06.10.2010 · Wenn Politiker von „hilfreichen“ und „nicht hilfreichen Büchern“ sprechen, zeigt das eines: Sie rechnen mit der Literatur als Aufmischerin unserer Borniertheiten, die der politischen Lösung sozialer Konflikte regelmäßig im Wege stehen. Recht so.
Von Christian GeyerSoll man es Politikern verdenken, wenn sie die Welt der Bücher in hilfreiche und weniger hilfreiche Exemplare einteilen? So indiskutabel dieses nutzenbezogene Kriterium als literarisches Urteil ist, so hat es auch sein Gutes. Gibt doch jeder Politiker auf der Suche nach dem hilfreichen Buch zu erkennen: Die Politik erwartet noch etwas von der Literatur, sie rechnet mit ihr als der großen Aufmischerin unserer Eindimensionalitäten und Borniertheiten, die der politischen Lösung sozialer Konflikte regelmäßig im Wege stehen.
Lapidarer gesagt: Politiker sind sich bei wachsender Zahl der Nichtwähler bewusst, dass sie leidenschaftliche Debatten schon lange nicht mehr aus eigener Kraft entfachen können, dass es dazu vielmehr immer öfter der Bestseller aus dem literarischen Betrieb bedarf, wie zuletzt das Beispiel Thilo Sarrazins zeigte. Man muss jedenfalls nicht gleich mit Henryk Broder vor den Sprachregelungen der Reichsschrifttumskammer warnen, wenn das politische Personal, wie ungelenk auch immer, einmal wieder öffentlich seine Lesefrüchte auswertet. Wie könnte, für Politiker gefragt, also ein Buch aussehen, um es ohne Blamage als das hilfreichste Buch dieser Büchersaison zu bezeichnen?
Solch ein Buch müsste helfen, Politik an die Stelle von Schicksalsgläubigkeit zu setzen. Es müsste der Illusion begegnen, politische Rationalität sei nur als politische Eindeutigkeit zu haben und zeige sich nicht im Gegenteil als rechtskonforme Vermittlung zwischen verschiedenen Präferenzordnungen, die in einem Gemeinwesen anzutreffen sind.
Eine antideterministische Pointe
Der Wirtschaftsnobelpreisträger und Harvard-Philosoph Amartya Sen nimmt in seinem neuen Buch „Die Idee der Gerechtigkeit“ den Begriff des rationalen Trottels wieder auf, mit dem er schon vor zwanzig Jahren davor warnte, Politik über den Leisten eines einzigen Identitätsmerkmals zu schlagen, sei es die Religion, die Nation oder eine vermeintlich fixe westliche Werteordnung - fix in dem Sinne, dass die politischen Lösungen, die sie für die Gesellschaft von vor zwanzig Jahren hervorbrachte, auch die politischen Lösungen für die Gesellschaft in zwanzig Jahren sein werden. In solcher Fixierung sieht Sen die Entmachtung des Politischen am Werk.
Die antideterministische Pointe, die ihn zu einem hilfreichen Autor, zum womöglich hilfreichsten Autor dieser Saison macht, entwickelt Sen unter dem Stichwort der Identitätsfalle. In die gerät jeder, der Menschen auf eine singuläre Zugehörigkeit festnagelt, indem er seine eigene Identität oder die der anderen etwa exklusiv religiös bestimmen möchte und dabei übersieht, dass Bürger aus einer Vielzahl von individuellen und kollektiven Antrieben heraus leben, ohne dass dies ihre Pflicht, sich persönlich an die Gesetze zu halten, aufheben könnte. Wer Sen als Handreichung für Integrationsbeauftragte nimmt, liest den Appell mit, die Religion abzuwerten und aufzuhören, alle anderen Währungen - soziale, kulturelle, politische - in diese eine zu wechseln.
Entwurf einer kulturellen Geschäftsgrundlage
Über den Ausgleich, den es zwischen Minderheitenrechten und Mehrheitsvoten einer Demokratie herzustellen gilt, schreibt Sen, der Bürger Indiens, in der „Idee der Gerechtigkeit“: „Die Wirkung sektiererischer Demagogie kann nur dadurch entschärft werden, dass man ihr umfassendere, die spaltenden Grenzen überschreitende Werte entgegensetzt. Das Gelingen dieser Aufgabe hängt entscheidend von der Erkenntnis ab, dass jeder Mensch vielfache Identitäten hat, von denen die Religionszugehörigkeit nur eine ist; zum Beispiel gehören Hindus, Muslime, Sikhs und Christen in Indien nicht nur alle zur gleichen Nation, sondern sie können auch andere Gemeinsamkeiten haben; die gleiche Sprache, Literatur, den gleichen Beruf, Wohnorte und viele andere Gruppenzugehörigkeiten.“
Sen leugnet nicht die unübersehbaren Probleme der Multikulturalität, sondern stellt die Frage, was aus ihnen politisch folgt. Statt die Uhr der Globalisierung zurückdrehen zu wollen, setzt er auf die kulturelle Freiheit, sich auch gegen Elemente seiner Herkunftskultur zu entscheiden, sofern sie der Verfassungstreue entgegenstehen. Das setzt voraus, sich von einem Identitätsverständnis loszusagen, wonach Religion das Recht brechen könnte. Kultur taugt nicht als Kampfparole, sobald sie ihres relativen Charakters innewird. Die Relativierung fremder wie eigener Kultur, nicht unserer Verfassung, ist für Sen denn auch der erste Schritt für jene Empathie, die nötig ist, um die globalisierten Märkte, ihre Eigentumsformen und Ressourcenzugänge gerechter zu machen. Fragt sich: Relativierung woraufhin? Auf jene universalistischen Prinzipien hin, die - so Sen - aus der westlichen Sorge vor Kulturrelativismus leider nicht immer sprechen.
Radikaler könnte das Gegenprogramm zu einem politischen Gemeinwesen nicht ausfallen, das die Bürger auf ihre Herkunft festlegen möchte, sei es der Gene oder Gebräuche. Um Missverständnissen vorzubeugen: Sen wartet nicht mit politischen Patentrezepten auf. Er hat die kulturelle Geschäftsgrundlage entworfen, damit Integration kein Verfahren der natürlichen Auslese wird. Man braucht in Amartya Sen nicht den Anti-Sarrazin zu sehen, um ihn einen hilfreichen Autor zu nennen.
Und "Multikulti" ist doch hilfreich?!
Wolfgang Meyer (kritzel3)
- 06.10.2010, 16:36 Uhr
Hilfreiches Buch
Ekke Hoffmann (EkkeHoffmann)
- 06.10.2010, 18:48 Uhr