27.07.2010 · Vor acht Wochen trat Horst Köhler zurück und hinterließ ein ratloses Land. Er erklärte sich nicht und entzog sich den Menschen, deren Präsident er hatte sein wollen. Da hieß es auf einmal, er sei an der Nordsee. Eine Suchmeldung.
Von Marcus JauerAnfang der Woche und als man es eigentlich aufgeben wollte, hieß es dann auf einmal, Horst Köhler sei gerade auf Norderney. Das war nach lauter Telefonaten, Briefen, auf die keine Antwort kam, und Gesprächen, aus denen man nicht berichten sollte, überhaupt einmal ein Hinweis. Sieben Wochen war es her, dass Horst Köhler zurückgetreten war. Das erste Staatsoberhaupt, das sein Amt aufgegeben und die Bürger verlassen hatte, deren Präsident er hatte sein wollen. Und jetzt war er also auf Norderney. Er mache Urlaub, hieß es, in einem Hotel am Strand. Keine Ahnung, wo man ihn erwartet hatte, jedenfalls nicht auf einer Nordseeinsel, am Strand, mitten im Sommer, zwischen all den Leuten.
Hatte er keine Angst vor Fragen?
Es war ein Montag, als Horst Köhler zur Pressekonferenz rief. Die Einladungen gingen mittags um halb eins an die Redaktionen, ein Thema wurde nicht genannt, einige Medien nahmen den Termin gar nicht ernst. Anderthalb Stunden später öffnete sich die Tür zum Konferenzraum im Schloss Bellevue und Horst Köhler und seine Frau traten heraus. Er hielt sie fest an der Hand oder sie ihn, so genau war das nicht zu sagen, und gemeinsam gingen sie ans Pult, an dem er, ohne eine Anrede zu verwenden, zu sprechen begann. Satz für Satz las er ab, nach jedem sah er auf, und nach sechs Sätzen hatte er seinen Rücktritt erklärt, mit sofortiger Wirkung. Das Auto, das ihn und seine Frau keine zehn Minuten später nach Hause brachte, trug bereits keine Standarte mehr. Als flüchte da einer aus großer Not.
Was war denn schon passiert?
Es schien alles ein Irrtum zu sein
Auf dem Heimflug von einer Reise nach China, auf der er einen Zwischenhalt in Afghanistan machte und deutsche Soldaten besuchte, hatte er einem Radiojournalisten ein Interview gegeben, das so klang, als befürworte er Wirtschaftskriege. Es dauerte Tage, bis aus den verdrehten Sätzen ein Thema wurde, an dem der Berliner Betrieb einen absurden Gefallen zu haben schien. Auch am Sonntag war die Presse für Horst Köhler nicht gut gewesen, aber als er bei einer Matinee im Schloss Bellevue ein Buch über Afrika vorstellte, wirkte er gelöst und verabredete sich mit dem Botschafter von Burkina Faso für die Fußball-Weltmeisterschaft, zu der er in der kommenden Woche reisen wollte. „See you in your village“, sagte er. Dann fuhr er in seine Dienstvilla nach Dahlem, und wenn er nicht da schon zum Rücktritt entschlossen war, kann die Entscheidung nur am Abend gefallen sein.
Vier Wochen zeigte er sich nicht in der Öffentlichkeit. Als schließlich sein Nachfolger vereidigt wurde, musste er es. Er saß im Bundestag, links neben ihm seine Frau, rechts Christian Wulff, um ihn herum die zwölfhundert Mitglieder der Bundesversammlung. Immer wieder schwenkten die Kamera zwischen seinem und dem Gesicht von Angela Merkel hin und her, als sei da etwas Unausgesprochenes zwischen ihnen gewesen. Die Redner dankten ihm für seine Arbeit, ohne den Grund zu nennen, weshalb er sie nicht fortsetzte, so als sei dazu nichts weiter zu sagen. Die Hände im Schoß gefaltet hörten Horst Köhler und seine Frau ihnen zu, zwei Einsame in einem Raum voller Menschen. Wenn er gehofft hatte, er würde mit seinem Rücktritt eine Debatte auslösen, muss er spätestens jetzt gesehen haben, dass ihm das misslungen war. Ratlosigkeit drückte auf den Saal. Es schien alles ein Irrtum zu sein.
Aber wessen? Seiner? Der des Landes?
Die Fähre nach Norderney geht von Norddeich ab, das so aussieht, als bestehe es nur aus ein paar Bahngleisen, die direkt zu einem Anleger führen. Ein Wartesaal mit verspiegelten Scheiben, eine Raststätte mit Terrasse, ein backsteinerner Platz, auf dem sich die Touristen für die Überfahrt anstellen. Sie nehmen auf den roten Bänken des Panoramadecks Platz. Eine polnische Großfamilie beugt sich über die Reling, der Vater im freien Oberkörper, die Kinder füttern Möwen. Es ist einer dieser heißen Tage, das Watt liegt offen, grau und glatt, ein paar Robben sonnen sich auf einer Sandbank, auf einem Deich fahren zwei Leute Rad. Die Landschaft wirkt wie leergeräumt. Nach einer halben Stunde taucht die Insel auf. Viereckige Häuser, davor der Strand, gespickt mit Sonnenschirmen und Zelten, im Wasser jede Menge Menschen. Norderney ist bis auf das letzte Hotelbett ausgebucht.
Sollte er wirklich hier sein?
Auf Bergwanderung mit Theo Waigel
In den Tagen nach dem Rücktritt und als der Schock darüber sich gelegte hatte, waren Spekulationen aufgekommen. Es hieß, Horst Köhler sei im Berliner Betrieb ein Fremder geblieben, der sich mit den Bürgern verbündet, aber in der Politik isoliert hatte. Es hieß, er habe sich gedrängt gefühlt, das Gesetz zum Rettungspaket für den Euro zu unterzeichnen. Es hieß, er habe seine Behörde nicht mehr im Griff gehabt, die in der letzten Zeit einige wichtige Mitarbeiter verloren hatte. Es hieß auch, er sei depressiv gewesen. Fragt man Leute, die sich seine Freunde nennen, sagen sie, er habe sich wohl gewünscht, dass jemand aus der Regierung ihn vor der Kritik an seinem Interview über Afghanistan in Schutz nimmt. Aber sie wollen damit nicht zitiert werden, und im Grunde wissen sie selbst, dass ein Bundespräsident nicht in Schutz genommen werden kann. Er ist das Staatsoberhaupt.
Von allen Erklärungen dafür, warum Horst Köhler gegangen war, schien seine eigene am wenigsten zu gelten. Aber er führte sie nicht aus, er schob keine andere nach. Es war wie einer dieser Momente, in denen jemand mal eben Zigaretten holen wollte und dann nicht wiederkam.
Als er zwei Wochen später im Bundespräsidialamt noch einmal seine Mitarbeiter traf, gab es für sie nur einen Dank und ein Gruppenfoto. Als er am Abend vor dem Schloss Bellevue mit dem Großen Zapfenstreich verabschiedet wurde, erwähnte er Angela Merkel und Guido Westerwelle mit keinem Wort, obwohl er sie ausdrücklich darum gebeten hatte, zur Zeremonie zu kommen. Dafür bedankte er sich überschwänglich bei Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg.
Was sollte das alles?
Einen Monat nach seinem Rücktritt tauchte Horst Köhler in Ottobeuren auf. Er war mit Theo Waigel, dessen Staatssekretär er gewesen und dessen Freund er geworden war, auf einer Bergwanderung, um die ersten Alpenrosen zu sehen. Später besuchten sie mit ihren Frauen ein klassisches Konzert in der Basilika. Als die Leute Horst Köhler erkannten, fingen sie an zu klatschen. Als ihn später in einer kleineren Runde jemand nach dem Rücktritt fragte, sagte er, er sei mit sich im Reinen. Es war der Tag, an dem Deutschland in Südafrika gegen England spielte. Horst Köhler ließ sich von seinem Leibwächter das Spiel nacherzählen, trank ein Bier, prostete den Leuten zu und fragte: „Ist denn der Gomez schon drin?“
Konnte es sein, dass er noch gar nicht verstanden hatte, was geschehen war?
„Es passt gerade nicht“
Das Hotel Seesteg steht wie mit dem Rücken zur Stadt Norderney. Eine ehemalige Lagerhalle, deren Backsteinmauern geschmackvoll mit Holz, Glas, Vasen und Teppichen aufgefüllt worden sind. Im Erdgeschoss befindet sich ein lichtes Restaurant, davor eine Terrasse, davor das Meer. Wer in einem der Zimmer wohnt, die alle im ersten Geschoss liegen, schaut direkt auf den Strand, an dem jeden Abend die Leute zusammenkommen, sich einen Wein aus einer der nahen Bars holen und den Sonnenuntergang beobachten.
Es ist früher Nachmittag, das Restaurant fast leer. Zwei ältere Frauen trinken Prosecco, ein junger Vater versucht, mit dem Kind zu spielen, auf den Balkons ist niemand zu sehen bis auf einen braun gebrannten Mann, der sich ein Handtuch zurechtlegt, aber das ist nicht Horst Köhler. Irgendwann stehen die Frauen auf, der Vater greift zu seinem Handy, und der Mann geht ins Zimmer zurück. Sonst geschieht nichts. Nach einer Stunde gibt man auf. Womöglich ist er überhaupt nicht hier. Man wartet noch eine Stunde in der Lobby, aber als er auch da nicht vorbeikommt und klar wird, dass man abends nicht noch einmal unauffällig hier herumsitzen kann, weil das Restaurant dann bis auf den letzten Platz ausgebucht ist, muss man doch an der Rezeption fragen. „Ich kann Ihnen das weder bestätigen noch dementieren“, sagt der junge Mann.
Ein Bundespräsident, der sein Amt abgibt oder verliert, hat danach noch lebenslang Anspruch auf volle Bezüge, einen Dienstwagen und ein eigenes Büro. Das Büro des Altbundespräsidenten Horst Köhler liegt an der Berliner Friedrichstraße in einem Bau, der sich Rosmarin-Karree nennt. Im Erdgeschoss befinden sich die Läden einiger Modeketten, dazwischen liegt der Eingang in einen Innenhof, um den sich Büros staffeln. Die Schilder weisen die Sparkasse als einzigen Mieter aus, von einem „Büro des Bundespräsident a. D.“, wie das Bundespräsidialamt gesagt hatte, ist nichts zu sehen. Man fragt den Pförtner, wo man etwas für Horst Köhler abgeben könne. Der Pförtner sagt, im siebten Stock, aber er rufe lieber vorher an. Es meldet sich die Stimme von Frau Jahnke, der man erklärt, dass man einen Brief dabei habe, in dem man Horst Köhler um ein Gespräch darüber bitte, warum er zurückgetreten sei.
„Es passt gerade nicht“, sagt Frau Jahnke, „geben Sie ihn doch dem Pförtner.“
Danach hört man nie wieder von ihr.
Zur Verschwiegenheit verpflichtet
Horst Köhler war bis zum Rücktritt fast sechs Jahre Bundespräsident, die Wiederwahl gerade erst ein Jahr her. Es gibt ein paar Mitarbeiter, die ihn während der ganzen Zeit begleitet und eng mit ihm zusammengearbeitet haben. Die meisten haben das Amt inzwischen verlassen, sehr viele davon schon vor seinem Rücktritt.
Martin Kothé, der ehemalige Pressesprecher, hatte für die neue Amtszeit noch ein Strategiepapier geschrieben, es sollte darum gehen, wie das Land zusammenzuhalten ist, wo der Kapitalismus es auseinandertreibt. Inzwischen arbeitet er in einer Kommunikationsagentur für den Kapitalmarkt und sagt, dass er nichts sagen wolle, und er ist damit nicht der einzige.
Elisabeth von Uslar, die ehemalige Büroleiterin von Köhler, die inzwischen in einer Stiftung arbeitet, schreibt, sie könne „ganz gut nachvollziehen“, wonach man suche, wolle sich aber nicht äußern.
Ferdinand Bitz, der ehemalige Planungschef, der inzwischen für den Bundestag arbeitet, schreibt, er erachte es als Köhlers „gutes Recht, eigenverantwortlich zu entscheiden, ob, wann und wie er selbst sich hierzu in der Öffentlichkeit weiterführend äußern wird“, er jedenfalls werde es nicht.
Hans-Jürgen Wolff, der ehemalige Staatssekretär, der schon Tage nach dem Rücktritt nicht einmal mehr per Mail im Amt zu erreichen war, schreibt, er sei „hinsichtlich all dessen gesetzlich zur Verschwiegenheit verpflichtet“, wünscht der Recherche aber „bestmöglichen Erfolg“.
Martin Löer, ehemaliger Protokollchef und inzwischen beim Europäischen Gerichtshof in Luxemburg, und Cornelia Quennet-Thielen, ehemalige Abteilungsleiterin und seit einiger Zeit Staatssekretärin im Forschungsministerium, melden sich dann schon gar nicht mehr zurück.
Ist das Geheimnis so groß, dass keiner es wagt, darüber zu sprechen? Oder wagt es keiner, weil es kein Geheimnis gibt?
Oder ist es bloß die Wahrheit?
Es wird Abend auf Norderney. In den Straßen der Stadt sitzen die Leute vor den Eiscafés, auf der großen Wiese vor dem Haus der Insel warten sie auf das Konzert der Warschauer Symphoniker, und in den Geschäften kaufen sie Essen ein, das sie später in ihren Ferienwohnungen zubereiten werden. Einen Moment lang glaubt man, zwischen ihnen einen Mann zu erkennen, groß, sportlich, graues Haar, er trägt eine Handgelenktasche. Man folgt ihm durch die Menge, fragt sich, ob er Leibwächter dabei hat und wie sie wohl reagieren werden, aber dann dreht er sich um und ist es doch nicht. Auch die Frauen, die man mit großen Sonnenbrillen und mit Mündern wie Strichen vor den Schaufenstern sieht, sind nicht Eva Köhler. Da begreift man es; sie könnten jetzt wirklich jeder sein.
Horst Köhler hat sich mehr als jeder andere Bundespräsident vor ihm als Bürgerpräsident gegeben. Er ist während seiner Amtszeit immer wieder aus Berlin hinaus ins Land gefahren, wo das manchmal Unbeholfene, das ihm eigen ist, nicht als unsicher galt. Er hat vermutlich mit mehreren hundert Menschen gesprochen, zugehört und das gegeben, was sonst kaum ein anderer Politiker kann: Zeit. Dann tritt er wegen eines Interviews zurück, das außerhalb von Berlin kaum einer wahrgenommen hat, und lässt die Leute allein, denen er eigentlich verpflichtet ist. Stattdessen macht er nun mitten unter ihnen Urlaub.
Dachte er nicht, dass er dort der fremdeste Mensch sein würde?
„Zumindest letzte Woche war er noch hier“, sagt Thomas Fastenau, der auf Norderney für den „Ostfriesischen Kurier“ arbeitet. Das habe ihn gar nicht gewundert. Horst Köhler sei häufiger auf der Insel gewesen, als er noch im Amt war. In diesem Jahr sei er bei einem Konzert vor dem Haus der Insel gesehen worden. Am Tag darauf habe ihn eine Kollegin auf einem Reiterhof entdeckt, als das Krankenhaus gerade sein Sommerfest feierte. Glücklicherweise hatte sie eine Kamera dabei.
Das Foto zeigt Horst Köhler neben einem Mann mit Gehgestell. Er trägt ein Polohemd, eine Weste und lächelt, Hände in den Taschen, in die Kamera. Im Text, der unter dem Bild steht, heißt es: „Köhler lobte die Insel und betonte, dass dort die Möglichkeit bestehe, in Ruhe über seine weiteren Vorhaben nachzudenken. Nach 17 Jahren wagte das frühere Staatsoberhaupt noch einmal einen Ausritt. Im Gespräch mit Krankenhausgeschäftsführer Manfred W. Weigt (links) zeigte Köhler sich sehr beeindruckt von der Breite des Behandlungsspektrums und von der großen Mitarbeiterzahl des Krankenhauses Norderney.“
Da kommt dem Land der Präsident abhanden, und Tage später scheint es keinen mehr zu stören. Wo eben noch die Lücke war, schließt sich nun die Kulisse. Womöglich ist das sogar das größere Rätsel.
Oder ist es bloß die Wahrheit?
Man sucht noch eine Weile die Insel ab, fährt zum Flughafen, aber dem Kioskbesitzer ist nichts aufgefallen, geht über den Golfplatz, der so verlassen ist, dass überall Kaninchen auseinanderstieben, schaut an einer Düne vorbei, von der es hieß, da seien abends viele Leute, aber er ist nicht darunter. Als man zum Hotel zurückkehrt, verrät einem ein Kellner, dass Horst Köhler vor ein paar Tagen abgereist ist.
Am anderen Tag bringt einen das Taxi zur Fähre. Der Fahrer erzählt, die Insel entwickle sich zum zweiten Sylt. Vor kurzem sei Herbert Grönemeyer auf der Insel gewesen, und im Moment sei gerade Christian Wulff da, der Bundespräsident.
Der eine geht, der andere kommt, und es ist alles normal. Alles ist ganz normal.
Warum sucht man ihn?
Gregor Keuschnig (GregorKeuschnig)
- 27.07.2010, 12:44 Uhr
Wo ist Horst Köhler?
Roland Frutig (Frutig)
- 27.07.2010, 13:25 Uhr
Weiter recherchieren
s hoffmann (rhoffmann)
- 27.07.2010, 13:48 Uhr
Nix ist normal
Petra Meyer (PetraMeyer)
- 27.07.2010, 14:02 Uhr
Last doch diesen Mann in Ruhe
Benedict Weichert (B-Weichert)
- 27.07.2010, 14:24 Uhr