10.02.2009 · Das längste Konzert der Welt: In der Halberstädter Burchardikirche wird seit 2001 ein Orgelstück von John Cage aufgeführt. Daran soll sich auch in den nächsten 631 Jahren nichts ändern. Rund einmal pro Jahr wird ein Ton verändert. Eine Bildreportage.
Von Till KrauseDa ist immer dieser Ton in der Burchardikirche in Halberstadt. Man kann ihn hören, sobald man die ehemalige Klosteranlage durch den Torbogen betritt, er wird lauter, je näher man der Kirche in ihrer Mitte kommt. Er ist immer da, mit der Zeit wird er zu einem Hintergrundrauschen. Wenn alles nach Plan geht, soll das die nächsten 631 Jahre so weitergehen.
Dieser Ton ist Teil des längsten Konzerts der Welt, einer Aufführung des Musikstücks Organ²/ASLSP, das der geniale Musikprovokateur John Cage 1987 geschrieben und mit nur einer Anweisung versehen hat: As Slow As Possible, es muss so langsam wie möglich gespielt werden. Die Aufführung soll bis zum Jahr 2640 dauern, eine musikalische Dehnübung im Dauerbetrieb, irgendwo zwischen Guinnessbuch und philosophischem Manifest. John Cage gilt als Vordenker einer musikalischen Avantgarde, für ihn ist alles Musik, er war eine Art Joseph Beuys der Töne.
Ein Ton pro Jahr
Cage-Fans sind viel gewöhnt, aber dieses Konzert ist auch für sie sehr ambitioniert. In der turmlosen Burchardikirche mit dem roten Ziegeldach steht eine kleine Orgel, die pausenlos diesen Ton in die Halberstädter Umwelt entsendet, im Moment durch fünf Orgelpfeifen. Das Konzert geht schon acht Jahre lang, rund um die Uhr, man kann die Kirche während der Öffnungszeiten besuchen. Weil die Notation des Stücks mit einer Pause beginnt, kamen die ersten Töne erst 2003 dazu, seitdem tönt es in Halberstadt. Rund einmal pro Jahr wird ein Ton verändert. Heute ist es wieder so weit.
Maren Taubert ist für den heutigen Klangwechsel aus Hamburg angereist, zusammen mit ihrem Mann Hans. Die beiden Mediziner im Ruhestand sind über siebzig, sehen jedoch so vital aus wie Rentner in Werbeanzeigen. Maren Taubert wurde in Halberstadt geboren, hat aber den Großteil ihres Lebens im Westen verbracht. Das Konzert ist für sie der einzige Grund, gelegentlich nach Halberstadt zurückzukommen. Das Projekt sei geistreich und optimistisch, findet Maren Taubert: „Ich weiß nicht, ob künftige Generationen es weiterführen wollen. Aber um ihnen überhaupt die Möglichkeit zu geben, müssen wir ja mal anfangen.“ Hans Taubert sagt: „Für uns Menschen ist dieses Stück etwa so, als wolle man einer Eintagsfliege die Jahreszeiten erklären.“ Es mache einem bewusst, dass manche Dinge größer sind als man selbst.
Der Rest ist Stille
Ein kleiner Teil dieses großen Musikstücks gehört den Tauberts, sie haben ein Klangjahr gekauft, ein Wort, das nur für dieses Konzert erfunden wurde. Sie haben tausend Euro bezahlt und dafür Patenschaft für das Jahr 2636 übernommen, es ist der siebenhundertste Geburtstag von Maren Taubert, „wir planen schon eine große Party“, sagt Hans Taubert und lacht. Die nur für dieses Konzert gegründete John-Cage-Orgel-Stiftung hat das Gebäude als Spielstätte von der Stadt geschenkt bekommen. Einzige Bedingung: Es dürfen durch das Konzert keine weiteren Kosten für die Allgemeinheit entstehen. Das Geld für die Renovierung der Kirche und für den Bau der Orgel stammt hauptsächlich von Klangjahrkäufern wie den Tauberts. Zum Dank dürfen sie sich auf einer Metallplatte in der Kirche verewigen.
Die Tür zur Kirche ist offen, die beiden gehen hinein, der Schotterboden knirscht unter ihren Füßen, der Ton wird lauter, es ist kalt. Die hohen Wände werden nur von den Klangjahrplaketten geschmückt. Die der Tauberts ist schlicht, auf dem dunklen Metall stehen nur ihre Namen und Geburtsdaten, das Jahr 2636 ist links oben eingraviert. Es wurden bisher über hundert Klangjahre verkauft, die Plaketten sind Zeitdokumente, auf denen man sehen kann, was Menschen, die Jenny, Imre, Albrecht oder Cordula heißen, an spätere Generationen weitergeben wollen. „Nur die Erinnerung und die Kunst können die Zeit festhalten“, steht unter dem Jahr 2553 oder einfach „The rest is silence“ (Jahr 2078). Der Käufer des Jahres 2025 hat sich für ein zeitkritisches Zitat aus dem Film „Planet der Affen“ entschieden.
Wie langsam geht es?
Beim Rundgang verändert sich der Dauerton, mal sind mehr Bässe zu hören, dann hallt es. Man kann um den Ton herumschreiten, es ist, als wäre der Klang ein Stück eingefrorene Zeit, die erst im Jahr 2640 vollständig aufgetaut ist. Die Orgel wirkt im Chor der fast 1000 Jahre alten Kirche etwas verloren, sie würde auf einem Wohnzimmertisch Platz finden. Das Instrument hat einen Rahmen aus Holz und drei Tasten, die von Sandsäcken heruntergedrückt werden. In der Anweisung steht nirgends, dass ein Mensch das Stück spielen muss. Nach einiger Zeit wirkt der Ton wie das Summen eines Computers, das man nur noch wahrnimmt, wenn man darauf achtet.
Rainer Neugebauer von der Orgel-Stiftung trifft die Tauberts heute zum ersten Mal, er wird gerade für das Fernsehen interviewt. Er steht vor der Orgel und erklärt das Leitmotiv des Stücks: Wie langsam ist „so langsam wie möglich“? Eine Orgel könne bei funktionierendem Gebläse ja Töne unbegrenzter Länge von sich geben. Man hat sich auf 639 Jahre geeinigt, weil 1361, also 639 Jahre vor dem Startschuss für Organ²/ASLSP, in Halberstadt eine Blockwerkorgel gebaut wurde, für Kenner ein Meilenstein der Orgelgeschichte. Er erzählt von den Berechnungen der Klangwechsel und warum die Orgel so klein ist. Es sei eben nur eine Interimsorgel, für die richtige Orgel fehlt noch das Geld, aber die Pfeifen seien in Originalgröße, immerhin. Und dieses kleine Instrument passe auch besser unter die Lärmschutzglocke aus Plexiglas, die dafür sorgt, dass die Nachbarn sich nicht wieder beschweren, dass da wohl jemand auf der Hupe seines Autos eingeschlafen sei.
Musikalische Schweigeminuten
Neugebauer ist mit seinem langen Bart, dem dunklen Anzug und der schmalen Brille so etwas wie das Gesicht der Orgel. Er ist Professor für Sozialwissenschaften und spricht gern über Labialpfeifen und Kanzellen, an seiner Bürotür hängt ein Bob-Dylan-Zitat und ein „Dada siegt“-Poster. Vermutlich lernen Studenten von ihm Dinge, die größer sind als der Vorlesungsstoff. Er wird den Tauberts vorgestellt, Händeschütteln, Neugebauer erzählt von den Vorbereitungen zum Klangwechsel, dem Filmteam, das ihm seit Tagen folgt, und dem Tagesgeschäft der Stiftung. Es gibt eine Liste, die für jeden Monat festlegt, wer Besucher durch die Burchardikirche führen soll. Bis zum Ende des Konzerts könnten 7668 solcher Dienstpläne zusammenkommen, mit genauen Aufzeichnungen für jeden der 227 643 Konzerttage. Dann muss er weiter. Auch das langsamste Konzert der Welt hat hektische Momente, zum Beispiel jetzt, wenige Stunden vor einem Klangwechsel.
Spätestens seit die „New York Times“ fasziniert von der ostdeutschen Orgelsensation berichtet hat, ist das Thema in der Welt bekannt, darum gibt es zum Tonwechsel eine Pressekonferenz, der Bayerische Rundfunk ist da, Regionalzeitungen und Gäste. Neugebauer schüttelt viele Hände von aufgeregten Menschen. Auch die Tauberts stellt er vor, sie laden einige Umstehende zu Maren Tauberts siebenhundertstem Geburtstag ein. Für den Nachmittag ist ein „Soundwalk“ geplant, man soll durch Halberstadt spazieren und die unterwegs erlebten Klänge als Musik wahrnehmen, ganz im Sinne von John Cage. Seine Musik animiert zum Nachdenken und nicht zum Mitsummen, sein Hit 4,33‘ ist eine musikalische Schweigeminute, meist vorgetragen von einem Pianisten, der an einem Flügel sitzt, ohne darauf zu spielen. Auf vielen Fotos lächelt der Komponist spitzbübisch.
Ein schwerer Fall für die Gema
Wer Cage nicht kennt, hört in Halberstadt nur das Knattern des roten Mofas, das Bellen des angeleinten Hundes und das laute Telefonieren des Mannes in der Trainingshose. Was man nicht hört, ist die versteckte Symphonie des Halberstädter Alltags, die all diese Laute zu einem großen Ganzen verbindet. Aber das Stück läuft ja noch eine Weile.
Das Stück Organ²/ASLSP zeigt nicht nur, dass alles irgendwie Musik ist, sondern auch, dass ein 639 Jahre langes Konzert völlig neue Fragen aufwirft. Wie baut man eine Orgel, die 639 Jahre unentwegt spielen kann? Und: Wie meldet man dieses Konzert bei der Gema an, jener Gesellschaft, die dafür sorgt, dass Komponisten Geld an der Aufführung ihrer Stücke verdienen, es gibt schließlich auch bei diesem Werk Partitur und Copyright. „Normalerweise wird erst nach der Darbietung abgerechnet“, sagt Neugebauer. Ein befreundeter Anwalt will einen Aufsatz über diesen urheberrechtlichen Sonderfall schreiben, außerdem gebe es bei der Gema eigene Formulare für Narrenvereine, vielleicht könne man sich ja als solcher registrieren, sagt Neugebauer. Sein Lächeln sieht manchmal so ähnlich aus wie das von John Cage.
Immer dieser Ton
Es ist dunkel geworden, vor der Kirche brennen Lagerfeuer, an denen sich zweihundert Besucher wärmen; der Klosterhof, die alten Kirchenmauern, es sieht aus wie in einem Prospekt für europäische Abenteuerreisen. Als Neugebauer vor der Kirche steht und für alle Besucher noch mal das Projekt erklärt, bleiben die Tauberts am Feuer, sie kennen den Vortrag schon. Sie wissen, dass es Organ²/ASLSP hier auch in einer zweiundsiebzigminütigen Version auf CD zu kaufen gibt, sie wissen, dass gleich ein „d“ und ein „e“ zum Ton dazukommen.
Die Tür zur Kirche geht auf, überall Kerzen, die Orgel ist angestrahlt, das Raunen der Zuhörer ist John-Cage-Musik wie aus dem Lehrbuch. Schnell ist die kleine Orgel umringt, man solle jetzt noch mal zuhören, sagt Neugebauer hinter dem Notenständer, von dem aus er mit einer Stoppuhr die beiden heutigen Organisten dirigiert, denen die Ehre zuteil wird, auf sein Kommando die Klebestreifen von den noch unhörbaren Orgelpfeifen abzuziehen. Die Tauberts hören, wie Neugebauer „six-three-one“ sagt und die von ihren Klebestreifen befreiten Pfeifen sogleich zu tönen beginnen.
Die Orgel hat ihren Klang verändert, es ist nun ein Akkord aus sieben Einzeltönen. Es erinnert jetzt an die spannende Stelle in alten Krimis, kurz bevor der Mörder auftaucht: ein Aufmerksamkeitsfiepen, ein dissonantes Signal, das Spannung erzeugen soll. So wird es hier also klingen bis zum fünften Juli 2010. Neugebauer nickt zufrieden. Ein Mann vom Radio bittet ihn um ein Interview. Allerdings nicht hier in der Kirche. Er verstehe doch sicher, dieser Ton stört bei der Aufnahme.
„Ja, stimmt“, sagt Neugebauer, „immer dieser Ton.“
Eine Bildreportage zum Thema finden Sie im Internet auf unseren Seiten www.faz.net/Halberstadt.
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