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Türkei Kemal rüber

06.04.2009 ·  Alle fünf Jahre fahren einige hundert Türken vom hessischen Dietzenbach ins anatolische Düzbag. Dann stimmt ihr Heimatort über den neuen Bürgermeister ab. Dazu sind den Parteien alle Stimmen recht, aber nicht billig. Eine Wahlfahrt an die Grenzen der Demokratie.

Von Karen Krüger
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Das nächste Mal bleiben wir in Dietzenbach. Orhan Yilmaz hat den Satz schon hundertmal gehört. Am Ende sind doch wieder alle mit dabei, sagt er. Im Gang des Flugzeugs stauen sich die Passagiere, es ist kurz nach Mitternacht, Flug 474 von Frankfurt nach Adana ist gelandet. Aber Orhan Yilmaz nimmt sich Zeit. Vorsichtig zieht er seine Jacke an, der Stoff soll nicht verknittern. Zum gestreiften Hemd trägt er eine dunkle Hose. Gut aussehen möchte der Malermeister, er ist auf dem Weg nach Düzbag, dem Dorf, in dem er aufgewachsen ist, ein winziger Ort im Südosten der Türkei. Er will dort den Bürgermeister wählen.

Orhan Yilmaz ist vierundvierzig Jahre alt, vierundzwanzig davon wohnt er in Dietzenbach, einer Kleinstadt nahe Frankfurt, in der fast dreitausend Türken leben. Sehr viele von ihnen stammen aus Düzbag, und darum macht Orhan Yilmaz diese viertausend Kilometer lange Reise nicht allein. Fast vierhundert Dietzenbacher sind in den vergangenen Tagen nach Düzbag aufgebrochen. Obwohl die meisten von ihnen seit Jahrzehnten in Deutschland leben und hier bleiben wollen, haben sie einen türkischen Pass. Wer den Preis für das Flugticket nicht aufbringen kann, dem helfen Freude und Verwandte. Orhan Yilmaz deutet auf drei Hinterköpfe: sein Sohn Mesut, sein Bruder Oguz, sein Neffe Ersin. Der Großvater ist schon vor einer Woche gefahren.

Jeder kennt ihn, jeder mag ihn

Vor dem Flughafen erwartet die Dietzenbacher eine Menschentraube. Beifall wischt die Müdigkeit aus den Gesichtern. Hände werden geschüttelt, Schultern geklopft, die Kleinen in die Backe gekniffen. Junge Männer in schwarzen Pluderhosen werfen Rollköfferchen auf einen Lastwagen. Vorsicht, der war teuer, sagt ein Mann. Vier Kleinbusse stehen bereit. An den Seitenspiegeln baumeln Wimpel mit drei Halbmonden, den Insignien der Partei MHP. Auf dem Heck kleben Wahlplakate mit Fotos des Bürgermeisterkandidaten Kemal Küpelikilinç. An der ersten Kreuzung gibt es für die Wähler aus Deutschland ein Hupkonzert. „Ich komme, um den Bürgermeister zu wählen, und werde selbst wie einer begrüßt“, jubelt eine junge Frau. Dann geht ihr auf, dass in den Bussen sonst offenbar nicht nur Menschen transportiert werden: „Hier riecht es ja nach Ziege.“

An den Fenstern fliegen Palmen vorbei, ein paar Häuser noch, und alles versinkt in stockdunkler Nacht. Im Bus wird aufgeregt geredet. „Kemal“, sagen Orhan Yilmaz und die Dietzenbacher Türken nur, wenn sie von ihrem Kandidaten sprechen. Jeder kennt Kemal, jeder mag Kemal, jeder schuldet Kemal Dank. Jeder will von ihm erzählen. Er ist der Garant für ein besseres Leben, sagt die Frau mit Kopftuch, ganz vorn im Bus. Er hat uns Bildung und die Oberschule gebracht, sagt der Mann auf dem Platz daneben. Kemal will ein Krankenhaus bauen, heißt es von der Hinterbank. Kemal ist nicht nur die Hoffnung. Kemal ist auch Cousin, Neffe, Onkel, Bruder, Schwager. Fast alle Dietzenbacher Türken sind nicht nur miteinander, sondern auch fast alle sind mit Kemal verwandt.

Eine Familienfrage

Vor vier Wochen ist er in Dietzenbach auf Wahlkampftour gewesen, hat Verwandte besucht, Reden gehalten. Erklärt, warum er nicht wie früher für eine linke Partei antritt, sondern für die nationalistische MHP. Wiederholen kann die Begründung niemand, den Dietzenbacher Türken ist sie auch egal. Für sie zählt nur, ob der Kandidat zur Familie gehört. „In Deutschland macht der Bürgermeister das, was der Gemeinderat will. In der Türkei ist es genau umgekehrt“, sagt Orhan Yilmaz. Einen Bürgermeister zum Verwandten zu haben öffnet einem in der Türkei die Türen.

Um drei Uhr in der Nacht hält der Konvoi vor einer Raststätte. Es sind nur noch wenige Kilometer bis Düzbag, aber mit der Weiterfahrt soll gewartet werden bis Sonnenaufgang: Alle im Dorf sollen den Konvoi begrüßen können. Vor allem soll der amtierende Bürgermeister sehen, wie viele Dietzenbacher gekommen sind, um ihn zu besiegen. „Was wir tun, kann man nicht mit Logik erklären“, sagt Orhan Yilmaz. Das Geschäft mit dem Wahltourismus habe Anfang der achtziger Jahren begonnen. Damals fuhren vor allem religiöse Parteien Wähler aus dem Ausland heran. Später zogen andere Parteien nach, eröffneten Büros in Deutschland, schickten Kandidaten zu den Gastarbeitern auf Wahlkampftournee. Daran erinnert sich Orhan Yilmaz noch gut. Für Menschen wie seinen Vater, der seiner Familie in Düzbag mit dem in Deutschland verdienten Geld ein Haus gebaut hat, sagt er, sei es selbstverständlich, sich mit seiner Stimme für die Zukunft des Dorfes zu engagieren.

Eine Sympathiefrage

Dampfende Linsensuppe klatscht in die Teller. Kellner balancieren Platten mit gebratenem Fleisch und frischem Brot heran. Bezahlen muss niemand, das Essen ist ein Geschenk der Partei MHP. Manche der Jüngeren am Tisch sind das erste Mal bei einer Wahl in der Türkei dabei. Ihre Stimme haben sie bisher nur bei der Bürgermeisterwahl in Dietzenbach abgegeben - das deutsche Kommunalwahlrecht erlaubt es auch Nicht-Deutschen zu wählen. Servietten werden zu Wahlzetteln gefaltet: So musst du es machen, der Stempel muss außen sein, er darf auf keinen Fall verschmieren, sonst ist die Stimme ungültig oder wird womöglich den Falschen zuerkannt. Und nicht vergessen: Das Kreuzchen unserer Familie gehört der MHP. „In deutschen Dörfern wird doch auch nach Sympathien entschieden“, sagt Orhan Yilmaz und legt den Arm um seinen Sohn und seinen Bruder.

Am Tisch ist von Familienehre die Rede, von „asgagi“ und „yukari“, von „oben“ im Dorf und „unten“ im Dorf. Elf Jahre alt war Orhan Yilmaz, als Isset Küpelikilinç, der damalige Bürgermeister, von einem von „oben“ ermordet wurde. Seitdem sind beide Seiten erbitterte Rivalen. Der Sohn des Toten, Kemal Küpelikilinç, übernahm nach dem Mord an seinem Vater die Geschäfte. Fünfzehn Jahre lang regierte er in Düzbag. Bei den letzten Wahlen unterlag er der Gegnerpartei. Seitdem wird Düzbag von der AKP, der Partei von Ministerpräsident Erdogan, regiert. Auch sie bringt alle fünf Jahre Wähler aus Dietzenbach heran. Die verteilen die schönsten Bauplätze an ihre Verwandten, sagt der Bruder von Orhan Yilmnaz. Die pflastern nur die Straßen, in denen ihre Wähler wohnen, sagt er. Die Straßen der Opposition versinken im Schlamm!, sagt er und haut auf den Tisch.

Ein Dorf im Schnee

An der nächsten Tankstelle, es ist acht Uhr morgens, steht er dann, der Kandidat: Kemal, ein freundlich in die Morgensonne lächelnder älterer Herr in beigefarbenem Mantel. „Wenn ich die Wahl gewinne, darfst du dir ein Grundstück aussuchen“, begrüßt er die Journalistin. Er macht nur Spaß, sagt einer schnell. Der Kandidat hat einen Konvoi aus fünfzig Autos und siebzig Motorrädern mitgebracht. Musik heult auf, irgendwo brüllt es aus einem Mikrophon: „Den Freunden aus Deutschland ein herzliches Willkommen! Kemal wird unser Bürgermeister! Wir freuen uns, dass ihr hier seid!“

Jeweils vier Autos quetschen sich nebeneinander auf die zweispurige Landstraße, die Busse mit den Dietzenbachern mittendrin. Jeder will überholen, jeder will vorn sein. Fahr schneller, überhol doch, treibt ein älterer Mann den Busfahrer an. Es geht durch eine baumlose Ebene, die sich am Horizont in einer weichen Hügellinie verliert. Wind streicht über das Gras und drückt es in endlosen Wogen nieder. Es sieht aus, als fahre der Konvoi durch einen riesigen, grün-glänzenden See. Bis zur syrischen Grenze sind es nur zweihundert Kilometer. Die Straße verengt sich, schlängelt sich als Weg den Berg hinauf. Dann ist, eingerahmt von schneebedeckten Bergen, das Dorf erreicht.

Die „Deutschländer“ kommen

Dorfwächter winken zum Hupkonzert mit ihren Kalaschnikows - sie sind ein Relikt aus der Zeit, als man in den umliegenden Bergen die PKK bekämpfte. Frauen in bunten Pluderhosen wedeln mit MHP-Fähnchen. Manche haben die Hand zum Wolfskopf geformt, dem Zeichen der Grauen Wölfe, der Schlägertruppe der MHP - die Attentäter des Journalisten Hrant Dink sollen aus ihrem Dunstkreis stammen. Vor einer Bäckerei laufen Männer mit den Autos mit und werfen frisches Brot durch die Fenster. Ein Huhn gerät unter einen Reifen. Die Häuser entlang der Straße sind aus Lehm gebaut, wie Schwalbennester kleben sie am Hang. Jene weiter unten im Ortskern, jene, die schön gestrichen und mehrstöckig sind, wurden von „Almancis“, von „Deutschländern“, wie man die in Dietzenbach lebenden Türken in Düzbag nennt, erbaut.

Orhan Yilmaz springt aus dem Auto, behende wie ein junger Mann. Sofort ist er von Verwandten umringt. Sie lachen, wischen sich verstohlen die Augen, klopfen ihm die Schulter. Der Malermeister grüßt lässig nach rechts und links. Die Männer reden laut und gestikulieren. Wie viele Stimmen habt ihr mitgebracht? So viele? Dann schaffen wir es diesmal ganz bestimmt! In den Wochen vor der Wahl sind die Parteiführer der MHP von Tür zu Tür gegangen und haben sich Stimmen versprechen lassen. Zusammen mit den Dietzenbachern kann nach ihrer Rechnung nur Kemal Küpelikilinç der neue Bürgermeister sein.

Ideen für die Heimat

Das Lager der gegnerischen Partei, der AKP, liegt am anderen Ende der Hauptstraße. Ihr Zeichen ist eine Glühbirne. In dem Teehaus, in dem sie während des Wahlkampfs ihre Parteizentrale eingerichtet hat, hängt ein riesiges Plakat von Ministerpräsident Erdogan. Von beiden Seiten dröhnen Lautsprecher, gegen sie kommen die Menschen auf der Straße nur schreiend an. Auf den Dächern der umliegenden Häuser haben sich bewaffnete Militärpolizisten positioniert. Sie sind für die Zeit der Wahl aus ihrer Kaserne nach Düzbag geschickt worden. Orhan Yilmaz aber deutet aufgeregt nach rechts: Dort unten ist der Fluss, da habe ich Schwimmen gelernt, da drüben ist meine Grundschule, und dort steht das neue Haus meiner Familie, ruft er und zeigt auf einen dreistöckigen Bau.

In Dietzenbach kann Orhan Yilmaz vom Balkon aus ein neues Einkaufszentrum sehen. Die Dachterrasse in Düzbag gibt den Blick auf einen Bäckerladen, einen Metzger, einen Friseur und auf die Hauptstraße frei. Gern würde er das alles mal seinen Freunden in Deutschland zeigen, sagt Orhan Yilmaz. Hier in Düzbag habe er eigentlich nur noch wenige Freunde. Er räuspert sich. Was hätte man nicht schon alles mit dem Geld machen können, das bei jeder Bürgermeisterwahl in Flugtickets und Geschenke für die Verwandten fließt. Für jede Idee hebt er einen Finger: Erstens: eine Fabrik in Düzbag bauen. Zweitens: sämtliche Straßen teeren. Drittens: die alten Häuser renovieren.

Geld wird fließen

Es ist dunkel geworden in Düzbag, auf den Straßen „oben“ und „unten“ im Dorf brennen Feuer, mit denen die beiden Parteien ihre Reviere markieren. Wir passen auf, an uns kommt niemand vorbei, der nicht zu uns gehört, sagt einer, der mit den Dietzenbachern im Dorf eingetroffen ist. In zwei Tagen, zurück in Deutschland, wird er wieder der Mustertürke beim freiwilligen Polizeidienst Hessen sein. Dass noch in der Nacht vor der Wahl beide Seiten versuchen Stimmen zu kaufen, ist kein Geheimnis. Der Stammwähler sei jede Seite sich sicher, sagt Ufuk. Auch er ist mit Kemal Küpelikilinç verwandt, seinen Nachnamen aber will er nicht nennen. Doch in den ärmeren Familien gebe es Wackelkandidaten, an deren Tür beide Seiten klopfen. „Warum wählst du nicht uns, wir können dir das und jenes versprechen, heißt es dann“, sagt Ufuk. Ein einziger Abweichler kann eine Seite bis zu siebzig Stimmen kosten. Denn wenn sich ein Clanoberhaupt umentscheidet, fällt mit ihm die ganze Familie. Mindestens zehntausend Euro schätzt Ufuk, werden bei jeder Wahl pro Stimme als Bestechungsgelder bezahlt. Und von tausend Euro kann man in Düzbag ein halbes Jahr lang sehr gut leben. „Heute Nacht wird Geld fließen“, sagt Ufuk.

Er hat sich am Flughafen ein schickes Auto gemietet. „Wenn die ,oben' gewinnen, machen sie ,unten' nur halbe Sachen. Wenn wir gewinnen, ist es umgekehrt“, sagt er. Ufuk ist Deutscher, wählen darf er nicht in der Türkei, aber er unterstützt seine Familie, indem er Patrouille fährt. In Frankfurt betreibe er eine Reinigungsfirma, die drei Jahre lang den VIP-Bereich eines großen Unternehmens betreut habe, erzählt er. „In Düzbag würde ich nicht leben wollen. Ich würde meinen Stadtteil in Frankfurt viel zu sehr vermissen. Aber auch wenn wir in Deutschland leben, gehören wir immer noch mit einem Teil unseres Herzens hierher.“ Er fährt den Berg hinauf, dann kurvt das Auto durch die engen Straßen nach „unten“. Bei jedem Fußgänger, den die Scheinwerfer erfassen, stoppt er und fragt, wohin es gehen soll. Kommt ihm ein Auto von „oben“ entgegen, schaltet er Fernlicht ein und erntet dafür böses Hupen. Bei den Wagen der eigenen Seite wird freundlich gewunken. So viele Autos wie in der Nacht vor der Wahl sind auf Düzbags Straßen das ganze Jahr nicht unterwegs, sagt Ufuk. Schlafen wird er heute Nacht nicht. „Wenn Sie das alles aufschreiben“, sagt er zum Abschied, „dann ist das nicht gut für die Türkei.“

Wahlregeln

Sieben Uhr am nächsten Morgen, die Wahllokale öffnen. Eines liegt „oben“, in einer Schule, das andere „unten“, in einer Schule. Die Familien kommen geschlossen. Diejenigen, die zu alt sind, um die Treppe zu gehen, werden getragen. Wer nicht lesen kann, den begleitet ein Verwandter. In der einen Schule ist die Wahlkabine ein quergestellter Schrank, in der anderen ein aufgeschnittener Umzugskarton. Wahlbeobachter aus der Kreisstadt Kahramanmaras sind angereist. Man erkennt sie an den gutsitzenden Anzügen und den gepflegten Händen. Es dauert nur ein paar Stunden, dann gibt es die erste Schlägerei. „Da kommen die traurigen Wölfe“, sagt jemand zu einem jungen Mann von „unten“, der daraufhin sofort die Glühbirne an der Decke kaputtschlägt. Auch Orhan Yilmaz erscheint mit der ganzen Familie. Wieder haben sich alle fein gemacht. „Sehen Sie, hier ist alles demokratisch. Im türkischen Gesetz ist der Ablauf einer Wahl ganz genau geregelt. Die Wahl ist geheim. Alles, was davor passiert, ist egal“, sagt er und geht über den Schulhof davon. Am Tor zur Straße dreht er sich noch mal um: „Ich bin sehr erleichtert, dass es vorbei ist. Denn jetzt bin ich wieder weniger wertvoll als in den vergangenen zwei Tagen.“

Um sechzehn Uhr schließen die Wahllokale. Jetzt beginnt das Warten. Die gestern noch mit Menschen vollgestopfte Hauptstraße, an deren Enden das Dorf in „oben“ und „unten“ zerfällt, wird zum Niemandsland. Unter dem Plakat von Ministerpräsident Erdogan haben sich die Anhänger der AKP versammelt, sechzig Meter weiter, am anderen Ende, warten in kleinen Grüppchen die Anhänger der MHP. Ufuk, Orhan Yilmaz und alle anderen Dietzenbacher Türken stehen auf der Straße. Von der einen Seite wird plötzlich ein Hund, groß wie ein Wolf, mit einem blutigen Knochen im Maul, herübergetrieben. Lasst euch nicht provozieren, sagt einer. Auf der anderen Seite heißt es, ein Dietzenbacher Türke habe in der vergangenen Nacht versucht, Stimmen mit gefälschten Euro-Scheinen zu kaufen. Die Polizei wurde verständigt, doch die betroffenen Familien rücken das Geld nicht heraus. Für die Alten werden Stühle aufgestellt. In einer Reihe sitzen sie da und lassen sich das Gesicht von der Sonne wärmen. Keine einzige Frau ist zu sehen. Sie warten in den Seitenstraßen.

Kurz nach vier Uhr ertönt Jubel im Pulk der AKP, so als habe sie die Wahl gewonnen. Die bluffen nur, lasst euch nicht provozieren, noch ist gar nicht richtig ausgezählt, sagt ein Mann von der MHP. Ein paar Minuten später wieder Jubel von drüben, und diesmal ist er echt. Gleich zwei Ortsteile hat die AKP gewonnen. Der nächste aber wird dann denen „unten“ zugesprochen. Ein paar Männer fangen an zu klatschen, doch sofort bringt der MHP-Funktionär sie zum Schweigen: „Hört auf, lasst das, wir sind nicht wie die.“ Einige Zeit darauf steht das Endergebnis fest. Kemal Küpelikilinç hat verloren. Von drüben dringt ohrenbetäubendes Geheul herüber, und Freudenschüsse fallen. Und dann ganz laut ein Chor: „Allaha sükür!“ - „Gott sei Dank!“

Orhan Yilmaz wendet sich ab und geht. Ich komme nie mehr zur Wahl in die Türkei, sagt er. Das nächste Mal bleibe ich in Dietzenbach.

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Jahrgang 1975, Redakteurin im Feuilleton.

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