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Die Lust am Alarm Tor in Fukushima!

13.04.2011 ·  Dioxin, Atom, Libyen, Guttenberg und Westerwelle: Passiert gerade wirklich so viel? Oder sieht das nur so aus? Warum wir uns das Weltgeschehen als riesige Konferenzschaltung in Echtzeit erzählen lassen.

Von Marcus Jauer
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Stellen wir uns für einen Augenblick vor, wir seien Oberstleutnant Wolfgang Röhlig. Wir arbeiten im Ministerium für Staatssicherheit in der Berliner Normannenstraße, wo wir eine Sondereinheit leiten, deren Aufgabe es ist, die Massenmedien der Bundesrepublik Deutschland auszuwerten. Dazu steht uns ein streng abgeschirmter Raum zur Verfügung, in dem vier Mitarbeiter rund um die Uhr vor dem Fernseher sitzen, Radio hören und Zeitung lesen. Von jedem Bericht und jedem Kommentar, den sie für wichtig halten, fertigen sie Abschriften an, die wir gemäß Arbeitsordnung an die Dienststellen des Ministeriums weiterleiten und an den Minister selbst. Am Ende jedes Monat verlangt unser Chef eine Monatsübersicht von uns, in der wir die einzelnen Meldungen in einen größeren Zusammenhang ordnen, ihm also erklären, welchen Sinn wir hinter ihnen erkennen. Das ist dann immer unser großer Auftritt.

Mal angenommen, wir wären Wolfgang Röhlig, was hätten wir dann zu den vergangenen vier Wochen gesagt?

Sie haben damit begonnen, dass sich Wirtschaftsminister Rainer Brüderle und Umweltminister Norbert Röttgen mit Vertretern der Mineralölbranche zum sogenannten Benzingipfel treffen, nachdem es tagelang so ausgesehen hatte, als würden Autos, die den neuen und vom Boulevard als „Ökoplörre“ verunglimpften Biosprit tanken, auf der Stelle stehenbleiben. Röttgen, der das Benzin in Deutschland einführen soll und sieben Tage nach dem Rücktritt von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg als neuer Hoffnungsträger der Union gilt, ist blamiert. Brüderle, der lange als gemütlicher Sprücheklopfer porträtiert wurde, präsentiert sich nun als Anwalt der Vernunft, der die Mineralölwirtschaft vor den Zumutungen eines außer Rand und Band geratenen Umweltschutzes in Schutz nehmen will. Es entsteht gerade eine Debatte darüber, ob Biosprit, Energiesparlampen und Solarenergie der Umwelt überhaupt helfen, als sich vor der Küste Japans ein schweres Erdbeben ereignet und der darauffolgende Tsunami im Atomkraftwerk von Fukushima mehrere Explosionen auslöst.

Wer den Nachrichtensturm sät

Vier Tage später nimmt die Bundesregierung im neuntausend Kilometer entfernten Deutschland sieben Atomkraftwerke vom Netz, deren Laufzeit sie vor kurzem noch verlängert hatte. Umweltminister Röttgen, der sich einen schnelleren Ausstieg gewünscht hatte, sich damit aber nicht durchsetzen konnte, wirkt nun wieder obenauf. Wirtschaftsminister Brüderle hingegen versucht auf einer geschlossenen Veranstaltung aufgeregte Wirtschaftsführer zu beruhigen, indem er auf die anstehenden Wahlen verweist, vor denen die Politik eben nicht immer rational entscheide. Als diese Äußerung öffentlich wird, gilt Brüderle wieder als der Sprücheklopfer, als der er zwischenzeitlich nicht mehr gegolten hatte, zugleich und für dieselben Leute ist er aber auch der glaubwürdige Kronzeuge dafür, dass die Regierung die Meiler nur wegen der Wahlen abschaltet. Die deutschen Atomkraftwerke, die bis dahin als die sichersten der Welt gegolten hatten, sind offenbar doch nicht so sicher, als dass man sie weiterlaufen lassen kann, was die Frage aufwirft, wie man sie hat weiterlaufen lassen können, wo sie doch nicht sicher sind.

Zwölf Tage darauf verlieren CDU und FDP die Landtagswahlen in Baden-Württemberg und können die in Rheinland-Pfalz nicht gewinnen. Da Angela Merkel in ihrer Partei kaum mehr Kritiker hat, richtet sich die Aufmerksamkeit auf Guido Westerwelle. Es wird dieselbe Kritik an seinen Führungsfähigkeiten laut, die im Januar schon einmal laut geworden war, ohne dass sie damals zu seinem Rücktritt als Parteivorsitzender geführt hätte, weswegen die Kritik anschließend drei Monate lang ruhte, ohne dass sich an der Lage der Partei etwas geändert hätte. Nun wird Philipp Rösler neuer Parteichef, ohne allerdings ins sympathieträchtige Wirtschaftsministerium wechseln zu können, weil Rainer Brüderle, der plötzlich als Anwalt des für die Partei wichtigen Mittelstandes gilt, es nicht hergeben will.

Wird Verwirrung ernten

Achtundzwanzig Tage darauf kommt es in Abidjan, das offenbar die Hauptstadt der Elfenbeinküste ist, zu einer Entscheidungsschlacht, weil der Präsident Laurent Gbagbo sich weigert, seinen Palast zu verlassen, obwohl er seit vier Monaten abgewählt ist, was also bedeutet, dass es dort Wahlen gegeben haben muss, wovon der normale deutsche Zeitungsleser bisher ebenso wenig mitbekommen hatte wie von der Einführung eines Biosprits mit Namen E10. Unterdessen wird in Libyen weiter gekämpft, bleibt die Lage in Fukushima weiter kritisch, steht Amerika vorm Staatsinfarkt, steckt der Euro in der Krise und ist das Ozonloch über der Arktis auf eine bislang nie gekannte Größe gewachsen. Außerdem entdecken Forscher in einem Teilchenbeschleuniger in Chicago offenbar eine fünfte Naturkraft, ohne dass sich schon sagen ließe, welche Folgen das für unser Leben hat, jedenfalls wäre es eine Sensation.

Das sind alles keine kleinen Meldungen aus den Spalten der Zeitung oder vom Boulevard. Sie standen vorn, auf der ersten Seite, dem Titel, dem Anfang der Sendung. Es waren die Nachrichten der vergangenen vier Wochen. Doch in welchen Zusammenhang lassen sie sich stellen? Welcher Sinn sich hinter ihnen erkennen, außer dass im Moment offenbar sehr viel los ist in der Welt? Irre viel?

Wenn Oberstleutnant Wolfgang Röhlig seine Monatsübersichten schrieb, bewertete er alle aufgenommenen Nachrichten von einem klaren Standpunkt aus, dem Standpunkt eines Offiziers im Ministerium für Staatssicherheit. Für ihn waren die Massenmedien der Bundesrepublik Deutschland, solange sie sich mit der DDR beschäftigten, ausschließlich an „politisch-ideologischer Diversion“ interessiert, was in den Worten der Stasi hieß, „unsere Menschen aufzuhetzen, aufzuwiegeln und von den Positionen des Marxismus-Leninismus abzubringen, sie für seine Pläne reif zu machen.“

Die Welt ist, wie sie aussieht

Wenn Röhlig also eine Meldung über Lebensmittelknappheit im Bezirk Halle unterkam – „Schlange vor Fleischerei in der Innenstadt“ –, gesendet von irgendeinem Lokalradio nahe der Grenze, fragte er sich nicht, ob diese Meldung der Wahrheit entsprach. Er betrachtete sie nicht als Nachricht, sondern als Argument in einer Auseinandersetzung. In diesem Fall behauptete der Gegner, dass der Sozialismus nicht in der Lage sei, seine Menschen zu ernähren. Wurde die Meldung später von anderen Medien aufgegriffen, glaubte Oberstleutnant Röhlig weder an Zufall noch an journalistische Arbeit. Für ihn offenbarte sich lediglich der Plan, nach dem der Gegner das Argument verbreitete, um größtmöglichen Schaden anzurichten. Er hätte das genauso gemacht.

Die Medien der DDR waren einem ausgefuchsten System der Presselenkung unterworfen, bei dem es weniger darum ging, den Journalisten zu sagen, was verboten als vielmehr darum, was erlaubt war. Jeden Donnerstag wurden die wichtigsten Chefredakteure ins Zentralkomitee der SED gerufen, wo ihnen der Leiter der Abteilung Agitation bis hin zu Überschrift und Plazierung genau erklärte, wie mit welchem Thema umzugehen sei. Da ist es kein Wunder, wenn Oberstleutnant Röhlig die Massenmedien des Westens so auswertete, als würden sie genauso funktionieren. Vermutlich glaubte er daran, dass es in irgendeinem abgeschirmten Raum auf der anderen Seite jemanden gab wie ihn, der fingernägelkauend die Meldungen verfolgte, die, aus der DDR kommend, den Bundesbürgern von der Überlegenheit des Sozialismus kündeten. Am Ende sieht der Mensch, wenn er auf den anderen schaut, doch nur sich selbst.

Nun sind wir nicht Oberstleutnant Röhlig, sein Standpunkt kann nicht unsere Perspektive sein. Aber welche ist es dann?

Wer sich die Themen anschaut, die seit Anfang des Jahres von den Medien groß behandelt wurden, sieht Dioxin im Tierfutter, Westerwelle in der Krise, Aufstand in Arabien, der Rücktritt des Bundesbankchefs, die Doktorarbeit zu Guttenbergs, Ägypten, Libyen, Japan und Atom. Viele der Themen liefen über Wochen, einige davon zur gleichen Zeit, und über jedes wurden lauter Artikel geschrieben und Beiträge gesendet, zwischen deren Anfang und Ende sich Geschichten aufspannen, welche die Ereignisse erzählbar machen und ihnen einen Sinn verleihen. Mal sind sie Teil irgendeines Aufstiegs, mal eines Falls, entweder geht es für jemanden nach oben oder nach unten. Auf die Richtung kommt es dabei weniger an, solange nur Bewegung ist, und ist einmal keine Bewegung, wird auf ein anderes Thema umgeschaltet. Der Mechanismus dafür ist nicht neu, und unjournalistisch ist er auch nicht. Er lässt sich jeden Samstagnachmittag im Radio verfolgen, bei der Bundesligakonferenz.

Alles wird zugleich erzählt

Sie ist die gemeinsame Live-Schaltung aus allen Spielen der Bundesliga, die am Samstagnachmittag laufen. Pünktlich um 16.08 Uhr und damit kurz vor Ende der ersten Halbzeit melden sich die Reporter aus den Stadien. Es fängt irgendwo an, ein Reporter gibt eine Einführung zum Verlauf des Spiels, das er von Beginn an beobachtet, kommentiert noch eine Szene an, und von da an springt die Schaltung immer zu demjenigen seiner Kollegen, dessen Spiel im Moment die allergrößte Spannung verspricht. Manchmal verweilt sie dort so lange, bis sich die Situation im Strafraum geklärt hat oder der Eckball oder Elfmeter geschossen ist, manchmal aber wird ein Kollege aus einem anderen Stadion einfach mitten in den Kommentar hineingeschaltet, weil bei ihm gerade Entscheidendes passiert. Jemand schreit „Tor in Frankfurt!“, und fortan bestimmt sein Kommentar für eine Weile die Sendung, bis woanders ein Tor fällt und er sich wieder einreihen muss in die Riege derer, die im Hintergrund auf ihren Auftritt warten. Um 16.55 Uhr melden sich die Reporter dann zur großen Schlusskonferenz, die jedes Spiel bis zum Abpfiff begleitet, der, wie schon der Anpfiff, in allen Stadien jeweils ungefähr zur gleichen Zeit ertönt.

Im Grunde erinnert die Art, in der Medien über das Land und die Welt berichten, inzwischen an die Bundesligakonferenz. Man hört ständig Tore fallen, in Japan, Libyen, Portugal, bei Angela Merkel und der FDP, dabei gehören sie zu ganz unterschiedlichen Spielen, einige davon sind nicht einmal in derselben Liga. Trotzdem wirkt es derzeit, als sei das ganze Weltgeschehen zu einem einzigen Live-Ticker verschmolzen, der nur noch Katastrophen, Kriege und Krisen meldet, von denen es nun mehr zu geben scheint, als früher.

Aber stimmt das denn?

Das Problem dabei, die ganze Welt in einer einzigen Schaltkonferenz abzubilden, ist weniger, dass die Welt nicht am Samstag nach neunzig Minuten abgepfiffen wird, bevor dann wieder für eine Woche Ruhe herrscht. Das Problem ist vielmehr, dass man bei keinem Tor, das fällt, erfährt, wie genau es entstanden ist, genauso wenig wie man erfährt, was im Anschluss geschieht, es sei denn, es fällt im Anschluss noch ein Tor. Ansonsten wird umgeschaltet. Auf die Weise entstehen lauter Einzelereignisse, die ohne Vorgeschichte, scheinbar wie aus dem Nichts auftauchen.

Hauptsache: Alarm!

Da steckt auf einmal Dioxin in den Eiern, weil Hühner verseuchtes Futter gefressen haben. Aber wie dieser krebserregende Stoff dort hineinkam, warum er trotz früherer Skandale und verschärfter Kontrollen immer wieder dort auftaucht und was das darüber aussagt, wie wir die Dinge, die wir essen, produzieren lassen, das interessiert schon nicht mehr.

Da wird mit 700 Milliarden Euro auf einmal der Rettungsschirm für den Euro aufgespannt. Aber wer diese seltsam gesichtslosen Spekulanten sind, die ihn angreifen, bei welchen Banken sie arbeiten und was passieren muss, damit diese riesige Summe fällig wird, das erfährt man nicht, als müsse ein Risiko, das so massiv abgesichert wird, nicht diskutiert werden.

Da beugt sich auf einmal die gesamte deutschsprachige Internetgemeinde über die Doktorarbeit von Karl-Theodor zu Guttenberg und findet lauter unlauter kopierte Stellen. Aber dass dieser Verteidigungsminister kurz vorher noch die Wehrpflicht hat abschaffen lassen, ohne dass darüber groß gesprochen worden wäre, scheint kaum einer mehr zu erinnern. Gerade noch sollte er Kanzler werden, dann tritt er zurück und ist fast schon vergessen.

Und da können auf einmal Atomkraftwerke, die eben noch so unentbehrlich zu sein schienen, dass die Laufzeit verlängert wurde, vom Netz genommen werden, ohne dass im Land ein Licht ausgeht. Aber wie sich das erklärt, wird nicht gefragt.

Der große Vereinfacher

Die große, weltumspannende Echtzeitschaltkonferenz tickert, und stets leuchtet ein neues Lämpchen auf. Aber ist wirklich alles so in Bewegung geraten? Oder geht es uns wie Oberstleutnant Röhlig in seinem abgeschirmten Raum, und wir sehen nur, was wir sehen wollen – Alarm?

Alarm wird gegeben, wenn sofort gehandelt werden muss. Alle lassen alles stehen und liegen, rennen zur Stelle, an der Hilfe gebraucht wird und packen an. Nun sind wir aber weder in Japan noch in Libyen, wir waren an den Wahlen in der Elfenbeinküste nicht beteiligt, es dauert Jahre, ein Atomkraftwerk stillzulegen, und das Ozonloch versuchen wir seit langem zu schließen. Trotzdem wird Alarm gegeben.

Früher hat man Kindern gesagt, sie sollten nicht „Feuer“ rufen, wenn es nicht brennt, weil sonst niemand mehr kommt, wenn es wirklich so ist. Vielleicht stimmt das heute gar nicht mehr. Vielleicht hören wir heute nicht mehr Alarm, wenn sofort gehandelt werden muss, weil das inzwischen ohnehin nur die wenigsten Dinge löst. Wir hören Alarm, weil der Alarm alles andere, jeden komplizierten Zusammenhang, jedes moralische Problem, jede anstrengende Denkaufgabe, für einen Moment ausblendet, im Daueralarm für ewig.

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Jahrgang 1974, Redakteur für das Feuilleton in Berlin.

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