25.09.2007 · Seit „Pisa“ ist vielen die öffentliche Schulbank zu hart geworden. Der teure Ausweg heißt Privatschule. Nicht nur die Reichen schicken ihre Kinder auf die teuren Internate hierzulande oder in England. Von Tilmann Lahme.
Von Tilmann LahmeDer Neue ist da. „An Bord“, wie ihm die Mitschüler erklären. Der für ihr Haus zuständige Erzieher fuhr früher zur See und wird „Käpt'n“ genannt. Das ist nicht das einzig Besondere hier im Internat, wie dem Neuen rasch klar wird. Ein Mitschüler kommt in sein Zimmer, vollkommen nackt, als sei das nichts Ungewöhnliches, stellt sich vor, plaudert, bemerkt den irritierten Blick, lacht und klärt auf. „Hier an Bord sind wir freizügig, das entspricht der Hausmentalität. Wir laufen alle nackt. Aber das ist kein Zwang, du musst da nicht mitmachen, wenn du nicht willst.“ In der gemeinsamen Küche trifft der Neue auf weitere Nackte, die sich eine Pizza aufbacken. Zurück in seinem Zimmer entscheidet er sich nach heftigem inneren Ringen fürs Dazugehören, gleich vom ersten Tag an - und zieht sich aus. Wenige Minuten später kommt der Käpt'n in das Zimmer, höchst irritiert: Seine - natürlich bekleideten - Jungs haben ihn gerade informiert, mit dem Neuen stimme etwas nicht: Der sei so seltsam und laufe die ganze Zeit nackt herum . . .
Eine Internatsgeschichte, wie sie von Ehemaligen erzählt wird, wenn man sich in vertrauter Runde trifft, eine von vielen, und noch eine der eher netten, harmlosen. Bei Internatsschülern ist das Schwelgen in der Vergangenheit kein Phänomen später Jahre, wenn die Jugenderinnerungen sich immer wieder in den Vordergrund drängeln. Schon junge Studenten, die gerade erst vor zwei oder drei Jahren ihr Abitur an einem Internat absolviert haben, können sich voller Alkohol und Rührung in den Armen liegen und von der wunderschönen Zeit, die sie gemeinsam erlebt haben, schwärmen. Inklusive all der Geschichten um Alkohol, Liebesabenteuer und Schulstreiche, moderne Abenteuer à la „Feuerzangenbowle“, von denen die Eingeweihten wissen, dass ein Kern oft wahr und der Rest blumige Girlande der Phantasie ist.
„Stalingrad-Saufen“ und Pizza-Anschläge
Für Außenstehende birgt das die Gefahr der verzerrten Wahrnehmung. Das Magazin „Vanity Fair“ etwa ist jüngst mit einem Artikel über Salem, Deutschlands bekanntestem Internat, in die Falle getappt, solche Geschichten, ohne Kenntnis des Insidercodes, der den Wahrheitsrabatt berücksichtigt, für voll und wahrhaftig zu nehmen. Unter dem Titel „Segeln, Saufen, Sex“ las man da von „Stalingrad-Saufen“ in Opas Wehrmachtsuniform bis zu Pizza-Wurfanschlägen auf die Dorfbevölkerung.
Mit der Wirklichkeit des Jahres 2007 hat das nicht viel zu tun. Aber es zeigt eines deutlich: Internate polarisieren, schaffen getrennte Welten - wir hier drin und ihr da draußen. Nicht nur jene, die eines besucht haben, besitzen zu dem Thema eine Meinung, sondern auch die Beobachter, und zwar zumeist eine scharfe, zumal in Deutschland noch immer die Überzeugung vorherrscht, erneut wild aufflackernd in der Krippendebatte, nur in der Familie sei Erziehung wirklich gut. Internate seien Verwahranstalten für dumme Kinder reicher Leute, für Gescheiterte, die an der „normalen“ Schule nicht reüssierten, für Standesbewusste, die sich mit den Niederungen einer klassenlosen Gesellschaft nicht abfinden wollen, lauten gängige Klischees. „Wenn du nicht brav bist, kommst du ins Internat“, ist so eine deutsche Drohung. „Wenn du nicht artig bist, kommst du auf eine öffentliche Schule“, heißt dagegen das Drohungs-Pendant in England, wo der Besuch einer Privatschule und auch eines Internats („Boarding School“) normal und unanstößig ist. Auf der Insel gelten Internate als die beste Ausbildung, die man seinem Kind ermöglichen kann.
„Dann haben wir als Lehrer versagt“
Sevenoaks School etwa hat beim gerade veröffentlichten Ranking der englischen Schulen den ersten Platz mit den besten Abschlussergebnissen erzielt. Ralph Ruge, seit neun Jahren Deutschlehrer an der Eliteschule mit Internatsteil in der Grafschaft Kent, sieht den Hauptgrund für den Erfolg in der individuellen Förderung der Schüler. „Wir versuchen, gemeinsam mit dem Schüler, die Ziele, die er sich gesetzt hat, zu erreichen. Wenn das nicht gelingt, können wir nicht einfach sagen, er war halt zu faul. Dann haben auch wir als Lehrer versagt.“ Nicht bestanden hat hier wieder einmal niemand.
Die Ergebnisse beruhen auch auf dem Umstand, dass sich die Schule dank ihres exzellenten Rufs ihre Schüler aus einer Vielzahl von Bewerbern aussuchen kann. Deutsche, die dort ihr „International Baccalauret“ (IB) erwerben wollen, sollten zum Beispiel mindestens einen Notendurchschnitt von 1,5 und möglichst weitere Qualifikationen aufweisen, ob im musischen, akademischen oder sportlichen Bereich. Gerade einmal zehn bis vierzehn deutsche Schüler erhalten pro Jahr einen Platz. Und teuer ist es auch, sehr sogar. 8300 Pfund kostet der „Term“, ein drittel Jahr, derzeit für Internatsschüler, die in die elfte Klasse einsteigen, um in zwei Jahren ihren IB zu erwerben, fast 37.000 Euro im Jahr also. Ruge, der in Freiburg studierte und sich anschließend gegen das deutsche und für das englische Schulwesen entschied, aus Abneigung gegen das Engagement hemmende Beamtensystem, wie er sagt, wendet sich aber gegen den Eindruck, seine Schule sei eine reine Kaderschmiede. Das soziale Engagement gehöre fest zum Internatsalltag, die Betreuung von körperlich behinderten Kindern in einer benachbarten Schule etwa.
Deutschland oder England?
Während man in England auf Schulen wie Sevenoaks stolz ist, tut man sich in Deutschland mit „Elite“ weiterhin schwer; unabhängig davon, ob man sie über Herkunft oder Leistung definiert. Doch die egalisierende Verteidigungsbastion des öffentlichen Schulwesens schwankt, spätestens seit durch die „Pisa“-Ergebnisse das deutsche Schulsystem in seiner Selbstgewissheit schwer erschüttert wurde. Immer mehr Eltern suchen für ihre Kinder eine private Alternative und sind dabei auch bereit, viel Geld auszugeben. Wöchentlich werden neue Privatschulen gegründet, und selbst die teuren Internate haben einen nie gekannten Zulauf. Begann aber vor wenigen Jahren noch die Internatsdebatte im Elternhaus mit: konfessionell oder Landerziehungsheim, St. Blasien oder Salem?, lautet heute die erste Frage: Deutschland oder England.
„Vor fünfzehn Jahren gab es auf den Schulen in England nahezu keine deutschen Schüler“, erklärt Alexandra von Bülow-Steinbeis, Internatsberaterin für Deutsche, die ihr Kind nach England schicken wollen. „Heute sind es etwa 5000.“ Und dies, obwohl die englischen Schulen ihre Preise in den letzten fünf Jahren um vierzig Prozent erhöht haben. Zur gleichen Zeit verzeichnen die deutschen Internate ebenfalls stetigen Zulauf. „Viele bauen neue Turnhallen“, nennt, nur halb im Scherz, Hartmut Ferenschild, Internatsberater der Vereinigung der Landerziehungsheime, ein Anzeichen für die prosperierenden deutschen Internate. Die Belegungszahlen sind so gut, dass man selbst die englische Konkurrenz mit Wohlwollen betrachtet - und dies, obwohl auf jeden Schüler, der sich in einem deutschen Landerziehungsheim anmeldet, inzwischen einer kommt, der in ein englisches Internat geht.
„Harry Potter“-Atmosphäre
Ferenschild sieht sogar einen gewissen Synergieeffekt. Viele Schüler, die in eine Boarding School gehen, treffen diese Entscheidung nicht in erster Linie, weil sie in ein Internat möchten, sondern weil es eine gute Möglichkeit ist, für meist ein Jahr in England zur Schule zu gehen und die Sprache zu lernen und weil ihre Eltern sie, anders als bei dem stets unsicheren Faktor Gastfamilie, betreut und im Korsett fester Strukturen wissen. Doch wer erst einmal die „Harry Potter“-Atmosphäre kennengelernt hat, möchte oft nicht wieder zurück in die alte Schule.
Diese Schüler, die das Leben mit Gleichaltrigen, diese permanente Klassenfahrt mit Unterricht, schätzen gelernt haben, bleiben entweder in England, um dort den Abschluss zu machen, oder sie bemühen sich um einen deutschen Internatsplatz. Zumal der englische Abschluss mit der deutschen Bildungsbürokratie zu ringen hat. Selbst den IB muss man sich aufwendig anerkennen lassen - und hierfür ist, dank Bildungsföderalismus, das jeweilige Land zuständig, in dem man studieren möchte. Der Reiz des Abwählens vieler missliebiger Fächer, vor allem beim englischen A-Level-Abschluss möglich, kann auf diese Weise sich später als tückisch erweisen, weil man unter Umständen sein Wunschfach nicht studieren darf.
Fettiges Essen und strenge Regeln
Was aber treibt überhaupt deutsche Schüler nach England? Hauptsächlich die Sprache und das Abenteuer, selbständig zu werden. Und die elfte Klasse in Deutschland, die als langes Luftholen vor dem Weg zum Abitur eine Auszeit mit fremdem Curriculum verträgt, jedenfalls solange es noch bei neun Schuljahren bleibt. Mit „G 8“ wird sich ein Auslandsjahr kaum noch integrieren lassen, dann werden aus Auslands- wohl Wiederholjahre.
Marie-Luise und Nicolaus Heuer jedenfalls, sechzehn Jahre alte Zwillinge aus Königstein, nutzen die Klasse elf, um sich aus dem Taunus nach England zu versetzen, an unterschiedliche Schulen. Er geht für zwei „Terms“ nach Gordonstoun in Schottland, sie für ein Jahr nach Cheltenham. Dazu gehört auch ein Umdenken in die Welt der englischen Internate mit Schuluniform, eher fettigem Essen und strengen Regeln. Eine Ahnung davon kam per Post: eine Liste aus Cheltenham, in der das erwünschte Erscheinungsbild erklärt wurde. Wenig Schminke, keine „unnatürlich“ gefärbten Haare (also auch keine Strähnchen), nur eine bestimmte, fest vorgeschriebene Art und Anzahl von Schmuck. Ungewohnte Vorschriften für deutsche Verhältnisse, wo Lehrer manchmal froh sein müssen, wenn Zwölfjährige nicht im bauchnabelfreien Top und mit Piercing in die Schule kommen.
Eine deutsche Posse
Philine Brinks zieht es bereits mit fünfzehn nach England, ins Malvern College, und sie will eigentlich auch dort ihren Abschluss machen, wenn es finanzierbar ist, das heißt: wenn sie nach einem Jahr ein Stipendium bekommt. 8315 Pfund pro Term sind auf Dauer zu viel. Sie ist Einzelkind und möchte raus in die Welt, mit Gleichaltrigen zusammenleben. Unterfordert fühlt sie sich in ihrer Schule in Bad Segeberg, die ihr zum Abschluss noch eine deutsche Posse vorspielte. Formal gab es für ihren Aufenthalt in England nur die Lösung, sie die zehnte Klasse überspringen zu lassen, sonst hätte sie nach einem Jahr nicht in ihre alte Klasse, dann in Stufe elf, zurückkehren können.
Die Hoffnungen und Erwartungen der Schüler sind groß. Sie haben sich erkundigt bei ehemaligen Englandfahrern oder aktuellen Internatlern und haben auch Kritisches angesprochen. Wie schlecht ist das Essen? Wie streng ist es? Gibt es oft Ärger mit den Mitschülern? Quälereien, „Bullying“ genannt, sind seit jeher ein Internatsproblem. Ist es „bonzig“? Neben begeisterten Stimmen hört man auch Kritisches von Rückkehrern. Er habe sich „eingeengt“ gefühlt vom Regelsystem, das einen Schüler auch im fortgeschrittenen Alter nicht für voll nehme, erklärt einer, der auch das Bullying erwähnt, da werde allerdings rigoros von Seiten der Schule vorgegangen. Und Alkohol- und Sexverbot sind Aussichten, die eher Mütter als Söhne erfreuen. Es sei aber wie mit den Hochglanzprospekten der Internate, sagt ein anderer Inselkundiger, der ebenfalls ungenannt sein will: Ganz falsch sei das alles nicht, aber nur die Oberfläche - und das gelte eben auch für die Verbote.
Strebsamkeit und Leistung
Die englischen Privatschulen bekennen sich lustvoll zu Strebsamkeit und Leistung, und auch in Deutschland trifft man auf einen zunehmenden Ehrgeiz, wie ihn etwa die Shellstudie 2006 der Jugend bescheinigt hat. Doch abgesehen von einigen freien, kaum einem pädagogischen Konzept unterworfenen Internaten, die offen damit werben, allein auf einen möglichst erfolgreichen Schulabschluss hinzuarbeiten, geht es Landerziehungsheimen wie Salem oder der Odenwaldschule und konfessionellen Internaten wie dem katholischen St. Blasien nicht allein um ein gutes Abitur. Hier setzt man auf eine ganzheitliche Erziehung, fördert auch die Begabungen außerhalb des Unterrichts, Handwerk, Sport oder musisches Talent, und will sich damit gerade von der rein akademischen Ausbildung der deutschen Regelschule unterscheiden.
Während aber die kirchlichen Schulen vor keinen Referenzproblemen stehen und selbst für Minimalgläubige inzwischen wieder attraktiv sind, haben manche Landerziehungsheime pädagogische Erklärungsnöte. Mit Kurt Hahn etwa, dem Gründer von Salem und Gordonstoun und Mitinitiator der Gründung von Louisenlund, der die Kurzschulbewegung und die United World Colleges ins Leben rief und viele weitere Projekte anstieß: einer der größten und erfolgreichsten deutschen Schulpraktiker des zwanzigsten Jahrhunderts, mit weltweiter Wirkung.
Der Kinderflüsterer vom Bodensee
Hahn wird als Vordenker und „Label“ der Schulen ausgestellt. Dabei ist das theoretische Fundament von Hahns Pädagogik kaum tragfähig für ein modernes Internat. Hahn konzipierte Salem als einen Mix aus englischen Internaten und den Ideen des Urlandheimers Hermann Lietz, zugleich mit politischem und militärischem Einschlag. Seine Salemer Elite sollte die Schranken von Versailles niederreißen helfen. Heute noch zitiert man goldene Worte des großen Kinderflüsterers vom Bodensee, der etwa Platons „Staat“ exakt so verstand, wie ihn Karl R. Popper in „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ kritisierte - als Gegner einer demokratischen, pluralistischen Gesellschaft -, nur dass Hahn dies begrüßte: Er nannte die Salemer Ämterträger und „Führer“ nach Platons rätselhafter Utopie „Wächter“ und „Helfer“, wie sie heute noch heißen. Hahns Schule sei unverträglich mit dem Nationalsozialismus gewesen, lesen Eltern in Schulprospekten. Dagegen trug sein Schüler Golo Mann, Salemer von 1923 bis 1927, nach einer Begegnung mit Hahn kurz vor dessen erzwungener Emigration 1933 ins Tagebuch ein:
„Es hat etwas Tragisches und ungeheuer Bezeichnendes, diesen Mann, seit zwanzig Jahren den reinsten Formulator und Praktiker der nationalsozialistischen Ideen, Praktiker in Politik und Erziehung, der hundertfach nachweisen kann, dass seine Schule die ideale Hitler-Schule sei, in dessen unterdrücktem, heimlich brennenden Judentum ein furchtbarer Widerspruch liegt, der sich nun rächt - diesen Mann verfolgt, in jeder Tätigkeit mit sadistischem Raffinement gelähmt, verbannt, ruiniert zu sehen.“
Drang in die Landerziehungsheime
Praktisch hielt Hahn sich weit weniger an seine antimodernistischen Grundsätze, die er in seinen Gelegenheitsschriften mit dem Impetus einer moralischen Immergewissheit vorbrachte. Man kann es auch so sagen: Als begeisternder Menschenfänger und Entdecker der „Erlebnistherapie“, der Pädagogik von Abenteuer, Gemeinschaft und Verantwortung, war er eine Sensation - und den gesamten Rest haben kluge Nachfolger inzwischen sanft, aber stetig modernisiert. Das ist in der Summe sehr viel, gerade angesichts der zahlreichen Erziehungswissenschaftler, die die Welt mit gutgemeinten und wohlklingenden pädagogischen Konzepten beglückt haben, die für die Praxis nutzlos sind.
Der Drang in die deutschen Landerziehungsheime ist heute, trotz, wegen und unabhängig von Kurt Hahn, stark. Das Leben in wunderschöner, ländlicher Umgebung, ob am Ammersee, am Bodensee, an der Großen Breite der Schlei oder in den Bergen des Schwarzwaldes, die kleinen Klassen, motivierte Lehrer, klare Regeln, ein großes außerschulisches Angebot und der Hanni-und-Nanni-Charme des Ganzen reizen viele. Für jeden taugt das keineswegs, Sensible und Einzelgänger tun sich oft schwer, und das Leben unter Jugendlichen kann hart sein. Attraktiv auch: Aus Ehrgeiz und aus Einsicht, die eigenen Talente aus Faulheit nur unzureichend zu nutzen, will Felix Jede, 15 Jahre alt, aus Berlin nun nach Salem - und hat dafür vieles in Bewegung gesetzt, etwa die schwierige Finanzierung der 2300 Euro im Monat, die seine Eltern nicht allein tragen können, organisiert. Sein Großvater, eigenes Erspartes, die Eltern und sogar sein Patenonkel sichern das Schulgeld für ein Jahr, dann will er weitersehen.
Finanziell belastend
Und Jakob, Waldorfschüler aus Dresden, hat nun, nach Monaten in Kanada und Russland, wo er ebenfalls Waldorfschulen besuchte, ein Teilstipendium für das Landerziehungsheim Birklehof im Schwarzwald errungen. An den Kosten trägt seine Familie dennoch schwer. Auch er könnte als unproblematischer Schüler wieder in seine alte Schule zurückkehren, möchte nun aber lieber die Flügel der Selbständigkeit weiter nutzen. „Wir haben inzwischen viele Schüler, die sich an ihrer alten Schule durchlavierten, die aber mehr wollen und zu uns kommen, obwohl es finanziell belastend ist“, erklärt Christof Laumont, der Leiter des Birklehofs.
Beispiele wie diese verweisen auf den Trend, in Bildung zu investieren und sich etwas Besseres als das öffentliche Schulsystem zu leisten: Die Opfer werden größer - nicht mehr nur auf den Zweitwohnsitz muss verzichtet werden, damit ein Kind ins Internat geschickt werden kann, oft ist es überhaupt der größere Urlaub. Einen Aufbruch von der Konsumgesellschaft in die „investive Gesellschaft“ nennt das der sich in der Gegenwartsdiagnose tummelnde Historiker Paul Nolte. Und zugleich übt das Bürgertum, das verstärkt in die Eliteschulen drängt, Druck auf die Schulen aus, die früher ihre Aufgabe oft als erfüllt ansahen und ansehen mussten, den an öffentlichen Schulen erfolglosen, wohlstandsverwahrlosten Kindern, Schulverlierern der anderen Art, auf die Beine zu helfen.
Nutznießer der Misere
Das Problem war nicht ihre Förderung, sondern der Umstand, dass ihre Haltung, das, was sie für angesagt erklärten, das Schulbild oft bestimmte. Leistung gehörte da nicht dazu, verständlich. Doch nun, durch volle Internate, durch Leistungswillige und durch mehr Familien, die sich für den Internatsbesuch finanziell stark belasten, dann aber auch mit wachem Auge auf die Gegenleistung blicken, ändert sich dies. Den Meinungsterror der Wohlstandsversehrten drängt man zurück und kann sich nun auch von Missliebigen trennen oder nimmt sie gar nicht erst auf. Man muss also nicht kalkulieren, ob man sich das finanziell leisten kann. Andere, die man interessant findet, sucht man sich aus und vergibt vermehrt Stipendien.
Hermann Lietz und Kurt Hahn blickten am Ende ihres Lebens jeweils kritisch auf ihr pädagogisches Werk. Den Kampf, mehr Mittel für Stipendien zu gewinnen und damit eine wirklich gemischte, aus allen Schichten stammende Schülerschaft zu gewinnen, wie es ihr Ideal war, erklärten sie für verloren. Schule für Reiche - das sollte es gerade nicht sein, was sie hinterließen. Auch wenn die deutschen Internate weit davon entfernt sind, Volksschulen zu sein, trotz mancher vom Jugendamt bezahlter Schüler: Paradox ist es schon, dass sie dem Ideal ihrer Gründer näher kommen als zu deren Lebenszeit - als Nutznießer der Misere des öffentlichen Schulsystems.