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Dienstag, 18. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Sechzehn Jahre nach dem Völkermord Ruandas Kinder des Hasses

 ·  Als in Ruanda die Hutu über die Tutsi herfielen, starb fast eine Million Menschen. Hunderttausende Frauen wurden vergewaltigt. Sechzehn Jahre später würde die Gesellschaft dieses Trauma gern vergessen, aber etwas erinnert sie daran: die Kinder des Hasses.

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Bevor Jacqueline ihre Geschichte erzählt, schickt sie die Kinder aus dem Raum. Der Vorhang vor der Tür schlägt zur Seite, der Wind weht herein und bringt Brisen frischer Luft in ihre Lehmhütte, in der es nach Schweiß und feuchter Kühle riecht. Jacqueline ist sichtlich stolz auf diesen kleinen fensterlosen Raum, den sie erst vor kurzem fertiggestellt hat. Es ist das erste Mal in all den Jahren, in denen sie mit ihrer Familie auf dem Hochplateau von Ntarama lebt, dass sie ein Wohnzimmer besitzt, in dem sie Gäste empfangen kann. Wenn man den Menschen in der ruandischen Hauptstadt Kigali aber erzählt, dass man jemanden in Ntarama besuchen will, dann sagen sie: „Oh“ und schweigen dann.

Jacqueline lebt seit fünfzehn Jahren auf dem Hochplateau, in dieser schönen Einöde, in der es keinen Strom und kein fließendes Wasser gibt. Wie viele Menschen in Ruanda hat sie sich den Ort nicht ausgesucht, an dem sie lebt. In den Wirren des Völkermordes vor sechzehn Jahren ist sie dorthin gespült worden, und das auch nur, weil Jacqueline damals die erste Chance genutzt hat, die sich ihr auf ein friedliches Leben bot. Dass sie es in Ntarama nicht leicht haben würde, muss sie geahnt haben, denn sie kam nicht allein. Sie brachte ihre Tochter mit.

Hundert Tage dauerte das Blutbad

Jacqueline schweigt lange, bevor sie anfängt zu reden. Dann spricht sie langsam und leise, aber beinahe ohne Pause, so als würde sie ihre eigene Geschichte nur vorlesen. Sie war zweiundzwanzig Jahre alt, verheiratet und Mutter eines Kindes, als am 6. April 1994 in Ruanda der Völkermord begann. Aufgestachelt von der Propaganda regierungstreuer Medien rotteten sich Hutus, die in der ruandischen Bevölkerung die Mehrheit bilden, zu Milizengruppen zusammen, um Rache zu nehmen an der Minderheit der Tutsi, die - so hatten die Politiker ihnen das erzählt - seit Jahrzehnten darauf warteten, die Macht im Land an sich zu reißen. Hundert Tage dauerte das Blutbad, dem fast eine Million Menschen zum Opfer fielen. Auch Jacquelines Kind und ihr Mann, Tutsi wie sie, wurden getötet. Jacqueline fiel auf der Flucht einem Hutu-Milizionär in die Hände, der sie fortan wie eine Sklavin bei sich hielt, sie vergewaltigte und folterte. Als sie eines Tages fliehen konnte, war sie schwanger.

Jacqueline hat damals zunächst versucht, bei ihrer Mutter Unterschlupf zu finden. Doch die war während des Genozids selbst vergewaltigt worden und ertrug es nicht mitanzusehen, wie in ihrer Tochter das Kind eines dieser Männer heranwuchs. Danach kam Jacqueline eine Weile bei Nachbarn unter, dann begegnete sie einem Mann, der zwar älter war als ihr Vater, den sie aber doch bald heiratete. Sie folgte ihm nach Ntarama und brachte dort ihre Tochter zur Welt, Laetizia. Das Mädchen ist heute fünfzehn Jahre alt.

Ruanda ist ein sehr fruchtbares Land. Auch außerhalb der Regenzeit regnet es meist einmal am Tag. Die Erde ist lehmig und rot, die Bananen, Kartoffeln, die Hirse und Orchideen - alles gedeiht. Wie viele Menschen, die auf dem Hochplateau leben, verdient Jacqueline ihren Lebensunterhalt mit den Früchten der Erde. Ihre Felder und ihr Gemüsegarten sind gepflegt, auf dem Boden vor der Hütte mit dem Wellblechdach liegt kein einziges Blatt. Als wir ankommen, steht Jacqueline an ihren Beeten und ist von vier Kindern umringt, die den Gästen scheu, aber artig die Hände schütteln.

Bis heute weiß jeder, wer wem was angetan

Jacqueline sagt, sie liebe Laetizia. Sie habe sie immer geliebt. Auch ihr Mann wollte nicht, dass die Herkunft des Mädchens zu einem Problem wird. Aber Ruanda ist ein kleines und sehr dicht besiedeltes Land. Der Genozid wütete in jeder Stadt, in jedem Dorf, in jeder Straße. Nachbarn fielen über Nachbarn, Freunde über Freunde her. Und weil bis heute jeder weiß, wer wem was angetan und wer wen verloren hat, war auch die Geschichte von Jacqueline und ihrer Tochter in Ntarama nicht geheim zu halten. Lange bevor Laetizia selbst erfuhr, wer ihr Vater ist, redeten die Nachbarn darüber. Für Laetizia ist der Gang durch das Dorf deshalb immer ein Spießrutenlauf. Als das Mädchen alt genug war, um am Brunnen Wasser zu holen, fingen die Nachbarskinder sie manchmal ab, hänselten und schlugen sie, und sie verstand nicht, warum.

Jacqueline hat mit ihrem neuen Mann drei weitere Kinder bekommen. Yvonne ist heute zehn Jahre alt, Pacifique acht und der jüngste, Téofile, ist gerade vier geworden. Irgendwann, sagt Jacqueline, hätten die Kinder des Dorfes zu Yvonne gesagt, dass sie ihre Halbschwester Laetizia „nicht so lieben“ dürfe wie ihre anderen Geschwister. „Les enfants de la haine“, nennt man in Ruanda die Kinder, die aus Vergewaltigungen stammen, Kinder des Hasses. Wann immer es danach in Haus und Hof etwas zu tun gab und die Kinder helfen mussten, hat Yvonne ihrer Halbschwester die schwersten Arbeiten überlassen. Jacqueline sagt, Laetizia sei von ihrer Schwester „wie eine Sklavin“ behandelt worden. Warum die Mutter das nicht verhindert hat, sagt sie nicht.

Sie wollte es Laetizia selber sagen

Vor etwa einem Jahr hat Jacqueline ihrer Tochter Laetizia dann gesagt, dass sie Kind eines Interahamwe sei, eines Hutu-Milizionärs. Jacqueline sagt, sie habe nicht riskieren wollen, dass es das Mädchen von jemand anderem erfährt. „Laetizia hat viel geweint. Aber sie weiß jetzt, warum die anderen sie so behandeln, wie sie es tun.“ Die Mutter sagt, sie würde manchmal spüren, dass ihre Tochter Fragen hat und gern über ihre Geschichte sprechen würde. Aber Jacqueline geht diesen Gesprächen aus dem Weg.

Niemand weiß genau, wie viele Frauen während des Genozids in Ruanda vergewaltigt worden sind. Es gibt nur Schätzungen, die aber zwischen 350.000 und einer halben Million Frauen schwanken. Das mutet seltsam an, denn in den dörflichen Gemeinden wissen meist alle sehr genau, wen es damals traf. Aber niemand spricht offen darüber, die betroffenen Frauen am allerwenigsten. Gerade weil es die Frauen so massenhaft traf, haben viele von ihnen kein Bewusstsein dafür entwickelt, dass sie ein besonderes Schicksal erlitten haben. Sie wissen, dass sie Opfer waren, aber nach einem Völkermord gibt es viele Opfer. Und wer vergewaltigt wurde, hat wenigstens überlebt.

Während des Genozids waren vor allem Tutsi-Frauen oder solche, die man für Tutsi hielt, bedroht. In der ruandischen Gesellschaft galten sie als besonders schön, als elegant. Bevor der Krieg ausbrach, hatte die Propaganda behauptet, sie würden ihre Reize bewusst einsetzen und Hutu-Männer verführen, um sie blind für die politischen Ziele der Tutsi zu machen. Viele der Frauen, die während des Genozids vergewaltigt wurden, sind an ihren Verletzungen gestorben oder wurden mit dem HI-Virus infiziert. Manche wurden schwanger. Man geht davon aus, dass es in Ruanda - einem Land von der Größe Mecklenburg-Vorpommerns - etwa zehntausend Kinder geben könnte, die während des Genozids bei einer Vergewaltigung gezeugt worden sind. Aber auch das weiß niemand genau.

Die Schuld dieser Kinder: geboren worden zu sein

Die Tochter von Monique heißt Mahondo. Sie ist, wie Laetizia, fünfzehn Jahre alt, sie ist groß und schlank, hat kurze Haare und das schöne Gesicht einer scheuen jungen Frau. Nach all dem, was man über Kinder wie Mahondo und Laetizia gehört hat, nach den Erzählungen über die Ängste, die Trauer und die Wut, ist es fast überraschend, am Ende vor zwei Mädchen zu stehen, die aussehen, wie fünfzehnjährige Mädchen eben aussehen. Natürlich gibt es kein sichtbares Zeichen für die Andersartigkeit dieser Kinder, und doch werden sie von allen behandelt, als wären sie anders. In einem diffusen, aber verbreiteten Aberglauben sieht man sie als Personifizierung des Bösen, das über das Land hereingebrochen ist wie ein Fegefeuer - anders können die Menschen sich den Schrecken nicht erklären. Für sie sind die Kinder der lebende Beweis für einen Hass, der aus der Gesellschaft selbst kam, an den sie aber nicht mehr erinnert werden will. Allein darin liegt die Schuld dieser Kinder; geboren worden zu sein. Niemand hat sie gewollt. Aber jetzt sind sie da.

Anders als Jacqueline hat Monique keine Probleme mit ihren Nachbarn, und ihre Tochter weiß schon länger, dass ihr Vater ein Hutu-Milizionär ist. Damals hat Mahondo mit ihrer Mutter noch im Haus der Gro,ßmutter gewohnt. Das Mädchen ist von seinen Verwandten gequält worden und hat seine Mutter eines Tages nach dem Grund für dieses Verhalten gefragt. Monique hat ihrer Tochter daraufhin erzählt, dass sie nicht wisse, wer ihr Vater sei und hat nach einem Alltagsbild gesucht, mit dessen Hilfe sie Mahondo verständlich machen konnte, was geschehen war: Sie müsse sich vorstellen, sie gehe auf einen Markt. So wie man bei einem Besuch auf dem Markt von vielen verschiedenen Menschen berührt werde, ohne sich später daran erinnern zu können, wie viele es waren und wer genau, sei es auch während des Genozids gewesen. So viele Männer hätten Monique berührt, dass sie keine Erinnerung mehr daran habe, wer und wie viele es waren.

Die einzige Möglichkeit, der Familie zu entkommen

Mahondo wollte von ihren Verwandten wegziehen und mit ihrer Mutter allein leben, aber Monique konnte auf die Unterstützung der Familie nicht verzichten. Irgendwann verliebte sich ein junger Mann in sie und versprach, sich um sie und Mahondo zu kümmern. Wie für viele Frauen war für Monique diese Heirat die einzige Möglichkeit, der Familie zu entkommen. Vor zwei Jahren fand die Trauung statt, und vor acht Monaten kam die gemeinsame Tochter Queen auf die Welt. Alle vier leben jetzt im Haus des Mannes in dem Dorf Ruakibirizi unweit von Kigali. Im Vorgarten haben sie Hirse gepflanzt, im Wohnzimmer sitzt Queen auf einer Matte auf dem Fußboden und spielt mit einem Maiskolben.

Monique und Mahondo haben gehofft, dass dieses Haus ihr Zuhause werden würde. Aber seit einer Weile haben sich die Dinge zwischen ihr und ihrem Mann verändert, sagt Monique und spricht leise. Ihr Mann würde sie nicht mehr lieben, sagt sie. „Eine andere Frau, vielleicht.“ Dann kämpft sie mit den Tränen. Ihr Mann drohe damit, Mahondo zu sagen, dass er nicht ihr Vater sei, obgleich das Mädchen das längst weiß. Aber der Mann weiß auch, dass er die Mutter am besten treffen kann, wenn er das Kind angreift. Er weiß, dass Monique hoffte, mit ihm alles hinter sich lassen zu können, als sie sich ihm anvertraute. Er spürt ihre Abhängigkeit und nutzt sie aus. Monique würde ihre Tochter gern beschützen, sie würde auch das Haus ihres Mannes verlassen, aber sie weiß nicht, wohin sie gehen soll und eine eigene Unterkunft kann sie noch immer nicht bezahlen.

Sie treffen sich einmal im Monat

Als ihr Mann dann erscheint, wechselt sie das Thema. Er sieht neugierig aus, nicht unfreundlich. Er gibt den Gästen die Hand und nimmt dabei jeden in den Arm, so wie das auf dem Land Sitte ist. Schweißperlen stehen auf seiner Stirn, die Kleider sind schmutzig. Er setzt sich neben seine Frau auf den Boden und zwinkert Queen zu, seinem Kind. Mahondo nimmt er nicht wahr.

Vor einiger Zeit wurde in der Hauptstadt Kigali ein Hilfsprojekt für Vergewaltigungsopfer ins Leben gerufen. Es war das erste Projekt dieser Art in Ruanda. Psychologisch geschulte Helfer boten an, die Frauen in Gesprächstherapien zu unterstützen. Es war nicht leicht, die Frauen aus dem Umland dazu zu bewegen, an den einmal im Monat stattfindenden Sitzungen teilzunehmen, nur wenige von ihnen vermochten sich vorzustellen, worin der Nutzen einer Psychotherapie liegen könnte. Schließlich sind dreißig Frauen gekommen, von denen viele noch nie über das gesprochen hatten, was ihnen widerfahren war. Jede Frau hat dann vor allen anderen ihre Geschichte erzählt. So entstanden Freundschaften in dieser Runde. Man hielt Kontakt, rief einander an und gab sich Tipps - auch, was den Umgang mit den Kindern angeht.

Sie stellte sich tot, um das Massaker zu überleben

Jeanne sagt, dass sie diese Gespräche ermutigt hätten, ihrem Sohn die Wahrheit zu sagen. Anfangs war auch sie skeptisch. Aber als eine Nachbarin sich entschloss, in die Hauptstadt zu reisen, fuhr sie mit. Anders als bei Jacqueline oder Monique waren es bei Jeanne weder die Nachbarn und auch nicht die Familie oder ein Ehemann, die ihr das Leben mit dem Kind zur Hölle machten. Das Problem war sie selbst. Jeanne lebt allein in einem Haus nahe Ntarama, das der Bruder ihr mit Hilfe eines Kredits gekauft hat. Wie viele Häuser in Ruanda ist auch ihr Heim nur spärlich möbliert, aber klassisch aufgeteilt: Betritt man das Haus, steht man sofort im Wohnzimmer, dahinter liegen die Küche und ein Schlafraum. Durch kleine Löcher im Dach malt die Sonne helle Punkte an die Wände. Jeanne nimmt auf einem Sessel Platz und schlägt ein Bein unter den Schoß. Sie ist eine schöne, große Frau mit schmalen Schultern. Ihr Hemd ist rosafarben und verwaschen, an einer Stelle zerrissen und ein bisschen zu groß. Aber das kann Jeannes Erscheinung nichts anhaben. Sie ist lebhaft, spricht schnell und viel und legt ihr Handy die ganze Zeit über nicht aus der Hand.

Früher lebte Jeanne in Kigali. Als die Hatz auf die Tutsi begann, wurde sie auf ihrer Flucht in der Nähe des Flughafens von Milizen gefangen. Sie vergewaltigten Jeanne und warfen sie danach mit anderen Opfern auf einen Lastwagen. Irgendwie - Jeanne weiß heute selbst nicht mehr, wie - konnte sie ihren Peinigern weismachen, dass sie aus Tansania stamme und gar keine Tutsi sei. Das rettete ihr das Leben. Einer der Männer hob sie von dem Lastwagen herunter, und brachte sie, da sie nicht mehr laufen konnte, mit einer Schubkarre zu einem Nachbarn, der sie bei sich aufnahm. Doch bald war sie auch dort nicht mehr sicher. Sie floh, wie viele andere Tutsi, in das Lager der in Ruanda stationierten UN-Truppen am Rande der Stadt. Aus diesem Lager zogen sich die Blauhelmsoldaten am 11. April 1994 zurück. Als sie weg waren, fielen mit Macheten bewaffnete Hutu-Milizen über die Flüchtlinge her. Jeanne stellte sich tot, so hat sie das Massaker überlebt.

Wenn die Schmerzen kamen, hat sie den Jungen geschlagen

Kurz nach dem Genozid traf auch sie einen Mann, der sie heiraten wollte. Aber als sie beide merkten, dass Jeanne bereits schwanger war, ist er verschwunden. Jeanne wollte das Kind nicht, sie schluckte Rattengift, um es abzutreiben. Sie wurde krank von dem Gift, das Kind aber nahm keinen Schaden. Sie brachte es zur Welt und wollte dann mit Hilfe von Medikamenten erst das Kind und danach sich selbst umbringen. Aber irgendjemand sagte ihr, dass das Sünde sei. Da ließ sie ihr Kind und sich am Leben.

Ihr Junge heißt Kayiranga, auch er ist heute fünfzehn Jahre alt. Jeanne sagt, sie habe dieses Kind nie gemocht. Sie wollte es von Anfang an nicht und hat sich damit auch nicht versöhnen lassen, als der Junge auf die Welt gekommen war. Wenn es ihr schlecht ging, dann machte sie das Kind dafür verantwortlich und bestrafte es. Noch heute hat Jeanne manchmal Schmerzen in ihrer rechten Schulter, weil ihre Peiniger damals versuchten, ihr den Arm zu brechen. Sie trägt auch ein Gebiss, weil man ihr die Zähne ausgerissen hat. Wenn die Schmerzen kamen, hat sie den Jungen geschlagen. Wenn er etwas falsch machte, hat sie ihm manchmal gesagt, dass sie gar nicht seine Mutter sei und ihn in einem Straßengraben aufgelesen habe. Manchmal hat sie ihn an einen Stuhl gebunden, damit er nicht draußen spielen konnte. Sie hat ihn für das Übel bestraft, das ihr widerfahren war. Ob ihre Vergewaltiger jemals für eine ihrer Taten angeklagt wurden, weiß sie nicht. Sie weiß nicht einmal, wo sie sind.

Vor einem Jahr hat Jeanne ihrem Sohn dann die Wahrheit gesagt. Sie hat ihm gesagt, dass sie ihn nicht in einem Graben gefunden hat, sondern dass sie seine Mutter ist und sein Vater ein Milizionär. Kayiranga war traurig und wütend, erzählt Jeanne. „Er hat gesagt: Wenn ich der Sohn eines Milizionärs bin, dann werde ich auch zur Miliz gehen und alle Milizionäre töten.“ Als Jeanne das sagt, muss sie laut lachen. Sie hat nicht erwartet, dass ihr Sohn es ihr leicht machen würde. Aber er geht zur Schule, sagt sie, und seine Leistungen seien besser geworden, seitdem sie miteinander gesprochen hätten. Vielleicht sieht Jeanne deswegen auch so aus, als wäre sie sicher, dass Kayiranga sich besinnen wird.

Sie öffnet die Tür. Draußen steht die Sonne am höchsten Punkt des Himmels. Es gibt jetzt keinen Schatten mehr auf der Erde, nur noch Licht. Und dieses Haus mit blauen Fensterläden und leuchtendem Ziergras im Vorgarten, das aussieht wie alle anderen auch.

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Jahrgang 1979, Redakteurin im Feuilleton.

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