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Hochzeit in Nigeria Das Fest

03.05.2011 ·  Viele Paare müssen sich bei ihrer Hochzeit Regeln beugen, die ihnen altmodisch vorkommen. Doch die Familie will, dass der Tradition Genüge getan wird. Das war bei Kate und William aus London nicht anders als bei Nkechi und Edozie in einem Dorf in Nigeria.

Von Judith Lembke
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Edozie blickt auf seine Hochzeit und versteht die Welt nicht mehr, die er für seine hielt. Zweihundert Gäste, die er noch nie gesehen hat, drängeln an ihm vorbei, kriechen über seinen Schoß und schieben sich den Weg frei zu einem großen weißen Plastiksack, der vor ihm auf der roten Erde liegt. Staub, von vielen nackten Füßen aufgewirbelt, bedeckt seine Brillengläser und die neuen Hochzeitsschuhe. Von hinten drängen immer mehr Menschen nach. Die Enge steigert die Mittagshitze, in dem Hof riecht es nach Schweiß und gegrilltem Fleisch. Die Stimmen werden lauter, einige drohen, andere betteln, dann beginnen sich die Ersten zu prügeln.

Edozie gibt den Versuch auf, die kämpfenden Gäste zu beschwichtigen, und lässt sich wieder in den staubigen Plastikstuhl fallen, auf dem er die vergangenen Stunden auf seine Braut gewartet hat. Nur Edozies Aunty weicht nicht. Seine Nenntante hat sich quer über den weißen Kunststoffsack gelegt und wehrt die Hände ab, die nach dem Sack greifen. Mit ihrem rotbunten Kleid wirkt sie wie ein neunzig Kilo schwerer Vogel, wild entschlossen, sein Nest gegen alle Angreifer zu verteidigen.

Edozie nimmt den Hut ab, der ihn für diesen Tag zum Ehren-Häuptling macht. Seine Form erinnert an die Haube, die er trägt, wenn er im New Yorker Universitätskrankenhaus Patienten operiert. Allerdings ist er da aus grüner Baumwolle und nicht aus dichtem rotem Filz. Aber das ist kein Operationssaal und Edozie im Moment auch kein Arzt. Es ist seine Hochzeit, für die er aus Amerika, wo er lebt, nach Nigeria kam, wo er geboren wurde.

Von Nigeria nach New York und zurück

Was steckt in diesem Sack, dass Hochzeitsgäste dafür zu Schlägern werden? Anstatt zu antworten, wischt Edozie sich mit einem weißen Stofftaschentuch die Schweißperlen von der Stirn und sagt, was er in den vergangenen Tagen immer gesagt hat, wenn er selbst nicht mehr weiterwusste: „t.i.A. – this is Africa.“.

Schon bei der Einreise haben wir diesen Satz gehört. Aber dort klingt er nicht wohlwollend wie bei unserem Freund, sondern bitter. Ausgespuckt hat ihn ein deutscher Geschäftsmann und damit die Schlange vor der Passkontrolle kommentiert. Ein Beamter fertigt die Ankommenden ab, während vier andere danebenstehen und sich unterhalten. Die Stimmung ist gereizt. Es herrscht die Ungeduldigkeit von Menschen, die nicht zum Vergnügen da sind. Wahrscheinlich sind wir in der Ankunftshalle die einzigen Ausländer, die nicht nach Nigeria gekommen sind, um Geschäfte zu machen.

Zwischen Salsa-Tanz und Sauerkraut

Die deutsche Öffentlichkeit nimmt aus dem westafrikanischen Land vor allem drei Dinge wahr: Korruption, Ölreichtum und Gewalt – je nach Nachrichtenlage in dieser oder anderer Reihenfolge. Dieses äußere Bild hat sich wie ein zweites Kleid über die nationale Identität der Nigerianer gelegt. Die nationale Werbekampagne „good nation, great people“ wurde im Internet nur mit Spott bedacht. Wer kann, verlässt das Land. Doch Edozie ist anders. Die Hochzeitsreise ist nur der Anfang. Irgendwann will er für immer zurückkehren, um sein Land durch das zu verändern, was er in Amerika gelernt hat.

Wir haben Edozie vor fünf Jahren in Costa Rica kennengelernt, ein gutgelaunter Hüne, dessen Spanisch wie Englisch klang und der uns beim Salsa-Tanzen immer auf die Füße trat. Er studierte Medizin in Chicago und erzählte schon damals, dass er eines Tages in seine Heimat zurückkehre wolle. Und dass die Frau, die er einmal heiraten werde, Nigerianerin sein müsse. Einer Ausländerin könne man ein Leben in dem Land nicht zumuten.

Seit vierzehn Jahren wohnt Edozie in Amerika. Er sollte eine gute Ausbildung bekommen, deshalb schickten ihn seine Eltern mit sechzehn Jahren zu Verwandten nach Pennsylvania. Mittlerweile arbeitet er als Notarzt in Manhattan. Er hat uns ein paar Mal in Deutschland besucht. Wenn er Weihnachten von New York nach Abuja flog, machte er in Frankfurt Zwischenstopp. Wir gingen auf den Weihnachtsmarkt, er spendierte Glühwein und aß drei Portionen Sauerkraut, weil es so schmeckte wie das Essen zu Hause.

Die Braut vom gleichen Stamm

Auch seine Braut Nkechi lebt schon lange nicht mehr in Nigeria. Sie studiert Ingenieurswesen in Louisiana. Ihre Freunde dort kennen sie nur als Yvonne, ihr zweiter Vorname. Nkechi wollte nie einen Nigerianer heiraten, schon gar keinen Igbo, obwohl sie selbst von dem Stamm ist. Igbo-Männer seien Machos, sagt sie. Aber Edozie sei ganz anders: locker und lustig, irgendwie amerikanisch. Die Beziehung der beiden begann auf einem Fest in Abuja, auf dem sich ihre Mütter kennenlernten. Sie mochten sich auf Anhieb, sie waren vom gleichen Stamm, ihre Kinder lebten beide in Amerika, und so beschlossen sie, dass sich Edozie und Nkechi einmal treffen sollten. Das war vor acht Monaten.

Ob die traditionelle Hochzeit ihr eigener Wunsch war, fragen wir Edozie, während wir ins Zentrum von Abuja fahren. Das Auto rast durch die Dämmerung, so nahe am Äquator sinkt die Sonne zwischen zwei Wimpernschlägen. Die Straße ist neu, benannt nach dem amerikanischen Präsidenten Bill Clinton, bezahlt mit Öl und „gebaut von einem deutschen Unternehmen“, wie Edozie stolz erzählt, anstatt auf die Frage zu antworten. Die gewundenen Schnellstraßen sind das Herz der Hauptstadt: Sauber, neu geteert, ein Ort, wo die nigerianische Jeunesse dorée ihre Porsche und BMW ausfahren kann, ohne Angst um das Bodenblech zu haben. Edozie liebt diese Stadt. Sie steht für das, was Nigeria sein könnte: Am Reißbrett entworfen und zwischen muslimischem Norden und christlichem Süden erbaut, gilt sie als modern und relativ sicher. Im Diplomatenviertel sehen wir weiße Ausländer alleine durch die Straßen joggen. In den meisten anderen Landesteilen würden sie sich ohne bewaffnete Begleiter noch nicht einmal in ihren Garten trauen. Allgegenwärtig ist dort die Angst vor Entführungen, die sich wie ein Geschwür aus dem ölreichen Südosten immer weiter ins Landesinnere gefressen haben.

Aber geheiratet wird zu Hause

Schließlich gibt Edozie doch eine Antwort: „Ohne traditionelle Zeremonie sind wir nicht verheiratet“, sagt er. Selbst seine jüngere Schwester sei um die Tradition nicht herumgekommen, obwohl sie einen weißen Amerikaner geheiratet hat. Auch Justin Crosby aus Texas musste Palmwein trinken, den Leopardenthron besteigen und eine Ziege als Brautpreis zahlen.

Am Morgen der Hochzeit hat Edozie Polohemd und Jeans gegen einen traditionellen afrikanischen Anzug getauscht. Statt Baseballkappe trägt er roten Filzhut. Er wirkt verkleidet, aber so fühlen wir uns auch, in unseren neuen afrikanischen Kleidern, mit dem Kopftuch der Igbo-Frauen, das so eng um die Haare geschlungen wird, dass es schmerzt. Edozie treibt zur Eile. „t.i.A., hier dauert alles länger, als man denkt“, sagt er, als wir in den Kleinbus steigen, der uns nach Inyi, tief im Stammesgebiet der Igbo, bringen soll. Geheiratet wird, wo die Braut herkommt. Jeder Nigerianer, der es sich irgendwie leisten kann, besitzt am Ort seiner Ahnen ein Haus, egal ob er sein Leben in Lagos, London oder New York verbringt. Einmal im Jahr – meist zu Weihnachten – trifft sich dort die ganze Familie. Oder wenn ein Mitglied stirbt. Oder eines heiratet.

Im Bus wischt Edozie hektisch über seine schwarzen Lederschuhe, die auf dem kurzen Weg zum Auto staubig geworden sind. „Wenn ich an meine Kindheit in Enugu denke, denke ich an Staub“, sagt seine Schwester. Hinter der Stadt sind Häuser, Autos, selbst Pflanzen mit einer dicken roten Schicht bedeckt. Auch das kurze Stück Wald, durch das die Landstraße führt, ist staubig. Die Straße nach Inyi ist gesäumt von Bauruinen. In einigen Dörfern stehen mehr Betongerippe als bewohnte Häuser. „In diesem Land ist Geld sehr flüchtig“, sagt Edozies Schwester. „Wer reich werden will, geht in die Politik. Wenn ein Freund oder Verwandter in die Regierung ist, bekommst du Geld. Wenn er abgewählt wird, versiegt die Einnahmequelle.“

Feine, weiße Geisterhäuser

Das Haus zu unserer Rechten müsste nach dieser Logik dem Staatspräsidenten gehören. Wenn sich Liz Taylor ein Haus in Nigeria gebaut hätte – so hätte es ausgesehen. Das Eingangsportal wird umrahmt von dorischen Säulen mit überladenen Kapitellen, eine strahlend weiße Mauer umgibt das riesige Grundstück. In einem Land voller Staub muss diese Mauer fortwährend gestrichen werden, um so auszusehen. Vor dem Tor stehen vier Uniformierte mit Maschinengewehren über der Schulter. Zwischen den Lehmhütten aus denen der Rest des Dorfes besteht, wirkt das Haus nicht protzig, sondern grotesk. „Wer wohnt hier?“, fragen wir. „Keiner“, sagt Edozie achselzuckend. „Vielleicht kommen die Besitzer zu Weihnachten.“

Je näher wir Inyi kommen, desto nervöser wird Edozie. Das letzte Mal war er als Kind auf einer traditionellen Zeremonie. Bisher schien es, als fahre er auf die Hochzeit eines entfernten Verwandten. Doch nun steckt er sein Kindle in die Tasche und fragt den Fahrer, was ihn erwartet. Wann muss er den Becher mit Palmwein aus der Hand seiner Braut nehmen? Wann muss er tanzen? Wie läuft das mit der Verhandlung des Brautpreises?

Als wir ankommen, sind die Fragen vergessen. Vor dem Grundstück von Nkechis Familie drängt sich die Partei des Bräutigams: Familie, Nachbarn und Freunde haben sich versammelt, um das Gebiet der Braut zu erobern – zumindest sieht es so aus. Die meisten tragen die traditionelle Kleidung der Igbo, viele haben sich aus einem Stoff, der mit Nkechis und Edozies Fotos bedruckt ist, Kleider für diesen Tag schneidern lassen. Als der Bräutigam aus dem Bus steigt, umringt ihn die Menge und zieht singend und tanzend auf das Grundstück, auf dem sich die Familie der Braut versammelt hat.

Mummy macht mobil

Da die Plätze im Schatten von der Familie der Braut belegt sind, nimmt die des Bräutigams unter der Mittagssonne Platz. Edozies Mutter, die hier jeder „Mummy“ nennt, nicht nur ihre Kinder, dirigiert uns auf Plastikstühle in der Mitte, wo uns alle im Blick haben. Mummy ist eine bekannte Frau in Nigeria: Sie war Ministerin, hat gute Chancen auf einen Sitz im Senat und gilt als unkorrumpierbar. Man hört auf ihr Wort. Auch Edozie fügt sich ihren Anweisungen, raunt uns aber zu: „Das macht sie mit Absicht. Wenn selbst der Bräutigam und die Ehrengäste aus dem Ausland in der Sonne sitzen, können sich unsere Verwandten nicht beschweren.“

Während er spricht, liegen seine Hände schwer auf unseren Unterarmen. Es ist, als wolle er einen Ärger beschwichtigen, den wir nicht empfinden und den vielleicht nur er verspürt. In seinem Gesicht können wir nichts lesen. Es zeigt immer noch das gleiche Grinsen, das die Zähne bloßlegt und das aufmunternde Augenzwinkern, das wir noch aus Costa Rica kennen. Aber seine Körperhaltung verrät Anspannung. Hatte er am Anfang des Festes noch seine langen Beine von sich gestreckt, sitzt er nun immer öfter gekrümmt da und tippt unablässig mit seinem rechten Fuß auf den Boden.

Brautpreis, Bleichcreme, Stachelkranz

Unterdessen strömen immer mehr Gäste auf das Fest. Die Menschen drängen sich aneinander, die Sitzplätze sind längst vergeben. Edozies Vater ist im Haus verschwunden, um den Brautpreis zu verhandeln, der schon vorher feststand. Zwei Moderatoren reden gegeneinander an, vielleicht aber auch nur aneinander vorbei. Wir verstehen keinen von beiden. Mehrere Igwes, die traditionellen Führer des Igbo-Stammes, umschreiten das Gelände, bevor sie ihren Ehrenplatz im Schatten einnehmen. Einer trägt Leoparden-Kunstfell und Stachelkranz, der andere eine bunte Glasperlenkrone. Ihre Frauen tragen französische Handtaschen und helle Haut, fast durchscheinend und ein bisschen gelblich. „Zu viel Bleichcreme“, sagt Edozies Schwester. „Haben die Igwes denn heute noch Macht?“, fragen wir. Edozie schüttelt den Kopf. „Kolonial-Folklore.“ Hinter dem Haus wird begonnen, Essen zu verteilen, aber als es zu einem Tumult kommt, wird der Versuch abgebrochen. Eine Band spielt auf, nur eine Minute später stellt jemand eine CD an. Zusammen mit den Rückkopplungen der Verstärker und den Rufen der Gäste ergibt sich ein Geräuschchaos, das so ist wie die Feier selbst: Alles passiert gleichzeitig, fügt sich aber nicht zu einem Ganzen, sondern reibt sich aneinander. Es ist, als handle jeder Besucher nach einem Plan, dessen Ziel nur er selbst kennt.

Gelähmt von der Hitze und einem Glas rosa Schaumwein, der einzigen Flüssigkeit, die wir bisher bekommen haben, beobachten wir, wie die Ehrengäste bei Mummy vorstellig werden und ihre Geschenke abliefern. Die Umschläge reicht sie an ihre Assistentin weiter, die sie öffnet, den Inhalt zählt, alles notiert und sicher verbirgt. Später werden auch noch drei Kühlschränke, vier Plasmabildschirme und eine Ziege in dem Notizbuch vermerkt. Während Mummy Edozie eine Person nach der anderen vorstellt, wird er immer unruhiger, seine Augen suchen uns in der Menge. Für ihn sind wir mehr als Gäste. Wir sind seine Versicherung, dass das andere Leben sein richtiges ist.

Sag Ja - zu einem Schluck Palmwein

Nach einer gefühlten Ewigkeit tanzt Nkechi mit ihren Brautjungfern aus dem Haus. Ihr Kleid aus grün glänzendem Stoff ist kurz – zu kurz, wie die Tanten in der Reihe vor uns mokieren. Nkechi hat ihrer Mutter die Rocklänge als Zugeständnis an die Moderne abgetrotzt. Sie ist barfuß, und ihr geglättetes schwarzes Haar ist hochgesteckt. Ihre Bewegungen wirken ein bisschen unsicher, aber sie strahlt. In der Hand trägt sie einen Becher Palmwein, den sie ihrem Bräutigam überreicht. Edozie leert den Becher in einem Zug. Er hätte nur einen Schluck nehmen sollen, aber das hatte ihm vorher keiner gesagt. Jetzt sind die beiden verheiratet. Danach verschwindet Nkechi wieder im Haus, warum wissen weder Braut noch Bräutigam, aber jemand hat gesagt, das gehöre sich so. Edozie bleibt nichts anderes übrig, als wieder auf seinem Plastikstuhl Platz zu nehmen und seiner Hochzeit zuzuschauen.

Ein neuer Versuch, das Essen zu verteilen, beginnt. Wir haben seit dem Frühstück nichts gegessen. Getrockneter Fisch, Obst und gestampfte Maniokknollen werden aufgetragen. Doch bevor wir zugreifen können, hält Edozie uns zurück. „Das vertragt ihr nicht.“ Auch er selbst nimmt sich nichts. „Mein Magen ist dieses unsaubere Essen auch nicht mehr gewöhnt.“ Trotz seiner Häuptlingskappe und der fremden Kleidung ist er nun wieder ganz der Assistenzarzt aus der New Yorker Uniklinik. Dann verteilt er eine Runde Desinfektionstücher. Wir sollten warten, bis die durchgekochten Eintöpfe aufgetragen werden, rät er, da könne nichts passieren. Doch dazu wird es nicht kommen.

Gedränge am Buffet

Das Essen wird streng hierarchisch verteilt. Zuerst werden die traditionellen Führer, die engen Verwandten und der berühmte Nollywood-Schauspieler, der extra aus Lagos angereist ist, bedient. Doch schon als die entfernten Verwandten und direkten Nachbarn an der Reihe sind, wird das Essen knapp. Mit so vielen Menschen hatte niemand gerechnet. Und es kommen immer mehr. Das ganze Dorf ist auf den Beinen, zu nigerianischen Hochzeiten braucht man keine Einladung. Die Nachbarn, die ihr ganzes Leben hier verbringen, nicht nur Festtage, sind aber nicht wegen Edozie und Nkechi gekommen, wahrscheinlich nicht einmal um die Igwes zu sehen oder den berühmten Schauspieler. Sie sind gekommen, um satt zu werden, vor allem aber wegen der Souvenirs.

Sie haben ihre Lehmhütten am Dorfrand verlassen, um sich ein Stück von dem Kuchen zu holen, den sonst immer die anderen unter sich aufteilen. Sie haben Plastikdosen für die Essensreste mitgebracht. Die Armen dürfen mitnehmen, was übrig bleibt, das war schon immer so. Doch es gibt keine Reste. Das Essen reicht nicht einmal für das Fest. Vor dem Haus protestieren Nachbarn, die wütend ihre tradierten Rechte einfordern. Ein paar Glückliche, die doch etwas ergattern konnten, haben es sich auf dem Grabstein von Mr. Madueke, „den Gott 1999 im Alter von 88 Jahren nach einem erfüllten Leben nach Hause geholt hat“, bequem gemacht und essen ihren Maniokbrei hastig mit den Fingern.

Im Haus lässt man sich beim Essen Zeit, schließlich gibt es mehr als genug. Ein paar nahe Verwandte der Braut sitzen im Halbdunkel zwischen prall gefüllten Tellern und Schüsseln und stopfen sich mit Fleisch und Fisch voll, die gar nicht erst nach draußen getragen wurden. Uns kommen Bilder vom Vorabend der Französischen Revolution in den Kopf: In den Palästen Überfluss, draußen Hungerrevolten. Der modrige Geruch im Haus unterstreicht den Eindruck von Morbidität.

Sturm auf die Souvenirs

Als wir wieder vor die Tür in die Mittagssonne treten, holt gerade jemand den weißen Plastiksack hervor, warum weiß später keiner mehr zu sagen. Ungeöffnet liegt er auf der roten Erde, wie ein weiteres Versprechen, das droht, nicht eingelöst zu werden. Wer eben noch vor der Küche protestiert hat, stürzt sich nun auf den Sack. Frauen, Männer und Kinder kämpfen darum, in seine Nähe zu gelangen. Die Möglichkeit, nach Hause zu gehen, ohne etwas mitzunehmen, gibt es für sie nicht. Edozie versucht zu beschwichtigen. Er wechselt vom Englischen ins Igbo, doch auch das hilft nicht. Wir ziehen uns auf die Bühne zurück, die Edozie und Nkechi später besteigen sollen und gehen hinter dem gemieteten Leoparden-Thron in Deckung.

Von dort aus beobachten wir, wie sich Edozies Aunty über den Sack legt und erst absteigt, als die angemieteten Polizisten kommen, um ihn mit Maschinenpistolen zu schützen. Sie öffnet langsam die Schnüre und gibt den Blick auf die Geschenke frei, für die ein Teil der Hochzeitsgesellschaft seit einer halben Stunde Tritte und Schläge verteilt und einsteckt: Es sind etwa dreihundert weiße Plastiktabletts, bedruckt mit einem Foto von Braut und Bräutigam und der Aufschrift: „Nkechi and Edozie – traditional wedding in Abariji“. Aus ein paar Metern Entfernung erkennen wir jedoch nur drei Anfangsbuchstaben, die fetter gedruckt sind als die anderen, und lesen: Nkechi and Edozie – t.i.A.

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Jahrgang 1978, Redakteurin in der Wirtschaft.

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