20.12.2009 · Humor in der Literatur bringe ihn zum Schwingen, sagt der Bankier Friedrich von Metzler, aber er sei etwas einseitig geworden, weil ihn die Bank so sehr interessiere. Mit dem Schüler Samuel Monthuley streitet er über den Reichtum des Lebens.
Humor in der Literatur bringe ihn zum Schwingen, sagt der Bankier Friedrich von Metzler, aber er sei etwas einseitig geworden, weil ihn die Bank so sehr interessiere. Mit dem Schüler Samuel Monthuley streitet er über den Reichtum des Lebens.
Herr von Metzler, für was in Ihrem Leben brauchen Sie eigentlich Geld?
Wir brauchen Geld, um die Unabhängigkeit unserer Bank zu erhalten. Die Unabhängigkeit steht für unsere Mitarbeiter und unsere Kunden im Vordergrund. Und für die Familie, die mit der Bank gelebt hat und durch sie zusammengehalten wurde. Ein Unternehmen hält eine Familie zusammen, wenn man es richtig macht.
Aber Sie geben doch nicht nur für Ihre Bank Geld aus.
Ich finde es beruhigend, dass ich mir keine Sorgen um meine Absicherung im Alter machen muss. Ich weiß, dass viele Menschen zurechtkommen müssen mit wenig Geld. Außerdem ist es wunderbar, gestalten zu können. Das kann man zwar auch ohne Geld, aber mit kann man mehr tun.
Können Sie sich eine Gesellschaft ganz ohne Geld vorstellen?
Ganz früher hatten wir die Tauschgesellschaft. Das ist enorm kompliziert, und ein reibungsloses Wirtschaftswachstum wird erst durch Geld möglich. Dann kamen die Münzen. Als Goethe nach Weimar kam, musste er vorher durch zig Währungsgebiete reisen. Papiergeld gab es noch nicht. Das war zwar keine Tauschgesellschaft mehr, aber das Wirtschaften war wegen der verschiedenen Münzsorten trotzdem noch kompliziert. Unsere Bank ist auch deshalb groß geworden, weil wir Münzspezialisten waren. Doch Industrie konnte sich erst entwickeln, als es Banknoten gab, Zettelgeld. Eine Welt ohne Banknoten ist heute unvorstellbar.
Sie haben gesagt, ein Unternehmen kann eine Familie zusammenhalten. Aber gibt es nicht andauernd Streit ums Geld? Scheidungen, Familienfehden, Erbstreitigkeiten, selbst Kriege?
Geld kann sehr viel kaputtmachen. Es gibt schnell Streit über materielle Werte in einer Familie, und es kann leicht passieren, dass sich jemand benachteiligt fühlt, obwohl er es gar nicht ist. Deshalb muss man sehr offen miteinander sprechen. Und man muss den jungen Leuten früh klarmachen, was für Möglichkeiten sie haben durch ihr Erbe. Man muss ihnen aber auch ihre Verantwortung aufzeigen. Wenn man sie früh heranführt, dann kann es passieren, dass man eine Familie mehr als 300 Jahre durch eine Bank zusammenhält. Aber es stimmt schon, das ist nicht leicht. Haben Sie Geschwister?
Ja.
Wie viele?
Zwei.
Und verstehen Sie sich gut?
Ab und zu verstehen wir uns schlecht, im Großen und Ganzen aber gut.
Und Ihre Eltern kümmern sich darum?
Ja, tun sie.
Sehen Sie, das ist ganz wichtig. Man muss sich um die Familie kümmern. Ich habe einmal gesagt, man müsse sie auch managen, aber das hat unserem Sohn nicht gefallen. Seither sage ich kümmern.
Wenn man mal über die eigene Familie hinausschaut: Wie muss die Welt konstruiert sein, damit es keinen Streit darüber gibt, wer wie viel besitzt?
Die Soziale Marktwirtschaft ist in dieser Beziehung eine wunderbare Erfindung. Es gab früher Unternehmer, die waren sozial, und Unternehmer, die waren es nicht. Das gibt es auch heute noch. Aber in der Sozialen Marktwirtschaft müssen sie sich sozial verhalten. Zur Sozialen Marktwirtschaft gehört aber auch die Freiheit der Wirtschaft, sonst funktioniert’s nicht. Meine Furcht ist, dass man den Sozialstaat überfrachtet. Daraus resultiert eine große Verschuldung; alles Lasten, die Ihre Generation tragen muss!
Lassen Sie uns über Werte sprechen. Was sind für Sie als Bankier materielle und was sind immaterielle Werte?
Immaterielle Werte sind solche, die wir hier in der Bank zu leben versuchen. Dass wir ein gutes Betriebsklima haben, dass die Mitarbeiter gerne herkommen, dass wir Achtung vor der Leistung des Kollegen oder Mitarbeiters haben, dass man selbst für seinen Vorgesetzten noch verantwortlich ist. Ein menschlicher Umgang eben, der sich nicht nur in Gehältern messen lässt. Man kann auch von Ethik sprechen, aber ich will gar nicht so hoch greifen. Wenn wir einen Mitarbeiter einstellen, achten wir auf seinen Charakter. Wir fragen nicht nur, was er kann, wir stellen ihn nicht nur ein, weil wir denken, der macht uns Geschäft.
Mal anders gefragt: Was kann man mit Geld kaufen, was nicht?
Kaufen kann man Wissen. Aber Charakter kann man nicht kaufen.
Und sonst? Was macht Sie glücklich, das aber nichts kostet?
Literatur. Goethe. Klassische Literatur. Oder Humor in der Literatur. Das bringt mich mehr zum Schwingen als Musik. Aber leider vernachlässige ich das heute, weil mich noch etwas anderes glücklich macht: die Bank. Ich bin etwas einseitig geworden, weil mich die Bank so sehr interessiert. Schon als ich zur Schule ging, habe ich meinen Vater ausgefragt, wie das hier läuft, was er den ganzen Tag tut.
Was an der Bank ist es, das sie glücklich macht?
Die Mitarbeiter und die Kunden. Wenn mich jemand fragt, warum ich hier arbeite, dann sage ich, wegen der Menschen. Mich interessieren Menschen einfach. Ich bin begeistert, wie unterschiedlich sie sind. Wenn zum Beispiel Handwerker zu uns kommen, fasziniert mich immer wieder, was die alles können.
Die Menschen in der Bank machen Sie also glücklicher als das Geld verdienen?
Ja, ganz eindeutig.
Soll ich als junger Mensch unvernünftig sein und meinem Herzen folgen oder lieber einen Weg einschlagen, der ein sicheres Einkommen verspricht?
Ich glaube beides. Warum sollte sich das ausschließen?
Weil man doch sagt: Geld oder Liebe.
Es gibt Menschen, die haben ein großes künstlerisches Talent. Sagen wir mal: ein Sänger. Er muss seinem Weg folgen, und da gibt es nicht so viele Möglichkeiten, den Beruf auszuüben. Entweder er schafft es an die Spitze oder nicht. Das ist eine sehr unsichere Laufbahn. In einer Bank dagegen brauchen wir viele unterschiedliche Begabungen. Die analytischen genauso wie die kreativen Köpfe. Man weiß am Anfang oft noch nicht, für was man sich eignet. Manche machen dann eine steile Karriere, andere sind sehr zufrieden mit ihrem Arbeitsplatz, so wie er ist.
Wenn es nicht das Geld ist: Was ist dann wertvoll im Leben?
Drei Dinge: einmal den richtigen Partner fürs Leben zu finden, das ist das Allerwichtigste. Zweitens die Kinder und drittens, dass man im Beruf glücklich ist. Das kann in jedem Beruf sein, man muss nur seine Berufung finden – und das hängt bestimmt nicht vom Geldverdienen ab. Es gibt sicher auch Menschen, die hauptsächlich Vermögen anhäufen wollen. Das sind wir hier nicht. Aber auch wir wollen die Geschäfte gut führen, damit die Bank unabhängig bleiben kann. Und natürlich, das gebe ich zu, wollen wir schön leben. Nicht exzessiv, nicht verschwenderisch, aber wenn man ohne Geldsorgen leben kann, ist das ein Riesenglück im Leben.
Sind reiche Menschen nicht trotzdem immer ein bisschen glücklicher als Arme?
Oh, was habe ich in meinem Leben unglückliche, reiche Menschen gesehen! Es gibt bestimmt Menschen, die glücklich sind durch Geld. Aber ich habe furchtbar viele gesehen, die unglücklich waren, obwohl sie Geld hatten. Manchmal sind solche Leute auch besonders einsam. Ich wäre sicher unglücklich, wenn ich durch Geld angetrieben würde. Das ist doch entsetzlich! Dann muss man immer mehr haben. Man sieht, der andere hat mehr, und fragt sich: Warum ich nicht? Andere Firmen verdienen viel mehr Geld als wir, manchmal sage ich leider, aber grundsätzlich stört uns das nicht. Wir haben keine nur vom Bonus getriebenen Mitarbeiter. Es passen auch nicht alle Kunden zu uns. Den kurzfristigen Spekulanten können wir nicht beraten. Wir können den beraten, der langfristig orientiert ist, der sein Geld bewahren und stetig vermehren will. Das ist schon schwer genug, und es macht glücklicher als das schnelle Geld.
Wenn man mehr Geld verdient als die Freunde von früher – wird es schwierig, die Freundschaft aufrechtzuerhalten?
Bei uns überhaupt nicht. Wir haben eine große Heterogenität unter unseren Freunden und Bekannten. Jung und Alt, aus allen Schichten der Bevölkerung. Nur das ist ja auch interessant. Derjenige wird unglücklich, der durch Geld seine Freunde verliert.
Warum waren die reichen Menschen, die Sie getroffen haben, unglücklich?
Dafür gibt es sehr vielfältige Gründe. So wie bei Dagobert Duck: Er empfindet nur Glück durch mehr Geld. Wie schal! Wer nur durch Geld glücklich werden will, der wird unglücklich. Wenn Sie keine Frau haben, die Sie lieben, keine Kinder . . . Oder Sie haben Kinder, die aber missraten sind, weil sich niemand um sie kümmert. Oder weil sich jemand zu sehr kümmert, Druck ausübt und sagt: Du musst werden wie ich. Das macht unglücklich, da nützt auch viel Geld nichts.
Geht es aber nicht ständig um das Streben nach mehr?
Wachstum ist ein Teil der Natur. Wir wollen, dass die Bank besser wird, dass wir mehr Kunden haben, dass wir mehr verdienen, dass wir wachsen. Wir haben das Ziel, gut zu wirtschaften, was sich dann auch in einem höheren Gewinn spiegelt. Aber es gibt Zeiten, in denen man sehr viel verdient, und solche, in denen man wenig verdient – durch den Markt oder weil man Fehler gemacht hat. Man wird übrigens auch dann unglücklich, wenn man meint, keine Fehler machen zu dürfen. Das ist ein furchtbarer Druck.
Gibt es für das Streben, das Sie beschreiben, gar keine Grenze?
Der Gründer von Ikea hat mal gesagt: Glück ist, unterwegs zu sein. Natürlich haben wir ein Ziel. Aber nie ein endgültiges. Dass wir immer noch etwas wollen, ist der Antrieb für unsere Gesellschaft und unser Wirtschaftssystem.
Wo das hinführen kann, haben wir gesehen. Zeigt die Krise nicht, dass es doch nicht so gut ist, immer mehr zu wollen?
Verzeihung, so pauschal dürfen Sie das nicht sagen. Es gibt immer Krisen, und wir werden noch weitere erleben. Die Gründe sind unterschiedlich. Aber es stimmt, vielleicht haben die großen Wirtschaftskrisen gemeinsam, dass der Mensch zu viel will, zu viel erstrebt. Er fängt an zu spekulieren, hat zunächst Erfolg und verliert den gesunden Menschenverstand. Wenn einige zu sehr getrieben werden, ja vielleicht durch Gier, dann machen es viele nach, weil sie denken, dass es einfach sei, Geld zu verdienen.
Und jetzt muss ich die Schulden abtragen, die gierige Banker angehäuft haben. Ist das gerecht?
Absolute Gerechtigkeit gibt es nicht, und wenn jemand absolute Gerechtigkeit anstrebt, wird es furchtbar ungerecht. Aber Sie sind immer ein Teil des Ganzen. Freuen Sie sich mal, dass Sie heute leben! Es gab kein Jahrhundert, in dem die Deutschen und die Europäer so gut gelebt haben wie heute. Doch dafür haben Sie natürlich mitzutragen, was um sie herum passiert. Aber gucken Sie mal: Die Generation vor mir – was hat die denn gehabt? Der ist der Krieg aufgebürdet worden, die hatten die Wirtschaftskrise in den dreißiger Jahren. Stellen Sie nicht die Frage, ob das gerecht ist, stellen Sie lieber die Frage, wie Sie es besser machen können.
Dennoch: Könnten nicht einfach diejenigen, die trotz Krise noch reich sind, den anderen etwas abgeben?
Ich glaube, das tun wir schon. Einmal durch unser Steuersystem und zum anderen: Es gab noch nie so viel Bürgersinn, solch eine hohe Spenden- und Gestaltungsbereitschaft wie heute. Wenn Sie das aber systematisch durch die Politik ersetzen wollen, müssen sie aufpassen, dass sie die Menschen nicht zu sehr belasten, sonst weichen sie aus oder verlieren ihr Engagement. Ein freiwilliger Aufruf wäre vielleicht interessant. Aber die, die was geben wollen, tun das sowieso. Wir leben in einer besseren Gesellschaft, als die meisten wahrnehmen.