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Guido Westerwelle Seine größte Rolle

26.02.2011 ·  Guido Westerwelle hat das Land bei seinem politischen Aufwachsen zusehen lassen, als halte er sich für den Star in einer Fernsehserie. Sollte in diesem Frühjahr die letzte Folge laufen, wird er uns fehlen.

Von Marcus Jauer
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Der Film „The Truman Show“ handelt von dem Versicherungsagenten Truman Burbank und seinem Leben in einer Kleinstadt namens Seahaven. Er hat ein schönes Haus, eine schöne Frau, einen besten Freund, und wenn er sich morgens auf den Weg ins Büro macht, dann winken die Nachbarn ihm zu. Manchmal denkt er, dass er gern auf die Fidschi-Inseln reisen würde, dabei hat er die Stadt noch nie verlassen, und das kann er auch nicht. Sie ist ein riesiges Fernsehstudio.

Truman Burbank spielt die Hauptrolle in einer Fernsehserie, die dazu erfunden wurde, das Leben eines Menschen zu dokumentieren. Dieser Mensch ist er und zwar seit seiner Geburt. Alles, was ihn umgibt, die Stadt, das Haus, die Leute und die Kinderfotos in seinem Album, wurde dazu aufgeboten, ihm den Anschein einer wahren Welt zu geben. Doch der einzige, der darin echt ist, keine Kulisse, kein Schauspieler, sondern der „true man“, ist er, und alle wissen das. Nur er weiß es nicht.

Der Film ist schon ein paar Jahre alt, aber er vor einiger Zeit kam er einem wieder in den Sinn.

Und wieder ein Auftritt vor Fremden

Es ist ein Abend in Halle an der Saale. In einem Bau, der sich Kongress- und Kulturzentrum nennt, feiert die FDP ihren Ehrenvorsitzenden Hans-Dietrich Genscher, der aus Halle kommt und hier vor fünfundsechzig Jahren in die Partei eingetreten ist. Der Saal ist bis auf den letzten Platz gefüllt, und wenn es sich bei den dreihundert Leuten nicht um alte Schulfreunde von Genscher handelt sondern um Mitglieder, können sie nur kurz nach ihm eingetreten sein. Es ist ein Heer kahler oder grauer Köpfe, das Genscher durchschreitet. Hinter ihm läuft Cornelia Pieper. Dahinter Guido Westerwelle.

Als er später auf die Bühne kommt, schaut er wie jemand, der im Saal eines ostdeutschen Kulturhauses vor Leuten sprechen muss, die alle älter sind als er und anders aufgewachsen und die nicht wegen ihm sondern wegen eines anderen gekommen waren. Das Bild muss ihm fremd vorkommen, aber die Situation vertraut. Es ist wieder nur eine Umgebung, die nichts mit ihm zu tun hat, aber er scheint entschlossen zu sein, sich das nicht anmerken zu lassen.

Es ist erst ein paar Wochen her, da hatte es noch so ausgesehen, als stehe Guido Westerwelle vor dem Ende seiner politischen Karriere. Nach dem überwältigenden Erfolg bei der letzten Bundestagswahl, bei der für die FDP mehr Abgeordnete einzogen waren als je zuvor, brachen die Umfragewerte ein. Die Presse wurde hämisch, die Partei unruhig. Sieben Landtagswahlen standen in diesem Jahr an, und bei allen zitterte sie darum, in die Parlamente zu kommen. Die Kritik machte sich ausschließlich an Guido Westerwelle fest, sie erreichte aber nicht die Stärke, ihn als Vorsitzenden abzulösen. Auf dem Dreikönigstreffen rettete er sich knapp. Danach war die Kritik verebbt, die Umfragewerte wurden nicht besser, und die Wahlen standen immer noch an.

Was wird aus „The Guido-Show“?

Als Guido Westerwelle in Halle auf die Bühne kommt, hat man das Gefühl, als befinde er sich nun gerade in jener Stille, die es in jeder Geschichte gibt, bevor sie ihre entscheidende Wendung nimmt. Man erinnert sich daran, was in den vergangenen Jahren über ihn geschrieben und gesendet, wie er fotografiert und gefilmt worden ist, und dann fällt einem Truman Burbank ein, der sein Leben im Fernsehen verbringt. Auf einmal kommt einem Guido Westerwelle wie der Held einer Serie vor, die das ganze Land seit Jahren verfolgt und die von seinem Aufwachsen in der deutschen Politik handelt – „The Guido Show“.

Kann das denn sein?

Die großen Porträts, die aus dem Archiv kommen, lesen sich jedenfalls alle wie Erklärungen darüber, was bisher geschah, damit jeder die Folge versteht, die gleich gezeigt wird.

Da ist immer die Kindheit in Königswinter bei Bonn. Die Eltern, Heinz und Erika, beide Anwälte, trennen sich, als Guido acht Jahre alt ist. Das Haus, in dem er aufgewachsen ist, wird verkauft, später abgerissen. Die Mutter bezieht nebenan einen grüngestrichenen Bungalow, den sie bis heute allein bewohnt. Die Brüder, es sind insgesamt vier, ziehen nach kurzem Streit ums Sorgerecht zum Vater, der sie in eine Stadtvilla nach Bonn mitnimmt. Es ist ein offenes Haus, wo immer Freunde kommen dürfen, aber jeder für sich selbst sorgen muss, sie nennen das ihre „Villa Kunterbunt“.

Letzter Platz, neben einer Kuh

Als Kind hat er den Traum, wie Pipi Langstrumpf zu sein und die Sorge, wie Tommi oder Annika zu werden. Im Fernsehen mag er „Petrocelli“, eine Serie über einen kleinen Anwalt, der kleinen Leuten hilft und für seine Frau ein Haus baut in der Wüste von Arizona. Er schaut Seefahrerfilme mit Errol Flynn, sieht sich als Weltenbummler, aber bis zum Umzug der Regierung nach Berlin wird er in der Villa seines Vaters wohnen bleiben. Oft weisen die Porträts auf das Unabgegoltene hin, das seinen Auftritten später eigen wird, aber aus dieser Kindheit erklärt es sich noch nicht.

Am Gymnasium dann ein erster Rückschlag. Nach nur einem Jahr muss er in die Realschule zurück, wo er mit den Lehrern bald um Standpunkte und Noten streitet. Als er ans Gymnasium zurückkehrt, findet er sich zwischen den Diplomatensöhnen, die Army Parkas tragen, Hesse lesen und zu Maos Tod Gedenkstunden fordern, nicht zurecht. Er wird Anführer der aufgestiegenen Realschüler, sucht nach Bühnen, spielt Theater, übernimmt die Schülerzeitung, er wird laut, aber nicht beliebt. Es kursiert ein Schwarzbuch mit seinen nervigsten Sprüchen, bei der Wahl zum Sprecher der Klassenstufe landet er auf dem letzten Platz. Die Abiturzeitung zeigt sein Foto neben dem einer Kuh.

Fast alle Porträts beschreiben Guido Westerwelle als Rollenspieler. Der Eindruck, er sei nicht echt, kommt im Grunde überall vor und wird erklärt als Schutzmechanismus, abgelehnt zu werden, eingeübt in der Schulzeit. Immer wieder werden Lehrer und Schulfreunde befragt, darunter zuverlässig Werner Hümmrich, der heute bei der Sparkasse arbeitet und noch immer ein Freund ist. In der Realschule, sagt er, hätten sie gelernt, eine Formel anzuwenden. Im Gymnasium hätten sie sie entdecken müssen, das sei ihnen schwer gefallen. „Wir haben uns immer gefragt: Wo ist die Formel?“

Keine zu Herzen gehende Stelle

Bevor Guido Westerwelle in Halle auf die Bühne kommt, sprechen Cornelia Pieper und ein lokaler Spitzenkandidat. Piepers Rede über Genscher klingt, als lese sie einen Wikipedia-Eintrag ab. In der Rede dieses Spitzenkandidaten aber kommen Wort wie „Mut“ und „Verlässlichkeit“ vor. Er erzählt von seinem Vater, der stets gut von Genscher gesprochen habe, so jemand habe bei ihm als Kind gleich einen Stein im Brett gehabt. Es klingt ausgedacht, aber es passt in den Saal. Die Leute sind gekommen, einen alten Mann zu ehren, sie haben sich darauf eingestellt, gerührt zu sein.

In der Rede von Guido Westerwelle gibt es keine zu Herzen gehende Stelle. Selbst, als er über den Herzinfarkt spricht, den Genscher erlitt, Monate bevor er die Verhandlungen zur deutschen Einheit führte, geht ihm das Menschliche im Ton ab, und von der Krankheit bleibt nur die Anstrengung, sie überwunden zu haben. Danach lässt er sich von drei Störern ablenken, die im Saal sind und seine Rede an den falschen Stellen beklatschen. Immer wieder spricht er sie direkt an, als wolle er den anderen Leuten beweisen, dass er so etwas leicht parieren könne. Aber dafür waren sie nicht gekommen.

Womöglich besteht zwischen Truman Burbank und Guido Westerwelle doch ein Unterschied. Der eine ist der Star einer Show, die er für sein Leben hält. Der andere lebt ein Leben, als halte er sich für den Star einer Show.

Was bisher geschah: Selbstfindung

Da ist natürlich immer zuerst der Einzug in den Container von Big Brother, die Deutschlandfahrt mit dem Guidomobil, der Auftritt bei Sabine Christiansen mit einer großen gelben „18“ unter dem Schuh, die vielen Auftritte in dieser Sendung überhaupt. Das fällt fast alles in die Zeit des Spaßwahlkampfes, da er als ausgerufener Kanzlerkandidat einer Sieben-Prozent-Partei unterwegs war. Davor und danach aber entstehen immer wieder Porträts und Interviews, die wirken, als habe er sich Journalisten eingeladen, um mit ihnen darüber zu sprechen, in welcher Phase seiner Selbstfindung er sich gerade befindet.

Als er Ende 1999 beruflich in der Krise steckt, weil Wolfgang Gerhardt ihm den Parteivorsitz nicht übergeben will, scheint er das Gefühl zu haben, er müsse sich noch stärker zeigen, um gesehen zu werden. In einem Interview mit dem Magazin der Süddeutschen Zeitung kündigt er an, er werde nun aus seinem Privatleben erzählen. Dazu lässt er sich in einer Gondel in Venedig fotografieren, er trägt einen weißen Anzug und die Anspielung auf seine Homosexualität, die er erst fünf Jahre später öffentlich macht und wiederum in Interviews erklärt, ist ihm recht, soll aber eine Anspielung bleiben. Er möge Venedig sagt er, hier müsse er sich nicht verstellen.

Käsekuchen, Noppensocken, Staatsmann

Als ihn 2003 der Selbstmord von Jürgen Möllemann aus dem Tritt bringt, weil ihm sowohl vorgeworfen wird, er habe sich nicht früh genug von dessen antisemitischen Wahlkampf distanziert, als auch, er habe ihn später fallen lassen, lässt er einen Reporter des Spiegel in seine Wohnung. Zehn Minuten zuvor aus dem Dienstwagen gestiegen, empfängt er ihn mit Kuchen auf dem Tisch und drei brennenden Kerzen im Kamin. Er zeigt ihm die Malerei, die an den Wänden hängt und sagt, der Tod Möllemanns, sei ihm an den „Urschleim der Seele“ gegangen. Das aber, was jedem, der das Porträt gelesen hatte, vor allem im Gedächtnis blieb, war die Stelle, dass er dabei Noppensocken trug.

Als er nach der Wahl 2009 mit Angela Merkel regieren kann, entstehen für kurze Zeit Porträts, welche die Gemeinsamkeiten der beiden hervorheben. Ihr Gefühl, fremd zu sein in der Umgebung von Männern wie Gerhard Schröder oder Joschka Fischer, die Gehässigkeit, wenn ihre Auftritte und Gesichter beschrieben werden, ihre Versuche, stets einen Kern ihrer Persönlichkeit zu bewachen. Aber während die Porträts über Angela Merkel immer ihr Geheimnis zum Thema haben, manchmal heißen sie sogar so, „das Geheimnis der Angela Merkel“, scheint nach den Porträts über Guido Westerwelle von ihm immer weniger Geheimnis zu bleiben. Die Wandlung zum Staatsmann wird als letzte Phase der Selbstfindung aufgenommen. Danach scheint er ausgeschrieben.

Die Sehnsucht, als Mensch erkannt zu werden

Die Porträts, die nicht nach neuen Details aus seinem Leben fragen, fragen danach, welchen Vorteil er sich davon verspricht, wenn er sie preisgibt. Wenn er erzählt, dass er einmal an Weihnachten melancholisch in der Badewanne saß und Kerzen anzündete oder wenn zulässt, dass Reporter auf seinem Handy das Foto seines Freundes sehen, wenn dieser ihn anruft. Vielleicht beantwortet sich die Frage, wenn man statt nach Vorteil nach Sehnsucht fragt. Dann wäre es wohl die Sehnsucht, als Mensch erkannt zu werden.

In diesem Abend in Halle spricht auch Hans-Dietrich Genscher noch auf seiner eigenen Feier. Er ist jetzt fast vierundachtzig Jahre alt, da stellen sich die Dinge ohnehin in einen größeren Zusammenhang. Aber während Westerwelle am Ende seiner Rede gerade noch von gesundem Patriotismus sprach und die jüngsten Erfolge der deutschen und damit seiner Außenpolitik aufführte, redet Genscher nun davon, dass man bei allem, das man sagt, tut und will, in erster Linie nicht sich, sondern die nächste Generation im Blick haben sollte. Kurz darauf ist die Feier für den Ehrenvorsitzenden aus. Eine Veranstaltung, in der nicht mehr und nicht weniger Guido Westerwelle enthalten war als in jeder anderen auch. Das war vielleicht das einzig Bemerkenswerte an ihr, wenn es nicht zugleich auch das Verstörende war.

Guido Westerwelle ist nun seit fast zehn Jahren Vorsitzender der FDP, nur Genscher selbst war das länger. Bei der letzten Bundestagswahl führte er seine Partei zum besten Ergebnis ihrer Geschichte. Er wurde Außenminister und Vizekanzler, er ist noch nicht einmal fünfzig Jahre alt, und es war schon die Krönung einer politischen Laufbahn, die er sein halbes Leben mit großem Ehrgeiz betrieben hatte. In den ersten Tagen nach der Wahl wirkte er so, als könne dieser Erfolg seinen Auftritten das Uneingelöste nehmen, das ihnen bis dahin oft anhing. Es sah so aus, als seien Darsteller und Publikum nun miteinander versöhnt.

„Ihr kauft mir den Schneid nicht ab!“

Aber dann stellte ihm in einer seiner ersten Pressekonferenzen ein ausländischer Journalist eine Frage auf Englisch, und er reagierte darauf, als sei es eine Infragestellung. Die Antwort, in der er dem Reporter beschied, dies sei Deutschland hier und daher seien die Fragen in Landessprache zu stellen, wanderte als Mitschnitt ins Internet und wurde hunderttausend Mal angeschaut. Die Häme kehrte zurück. Es muss ihm wie die Bestätigung seines Verdachts vorgekommen sein, dass alles, so hart er es auch errungen hat, ihm genauso leicht wieder genommen werden kann. Als er auf einer Parteiversammlung kurz darauf die Journalisten mit einem Satz in Englisch ansprach, sie darauf hinwies, dass dies nun Englisch gewesen sei und sie dann anherrschte – „Ihr kauft mir den Schneid nicht ab“ – brach sich die Frustration als Verachtung Bahn.

Womöglich hat er sich da gefragt, was er noch machen solle, um endlich beim Publikum anzukommen. Und womöglich haben alle anderen sich gefragt, was noch passieren müsse, damit er erkennt, dass er dazu nur bei sich selbst ankommen muss.

Freitags Spaghetti Bolognese

Im März in Sachsen-Anhalt, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz gewählt. Wenn die Partei nicht in die Parlamente kommt, kann es sein, dass das Fernsehstudio, in dem Guido Westerwelle sich zu befinden glaubt, abgebaut und die Serie abgesetzt wird, die er für sein Leben hält.

In einem der Porträts, die sich wie Folgen dieser Serie lesen, stand, dass sein Vater die Brüder am Wochenende oft in den Hunsrück mitgenommen hat, wo er mitten im Wald ein Häuschen besaß mit einer Wassermühle, einer Kopple für die Pferde und einem kleinen Schuppen, in dem es eine Sauna gab. Am Freitag kochten sie immer Spaghetti Bolognese und am Samstag grillten sie unten am Bach, das war ihr Ritual. Noch Jahre später, erzählte ein Nachbar, sei Guido Westerwelle in dieses Haus zurückgekehrt. Er kam mit dem Dienstwagen, und sein Vater war da schon ein Pflegefall.

Man wünschte ihm, er wäre dort dem Kind wieder begegnet, das er einmal gewesen ist. Im Fernsehen würde so etwas möglich sein, im Leben nicht.

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Jahrgang 1974, Redakteur für das Feuilleton in Berlin.

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