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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Zum Ende der Wehrpflicht Die Dienste

07.06.2011 ·  Bevor das Leben als Mann begann, hatten die Jungen der Bundesrepublik noch ein staatlich verordnetes Abenteuer zu bestehen. Die einen ein militärisches, die anderen ein ziviles. Beide gehen nun mit der Wehrpflicht zu Ende. Fünf Erfahrungsberichte.

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BEI DEN GEBIRGSPIONIEREN

Das war er also, der Ort, an dem ich für das Vaterland sterben sollte. Eine schmale Hangstraße, irgendwo im Bayerischen Wald, mit merkwürdig vielen Gullydeckeln. Der von Fichten gesäumte Weg, der Dörfer verband, deren Namen ich vergessen habe, wäre in keinem Heeresbericht erwähnt worden, schon gar nicht in den Geschichtsbüchern, wenn es danach noch welche gegeben hätte. Die Deckel waren mir bis dahin auch anderswo nie sonderlich aufgefallen und wären es auch später nicht, wenn ich nicht „beim Bund“ gewesen wäre, bei den Gebirgspionieren, worüber sich selbst noch jene meiner Mitabiturienten amüsierten, die zu den Panzergrenadieren eingezogen wurden.

Ich aber weiß seither, dass sich unter den Gullydeckeln Sprengschächte befanden, die im „Spannungsfall“ mit hochexplosiven Käserädern gefüllt werden sollten, auf dass im „Ernstfall“ die Straße und der halbe Hang in die Luft gesprengt werden könnten, um dem Warschauer Pakt den Vormarsch nach Straubing zu erschweren. Erschweren, denn ans Verhindern glaubte nicht einmal mein damaliger Hauptfeldwebel Brandtner, dessen Fahrer ich war. Im „Iltis“ fuhr ich ihn durchs ostbayerische Grenzgebiet, wo er Lichtungen und Kreuzungen erkundete, auf denen Minenfelder für das letzte Gefecht angelegt werden sollten. Höchstens zwanzig Minuten werde unsere Kompanie überleben, wenn Russen und Tschechen im T-72 über den Kamm kämen, schätzte Brandtner. Er neigte nicht zur Übertreibung.

Wenn der Russe kommt

Mein späterer Tutor an einer englischen Universität, ein Militärhistoriker der alten Schule, sagte für den Fall eines Krieges zwischen beiden Blöcken Ähnliches voraus: Die Bundeswehr werde an der Grenze stehen, kämpfen und verbluten (auch weil sie von den Amerikanern versehentlich beschossen werde); die Briten würden den geordneten Rückzug antreten; und die Franzosen würden „rennen, als wenn die Hölle hinter ihnen her wäre“.

Dass die losbrechen würde, wenn es zum großen Krieg käme, war auch den Wehrpflichtigen klar. Doch obwohl wir wieder und wieder übten, wie man Panzerabwehrminen verlegt, S-Draht spannt und die Sprengkammern in den Donaubrücken so mit Schneidladungen bestückt, dass man – des leichteren Wiederaufbaus halber (!) – saubere Segmente aus ihnen heraustrennen kann, glaubte kaum einer daran, dass wir das eines Tages tatsächlich tun müssten. Der Kalte Krieg war, wenn man einmal den Gedanken an die Megatonnen in den Silos hüben und drüben verdrängte, gar nicht so unerträglich, auch für die Berufs- und Zeitsoldaten nicht. Auslands-, Kampfeinsätze gar waren noch undenkbar. Die westdeutsche Armee lebte und übte damals, Anfang der achtziger Jahre, für die Abschreckung, also dafür, den einzigen vorstellbaren und zugleich unvorstellbaren Krieg zu verhindern. Wir sprengten zwar einmal mit ein paar Ladungen Nitropenta die Kellerdecke einer alten deutschen Munitionsfabrik, doch nur, damit unser Hauptmann endlich Major werde. Den Dienst in der Bundeswehr betrachtete so manche „Z-Sau“ (Wehrpflichtigen-Jargon für Zeitsoldaten) als die etwas abwechslungsreichere Variante einer Laufbahn bei Post und Eisenbahn. Statt eines Triebwagens befehligte man beim Bund eben einen Schützenpanzer.

Immerhin: Krawatte binden und Schuhe putzen

Der große Krieg ist tatsächlich nicht ausgebrochen, auch dank der Abschreckungskraft der Bundeswehr. Breschnew hat meinen Zugführer Brandtner nicht gekannt, aber er hat ihn mit Recht gefürchtet. Der Hauptfeldwebel war ein Meister seines militärischen Fachs und einer jener vorbildlichen Truppenführer in den Feldwebeldiensträngen, um die uns viele andere Armeen beneideten. Alle Unteroffiziere in unserer Kompanie hatten als Wehrpflichtige begonnen.

Die Bundeswehr war auch damals nicht (mehr) die Schule der Nation. Doch lernte mancher Wehrpflichtige erst dort, eine Krawatte zu binden, Socken zusammenzuziehen und richtige Schuhe richtig zu putzen. Den Abiturienten schadete es nicht, vor der Entrückung in akademische Sphären noch einmal fünfzehn Monate mit Maurern und Dachdeckern in einer Stube zusammenzuleben. Was aber sollte es mir im weiteren Leben als Staatsbürger ohne Uniform nutzen, ein geübtes Auge für Sprenganlagen und Minenfelder zu haben? Jahre später, auf Reportage in Kuweit und im Irak, kam mir auch diese Erfahrung nicht mehr ganz sinnlos vor.

Berthold Kohler

* * *

IN DER BEHINDERTENBETREUUNG

Nach Asien wollte die eine, Indonesien, eine Hütte an den Strand bauen, irgendwie so was. Der anderen war gar nicht klar, was sie wollte, Studium, Lehre, vielleicht mal gar nichts tun, aber um das herauszufinden, war ja noch Zeit. Also: Sie hatte noch Zeit. Um, wenn sie sich dann dafür entscheiden würde, zum Beispiel gar nichts zu tun. Ich dagegen hatte überhaupt keine. Nicht einmal zum Ausschlafen. Ich hatte fünfzehn Monate vor mir, aber eigentlich keine fünfzehn Monate Zeit für sie, also nahm ich samstags das Abiturzeugnis entgegen, feierte durch die Nacht und saß sonntags in einem D-Zug aus Osnabrück nach Münster, um montags einen Dienst anzutreten, den ich ohne einen Tag Urlaub abreißen wollte, um dann ein Jahr später im Herbst studieren zu können. Das war, was ich wollte. Ich wusste nämlich sehr genau, was ich wollte. Es aber war nicht das, was ich jetzt tun musste. Ich hatte mich zwar dazu entschieden, für fünfzehn Monate also und nicht für zwölf. Aber eine Wahl hatte ich trotzdem nicht gehabt.

Das war mein Stand der Wehrungerechtigkeit, Mai 1993. Und genauso wenig, wie es mich damals tröstete, dass junge Männer vor mir gar nicht verweigern durften oder zwanzig oder achtzehn Monate Zivildienst leisten mussten, dass also dieser Dienst kürzer und kürzer geworden war, bis er, als ich an die Reihe kam, fünfzehn Monate dauerte und die Verweigerung eine Formsache war, genauso wenig also, wie es mich tröstete, dass es Hunderten und Tausenden nicht anders gegangen war, macht es mich heute wütend oder verbittert oder unglücklich, dass junge Männer wie Frauen sich von nun an frei entscheiden können, was sie mit ihrem Leben machen, wenn sie dann achtzehn sind. Schön für sie. Aber wütend, verbittert, unglücklich, das habe ich hinter mir.

Der gebrochene Wille

Niemals wieder habe ich mich so ausgeliefert gefühlt wie damals, und meine Mitschülerinnen in ihrem Driftertum machten es nur noch schlimmer. Nichts half dagegen. Nicht, dass ich ja am Sinn der Dienste überhaupt keinen Zweifel hatte, noch dass die Caritas, der erste Arbeitgeber meines Lebens, auch mein Zimmer unweit vom Kanal bezahlte. Und die ungefähr fünfhundert neuen Platten und Bücher finanzierte, die ich dort dann lesen oder hören konnte, weil ich auf einmal wieder Zeit hatte: Die behinderte Studentin, der ich als Betreuer zugeteilt war, brauchte ihre beiden Zivis entweder morgens und mittags oder zweimal abends, sie war großzügig, manchmal bestellten wir Pizza, wir haben viel und oft gelacht, besser hätte es nicht sein können. Einmal stand ich am Rande des Bankrotts, weil ich mir einfach alles kaufte, was ich wollte. Wer weiß, vielleicht bin ich damals genau dem Leben der Boheme sehr nah gekommen, das ich mir eigentlich etwas blöde für mein Studium ausgemalt hatte. Aber gegen das Gefühl, dass man mir den Willen gebrochen hatte und es trotzdem gut mit mir meinte, kam all das nicht an.

Vergiss mich nicht, sagte die Studentin am letzten Abend, als ich sie ins Bett brachte, wir waren zum Abschied bei „McDonald’s“ gewesen und haben bestellt, was wir wollten, bis wir nicht mehr konnten. Ich habe sie nicht vergessen, aber angerufen habe ich auch nicht mehr. Ich hoffe sehr, dass sie mir das verziehen hat, es lag nicht an ihr, es lag an mir. Und es wäre jetzt eine schöne Pointe, wenn ich sagte: Dass sich nicht immer alles um mich drehen muss, das sei die Lehre meines Zivildienstes gewesen. So fühlte es sich aber nicht an. So was schreibt man vielleicht in Verweigerungen. Als ich ging, war ich fünfzehn Monate älter geworden, aber ich musste fünfzehn Jahre älter werden um zu verstehen, dass das überhaupt keine Zeit ist.

Tobias Rüther

* * *

BEI DER MARINE

Ein Schlafraum ohne Fenster. Die Betten – Kojen – dreifach übereinandergestapelt. Das Zimmer mit vierzig Leuten belegt, erfüllt von Kunstlicht, Schnarchen, Sockenmief. Aber zwölf Stufen aufwärts, zehn Schritte zur Seite, durch ein schweres, aufzuhebelndes Stahlschott: Das Meer! Windige Nordsee, sternklare Ostsee, mal auch das milde Mittelmeer.

Der freie Blick zum Horizont wiegt das Gefangenschaftsgefühl im Mannschaftsdeck fast auf. Gegensätze eines Marinewehrdienst-Alltags vor dreißig Jahren: Dazu gehört auch der Kontrast zwischen 24-Stunden-Betriebsamkeit auf See und Wachdienst-Öde im Hafen (abgesehen von jener Winternacht, in der am benachbarten Liegeplatz an der Kieler Tirpitzmole ein indisches U-Boot festmachte und der staunenden indischen Hafenwache zum ersten Mal weiche Schneeflocken auf Uniform und Turban fielen).

Gesellschaft auf See

Sobald sich der graue Zerstörer vom Hafenkai löst, formiert sich seine Besatzung zu einer eigenen Gesellschaft, einem autoritären, aber arbeitsteiligen Staat. Die Abiturienten unter den Wehrpflichtigen merken, dass sie am wenigsten wissen von den Fähigkeiten, die der Schiffs-Staat verlangt. Die Handwerksgesellen haben mehr Erfahrung: Heizungsmonteure steuern die Dampfturbinen, Tischler verkanten die Holzstempel, mit denen bei Alarmübungen die angenommenen Lecks abgedichtet werden, Lackierer ertränken die Rostflecken der Schiffswand in frischem Grau. Dietmar, der Klempner von der Schwäbischen Alb mit dem grausamen Dialekt, und Horst, der Starkstromelektriker aus Herne, der in einer Steinkohlezeche gelernt hat, fahren zusammen die Schiffsdiesel im Maschinenraum.

Den unertüchtigten Schulabgängern aber hat die Marine rasch in drei Monaten oder einem halben Jahr selbst ein paar jener Spezialkenntnisse verpasst, die an Bord gefragt sind: Navigation und Kursberechnung oder Tastfunk und Fernschreiberei. Für diese Fertigkeiten werden sie immerhin mit Arbeitsplätzen oberhalb der Wasserlinie belohnt – auf der Brücke, dem Signaldeck, im Funkraum. Das bietet die Chance, immer wieder aus dem fensterlosen Schiffskörper auf das Außendeck zu entkommen; wenigstens für eine Zigarette. Im Innern der Schiffsgesellschaft bleibt den angelernten Funkern und Signalgasten dafür der kleinste Platz: In der Mannschaftsmesse, in der die Tische unter den Berufsstämmen fest verteilt sind, bleiben ihnen nach den Seemännern, den Heizern, den Artilleristen die wenigsten angestammten Plätze. Und der Navigationsmatrose, der sich an die „Heizerback“ setzen will, weil sein eigener Stammtisch schon voll ist, muss vorher die dort sitzenden wilden Heizergesellen artig um Erlaubnis fragen.

Johannes Leithäuser

* * *

HELFER BEI DEN MALTESERN

Drei von uns hatten sich entschlossen, den Wehrdienst aus Gewissensgründen zu verweigern. Die Arbeit im Krankenhaus oder im Altenheim, hieß es, bringe einen menschlich weiter. Ich allerdings glaubte, den bequemsten Weg von allen gefunden zu haben, und wurde Erste-Hilfe-Ausbilder beim Malteser Hilfsdienst. Zuerst mussten wir lernen, was wir später den Schulkindern vermitteln sollten. Wir fuhren beim Rettungssanitäter mit, holten kranke Menschen mit der Trage aus ihren Wohnungen oder betreuten Diabetes-Patienten. Wir übten Dreiecksverbände, Brandwundenbehandlung und die stabile Seitenlage. Nach zehn Wochen gab es eine Lehrprobe, in der unsere tapsenden Anfänge als Erste-Hilfe-Lehrer auf dem Videoschirm analysiert wurden. Der Ausbilder war ein selbstsicherer Mann mit glatter Haut, Bauchansatz und skrupellosen Augen. Er machte unschöne Witze, wenn einer sich bei der simulierten Lehrstunde dumm anstellte, doch er brachte mir die Grundregel für die kommenden vierzehn Monate bei: Fürchte nichts! Außer, deine Zuhörer zu langweilen.

Ob die Losung mich menschlich weiterbrachte, weiß ich nicht, aber sie half mir, in meiner Zivildienstzeit durch rund dreißig Kölner Schulen zu tingeln und den Fünfzehn- oder Sechzehnjährigen in acht Doppelstunden Erste Hilfe beizubringen. Ich fuhr in Hauptschulen, Realschulen, Sonderschulen und Gymnasien, sprach im Seniorenheim, in der Volkshochschule oder vor dem Sparkassenverband. Notfälle betreffen uns alle, sagte ich. Jeder von uns kann der nächste Notfall sein. Und die Menschen – so dachte ich damals und denke ich heute – glaubten mir.

Der Kuss des „Ambu“

Manchmal, besonders bei gelangweilten Schülerinnen, rettete mich nur die Beatmungspuppe. Der „Ambu“, wie wir ihn nannten, war unsere Attraktion, wir trugen ihn in einem Koffer ins Klassenzimmer und schwebten im Triumph wieder hinaus. Die Schüler kicherten schon, wenn die schönsten Mädchen der Klasse nach vorn ans Lehrerpult treten mussten, wo der blaue Ambu lag. Es war nur ein halber Mann, von der Taille aufwärts, aber er hatte edle Gesichtszüge, und sein Brustkorb hob und senkte sich bei expertenhafter Beatmung wie bei einem lebendigen Wesen. Alle sahen gespannt zu, wie die Mädchen diesem Liebhaber aus Plastik und Hartgummi die Lippen auf den Mund legten, um hineinzupusten, und wenn die Brust sich vorschriftsmäßig hob, johlte die Klasse und klopfte auf die Tische.

Nur einmal, an einem frühen Dezembermorgen vor dem ersten Schultermin, war alles anders. Ich kam hinzu, als gerade ein zwölfjähriges Mädchen von einem Auto erfasst und getötet worden war, ich war der zweite Mensch am Unfallort, und niemand schien fähig, etwas zu tun. Der unglückliche Fahrer sagte immer wieder, das Mädchen habe nicht aufgepasst, und die Frau, die auf den Bus wartete, wiederholte nur: „Ach, wie schrecklich, Gott, wie schrecklich!“ Ich ging hin, sah das reglose Mädchen und legte es mit klopfendem Herzen in die stabile Seitenlage. Weil man sich nie sicher sein kann. Weil man in solchen Situationen das Beste tun sollte.

Paul Ingendaay

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WIE MAN SICH ENTZIEHT

Wir hatten eine gut zwei Jahre währende, ziemlich emotionale, ja nervenaufreibende Beziehung, die Bundeswehr und ich, und schließlich wurde sie in beiderseitigem Einvernehmen beendet. Wobei ich hiermit nicht meine Dienstzeit meine, gedient habe ich nämlich gar nicht.

Als West-Berliner des Jahrgangs 1971 hatte man sich an das Gefühl gewöhnt, ohne eigenes Zutun privilegiert zu sein: Wehrdienst gab es für uns nicht, den mussten nur jene leisten, die wir „Wessis“ nannten und daran erkannten, dass sie in Gruppen auf U-Bahn-Höfen standen und versuchten, das Liniennetz der BVG zu begreifen. Mit der Wende wurde alles anders. Auf einmal waren wir selbst die Wessis, weil es inzwischen Ossis gab. Da war plötzlich auch die Wehrpflicht da.

In Berlins Westen griff nun „der Moloch Militär nach den Menschen“, raunte ein Flugblatt der „Kampagne gegen Wehrpflicht, Zwangsdienste und Militär“, in West-Berlin kurz und kumpelhaft „Kampagne“ genannt. Sie beriet jene, die sich dem Griff entziehen wollten, und das wollten in meinem Freundeskreis alle. Keiner von uns, die wir längst in der Ausbildung waren oder studierten, wollte zum Bund, der in unserer Lebensplanung nie eine Rolle gespielt hatte. Wir, in die Kaserne mit lauter Achtzehnjährigen? Die Bundeswehr war für uns wie ein Partygast, der mit extremer Verspätung aufkreuzt, doch überhaupt nicht eingeladen ist und auch partout nicht weggehen will.

Ein wehrtauglicher Pflegefall

Ein paar wenige von uns verweigerten und traten den Zivildienst an. Wieder andere, erstaunlicherweise oft die Sportlichsten, litten unvermittelt an schwerem Asthma und wurden ausgemustert. Ich selbst wurde im Februar 1994 für vorübergehend nicht tauglich befunden; schwer zu sagen, ob mein Bluthochdruck auch der unerfreulichen Musterungssituation geschuldet war oder doch vor allem der Tatsache, dass ich bei den Kniebeugen die Luft anhielt. Ein halbes Jahr darauf kam eine neue Vorladung, bald darauf wieder eine, aber, wie verhext: Stets kam mir was dazwischen. Bis irgendwann eine Dauerladung kam, die einen Monat umfasste.

I was so much older then, I’m younger than that now: Ein bisschen wie Bob Dylan fühle ich mich heute, wenn ich auf meine damaligen, mühsam gesammelten Atteste schaue. Die „chronische Tonsillitis, die mehrfach im Jahr exacerbiert“, bedeutete letztlich nicht viel mehr, als dass ich öfter Halsschmerzen bekam, klang aber beeindruckend; ein „hyperreagibles Bronchialsystem“ kam später dazu, ein Belastungsasthma, ein Flachrücken, ja eine „erhebliche Störung der gesamten Körperstatik“. Alles nicht im strengen Sinne falsch, aber doch liebevoll zugespitzt. Allein, die Bundeswehr mochte nicht auf mich verzichten. Statt in mir den Pflegefall zu sehen, der ich laut Krankenakte war, verpasste sie mir den brandneuen Tauglichkeitsgrad T7. Wie soll ich sagen: Wir schenkten uns nichts.

Wofür man alles taugt

Am Ende nahm ich mir einen Anwalt, der für mich Widerspruch einlegte. Während der lief, wurde ich 25 Jahre alt und konnte nicht mehr eingezogen werden, was mir das Kreiswehrersatzamt schriftlich bestätigte: der erste und einzige Brief vom Bund, über den ich mich gefreut habe. Es war im März 1996, zwei Jahre nach meiner ersten Musterung, fünfeinhalb Jahre nach meiner Erfassung.

Ich weiß nicht recht, wieso ich all die Unterlagen aufgehoben habe. Vielleicht um auf Nummer sicher zu gehen und es schriftlich zu haben, dass sie auf mich verzichteten, oder um den Kontakt zum Anwalt zu bewahren, falls wieder ein neuer Tauglichkeitsgrad eingeführt würde, für vierzigjährige Väter von zwei Kindern. Ausschließen mag ich das nach all den Erfahrungen nicht.

Jörg Thomann

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Von Jürgen Kaube

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