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Dossier: Christenverfolgung Der Exodus

01.03.2011 ·  Die Christen im Irak haben nur diese Wahl: sterben oder fliehen. Sie werden verfolgt, enteignet, entführt, vertrieben, ermordet. Eine Recherche auf den Spuren eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit, das Karen Krüger im Irak und dem Libanon, Melanie Mühl von dort bis nach Deutschland verfolgt hat.

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Arbil, Beirut, Essen im Februar 2011 Weltweit leben zwei Milliarden Christen. Ihre Religion ist die größte und die am meisten verfolgte. Jeder zehnte Christ ist Opfer von Bedrohung und Gewalt. Besonders im Nahen Osten ist die Lage dramatisch. Radikale Islamisten rufen zur Verfolgung auf: In Ägypten, Iran, Afghanistan. Vor allem im Irak liegen Kirchen in Schutt und Asche. Es vollzieht sich ein Exodus. Das Verbrechen an den Christen verglich Bischof Huber in einer Predigt mit Völkermord. 1,5 Millionen Christen zählte der Irak vor dem Sturz des Regimes von Saddam Hussein. 334.000 sind übrig. Wer kann, flieht aus dem Land, in dem die zweitausend Jahre alten Ursprünge des Christentums liegen, wo Urvater Abraham lebte, wo die ersten christlichen Gemeinden überhaupt gegründet worden sind. Die Christen waren schon da, lange bevor man die ersten Moscheen und Minarette baute. Die Wurzeln der christlichen Kultur, auf der die Werte der westlichen Welt beruhen, werden nun gekappt. „Wenn der Exodus anhält, haben die Christen im Geburtsland von Abraham bald keine Bedeutung mehr“, sagt der irakische Erzbischof Bascha Matta Warda.

Kann eine Religion sterben? Das Vertrauen, als Christ zum Irak zu gehören, verschwand mit dem Licht. Die Männer zogen Fawzi Alias von hinten einen Sack über den Kopf, zerrten ihn in ein Auto und fuhren mit ihm davon. Die Entführer wussten, dass ihm eine Fabrik gehört. Sie hatten seine Gewohnheiten studiert. Es war sein Glück, dass sie ihn, den Christen aus Mossul, deshalb so genau kannten: „Du arbeitest nicht für die amerikanischen Teufel, deshalb lassen wir dich am Leben. Aber du bist ein Ungläubiger, verschwinde von hier.“ Fawzi Alias schwor zu gehorchen. Es war Februar 2008. Er würde fliehen.

Die Amerikaner befreiten den Irak von seinem Diktator Saddam Hussein. Aber sie konnten nicht verhindern, dass das Land unter ihren Augen zu einer Hochburg sunnitischer Terroristen wurde, die alle Christen aus dem Irak vertreiben wollen: Schutzgelderpressungen, konfessionelle Säuberungen ganzer Straßenzüge, Zwangskonvertierungen, Entführungen und Morde an Christen sind Alltag. Jeder Tote bedeutet mindestens eine Familie, die flieht. Es ist ein seit Jahren andauernder Prozess, von dem Europa lange kaum Notiz genommen hat. Auch deshalb nicht, weil Kirchenoberhäupter lange darüber schwiegen - auch der Vatikan.

Deutliche Worte fand er nach dem verheerenden Al-Qaida-Anschlag auf die syrisch-katholische „Maria Erlöserin“-Kirche in Bagdad im vergangenen Oktober. Achtundfünfzig Menschen wurden damals getötet. Es war der Auftakt zu einer Welle von Gewalt, die bis heute nicht abebbt. Die Attentate auf Christen „beleidigen Gott und die gesamte Menschheit“, sagte Papst Benedikt XVI. und rief zum Schutz und zur „aktiven Solidarität“ mit der christlichen Minderheit im Irak auf.

Vor allem in Mossul, das auf den Ruinen des alttestamentarischen Ninive errichtet wurde, in das Gott den Propheten Jona schickte, um die Sünder vor seinem Zorn zu warnen, ist die Lage dramatisch. Im Jahr 2000 lebten noch 13.000 christliche Familien in der Drei-Millionen Stadt, heute sollen es unter hundert sein. Von den vierzig Kirchen der Stadt sind sechs geschlossen, zahlreiche zerstört.

„Wenn es für Christen im Irak eine Hölle gibt, dann ist Bagdad nur der Vorhof davon“, sagt Fawzi Alias.

Ihn ließen die Kidnapper nach vier Tagen frei, für ein Lösegeld von 55.000 Dollar. Noch am Abend setzte er sich ins Auto und verließ mit seinem Bruder die Stadt. Sie leben jetzt in Kurdistan, wo der ehemalige Fabrikbesitzer Zigaretten verkauft. Die Fabrik gehört jetzt einem Islamisten. Wer die Entführer waren, weiß Fawzi Alias bis heute nicht, „vermutlich Al Qaida“.

Der Terrororganisation und anderen extremistischen Gruppierungen begegnet die Regierung al-Maliki mit Hilflosigkeit. Bis heute nennt sie die Morde an Christen „bedauerliche Einzelfälle“. Die Minderheit sei zwischen die Fronten einer regionalen Auseinandersetzung von radikalen Kräften des kurdischen Nordiraks und des arabisch dominierten Südens geraten: Seit Jahren streitet man um die Ninive-Ebene, das christliche Kernland nördlich von Mossul, in dem auch die Minderheiten der Yeziden und Schabas leben. Tatsächlich sind dort alle Menschen einem wachsenden Druck ausgesetzt. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit: Vor allem durch den Einfluss Irans gewinnt der radikale Islam im Irak immer mehr an Bedeutung. Die Zugehörigkeit zur Religion entscheidet zwischen Freund und Feind. Bagdad ist es seit den Parlamentswahlen im vergangenen März noch immer nicht gelungen, eine funktionsfähige Regierung zu konstituieren. Extremistische Kräfte drängen in das Machtvakuum.

Im Irak misst sich die Sicherheit in Metern und Minuten. Telkef liegt zwölf Kilometer von Mossul entfernt. Es ist das letzte Dorf vor der Stadtgrenze. Im Dunkeln können die Menschen in Telkef Mossuls Lichter sehen, tagsüber sehen sie oft Rauch. Selbst Muslime nähern sich nur noch ungern der Stadt; nur wer unbedingt muss, fährt weiter. Gäbe es eine Landkarte des Irak, auf der das Risiko als Christ ermordet zu werden, in Farben angezeigt wird, dann wären Bagdad und Mossul blutrot, die kurdischen Städte Arbil und Dohuk blau, und die dazwischen gelegene Ninive-Ebene würde von Scharlachrot zu Violett changieren. Telkef ist scharlachrot - für die Flüchtlinge aus Mossul kann es deshalb nur eine Station auf dem Weg in eine bessere Zukunft sein.

„Hätte meine Kirche Glocken, dann läutete ich sie bei jedem Flüchtling“

Jeder, der in Telkef einfährt, wird am Checkpoint kontrolliert. „Amerikani?“ fragt der Kontrollposten der kurdischen Sicherheitskräfte, der Peschmerga. Zusammen mit irakischen Soldaten bewachen sie Telkef. Erst als er den deutschen Pass sieht, winkt er das Auto weiter. Rechts und links der Straße sind schmutzige Läden, dahinter flache Wohnhäuser. Überall ist Stacheldraht. Dutzende von Autobomben sind in Telkef schon explodiert. Möglichst früh da sein und möglichst kurz bleiben, lautet die Regel bei Besuchen hier - so wenige Dorfbewohner wie möglich sollen Gelegenheit haben, die Anwesenheit der Fremden zu bemerken. Tatsächlich ist hier die Anspannung schon jetzt am Morgen spürbar. Die Menschen taxieren. Es wirkt, als genüge eine einzige falsche Bewegung und die Situation eskaliert: Viertausend Einwohner zählt das Dorf, tausend davon sind Christen, der Rest Araber, unter ihnen „Schläfer“. Sie wissen, dass Pater Youssef unter flüchtenden Christen als erste Anlaufstelle gilt. Hoch und massiv kündet die Mauer um seine Kirche, was sie davon halten - vor vier Jahren detonierte ein Sprengsatz zu ihren Füßen. Eilig öffnet der Wächter das Tor, damit das Auto in den Hof der Kirche fahren kann. Auch er hat eine Kalaschnikow.

Aramäer, Chaldäer, Assyrer, Armenier haben in den vergangenen Monaten das Tor passiert - die Verfolger unterscheiden nicht zwischen Konfessionen. Manche der Flüchtlinge waren verwundet, jeder seelisch verletzt. Pater Youssef gab ihnen eine Bleibe und so, wie er jetzt breitbeinig und groß vor einem steht, auch Kampfeskraft. Er verströmt die Aura eines Menschen, der es irgendwann satthatte, immer unauffällig, nett und freundlich zu sein. Unter Saddam Hussein machten die Christen noch fünf Prozent der Gesamtbevölkerung aus: Ärzte, Anwälte, Juweliere, Handwerker - die gebildete Mittelschicht. Man ließ sie in Ruhe, weil sie ihr Leben lebten, ohne aufzufallen. „Hätte meine Kirche Glocken, dann läutete ich sie bei jedem Flüchtling, der hier eintrifft. Manche Kirchen wollen sich lieb Kind bei den Muslimen machen. Ihre Glocken bleiben stumm.“

Bis in die achtziger Jahre lebten nun Christen in Telkef. Das änderte sich mit der Arabisierungskampagne von Saddam Hussein. Um den kurdischen Unabhängigkeitsbestrebungen entgegenzuwirken, siedelte er in der Ninive-Ebene Araber an. Die waren kein Problem gewesen, erinnert sich Pater Youssef. „Wir verstanden uns.“ Als er Priester wurde, besuchten auch sie seine Messe. Verließ er das Haus, dann nur im Mönchsgewand. „Heute würde man mich entführen.“

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Das friedliche Nebeneinander endete mit der Invasion der Amerikaner. Im Tandem mit kurdischen Peschmerga bewegten sie sich in Richtung Süden. Tausende von Arabern, die Saddam in den Dörfern der Ninive-Ebene angesiedelt hatte, flohen. Nach kurdischem Verständnis war die Region ohnehin schon immer kurdisch gewesen. Jetzt nahmen die Kurden von ihr Besitz. Als die Amerikaner im Juni 2009 abzogen, wurden allein in den sechs Wochen danach 137 Menschen getötet.

Bis dahin hatten ausländische Dschihad-Krieger und Al-Qaida-Terroristen ihre Anschläge unter dem Vorwand des Widerstands gegen die amerikanischen Invasoren verübt. Seitdem sie weg sind, trifft es verstärkt Christen: Jede Kirche, die in die Luft gesprengt wird, ist auch als Angriff auf den Westen gemeint. Pater Youssef kennt die schlichte Logik der Islamisten. „Kreuzfahrer“, „Spion der Amerikaner“ nennt man ihn in den Drohungen, die er per Brief, SMS oder Anruf erhält.

Manchmal liegen Briefumschläge mit Gewehrkugeln vor seiner Tür. Vor einer Woche meldete sich die Al-Qaida-Zelle aus Mossul am Apparat. Sie versicherte ihm, dass sie ein Mordkommando schicke.

Trägt Pater Youssef eine Waffe? „Jeder Idiot hat hier einen Bodyguard und ein Gewehr. Die Leute werden trotzdem erschossen.“ Sein Handy klingelt. Er schiebt es weg, redet sich in Rage. Es sei ein Rätsel, warum Europa „unter der Flagge des Liberalismus und Säkularismus“ das Schicksal der Christen in islamischen Staaten ignoriert. Bei den Amerikanern verstehe er das; sie hätten das Chaos mit angerichtet. Er weiß von einer offiziellen Delegation, „aus Frankreich oder Deutschland glaube ich“, die den Irak besuchen wollte. Die Amerikaner lehnten ab, aus Sicherheitsgründen. „Wieso soll nicht über Christen berichtet werden?“ Wer in die Ninive-Ebene geht, der bekommt Geschichten von Angst, Flucht und Tod zu hören. Die christlichen Dörfer Teleskof, Bathnaia und Al-Quosh liegen zwischen sanften Feldern, unbestellt. Die Dörfer kontrollieren Peschmerga, anders als in Telkejf zusammen mit christlichen Milizen. Schützende Mauern gibt es nicht. Erdwälle wurden zwischen den am äußersten Rand liegenden Häusern aufgehäuft. Sie sollen verhindern, dass mit Sprengstoff beladene Autos in die Siedlung rasen. Wer hier Zuflucht sucht, hat kein Geld, um weit wegzugehen.

Die Gehaltsschecks kommen bis heute aus Kurdistan

Emad Hana Al-Bazi zum Beispiel lebte in Bagdad. Er war Regierungsangestellter, selbst jetzt, wo sein Leben völlig anders ist, trägt er Krawatte. Sein Bruder überlebte den Anschlag in der „Maria-Erlöserin“-Kirche. Man amputierte ihm ein Bein. Emad Hana Al-Bazi verkaufte von heute auf morgen sein Haus. „Einen Teil musste ich den Terroristen geben. Sie nennen das ,Christensteuer'“. Emad Hana Al-Bazi zeigt ein Foto seines Neffen aus Mossul. Seit drei Jahren fehlt von ihm jede Spur. In Bagdad hatte er um die Hand einer jungen Frau angehalten. Er kam nie wieder in Mossul an.

Nadia und Abrod Noel haben ihren Sohn Haithan im Sarg mit in die Ninive-Ebene gebracht. Sie stammen aus Tikrit, als Ingenieur kontrollierte Abrod Noel die Ölpumpen Saddam Husseins, jetzt ist er arbeitslos. Ihr Wohnzimmer ist spärlich möbiliert, an der Wand hängt ein Kreuz. Nadia Noel hat die Hände vors Gesicht geschlagen. Sie weint. Auf dem Sofa hat sie die Habseligkeiten des Sohnes ausgebreitet: Der Füller mit eingraviertem Namen, die Sonnenbrille. Eine Sammlung bunter Aufkleber aus Kindertagen. Das Halstuch ist blutbefleckt. Der Kugelhagel traf ihn, als er mit dem Motorrad nach Hause fuhr. Der Fünfundzwanzigjährige war Arzt. Auf dem Zettel, der an seiner Haustür geklebt hatte, beschuldigte man Haithan, für den Einmarsch der Amerikaner mitverantwortlich zu sein. Die Familie hat ihn auf dem christlichen Friedhof von Teleskof begraben. „Wir sprachen mit der Polizei, den Amerikanern. Niemand half.“

Hilfe haben beide Familien von Massoud Barzani erhalten, dem Präsidenten der kurdischen Regionalregierung. Und von der Hilfsorganisation CAPNI, die sich unter anderem aus deutschen Spenden finanziert. Sie und die kurdischen Behörden haben Häuser gebaut, in denen die Flüchtlinge kostenlos wohnen dürfen. Es sind schmucke Gebäude, zu Hunderten stehen sie in den Dörfern der Ninive-Ebene. CAPNI möchte, dass die Christen im Irak wieder eine Zukunft haben. Doch was wollen die Kurden? Sie haben der Reporterin für den Besuch der Dörfer „aus Sicherheitsgründen“einen Mann im dunklem Anzug zur Seite gestellt. Die Männer an den Checkpoints grüßen ihn. Die Flüchtlinge kennen sein Gesicht. Er ist besonders aufmerksam, wenn sie die Zuwendungen der kurdischen Regionalregierung aufzählen. Auch Antworten auf politische Fragen lauscht er genau. Der Druck, unter dem die Flüchtlinge stehen, entweicht hörbar, als er zur Toilette geht: „Wem sind Sie verpflichtet?“, fragen sie die Reporterin, „Wem gehört die Zeitung, für die Sie schreiben? Erstatten Sie einer Organisation oder sonst jemandem Bericht?“

Dass sich die kurdische Regierung dem Leid der Christen widmet, wird von der internationalen Gemeinschaft wohlwollend aufgenommen - ein Problem weniger für sie. „Es entspricht dem kurdischen Demokratieverständnis, Minderheiten zu schützen“, sagt Georgis Shlemon, der Vizegouverneur der kurdischen Provinz Dohuk, in der mehrere Tausend christliche Flüchtlinge sind, „und ja: Wir freuen uns über den Imagegewinn, vor allem seitens der Amerikaner.“

Imagegewinn, Minderheitenschutz, Demokratie - Kurdistan als Vorzeigemodell des Nahen Ostens? Nicht, was die Hintergründe für ihren Einsatz für Christen angeht. Früher oder später wird ein Referendum entscheiden, ob in der umstrittenen Ninive-Ebene die kurdische Regionalregierung das Sagen hat - die Stimmen der christlichen Flüchtlinge könnten das Zünglein an der Waage sein. Auch deshalb ist man so an ihnen interessiert. Zufolge eines Berichts von Human Rights Watch von 2009 übte die „Demokratische Partei Kurdistans“ (KDP) Druck auf Christen aus, eine Erklärung zu unterzeichnen, dass sie das Referendum pro- kurdisch unterstützen. Nicht nur das: Nachdem die irakische Zentralregierung jeder Familie, die sich wieder in ihrem Gebiet ansiedelt, eine Entschädigung von 127 Dollar versprochen hatte, toppte Kurdistan das Angebot mit 212 Dollar. Millionen investierte der ehemalige kurdische Finanzminister Sarkis Aghajan, ein chaldäischer Christ, in der Ninive-Ebene - nicht nur in Häuser: Kirchen wurden gebaut, alte restauriert, Sportvereine gegründet, Essensverteilungen organisiert, Versammlungsorte geschaffen. Er gründete auch die christliche Miliz. Die Gehaltsschecks kommen bis heute aus Kurdistan.

Und es gibt da diese hässlichen Gerüchte, die kurdische Regionalregierung habe bei manchen Einschüchterungsversuchen und Entführungen mitgemischt. Es gehe darum, das Vertrauen in die irakische Zentralregierung zu schwächen und die Christen in die umstrittene Ninive-Ebene oder weiter nördlich, in die kurdischen Provinzen zu treiben. Tatsächlich weichen immer mehr dorthin aus. Und stoßen auf neue Probleme: Wegen der Flüchtlinge haben die Mieten in der Provinzhauptstadt Arbil das Niveau einer deutschen Kleinstadt erreicht. Hinzu kommt die Sprache: Ohne Kurdisch hat man keine Chance auf Arbeit; die meisten Christen aber sprechen Arabisch. Die irakischen Christen stehen zwischen allen Fronten: muslimische Extremisten gegen westliche Aufklärer, Kurden gegen Zentralregierung. Sie sind ein Spielball geopolitischer Interessen geworden. Ihre Lage scheint aussichtslos, jeden Tag fordert sie Tote.

Dennoch kämpfen kirchliche Oberhäupter darum, dass die Menschen im Land bleiben. Zum Beispiel Bischof Basilius, dessen Sitz von Mossul ins zwölf Kilometer entfernte Karakosh verlegt wurde, nachdem Extremisten ihn entführt hatten. Vor der Kirche, einem riesigen Bau mit Rundbögen und Uhrturm, wachen christliche Milizionäre. Ihre Gewehre wirken, als hätten sie schon den ersten Golfkrieg miterlebt - was sie zu leisten imstande sind, ist eher psychologischer Natur. Zweihundert Dollar zahlt man ihnen dafür, dass sie ihr Leben riskieren. Andere Arbeit gibt es nicht.

„Ob man einen irakischen Christen tötet, oder ob er das Land verlässt, macht am Ende keinen Unterschied“

Jene Eltern, die sich in Karakosh noch in die Messe trauen, müssen sonntags an ihren bewaffneten Kindern vorbei. Vor dem nahe gelegenen Bischofssitz zeigt sich ein noch martialischeres Bild: Wachposten, Schranken, Stacheldraht, kurdische Soldaten, ein Panzer. In den Asphalt sind Betonbarrieren eingelassen, das Areal umgibt ein hoher Wall. Die Anlage ist ein Hochsicherheitstrakt. Wer sich dem Haus nähert, sieht schnell, dass der Schutz nicht dem Bischof gilt, sondern dem Gebäude gegenüber: der Parteizentrale der KDP. „Ich habe davon nichts, die beobachten mich nur ständig mit ihren Kameras“, sagt Bischof Basilius und geleitet die Reporterin in sein Büro. In der Ecke läuft stumm ein Fernseher: Ägyptische Revolutionäre tanzen einen Siegesreigen, im Vordergrund kämpft ein euphorisierter BBC- World-Journalist um sein Gleichgewicht. Fasziniert bleibt der Blick des Bischofs an dem Bild hängen. Er sagt: „Wir sind eine Minderheit. Doch auch für uns muss die Lösung hier im Land gefunden werden. Wir gehören hierher. Es geht um die Geschichte der Christenheit.“

Auch deshalb sieht er Europa in der Pflicht. Es genüge nicht, Flüchtlinge aufzunehmen, „das lindert nur die Symptome, löst aber nicht unser Grundproblem. Ich erwarte, dass die Europäer Druck ausüben, damit sich die Regierung hier so konstituiert, dass sie Recht und Ordnung durchsetzen kann. Sie muss uns als gleichwertige Bürger akzeptieren.“ Staatliche Institutionen, Fabriken, Krankenhäuser - es müsse der Aufbau einer Infrastruktur erkämpft werden, damit die Menschen wieder eine Zukunft haben. Mietfreies Wohnen genügt nicht, um Vertrauen zu schaffen. Vor allem die Gründung einer Hochschule ist Bischof Basilius ein Anliegen. Bis vor einigen Monaten besuchten die jungen Christen aus Karakosh die Universität Mossul. Dann schossen Vermummte auf ihren Bus, zwei Menschen starben, 188 wurden verletzt. An eine Rückkehr in die Vorlesungen war danach nicht mehr zu denken.

Einige der Studenten helfen jetzt in der christlichen Druckerei und der Radiostation aus, die Bischof Basilius aufgebaut hat. Die Arbeit ist ehrenamtlich und „besser als zu Hause zu sitzen oder bewaffnet vor einer Kirche zu stehen“. Von der seit einigen Jahren diskutierten Idee, aus der Ninive-Ebene eine autonome Region für Christen zu machen, hält er nichts: „Muslimische Fundamentalisten würden darin sofort ein zweites Israel sehen, und es gibt noch mehr Tote.“

In Kurdistan sieht man das anders. Als Generalsekretär der assyrischen „Nahrain Partei“ hat Romeo Hakkari nicht Einzelschicksale, sondern das Große und Ganze im Blick. Nur eine autonome Provinz könne den Erhalt der christlichen Kultur garantieren. Sein Urteil klingt hart: „Ob man einen irakischen Christen tötet, oder ob er das Land verlässt, macht am Ende keinen Unterschied. In beiden Fällen haben wir ihn verloren.“

Zu teuer für die meisten irakischen Familien

Bevor die Amerikaner im Irak einmarschierten, mussten die Christen nicht um ihr Leben fürchten. Seitdem sie abgezogen sind, werden sie verfolgt. Der Westen wollte das Land befreien und stabilisieren. Doch immer mehr Christen machen sich in die Anrainerstaaten auf.

In der Türkei soll es derzeit 3800 geben. Obwohl das Land die eigene christliche Minderheit diskriminiert, gehen die Iraker gerne dorthin: Von Kurdistan erreicht man im Bus schnell die Grenze. Visa werden ohne weiteres vergeben, geduldet werden die Christen aber nur, bis das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen UNHCR ein endgültiges Aufnahmeland gefunden hat. Das dauert bis zu zwei Jahre. In Syrien sind es bis zu fünf, es gibt mehr Anfragen: 1,5 Millionen Iraker haben dort seit 2003 Zuflucht gefunden, darunter etwa 100.000 Christen. Mittlerweile hat das Land seine Kapazitäten ausgeschöpft; einreisen darf nur noch, wer ein Visum von der syrischen Botschaft in Bagdad hat. Doch wer traut sich da noch hin?

In Jordanien leben 75.000 Iraker, das Königreich öffnete Schulen und Krankenhäuser für die Flüchtlinge. Erst seit 2007 verlangt es Visa. Sie gelten für zwei Monate, wer länger bleibt, muss umgerechnet zwei Euro pro Tag und Kopf zahlen - zu teuer für die meisten irakischen Familien. Noch teurer ist ein Flugticket nach dem Libanon. Dennoch übt das Land die stärkste Anziehungskraft auf irakische Christen aus: Dass der Präsident laut libanesischer Verfassung ein maronitischer Christ sein muss, gibt ihnen Sicherheit.

Karen Krüger

Teil 2 der Reportage über die Christenverfolgung 2011: Libanon

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Von Jürgen Kaube

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