01.09.2010 · Unlängst wurde im Grenzgebiet der Provinzen Belutschistan und Sindh ein Dorf geflutet. Bagger kamen, Soldaten, Politiker. Menschen starben, das Dorf verschwand. Der pakistanische Schriftsteller Ali Sethi berichtet.
Der alte Mann saß auf seinem Charpai, dessen Unterseite mit den runden Beinen nach oben zeigte. Die mit Seilen bespannte Liegefläche war nass. Getragen wurde das Bett von mehreren leeren Plastikkanistern, die früher als Behälter für Dieselbrennstoff gedient hatten. Das Behelfsfloß tanzte auf und ab, während der alte Mann die Beine ins gelbbraune Wasser hielt, das sich meilenweit erstreckte wie ein seltsames Meer, aus dem in der Ferne Baumkronen wie Inseln herausragten. „Noch fünf Minuten so bleiben!“, rief der Kameramann.
Ich war mit einem Fernsehteam in dieses überschwemmte Dorf in der westpakistanischen Provinz Belutschistan gekommen. Die Fluten hatten die Lehmhäuser aufgelöst, die Reisfelder in einen See und die höhergelegene Straße in einen Damm verwandelt. Die Bauern hatten rasch gehandelt. Auf dem Damm hatten sie provisorische Unterkünfte errichtet, wobei zwei hochkant stehende Betten als Wände dienten und ein drittes quer darüber als Dach. Die Lücken in dem Seilgeflecht waren mit Zweigen abgedichtet, die die Frauen an einem nahe gelegenen Kanal gepflückt hatten. Die Ranken hingen nun an der Decke wie filigrane Kronleuchter, Bienen und Fliegen schwirrten um die verwesenden Früchte.
Schlangen fallen von den Bäumen
„Wie man sehen kann“, sagte der junge Reporter mit dem Mikrofon in der Hand und blinzelte gegen das grelle Nachmittagslicht in die Kamera, „leben diese Menschen nun schon seit drei Wochen so.“ Sein Bericht wurde per Satellit in das Studio im achthundert Kilometer entfernten Lahore übertragen und live in den großen Städten Pakistans ausgestrahlt. „Unser Getreide ist nass“, sagte ein untersetzter alter Mann mit hennagefärbtem Bart. „Es stinkt.“ Ein anderer sagte: „Wir haben kein sauberes Trinkwasser. Unsere Kinder müssen sich übergeben.“ Der Rotbärtige sagte: „Wir brauchen Zelte. Sie haben uns Zelte versprochen. Aber kein einziges ist eingetroffen.“
Ein verschwitzter Bauer mit Brille, der neben der Kamera stand, sagte, es seien haufenweise Schlangen aus dem Wasser gekommen und hätten sich auf die Bäume geflüchtet. „Manchmal zwanzig Stück auf einem Baum“, sagte er. „Sind sie giftig?“, fragte ich. „O ja“, sagte der Bauer und lachte über meine Frage, die die tödliche Realität seiner Situation offenbarte. „O ja.“
„Wem haben Sie bei den letzten Wahlen Ihre Stimme gegeben?“, fragte der Reporter und hielt das Mikrofon einem dünnen bärtigen Mann hin, der neben seiner Hütte auf dem Damm stand.
Er nannte einen Landbesitzer, der zugleich ein prominenter Lokalpolitiker war.
„Werden Sie ihn beim nächsten Mal wieder wählen?“
„Nein.“
„Nie mehr?“
„Nie mehr.“
„Sie haben es gehört“, sagte der Reporter. Kämpferisch blickte er in die Kamera. „Er sagt, er wird dem Politiker, der die Menschen in dieser verzweifelten Lage im Stich lässt, nie wieder seine Stimme geben.“
Plötzlich sprechen die Politiker doch
Einige Stunden später, wir hatten uns gerade in einem Hotel in der Stadt einquartiert, rief ein Regierungsvertreter an, der in unserem Bericht schlecht weggekommen war. Er wolle nur sagen, dass er krank sei und deshalb nicht vor Ort sein könne. Auf das Angebot, dass man ihn gern zu Hause interviewe, erklärte er: „Das geht nicht, ich bin beim Arzt.“
Der nächste Anruf kam vom Büro des Landbesitzer-Politikers, dessen Pächter wir interviewt hatten. Das hohe Tier hielt sich in einer anderen Stadt auf, aber einer seiner Mitarbeiter erklärte, dass man den Flutopfern sehr wohl geholfen hätte. Aber es seien viel zu viele. Ob wir in ein paar Stunden in ein Zeltlager in der Stadt kommen wollten? Er sei gern bereit, mit uns zu sprechen.
Ein Anruf vom Polizeichef
Wir waren frustriert. Man hatte uns hierhergeschickt, um ausführlich über die Lage zu berichten – alle großen pakistanischen Fernsehsender hatten Teams entsandt, die Interviews mit den gewählten politischen Repräsentanten der Opfer führen sollten –, und wir hatten bloß zwei späte, fadenscheinige, auch noch telefonisch übermittelte Rechtfertigungen von weiterhin unsichtbaren Vertretern einer notorisch korrupten Regionalregierung.
Wir erklärten, dass wir einverstanden seien, in das Zeltlager zu kommen. Für die Nacht war noch ein Bericht geplant. Wir hofften, den Mann mit den Beschwerden und Forderungen der Bauern konfrontieren zu können, die sein Chef im Stich gelassen hatte. Doch dazu kam es nicht. Bei Sonnenuntergang, als wir gerade aufbrechen wollten, rief der Polizeichef aus dem nahe gelegenen Dera Allahyar an. „Es ist dringend“, sagte er. „Bitte kommen Sie sofort in mein Büro.“
Was machen die Soldaten hier?
Die Polizeistation befand sich am Ende einer unbeleuchteten Straße, ein weißgetünchtes Gebäude mit einem niedrigen Mäuerchen ringsum und einer langen Zufahrt – in dieser trostlosen Gegend eine gespenstische Erinnerung an die britisch-kolonialen Ambitionen (und Ursprünge) des allgegenwärtigen pakistanischen Staatsapparats. Wir traten ein und wurden durch einen schmalen, hohen Korridor zum Büro des Polizeichefs geführt. Der uniformierte Mann saß an seinem Schreibtisch in lautloser, klimatisierter Kälte, wohlgenährt, mit tadellosem schwarzem Haar und Schnurrbart, hinter ihm an der Wand eine große detaillierte Landkarte des Distrikts. „Das Wasser nähert sich unserer Stadt“, sagte er bekümmert, die Stirn auf die fleischige Hand gestützt. Wir nahmen auf den Stühlen Platz, die vor dem Schreibtisch standen.
Der Polizeichef berichtete, dass die Staatsstraße, die auf einem Damm entlang der Grenze zwischen Belutschistan im Norden und Sindh im Süden verlaufe, durchbrochen werden solle. Ein Landbesitzer-Politiker, der auf der südlichen Seite wohne, wolle auf diese Weise erreichen, dass das Wasser nach Norden, in Richtung Dera Allahyar, abfließt. Er behaupte, es gehe ihm um den Schutz von Jacobabad, einer wichtigen Stadt auf seiner Seite der Straße, aber offenbar denke er vor allem an seine 160 Hektar Reisfelder.
„Und wann soll das passieren?“, fragte ich. „In diesem Moment“, sagte der Polizeichef. „Die Bagger sind schon dabei.“
Evakuierung ohne Vorwarnung
Es war später Abend, und die zweihunderttausend Menschen des Distrikts schliefen. „Wie wollen Sie die Bevölkerung alarmieren?“, fragte ich. „Wir werden es über die Lautsprecher in den Moscheen bekanntgeben müssen. Eine andere Möglichkeit haben wir nicht.“
Ein grauhaariger Mann im traditionellen Shalwar Kamiz – der zivile Bezirkskommissar – betrat den Raum. Beide Männer riefen ihre Untergebenen an, informierten sie über die Lage und ordneten die Evakuierung der Häuser an. Der Polizeichef legte auf und sagte, er werde zur Nationalstraße fahren und die Aktion stoppen. „Können wir mitkommen?“, fragte ich. „Das wäre nicht ratsam“, sagte er. Auf der Nationalstraße seien Soldaten, die ließen sich nicht gern filmen. Soldaten auf der Nationalstraße? Was wollen die denn da?
Er antwortete ausweichend, zögernd. Südlich der Straße befinde sich ein Luftwaffenstützpunkt, dort stünden die neuesten F-16-Kampfjets der Armee. Die lokale Bevölkerung glaube aber, dass dort auch die berüchtigten amerikanischen Drohnen stationiert seien, die gegen die militanten Islamisten in den Bergen eingesetzt werden. Wenn das stimmt, dann bedeutet das, dass die Armee dafür jedes Jahr Millionen von Dollar einstreicht, von denen kein einziger Cent an die lokale Bevölkerung geht.
Die Armee werde den Stützpunkt um jeden Preis retten, sagte der Polizeichef. Aber ihre Rolle (und ihre Interessen) bei der Umleitung des Wassers solle im Dunkeln bleiben. Daher die Anwesenheit des Großgrundbesitzer-Politikers – notfalls würde er alles auf seine Kappe nehmen und sagen, die Soldaten hätten auf seinen persönlichen Wunsch gehandelt.
Sicherheitskräfte kritisiert man nicht
Der Bezirkskommissar und der Polizeichef brachen in Richtung Nationalstraße auf. Ob wir diese Story bringen könnten? „Ich glaube nicht“, sagte ein Reporter. „Dann kriegen wir es mit dem Geheimdienst zu tun.“ Das letzte Mal, nach einer ähnlichen Story, sei ein ganzer Trupp von Offizieren des gefürchteten Geheimdiensts ISI in seinem Büro aufgetaucht. Ein anderer Reporter sagte, überraschend förmlich: „Es gilt als unpatriotisch, die Sicherheitskräfte zu kritisieren.“ „Wir könnten die Information teilweise bringen“, schlug der erste vor. „Wir könnten sagen, dass die Nationalstraße durchbrochen wird. Zumindest können wir die Leute auf diese Weise warnen.“
Die anderen waren einverstanden. Der Reporter lief hinaus zum Übertragungswagen und kam nach einer Weile zurück. Er hatte die Nachricht durchgegeben. Nun war nichts mehr zu tun. Wir warteten noch eine Stunde und beschlossen dann, wieder in unser Hotel zu fahren.
In diesem Moment rief der Polizeichef an. Wir sollten nun doch zur Nationalstraße kommen. „Die Leute haben Waffen dabei“, sagte er. „Beeilen Sie sich.“
Wir fuhren sofort los, im Scheinwerferlicht kamen uns eindrucksvolle Figuren entgegen – Büffelherden, von barfüßigen Männern und Frauen mit Stöcken und Gerten angetrieben, dahinter Esel und Kühe, die wackelige Karren zogen, beladen mit Ziegen, Hühnern, Kindern, Metallkisten und Getreidesäcken. Einige waren schon seit Tagen unterwegs – die hervorstehenden Rippen der abgemagerten Tiere waren selbst in der Dunkelheit zu sehen. Andere Leute hatten gerade erst über Lautsprecher den Evakuierungsbefehl gehört und waren sofort geflohen, ins Ungewisse.
Streit der Provinzen
Wir erreichten den keilförmigen Durchbruch in der Nationalstraße. Das Wasser war noch auf der Sindh-Seite. Der Polizeichef stand neben der Öffnung, aber vom Landbesitzer und von den Soldaten war weit und breit nichts zu sehen. Was war passiert?
Bei seiner Ankunft, berichtete der Polizeichef, hätten der Landbesitzer und ein Major auf der Straße gestanden und die gigantischen Bagger dirigiert. Er und der Bezirkskommissar hätten sie gebeten, die Aktion sofort zu beenden. Ein weiterer Stammesführer-Politiker aus einem gefährdeten Dorf auf der trockenen Seite war mit bewaffneten Leibwächtern erschienen und hatte sich in die Auseinandersetzung eingemischt.
Überbleibsel eines bemerkenswerten Sieges
„Das Ganze entwickelte sich zu einem Streit zwischen den Provinzen“, sagte der Polizeichef düster. „Doch dann habe ich den Major gefragt: Vertreten Sie die pakistanische Armee oder die Armee von Sindh? Das saß. Er wusste genau, worauf ich hinauswollte. Er hat sich entschuldigt und die Bagger abgezogen.“ Das klang ungewöhnlich simpel. Musste man, um das mächtige Militär zum Einlenken zu bringen, nur an seine theoretische politische Neutralität erinnern? Oder hatte der Major aus den Worten des Polizeichefs eine Drohung herausgehört? Es war niemand mehr da, den wir hätten fragen können. „Wollen Sie mit Ihrer Übertragung beginnen?“, fragte der Polizeichef.
Wir holten die Kamera heraus, und der Polizeichef sprach, inmitten der Überbleibsel seines bemerkenswerten Sieges, leise und nachdenklich in das Mikrofon. Flutrichtung und Wasserstand wurden erwähnt, der Großgrundbesitzer und seine Reisfelder wurden erwähnt, nicht aber die Soldaten und der ominöse Luftwaffenstützpunkt.
Auf der Flucht
Am Morgen wurden wir aufgefordert, die Stadt zu verlassen. Die Soldaten hatten dann doch einen Durchbruch angelegt, allerdings an einer anderen Stelle, still und leise, ohne Aufmerksamkeit zu erregen. Das Wasser kam näher. Irgendwann stießen wir auf die Flut, die die Straße verschluckt hatte. Es gab eine Ausweichmöglichkeit nach Quetta im Westen. Leider waren Belutschen-Separatisten unterwegs, die die Fahrzeuge anhielten, alle Pandschabis herausholten und erschossen. Da die meisten Männer unseres Teams keine Pandschabis waren, entschieden sie sich für diese Strecke. Aber zwei Reporter und ich mussten als Pandschabis eine andere Route nehmen.
Also wieder die Nationalstraße, anderthalb Kilometer staute sich alles, Traktoren und Lastwagen und die Eselskarren, die wir in der Nacht zuvor gesehen hatten. Viele Leute waren zu Fuß unterwegs. Ein aufgedunsener toter Büffel lag am Straßenrand, ein abgemagerter Hund zerrte wütend an den Gedärmen.
Gebeugte Kinder mit Getreidesäcken auf dem Rücken liefen vorbei. Eine blinde Frau, an der Hand ein kleines Mädchen, versuchte ihre Familie zu finden, mit der anderen Hand tastete sie nach allem, was an ihr vorbeikam. Ein Esel, der einen Karren mit dem geretteten Besitz einer Familie zog, konnte nicht mehr, die dünnen Beine zitterten erbärmlich. Dahinter ein Traktor, auf dem mehrere Familien saßen, und dann ein Lastwagen, der noch mehr Menschen beförderte.
Kein Anschluss in Deba Allahyar
Das Wasser unterhalb der Nationalstraße stieg langsam höher, schwappte von Feld zu Feld, eroberte ein Haus nach dem anderen. Irgendwann in der Nacht, als das Wasser in der Dunkelheit nicht mehr zu sehen war, tauchten Männer mit Stöcken und Gewehren auf, die den Stau brachial auflösten. Die Lastwagen und Traktoren vor uns setzten sich in Bewegung. Und dann konnten auch wir weiterfahren. Ich weiß nicht, ob die Tiere oder die Menschen auf den Karren hinter uns es geschafft haben.
Seit Tagen versuche ich, mit Leuten zu telefonieren, denen ich in Dera Allahyar begegnet bin. Die Anschlüsse sind tot. Das Land entlang der Nationalstraße steht fünf Meter unter Wasser. Dutzende Menschen sind ertrunken, und mindestens einundzwanzig sind allein in den letzten drei Tagen an Diarrhö gestorben. Hunderttausende sitzen fest. Mancherorts hat die Armee funktionierende Zeltlager errichtet. Aber die verfügbaren Hilfsgüter sind völlig unzureichend.
Letzte Woche war der Luftwaffenstützpunkt Thema, als der Gesundheitsminister einem Parlamentsausschuss erklärte, dass der Stützpunkt unter amerikanischem Kommando stehe. Die Armee wies diese Darstellung sofort zurück. Der Stützpunkt werde ausschließlich von pakistanischen F-16 genutzt, erklärte ein hoher Offizier, die Amerikaner leisteten nur technische Hilfe als Ausbilder.
Wiedergutmachung für die Bauern
Die Sache ist begraben, und das Image der Armee als wahre Beschützerin der Bevölkerung ist wiederhergestellt. Das Fernsehen bringt ständig Bilder von Soldaten, die Überschwemmungsopfer retten. Mindestens zwei ranghohe Politiker haben die Armee aufgefordert, zu „intervenieren“ und das Land von seinen unfähigen zivilen Herrschern zu befreien.
Derweil nimmt in der westlichen Berichterstattung die Angst vor Wohltätigkeitsorganisationen mit islamistischem Hintergrund breiten Raum ein. Auch hier die unterschwellige Andeutung, dass die Pakistaner nicht reif für die Demokratie seien – wozu ja auch der aufkommende Ruf nach einem starken Mann passt.
Die Katastrophe erlaubt aber noch einen anderen Blick auf Pakistan. In diesem Land ertrinken Bauern in Reisfeldern, die ihnen nicht gehören, Lehmdörfer versinken in den Fluten, damit etwas weniger entbehrliche Städte gerettet werden, und Dörfer sterben neben Luftwaffenstützpunkten, auf denen die modernsten Kampfjets der Welt stehen. Ein solches Land braucht mehr als nur Hilfe. Es hat Anspruch auf Wiedergutmachung durch all jene, die die Herren im Land sind. Dazu gehören die Politiker und Bürokraten, die von den ungestümen elektronischen Medien bereits zur Rede gestellt werden, aber auch die unerklärlich mächtige Armee und ihre treuen amerikanischen Geldgeber, die allesamt am meisten zu verlieren haben, wenn die nächste Flut kommt.