12.08.2011 · Über Mauer und Stacheldraht reden, ohne sich gleich rechtfertigen zu müssen? Im Internet gibt es das „Forum DDR Grenze“, Sammelbecken und Selbsthilfegruppe für Leute aus Ost und West. Jeder kann hier sagen, was er denkt.
Von Anne-Dore KrohnNeulich wurde wieder heftig gestritten, als einer, der sich „Major Tom“ nennt, im „Forum DDR Grenze“ schrieb, dass man in den Geschichtsbüchern ja nachlesen könne, was für ein Verbrecherverein das Ministerium für Staatssicherheit gewesen sei. Am Ende gab es zu der Frage, ob man in dem Forum das Wort „Verbrecherverein“ überhaupt verwenden dürfe, fast 250 Beiträge; man musste sich durch dreizehn Seiten klicken, um alle zu lesen.
So etwas ist nicht unüblich in diesem Forum, in dem – und darin liegt das Besondere – Zeitzeugen und Nachgeborene zu Wort kommen können, ohne sich gleich für jede Äußerung rechtfertigen zu müssen. Seit drei Jahren schreiben Nutzer hier über ihre Erlebnisse mit und an der Grenze. Polizisten vom Bundesgrenzschutz begegnen DDR-Grenztruppen, Flüchtlinge Mitarbeitern der Staatssicherheit, West trifft auf Ost, Weltbild auf Weltbild. „Solange es nicht unter die Gürtellinie geht, herrscht Redefreiheit“, sagt Angelo D’Alterio, Username „Angelo“, der das Forum gegründet hat.
Etwa sechs Stunden täglich verbringt der einundvierzigjährige Rettungssanitäter dort, er pflegt es wie andere ihren Schrebergarten. D’Alterio hat das erfolgreichste Internetforum zum Thema deutsch-deutsche Teilung aufgebaut. Die Seite archiviert fast 150.000 Beiträge, mehr als 1250 Nutzer sind registriert, Hunderte davon schauen täglich vorbei. Es gibt sogar ein Forums-T-Shirt, vorne mit dem Schriftzug „Halt, hier DDR-Grenze“, hinten mit der Internetadresse www.forum-ddr-grenze.de.
Für uns waren das damals Verbrecher
Fünf weitere Moderatoren kümmern sich darum, dass die Diskussionen moderat bleiben. Einer von ihnen ist der frühere NVA-Oberleutnant Hans-Jürgen Meller, Username „Weichmolch“. Als die Mauer gebaut wurde, war Meller eine Woche alt, die Grenzanlagen hat er erst nach dem Mauerfall gesehen. Meller hat im Bataillon Chemische Abwehr gearbeitet, später im Ministerium für Bauwesen. Treffen möchte er sich in Berlin-Mitte vor dem ARD-Hauptstadtstudio, weil dort gerade eine Ausstellung läuft, die ihm wichtig ist. „Konfliktstoff Deutschland“ von Jan Bejšovec zeigt Bilder aus Textilien, zum Beispiel einen Soldaten im Stechschritt, gefertigt aus originalem Strichtarn. „Ein Strich – kein Strich“, sagt Meller, und man hört ihm an, dass er in Leipzig aufgewachsen ist. Man sieht sofort: In den Bildern erkennt er sich wieder. Seine Zeit als DDR-Soldat, sagt er, „kann man nicht wegdiskutieren“. Und Meller diskutiert nichts weg. Er arbeitet inzwischen als Bauingenieur, doch er ist Mitglied im Traditionsverein NVA e.V.; sein Benutzerbild im Forum zeigt ihn in Uniform.
Vor einem Bild, das „Ehre“ heißt und militärische Abzeichen der DDR kombiniert, bleibt Meller stehen. Es ist ihm nahegegangen, dass die Dienstgrade der NVA nach der Wende nicht mehr galten. Oberleutnant darf sich Meller nicht mehr nennen, „aber wir machen es trotzdem. Bei den NVA-Treffen oder auch im Forum. Da stecken doch militärische Leistungen dahinter.“ Vor kurzem hat er mit Veteranen den fünfundfünfzigsten Gründungstag der NVA gefeiert. Warum man das überhaupt feiere? „Die Menschen, die bei der NVA waren, die sind noch da.“
Zum Treffen hat Meller einen Freund aus dem Forum mitgebracht: Detlef Menke, einen kleinen Mann mit weißgrauen Haaren. Menke, der jetzt im Sicherheitsgewerbe arbeitet, war früher bei den Grenztruppen, sein Userbild zeigt seinen alten Abschnitt im Harz. Zweieinhalb Jahre hat er „an der Linie“ gearbeitet, als Gruppenführer und später als Grenzaufklärer. „Das bedeutet: fotografieren, was die Grenzer gegenüber an neuer Technik haben, die Grenze sichern, Grenzsteine kontrollieren. Auch Leute jagen. Ich hab mehrfach welche eingesammelt. Geschossen habe ich nicht.“ Im Forum hat er Grenzflüchtlinge kennengelernt, sich ihre Motive durchgelesen und erfahren, warum sie die DDR verlassen wollten. „Für uns waren das damals Verbrecher“, sagt Menke, „was aber nicht der Fall ist.“
Sie heißen Stabsfähnrich und Nostalgiker
Viele ehemalige Genossen haben mit dem Thema abgeschlossen, Menke möchte sich damit auseinandersetzen. Unter den gleichen Voraussetzungen, sagt er, würde er alles wieder genauso machen. Als Ewiggestriger sieht er sich nicht. „Das ist nur Rückerinnerung. Wie wenn man ein Album aufklappt. Das klappt irgendwann wieder zu, und dann war es das.“
Die Nutzer im Forum kommen zu siebzig Prozent aus den neuen und zu dreißig Prozent aus den alten Bundesländern. Bei den Treffen sitzen alle meistens ganz friedlich nebeneinander: ein Flüchtling neben einem Informellen Mitarbeiter, der neben einem Bundesgrenzschutzbeamten und der neben einem Volkspolizisten. Angelo D’Alterio hebt es als Errungenschaft hervor, dass jeder in seinem Forum schreiben darf. Die anonymen DrohMails, die er deswegen bekommt, hält er aus. Wenn sich Forumsteilnehmer beleidigen oder wieder einer die DDR mit der NS-Zeit vergleicht, dann mahnt er ab, verwarnt oder löscht Beiträge. Manche User hat er auch schon gesperrt. Vielleicht ist einer wie er der ideale Mediator, weil er selbst mit der Grenze wenig zu tun hatte. D’Alterio wohnt im hessischen Wetterau-kreis, als Jugendlicher hat er an der Grenze einmal Bananen über die Sperranlagen geworfen, das fanden er und seine Freunde damals lustig. Erst mit Mitte dreißig begann er, sich für die Grenze zu interessieren. Im Internet fand er ein Forum für die NVA, eines für Grenzer, eines für Reservisten. Eine Plattform allerdings, auf der sich alle Seiten miteinander austauschen, fand er nicht. Mit seinem Forum löste er eine Kettenreaktion aus, User nach User meldete sich an. Sie heißen Stabsfähnrich und Nostalgiker, Altgrenzer und Zeitzeuge 1969, schreiben über Militärabzeichen und die Lagerung von Munition, über Filme und Artikel, über den Schießbefehl. Mit den Postings könnte man Hunderte von Büchern füllen. D’Alterio weiß, dass sein Forum kein Geschichtsbuch ist, aber von „Geschichtsaufarbeitung“ könne man ja sprechen. Manches klingt allerdings auch nach Männerstammtisch.
Dass Geschichte aus Geschichten besteht, hat einen, der sich „ABV“ (Abschnittsbevollmächtigter) nennt, dazu animiert, seine Erinnerungen aufzuschreiben. Anfang des Jahres hat er das Thema „Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist“ begonnen, vielleicht gibt es irgendwann ein Buch. Das Userbild von ABV zeigt einen Hobbyraum, in der Ecke steht eine Schaufensterpuppe in Uniform. Der Hobbyraum liegt unter dem Dach eines Hauses in Küstrin-Kietz im Oderbruch. ABV ist der frühere Volkspolizist Uwe Bräuning.
Er liebte seine Arbeit
Küstrin-Kietz ist klein genug, dass man sich nicht verpasst, wenn man sich „an der Hauptstraße“ verabredet. Die Grenze zu Polen ist nur wenige hundert Meter entfernt. Vor einem verfallenen Postenhäuschen sitzen polnische Jugendliche, Bräuning steht in blauem T-Shirt mit „San Diego“-Schriftzug vor der Oder und erinnert sich: „Hier ist Feierabend gewesen“, sagt er im schönsten Brandenburgisch. Als 1989 die Flüchtlingswelle begann, auch in Richtung Warschau, wurde er an die Grenze abkommandiert. Das war überraschend für ihn, dass hier Leute herüberwollten. Er ist im Oderbruch aufgewachsen, „Baujahr 1964“. Sonnenblumenfelder, Alleen, Tankstellen, an denen selbstgeschleuderter Honig verkauft wird, und Jugendliche, die T-Shirts tragen, auf denen „Nationale Befreiung“ steht.
Bräuning sieht die Welt pragmatisch. Dass es im Forum manchmal ausfallend werde, findet er normal, von „draufhauen“ hält er nichts, egal, aus welcher Ecke einer kommt. „Da sind ja auch Leute, die sich herausgewagt haben mit ihren Geschichten.“ Einen Stammtisch gibt es in seiner Region nicht, aber neulich hat ihn ein ehemaliger Zöllner aus Berlin besucht, den er nur aus dem Forum kannte, er hat ihm die Gegend gezeigt, und sie sind zusammen nach Polen gelaufen. Inzwischen spricht Bräuning auch Polnisch, er arbeitet im deutsch-polnischen Polizeizentrum als Sachbearbeiter. Wenn er frei hat, geht er manchmal angeln und fängt Schleien, Welse und Plötzen. Uniformtreffen würde er nicht besuchen: „Ich lebe im Heute und Jetzt. Das Forum kann auch gefährlich werden. Weil Narben aufgerissen werden.“ Bräuning sucht den Mittelweg, er sehnt sich nicht zurück, aber er dokumentiert die Zeit trotzdem. Später trägt er eine alte Uniform der Schutzpolizei hinaus und stellt sie in der Garageneinfahrt in die Sonne, zwei Hunde wedeln herum, Bräunings Freundin sagt, dass er die Uniform ja mal hätte abstauben können.
350 Kilometer weiter, auf der anderen Seite Deutschlands, sagt einer, der im Forum „Krelle“ heißt: „Diese unnatürliche Grenze hat schmerzhafte Narben hinterlassen. Aber wir müssen versuchen, mit ihnen zu leben.“ Manfred Krellenberg gehört zum West-Drittel der Forumsmitglieder, sieben Jahre hat er als Grenzzöllner im Lübecker Stadtteil Eichholz gearbeitet. Nach Sydney konnte er reisen, aber der Nachbarort Herrnburg blieb unerreichbar. Dennoch sagt Krellenberg bis heute, dass er seinen Traumjob verlor, als die Mauer fiel. Im Forum schrieb er: „Es gab auch viele Grenzer, sowohl auf Ost- als auch auf Westseite, die hier ihre berufliche Erfüllung gefunden hatten. Ich bekenne mich zu dieser Gruppe.“ Er war alles andere als begeistert von der Teilung, aber er liebte seine Arbeit – die täglichen Patrouillen mit seinem Grenzhund, die Tiere und Pflanzen, die Grenztouristen, für die er den Fremdenführer machte. Kontakt zu den DDR-Grenzern gab es kaum, obwohl sie sich oft gegenüberstanden. Krellenberg wusste, dass sie nicht grüßen durften. „Ich habe sie respektiert. Sie waren zumeist im guten Glauben daran, das Beste für ihr Land zu tun.“ Es mag manchmal Mitglieder geben, deren Beiträge klingen, als lebten sie bis heute im Kalten Krieg, aber oft sind es gerade diese Äußerungen, die ihn zum Nachdenken bringen. „Wenn ehemalige ‚Gegner‘ durch Meinungsaustausch feststellen, dass sie doch mehr verbindet als trennt, dann ist das gelebte Geschichte.“ Manchmal geht Krelle noch dort spazieren, wo er früher patrouillierte.
Im Kofferraum hat er eine Knebelkette
Christian Paul war seit zwanzig Jahren nicht mehr an seinem ehemaligen Arbeitsplatz. Es hat sich einfach nicht ergeben. Doch jetzt steht er im Schlesischen Busch im Berliner Bezirk Treptow und vergleicht die Erinnerung mit der Gegenwart. Der Park an der Grenze zu Kreuzberg ist heute eine Touristenattraktion, Informationstafeln zur Mauer stehen neben einem der letzten Wachtürme. Paul sagt: „Hier war der Postenweg, da der Grenzsignalzaun, und da hinten, da fängt die Grenze an.“ Früher gehörte der Schlesische Busch zum Grenzregiment 33 und damit zu Christian Pauls Einsatzbereich, er war bei der Granatwerferbatterie, sein letzter Dienstgrad ist sein Username im Forum: Stabsfähnrich.
Paul ist in Ost-Berlin aufgewachsen, er spricht „Freak“ mit langem „i“ und „User“ mit einem U vorne, und fast in jedem Satz bringt er ein „haste nich gesehn“ unter. Im Forum ist „Stabsfähnrich“ ebenfalls einer der Moderatoren, seine Postings unterschreibt er mit „Freundlicher Gruß Chris“. In den Schlesischen Busch ist er netterweise in seiner alten Schupo-Uniform gekommen, die zieht er sonst nur an, wenn er auf Treffen der „Interessengemeinschaft Historische Einsatzfahrzeuge der Polizei“ geht. Als Paul im grün-weißen Lada 21013 vorfährt, bleibt eine türkische Familie stehen und macht Handyfotos. Den Lada, Baujahr 1985, dreizehn Jahre jünger als sein Besitzer, hat er Mitte der Neunziger gekauft und dann „uffgemöbelt“, vom Funkgerät bis zur Signaltonanlage ist alles original DDR. Im Kofferraum hat er eine Knebelkette, eine Sanitätstasche, eine Rettungsleine, eine Rundumleuchte. Das Einzige, was zur Komplettausstattung fehlt, sind zwei Leichensäcke. „Ungebraucht natürlich“, sagt er zwinkernd.
Warum sollte man die DDR nicht dokumentieren?
Man könnte ihm stundenlang zuhören – seinen Geschichten von Wessis, die mit ihm Sekt tranken und sagten: „Mensch Grenzer, jetzt hast du den Job los“, von der Übergangszeit, als man Hammer und Zirkel auf der DDR-Uniform einfach übernähte. „Leicht war et nicht gewesen“, sagt er. Neulich hat einer Grenzerlieder ins Forum gestellt, das fand Paul lustig. Etwa vier Stunden am Tag verbringt er im Forum, neue Postings liest er auf dem Mobiltelefon. Er zieht ein iPhone aus der Uniformjacke. Zwei sichtlich angetrunkene junge Männer auf Fahrrädern halten an und grölen. „Ey, der Vopo hat ’n iPhone!“
Meistens freuen sich die Leute, wenn Paul mit seinem Lada irgendwo vorfährt, mit roter Nelke in der Lüftung und FDJ- Abzeichen am Rückspiegel. Paul hat auch ein kleines Museum östlich von Berlin aufgebaut, mit Originalgegenständen der Volkspolizei. „Warum sollte man die DDR nicht dokumentieren? Irgendwann hat man da ja gelebt.“ Dann kniet sich der große Mann vor seinem kleinen Lada auf die Straße und schraubt das Nummernschild ab. Darunter hängt noch das alte Kennzeichen: VP 00-1253, VP steht für Volkspolizei, 00 für Berlin, 1253 ist die Nummer des Wagens. Die DDR ist noch näher, als man denkt. Manchmal liegt die Geschichte nur unter ein paar Millimetern Blech.