weiterhin rauchen): Schmerztabletten, Prozac und Antidepressiva, meist rezeptpflichtig. Man sagt dem Arzt einfach, was man braucht. In den Printmedien gibt es bei Arzneimittelwerbung immer viel Kleingedrucktes, das auf mögliche Nebenwirkungen hinweist, während im Fernsehen eine Stimme eilig die ganze Liste aufzählt. Hängen bleibt vielleicht einer von vier Begriffen - Lähmung, Diarrhö, Tod, Kopfschmerzen. All das werden nun auch wir erleben. Mit Drogen (legalen wie illegalen) wird weltweit das meiste Geld verdient. Der Grund liegt auf der Hand: Sie verschaffen uns ein gutes Gefühl.

Ich weiß von fanatischen Nichtrauchern - mein Vater war einer der ersten (sein ältester Sohn hat ihn überlebt und rauchte, bis er siebzig war; ich selbst rauche auch und bin gerade siebzig geworden). Ich rauche, weil es mir guttut. Es fördert meine geistige Gesundheit. Die beruhigende Wirkung einer Zigarette ist mir allemal lieber als die von pharmazeutischen Produkten (mit unbekannten Nebenwirkungen).

Wo ist die Erklärung?

Nun könnte man einwenden, dass das Rauchen schreckliche Nebenwirkungen habe. Bei manchen Leuten ganz sicher, aber nicht bei allen. Der Britische Ärzteverband sollte uns einmal erklären, wie es kommt, dass Denis Thatcher (filterlose) „Senior Service“ rauchte, bis er mit achtundachtzig starb, und Kurt Vonnegut siebzig Jahre lang „Pall Mall“ rauchte und mit vierundachtzig starb. Wo ist die Erklärung? Niemand stellt diese Frage, und niemand antwortet.

In den späten neunziger Jahren war die damals noch mächtige „New York Times“ strikt gegen das Rauchen. Ich schrieb mehrere Leserbriefe, von denen keiner abgedruckt wurde. Als der chinesische Politiker Deng Xiao-ping im Alter von zweiundneunzig Jahren starb, brachte sie einen Nachruf. Drei Tage später erschien ein furchtbar törichter Leserbrief, dessen Verfasser behauptete, Deng sei ein schlechtes Vorbild für die Jugend gewesen, weil er immer eine „Panda“-Zigarette im Mund oder in der Hand hatte.

Adolf Hitler als Vorbild?

Ich war fassungslos. Wieder schrieb ich an die Redaktion und wies darauf hin, dass Deng sehr alt geworden sei - wie alt sollen die Leute denn eigentlich werden? - und dass das Argument jenes Lesers darauf hinauslaufe, dass Adolf Hitler ein gutes Vorbild für die Jugend sei, da er nicht geraucht habe. Mein Brief wurde nicht veröffentlicht. Fortan begegnete ich allem, was ich in Zeitungen las, mit Skepsis.

In England schlug sich die Presse, ohne Tabakreklame, derweil auf die Seite der Antiraucher. Die BBC erklärte sich für „raucherfrei“, was ich sehr bedenklich fand. Das Problem der BBC ist, dass es keinen neutralen Standpunkt gibt. Heisenbergs Unschärferelation, die zusammen mit anderen mathematischen Theorien zum Computer geführt hat, besagt, dass der Beobachter das Beobachtete beeinflusst - niemand ist neutral. Die BBC hat sich immer als neutral bezeichnet, doch nun ist sie Teil eines gigantischen (von Hörern und Zuschauern bezahlten) Manipulationsprojekts. Sie steht zwölf Millionen Rauchern gegenüber - nicht sehr fair.

Kindische Presse

Die britische Presse mag ja recht lebendig sein, aber sie ist auch furchtbar kindisch. Ich nehme sie kaum noch ernst, und wenn ich in Bridlington bin, werfe ich nur einen flüchtigen Blick in die Zeitungen. Sie sind mir nicht skeptisch genug, und deshalb betrachte ich sie als Teil dieser politischen Bevormundung. Niemand fragt, wie die Konsequenzen aussehen - in ihrer kindischen Art glauben sie, alles wird gut. Der „Guardian“ spricht von einem „Erfolg“ des Rauchverbots in Schottland. Was versteht der „Guardian“ unter Erfolg? Die Einnahmen der Wirte sind zurückgegangen, einige Pubs mussten schließen. Von einem „Erfolg“ könnte man doch nur sprechen, wenn Nichtraucher in die Pubs geströmt wären. Das war nicht der Fall. Was ich denke? Du lebst in einem Irrenhaus, David . . . Im Grunde habe ich das schon immer gefunden, aber meine Liebe für die Welt bewahrt mich vor den armseligen und öden Leuten, die in England den Ton angeben.

Das Rauchverbot trifft mich nicht sonderlich. Ich lebe sehr zurückgezogen. Ich bin nicht sehr gesellig - ich höre nicht mehr gut, und in der Welt, die ich mir geschaffen habe, werde ich weiterhin rauchen. Ich habe nicht vor, Politikern zu begegnen - die meisten von ihnen haben die abwegigsten Vorstellungen vom Menschen. In England wimmelt es von Leuten, die unbedingt die Tablettengesellschaft einführen wollen. Und niemand weiß das Ungeordnete noch zu schätzen - das „Vergnügen an der Unordnung“ gibt es nicht mehr. („Ein sorgloser Schnürsenkel, in dessen Schleife ich eine wilde Höflichkeit erkenne / verzaubert mich mehr, als wenn Kunst / in allem zu präzise ist.“ - Robert Herrick.)

In Einklang mit den Lebensenergien

Vor zwei Monaten begann ich mit der Arbeit an dem größten Gemälde, das ich je geschaffen habe - 4,5 mal zwölf Meter. Im selben Moment stellte ich fest, dass ich die Treppe (rauchend) hinaufeilte. Und mir wurde klar, dass manche Menschen stärker in Einklang mit den Lebensenergien stehen als andere.

Ich kann unmöglich der Einzige sein, der so denkt. In England sollten sich mehr Leute zu Wort melden, sich verteidigen, doch es ist nicht leicht, sich gegen alle Kräfte zu wehren, die hier am Werk sind. Zum 1. Juli wurden zwei Millionen Rauchverbotsschilder aufgestellt, auch in der Westminster Abbey. Leute ohne Vision werden England noch weiter verschandeln. Ich verabscheue sie.

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.

Quelle: F.A.Z., 14.07.2007, Nr. 161 / Seite Z4
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