21.12.2009 · Als Irina in „Drei Schwestern“ entscheidet sich Kathleen Morgeneyer für die Vernunft und gegen die Liebe. Sie selbst fände es furchtbar, die Hoffnung zu lieben aufzugeben. Ein Gespräch über das schönste aller Gefühle auf der Bühne und im Leben.
Als Irina in Tschechows „Drei Schwestern“ entscheidet sich Kathleen Morgeneyer für die Vernunft und gegen die Liebe. Sie selbst fände es furchtbar, die Hoffnung zu lieben aufzugeben. Mit der Schülerin Katrin Hiß sprach sie über das schönste aller Gefühle auf der Bühne und im Leben.
Frau Morgeneyer, sind Sie gerade verliebt?
Ja! Mein Freund lebt in Berlin, wir fahren hin und her, seit drei Jahren sind wir zusammen. Das habe ich mir immer gewünscht, danach habe ich mich sehr gesehnt, nach einer Beziehung, die länger währt. Jetzt ist es wundervoll. Gibt es bei euch am Gymnasium viele Paare?
Ja, die gibt es. Aber bei uns in der Schule geht eigentlich alles querbeet durcheinander. Wir haben auch Paare in den Kursen, die streiten sich natürlich auch mal, sind eifersüchtig, das kriegen alle mit. Manchmal ist das dramatisch.
Was versteht ein siebzehnjähriges Mädchen wie du unter der Liebe?
Herzklopfen, den Verstand verlieren, nicht mehr schlafen, nicht mehr denken, nicht mehr essen können. Wenn die Welt plötzlich auf dem Kopf steht. Dann ist alles Sehnsucht. Das ist Liebe.
Das klingt, als seist du verliebt.
Ja, seit zwei Wochen! Mir ist aufgefallen, dass die Liebe im Theater immer irgendwie dramatisch ist. Finden Sie, dass sie das auch im Leben sein muss, damit sie eine richtige Liebe ist?
Ich glaube, dass die Liebe auch im echten Leben dramatisch ist. Liebe ist doch das dramatischste Gefühl, das wir überhaupt haben können!
Was verstehen Sie unter Dramatik?
Lebenslust, einen Lebenshunger, Erfahrungen mitzunehmen, die uns aufwühlen, unser Innerstes berühren. Bei meinem Freund und mir geht es immer noch dramatisch zu, ein Auf und Ab der Gefühle. Das finde ich nicht negativ, im Gegenteil, das macht doch den Kern der Liebe aus. Das Leben an sich ist dramatisch. Man hat Schmerzen, leidet, ist glücklich. In der Liebe konzentriert sich alles. Wenn man sich in einen Menschen verliebt, fühlt man sich selbst ja auch stärker. Durch Liebe lernt man sich selber besser kennen, auch durch zurückgewiesene Liebe. Dramatische Liebe ist die größtmögliche Lebendigkeit, ohne einander zu zerstören.
Dann ist es Ihnen doch bestimmt schwergefallen, die Irina in Tschechows „Drei Schwestern“ zu spielen, die ja aus vernünftigen Gründen heiratet und nicht wegen der Liebe.
Ja, das war schwierig für mich, sie zu spielen, und erst ging es gar nicht. Irina heiratet Nikolai, obwohl sie ihn nicht liebt. Sie entscheidet sich für die Vernunft und gegen die Liebe. Die Regisseurin hat immer gesagt: „Du gibst jetzt deinen Traum auf“, und ich habe immer gesagt, „nein, ich kann den Traum nicht aufgeben“. Aus der Logik der Figur heraus ist es zwar eine vernünftige Entscheidung, aber das ist doch furchtbar, die Hoffnung zu lieben aufzugeben, das muss so weh tun! Ich habe mir dann eben gesagt, dass Irina bewahren wird, was sie in sich trägt, und irgendwann wird sie diesen Traum auch leben. Ich habe das Stück einfach weitergesponnen. Das hat mich mit Irina versöhnt.
Ich finde das auch eine schreckliche Vorstellung, aus vernünftigen Gründen zu heiraten. An Vernunft denkt meine Generation bei der Liebe gar nicht. Ohne Dramatik ist doch die Liebe gar keine Liebe! Welche Rolle einer Liebenden hat Sie bisher am meisten berührt?
Als ich im Theater anfing, vor dreieinhalb Jahren in Düsseldorf, war mein erstes Stück „Othello“, da war es leider schwierig für mich herauszufinden, was die Liebe – oder Nichtliebe – zwischen Desdemona und Othello ausmacht. Aber dann habe ich mit Oliver Reese „Treulose“ von Ingmar Bergman in Düsseldorf gemacht. Ich spielte da ein Kind, das Vater und Mutter verliert. Diese Liebe zum Vater hat mich sehr berührt. Und jetzt mit der „Möwe“ ist es auch so. Da geht es um komplizierte Liebeskonstellationen zwischen verschiedenen Menschen. Im Moment ist „Die Möwe“ für mich das prägendste Stück. Es zu spielen ist jedes Mal eine riesige Herausforderung.
Wenn Sie wie in der „Möwe“ oder in anderen Stücken eine Liebende spielen, verlieben Sie sich da auch manchmal in Ihre Partner?
Ja, man verliebt sich immer auch ein bisschen in die Partner, geht aber natürlich nicht in die Ecke und knutscht. Man arbeitet eben sehr eng zusammen. Manchmal ist man schon ergriffen und denkt sich, wie schön ist doch dieser Mann oder wie anmutig ist diese Frau. Bei den Proben erlebt man sich so intensiv und schutzlos, wie man nicht einmal seinen Partner erlebt. Man sieht den Menschen in seiner ganzen Verletzbarkeit und Schönheit, manchmal auch in seiner Dummheit und Unfähigkeit. Zwischen den Menschen auf der Bühne passiert immer etwas. Man guckt seinen Partner schließlich bei den Proben wochenlang mit einem bestimmten Gefühl an. Dieses Gefühl kann Hass sein, Liebe, Eifersucht, Gleichgültigkeit, Wut. Das lässt einen nicht unberührt.
Gibt es eine Frauenfigur in der Theaterwelt, deren Art zu lieben Sie bewundern?
Ich finde Maria Stuart ganz toll, als Figur, sie ist eine heißblütige Frau mit mehreren Liebhabern, aber wie sie genau liebt, weiß ich nicht genau, weil ich sie nicht gespielt habe. Lulu bewundere ich, Nora, Medea, Salomé . . . Ich würde auch gern Desdemona irgendwann noch einmal spielen. Wie sie mit dem Feuer spielt, ohne es zu wissen vielleicht. Es gibt so viele Frauenfiguren, die mich in ihrer Liebesfähigkeit faszinieren. Aber so richtig fühlen kann ich es erst, wenn ich es gespielt habe, glaube ich. Und selbst dann liegt es außerhalb von einem selbst, was dann auf der Bühne passiert.
Ist es für Sie nicht ernüchternd, aus einer Welt voller leidenschaftlicher Lieben aufzutauchen und dann durch unsere Straßen zu gehen?
Manchmal passiert es mir, dass ich Paare beobachte. Manche scheinen teilnahmslos nebeneinander herzulaufen. Ich frage mich oft, was macht die Beziehung zwischen zwei Menschen aus? Wie sind sie ein Paar geworden? Streiten sich Paare laut in der Öffentlichkeit, sieht das schrecklich aus und man urteilt schnell, aber was genau zwischen diesen Menschen passiert, weiß man nicht. Ich glaube, es geht, was die Liebe betrifft, wieder in eine konservative Richtung, man lernt sich kennen, heiratet, kriegt Kinder, wagt nicht, auszubrechen. Das finde ich sehr schade.
Ich bin jetzt in der zwölften Klasse, und wenn ich mir die Mädchen in der fünften Klasse angucke, habe ich nicht das Gefühl, dass es konservativer wird. Die sind heute doch sehr freizügig, ziehen sich sexy an, haben Freunde und knutschen in der Pause. So waren wir nicht.
Der Druck kommt erst später. Die Erwartungshaltung der Gesellschaft ist sehr groß, die Wege, die gemeinhin als gesellschaftlich anerkannt gelten, schmal. Ich finde, das gilt auch für die Liebe. Es wird einem viel mehr Angst vor der Zukunft gemacht als Mut. Ich bin mit siebzehn nach Berlin abgehauen, habe die Schule geschmissen und mit Freunden in besetzten Häusern gewohnt. Das war 1996 und Berlin eine Traumstadt. Es war wie eine riesengroße Welle damals, die die Gesellschaft auf den Kopf stellte, und mitten in dieser Welle war ich. Über der Stadt lag so eine Lebens- und Liebessucht.
Vielleicht können wir ja, was die Liebe betrifft, vom Theater lernen?
Sich gegenseitig mitzuteilen, was man fühlt und denkt, da ist das Theater doch toll, ich fände das schöner, wenn die Leute auf der Straße eher so miteinander umgingen als mit dieser Nüchternheit. Es ist auch schön, wenn die Leute ein Stück gesehen haben, und sich danach über die Liebe unterhalten. Ich habe auch Angst vor einem Leben, das in starren Bahnen verläuft, aber jeder hat sein Leben ja selbst in der Hand.
Wir brauchen also wieder mehr Leidenschaft in der Liebe?
Ja, das wäre doch schön!