22.07.2011 · Er wohnte in einer Villa im Millionärsviertel, bis seine Geschäfte den Mächtigen nicht mehr passten. Nun sitzt er in einem Arbeitslager am Ural, und seine Frau fährt ihn besuchen - die Geschichte eines „Ökonomischen“.
Von Kerstin HolmJeden Monat packt die Moskauer Journalistin Olga Romanowa viel saubere Wäsche, Medikamente, Mückenschutzmittel und feuchte Tücher in eine Reisetasche und besteigt den Flieger in die Uralstadt Perm. Dort nimmt sie ein Taxi, deckt sich im Supermarkt mit frischem Fleisch, Fisch, Gemüse und Milchprodukten ein und sagt, sie wolle ins hundertfünfzig Kilometer weiter nordöstlich gelegene Städtchen Gubacha. Doch kurz vor Gubacha gesteht sie dem Chauffeur, sie müsse noch fünfzig Kilometer weiter nach Norden, in die Strafkolonie Polowinka Richtung Beresniki. Kein Taxifahrer habe sich je beschwert, zumal die Strecke ja viel länger wird, sagt Olga Romanowa, aber es sei doch immer irgendwie peinlich.
Kurz vor der Kolonie versperrt ein Schlagbaum die Weiterfahrt. Das Taxi muss warten, während Olga mehrere Kilometer zu Fuß zum Aufseherhäuschen läuft, wo sie inzwischen sie Bekannte hat. Der nette Oberstleutnant gibt dem Fahrer die Durchfahrerlaubnis. Sie zahlt und lädt ihre Sachen ab. Olga besucht hier ihren Mann, einen „Ökonomischen“, wie man jene Tausende von Häftlingen in Russland nennt, die nach den Gummiparagraphen des Strafgesetzbuches, Nummer 159, Absatz vier, wegen betrügerischer Geschäftsmethoden in besonders großem Umfang, und nach Artikel 174, wegen versuchter Profitlegalisierung, verurteilt wurden. Frauen wie sie, die dem einsitzenden Gatten treu bleiben und für ihn kämpfen, tragen dafür den inoffiziellen Ehrentitel „neue Dekabristinnen“ - nach jenen Offiziersgattinnen, die nach der niedergeschlagenen Adelsrevolte 1825 ihren in die sibirische Verbannung geschickten Männern freiwillig nachfolgten.
Er sein ein gewöhnlicher Millionär gewesen
Der Ex-Finanzmanager Alexej Koslow, der jetzt im Ural Holz hackt und Wasser pumpt, ist Olgas vierter Gatte. Er sei ein gewöhnlicher Millionär gewesen, schreibt Koslow in seinem Blog, den er auf den Namen des Moskauer Untersuchungsgefängnisses Butyrka getauft hat, wo er vor vier Jahren zuerst einsaß. Er nahm Kredite auf, investierte, besaß einige Firmen, stimmte erst für Putin und dann für Medwedjew. Olga Romanowa freilich macht der Gedanke an ihr früheres „Parasiten“-Leben, als sie und Alexej in einer dreigeschossigen Villa mit Schwimmbad nahe Moskau an der Rubljowka, der Straße der Reichen, wohnten, beinahe aggressiv. Sie habe Schmuck und Pelze getragen, sich gegrämt, wenn sie zum Ferienort X statt Y fuhren und keine Ahnung gehabt von den Innereien der Politik, erinnert sie sich. Auch ihr Mann war ein Anderer. Er konnte sich über schlechten Service aufregen oder darüber, dass die Hotelhandtücher nicht flauschig genug waren und sprang oft hart mit Mitarbeitern um.
Insgeheim will sie damals schon gespürt haben, dass etwas falsch war in ihrem Leben. Sie veröffentlichte einen sarkastischen Artikel über den Oligarchen Alexej Mordaschow. Da stellte Senator Wladimir Sluzker, Geschäftspartner ihres Mannes, ihm ein Ultimatum, er müsse sich von der Journalistin scheiden lassen. Sluzker hatte selbst Ärger mit der Presse. Investigative Internetseiten wie „Antikompromat“ berichteten, wie er den früheren Kompagnon seiner Firma „Finvest“ ausgebootet und dessen Anteile seiner Frau überschrieben haben soll.
Acht Jahre Straflager
Olga Romanowa war damals bereit zu einer fiktiven Trennung. Sie wollte die Geschäfte ihres Mannes nicht gefährden. Doch für Alexej kam das nicht in Frage. Das zeigte ihr, dass dies der Mann ihres Lebens war, bekennt die leidenschaftliche Frau. Koslow trennte sich von Sluzker und machte sich selbständig. Woraufhin ihm der Senator versprochen haben soll, er werde „Straßenbelag“ aus ihm machen. Ein Jahr später, im Sommer 2007, wurde Alexej Koslow verhaftet. Der Staatsanwalt warf ihm vor, er habe mittels gefälschter Dokumente mehr als eine halbe Million russischer Aktien einer Offshore-Firma übereignet, um sie dann weiter zu verkaufen. 2009 wurde Koslow zu acht Jahren Straflager verurteilt.
Unmittelbar nach seiner Festnahme gab Koslow seiner Frau telefonisch erste Anweisungen. Ein hoher Funktionär hatte ihm zugesichert, im Fall eines Prozesses gegen ihn auf die Staatsanwaltschaft einzuwirken - für anderthalb Millionen Dollar. Er gab Olga zu verstehen, wo der Umschlag lag, wo er alles aufgeschrieben hatte. Den Betrag hatte er flüssig gemacht, das Haus dafür versetzt. Freunde hätten damals auf sie eingeredet, auf gar keinen Fall das Geld zu übergeben, sagt sie. Sie müsse ja ihren Mann im Gefängnis unterstützen und selbst von etwas leben. Sie wisse, dass sie übers Ohr gehauen werde, habe sie geantwortet. Aber wenn sie Alexejs Bitte nicht erfülle, würde sie den Gedanken nie loswerden, dass er ihretwegen nicht freikommt.
Bloß nicht den Ehemann freikaufen
Sie traf dann mehrmals mit dem mächtigen Amtsträger zusammen. Der Preis verdoppelte sich schnell. Jetzt kostete nur die Freilassung anderthalb Millionen und die Einstellung des Verfahrens noch einmal so viel. Olga lieh Geld von Freunden, Kollegen, Kollegen ihres Mannes, dem Wachdienst und seinem Fahrer. Doch plötzlich war der hohe Beamte nicht mehr für seinen früheren Posten zuständig und verschwand. Heute rate sie allen in ihrer Lage dringend von jedem Versuch ab, den Ehepartner freizukaufen, sagt Olga. Es sei absolut aussichtslos. Zugleich sehe sie bei all diesen Häftlingsfrauen die gleichen Kuhaugen, die sie selbst gehabt habe, und aus denen, so scheint es ihr, ein heidnischer Aberglauben spricht. Die verzweifelten Weiber hoffen, den „Ihrigen“ zu retten, indem sie ein großes Opfer bringen, hat sie beobachtet. Das werde ausgenutzt.
Anders als die Freiheit steht die Gesundheit des Gefangenen zum Bestechungsaufwand jedoch in direktem Verhältnis. Olga Romanowa kaufte Heizkörper und Computer für das Gefängnis, woraufhin Alexej in eine gute Zelle kam. Sie bestellte ihm Zeitungsabonnements, besorgte Kleidung, Mittel gegen Flöhe, Nagelfeilen, Fischlebertran, sie gab den Aufsehern Geld, damit sie die Sachen weiterleiteten. Im Fall des Rechtsanwalts Sergej Magnizki, der zur gleichen Zeit im Butyrka-Untersuchungsgefängnis zu Tode gequält wurde, als auch ihr Mann dort einsaß, beeindruckte sie besonders, dass er und seine Mithäftlinge keine Klobürste und keine Nagelfeile besitzen durften.
Schmiergeld für heißes Wasser
Die gleichen Fahnder, Richter, Ärzte, die Magnizki töteten, vor allem durch Wasserentzug, bearbeiteten auch den Fall Alexej Koslow, weiß sie. Sie habe wahrscheinlich mit Magnizkis Mutter Natalja, die sie damals noch nicht kannte, gemeinsam in der Schlange vor dem Gefängnis gestanden, glaubt Olga. Natalja Magnizkaja lieferte Kleidung und Medikamente für ihren Sohn ab, die nie bei ihm ankamen. Natalja war leider zu anständig für die Gefängniswelt, sagt Olga. Sie selbst zahlte unterdessen Schmiergeld für heißes Wasser und organisierte sich einen Chorsängerausweis für die Gefängniskirche, um sich dort mit Alexej zu treffen.
Wenn Olga Romanowa an die Dekabristinnen denkt, begeistert sie sich vor allem für deren Männer. Das seien doch die Besten gewesen, die damals eine Verfassung einforderten. Und dafür wurden sie von den Schlechtesten eingesperrt oder gehenkt. Jede Frau spüre, was sie an einem Fürsten Trubezkoi oder Wolkonski hat, sagt sie glutvoll. Natürlich würde ich so einem Mann nach Sibirien folgen statt bei Fürst Pupkin in der Hauptstadt zu bleiben, sagt sie. Alles andere wäre, als sage man sich von Michail Chodorkowski los, um Putin zu heiraten.
Ordentliche Leute - auf beiden Seiten des Stacheldrahts
Die Gefängnishaft habe aus ihrem Mann einen besseren, interessanteren, reicheren Menschen gemacht, findet Olga. Die Fahnder versprachen ihm Hafterleichterung, wenn er ein Geständnis ablegen oder Kollegen denunzieren würde. Aber er weigerte sich, zu lügen oder jemanden anzuschwärzen, sagt sie stolz - auch Leute nicht, die sich nach seiner Inhaftierung von ihm abgewandt hätten. Auf die Temperamentsausbrüche seiner Frau, die ihn früher zornig machten, reagiere er bei ihren Besuchen jetzt humorvoll und väterlich mitleidig.
Nach seiner Verurteilung wurde Alexej Koslow ins Besserungslager Nummer 3 nahe Tambow gesteckt. Sie habe dort viele ordentliche Leute getroffen, auf beiden Seiten des Stacheldrahts, bekennt Olga. Insbesondere imponierte ihr ein energischer, eher schroffer, aber äußerst fähiger Fahnder, der kein Schmiergeld nahm und höchstpersönlich Rauschgifthändler jagte, auch unter seinen Kollegen. Vielleicht wurde er deshalb später entfernt, glaubt sie. Die Arbeit im Lager war vergleichsweise leicht, die Häftlinge strickten Wollsocken. Die Versorgung war gut und das Klima für russische Verhältnisse mild. Doch Tambow gehört zum „roten“, noch kommunistisch geprägten Gürtel. Ein „Ökonomischer“ hat hier praktisch keine Chance, vorzeitig entlassen zu werden.
Er hatte nicht einmal Wintersachen dabei
Also schrieben Olga Romanowa und der Anwalt ihres Mannes ein Gesuch an die Strafvollzugsbehörde FSIN und beantragten, Alexej Koslow in eine Kolonie im Gebiet Perm zu verlegen. Die Uralregion ist eine der liberalsten Russlands. Im vorigen Herbst kam plötzlich der Marschbefehl. Alexej sollte per Häftlingstransport im ungeheizten Eisenbahnabteil in den Nordural gebracht werden. Das sind zweitausend Kilometer in zwei Monaten, Abfahrt September, Ankunft November bei Eis und Schnee, mit Zwischenstation in diversen Durchgangsgefängnissen, darunter dem berüchtigten Käfig von Kasan, wo gesunde Häftlinge mit solchen zusammengesperrt werden, die an offener Form von Tuberkulose leiden, erinnert sich Olga.
Dabei hatte ihr Mann nicht einmal Wintersachen dabei. Olga telefonierte sich durch die Strafvollzugsbehörde und fand tatsächlich eine Beamtin, die auf ihren Hilferuf reagierte. Jelena Gawrilina arbeitete in der Presseabteilung, aber setzte alle ihr zur Verfügung stehenden Hebel in Bewegung und konnte den Abtransport aufschieben. So blieb Olga genügend Zeit, um die für die lange Reise notwendigen Dinge zu Alexej nach Tambow zu bringen.
In der waldigen Gegend um Polowinka ist es um diese Jahreszeit schwül heiß, man wird umschwirrt von Schnaken und Hornissen. Im Winter sinkt das Thermometer auf vierzig Grad Frost. Oft weht ein feuchtkalter Wind. Olga war freilich beim ersten Besuch vor allem entsetzt über den Dreck, wie sie sagt, und darüber, dass die Aufseherinnen an der Kontrollschleuse von ihr verlangten, die Unterwäsche auszuziehen. Als sie fragte, wo das in der Dienstanweisung stehe, sagte man ihr, sie könne verbotene Sachen mit sich führen.
Langzeithäftlinge reden nicht bedenkenlos drauf los
Dem Straflager sind zwei Holz verarbeitende Betriebe angegliedert. Sie produzieren Paletten zum Stapeln von Waren, die Euro-Tabletts, und Presshölzer, die Euro-Holz genannt werden. Dass prächtige alte Baumstämme hier zu Sägemehl zerkleinert werden, bringt Olga fast zur Verzweiflung. Doch Alexej Koslow scheint sehr zufrieden. Er bekam Hafterleichterung. In seiner Kolonie können die Sträflinge sich auf dem umzäunten Territorium frei bewegen. In der Schlafbaracke liegen nicht, wie in Tambow, hundert Leute in Etagenbetten in einem Raum. Der Saal ist aufgeteilt in Sektionen für jeweils zehn Betten auf Bodenniveau. Sein Schränkchen muss er sich nicht, wie dort, mit einem Nachbarn teilen. Obendrein hat er jetzt einen Kleiderhaken und sogar einen Abstellplatz für Schuhe.
Im Gefängnis habe er viel gelernt, bezeugt Alexej Koslow. Langzeithäftlinge räumen ihren Müll weg, sie reden nicht bedenkenlos drauf los - im Gegensatz zu vielen Freien, hat er beobachtet. Unter den Dieben genießen die virtuosen Taschendiebe, deren Fingerfertigkeit wie bei Pianisten von Kindesbeinen an trainiert wird, höchstes Ansehen, im Unterschied zu den banalen „Klauern“, die ein paar Flaschen Wodka oder einen Sack Kartoffeln mitgehen lassen. In der Dürftigkeit herrscht eine strenge Etikette. Wer Mithäftlinge bestiehlt und das anderen anzuhängen versucht, gilt als „Ratte“ und wird zu den „Abgesunkenen“ herabgestuft. Das heißt, anständige Sträflinge dürfen nicht das selbe Geschirr benutzen wie er, nichts aus seiner Hand nehmen, ja nicht einmal Gegenstände anfassen, die er berührt hat.
Woher kommen eigentlich die käuflichen Justizbeamten?
Das Straflager von Polowinka war schon unter Kriegsgefangenen im Zweiten Weltkrieg wegen seiner Härte gefürchtet. Umso mehr beeindruckt es Olga, dass ihr bei ihren Reisen dorthin kaum böse Menschen begegnen. Ein Fabrikdirektor im nördlich gelegenen Beresniki lässt sie neuerdings von seinem Wagen in Perm abholen und besucht Alexej regelmäßig mit Proviant und Büchern. Ein Studienkollege schickt ihm aus Amerika Vitamine. Olga selbst hat in Tambow und Polowinka, wo ein sympathischer Aufseher ihr Süßigkeiten zusteckte, einige großartige Leute kennengelernt, schreibt sie in ihren Aufzeichnungen in der „Nowaja gaseta“. Wenn sie mit vollem Herzen aus der „Zone“ nach Hause zurückkehrt, fragt sie sich, woher eigentlich in diesem Land die kriminellen Fahnder und käuflichen Justizbeamten kommen.
Das Hauptbeweismittel im Prozess gegen Kosow war die Kopie eines englischen Schriftstücks einer Firma, deren Aktien der Angeklagte einst gekauft hatte, unterschrieben von einem Herrn Johns, mitsamt der beglaubigten „Übersetzung“, worin außer Johns ein gewisser Samoilow auftaucht, der vom Direktorsposten dieser Firma zurückgetreten war. Auch die Unterschriften waren notariell beglaubigt. Das genügte dem Gericht, Koslows betrügerischen Erwerb der Aktien als erwiesen anzusehen. Anträge der Verteidigung, die Echtheit der Dokumente zu prüfen und Johns und Samoilow als Zeugen zu befragen, wurden abgelehnt. Bei ihren Nachforschungen fand Olga im Frühjahr heraus, dass der übersetzte Text erst beglaubigt und dann verlängert worden war. Die Staatsanwaltschaft verweigerte abermals eine Überprüfung, mit Hinweis auf das rechtskräftige Urteil. Da schrieb Olga Romanowa in der „Nowaja gaseta“, sie könne belegen, dass das Verfahren gegen ihren Mann gefälscht wurde. Wie er schmachteten tausende auf Bestellung Verurteilte im Lager.
Olga triumphiert
Ein Journalist in der Familie des Angeklagten stelle einen „Risikofaktor“ dar, was die Fahndungsbrigade berücksichtigen müsse und jede Operation verteuere, zitiert Olga Romanowa einen Milizchef. Mehrere Versuche des Anwalts ihres Mannes, das Urteil beim städtischen Gericht anzufechten, wurden zurückgewiesen. Da wandte er sich ans Oberste Gericht, das auf einmal Verfahrensfehler entdeckte, beispielsweise unterlassene Dokumentenprüfung und Zeugenbefragung. Jetzt wurde das Stadtgericht verpflichtet, die Akte zu revidieren.
Olga triumphiert. Der Richter, der ihren Mann hinter Gitter brachte und später Sluzkers inzwischen geschiedener Frau die gemeinsamen Kinder wegnahm und dem Vater zusprach, werde für seine kriminelle Prozessführung büßen, ebenso wie die Ermittler, die auch Magnizki auf dem Gewissen haben, prophezeit sie. Sie stehe für jede Zeugenbefragung zur Verfügung. Wenn Alexej freigesprochen wird, womit sie fest rechnet, werden die Eheleute keinen Schadensersatz verlangen. Sie hätten viel gewonnen und ihr Karma gereinigt, sagt Olga.