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Friedenspreis des Deutschen Buchhandels Worte als Wegweiser

 ·  Bei der Entgegennahme des Friedenspreises des deutschen Buchhandels erinnert der israelische Schriftsteller David Grossman an die fragile Identität seiner Nation. Und Laudator Joachim Gauck rühmt seinen Einsatz für eine Versöhnung zwischen Israel und Palästina.

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Für die meisten von uns, ob Kinder oder Erwachsene, blieben die Opfer der Geschichte zwar schlimme, doch letztlich leere Zahlen, sagte David Grossman neulich im Gespräch, solange wir sie nicht mit einer konkreten Person verbinden können. Um zum Beispiel bei der Erwähnung der sechs Millionen Opfer der Schoa wirklich etwas zu empfinden, brauche es Menschen, wie Anne Frank einer war.

Für viele Leser ist Uri, David und Michal Grossmans Sohn, der am 12. August 2006 in den letzten Stunden des zweiten Libanon-Kriegs von einer Rakete der Hisbollah getötet wurde, ein solcher Name, der den Nahost-Konflikt bedrückend konkret macht - ob bei den täglichen politischen Nachrichten oder bei der Lektüre der Romane, Essays und Artikel seines Vaters. Vor Interviews bitten Grossmans Agentin und Verlage in der Regel darum, den Schriftsteller nicht auf den Verlust seines Kindes anzusprechen. Umso bewegender war es, als David Grossman jetzt in seiner Dankesrede zum Friedenspreis auf ihn zu sprechen kam: „Stellen Sie sich einen jungen Mann am Anfang seines Lebenswegs vor, mit all seinen Hoffnungen, seinem Feuer, seiner Lebensfreude, mit der Arglosigkeit, dem Humor, den Wünschen eines jungen Mannes. So war er. Und so waren Tausende und Abertausende anderer Israelis, Palästinenser, Libanesen, Syrer, Jordanier und Ägypter, die ihr Leben in diesem Konflikt verloren haben und weiterhin verlieren.“

Laudator Gauck liegen die eigenen Themen näher

Schon in diesen wenigen Sätzen gibt sich der Charakter von Grossmans Literatur, der Wille zu hoher Emotionalität und gerechter Rationalität zu erkennen. Doch während den Autor in seiner Ansprache das Bewusstsein leitete, dass bestimmte Worte, „wenn sie von einem jüdischen Menschen und einem Israeli in Deutschland gesagt werden“, einen anderen Resonanzraum bekommen als anderswo, schien seinem Laudator Joachim Gauck wenig bewusst, dass bestimmte Reden, wenn sie von einem deutschen evangelischen Pastor in der Frankfurter Paulskirche auf einen israelischen Schriftsteller angestimmt werden, auf andere Erwartungen treffen als eine Sonntagspredigt.

Mit der geschmeidigen Eloquenz desjenigen, der auf der Kanzel in seinem Element ist, bewies Gauck im restlos besetzten Rund der Paulskirche zwar, dass derzeit wohl niemand im Land die Kunst der öffentlichen Rede besser beherrscht als er. Doch die Aufgabe, sich zu diesem Anlass von seinem großen Thema, dem friedlichen Wandel von 1989, zu lösen und statt dem Lebensthema des Bürgerrechtlers die Besonderheit des Preisträgers herauszuheben, blieb unerfüllt. Mit der Wendung „Du stehst vor deinem Goliath, dem alltäglichen Hass - nicht einmal wie früher mit einer Steinschleuder. Aber du bist David“, erklärte Gauck Grossman zwar zu einem Mutmacher von biblischem Format, doch von dem wesentlichen Anteil, den Grossmans Sprache daran hat, war nicht die Rede. Gauck ging es um Grossman als Repräsentant eines bedrohten Volks und um die von ihm verkörperte Möglichkeit eines kritischen Patriotismus, der Heimatliebe und Solidarität nicht mit blinder Identifikation verwechselt. Denn die Frage sei: „Haben wir den Mut, uns dem Anderen zu nähern, mit ihm solidarisch oder ihm treu zu bleiben, auch wenn unser Wir gekränkt, verletzt, bedroht ist und sich die Reihen schließen?“

Die Nation als perpetuum mobile

Dass sein Leben und seine Bücher sich gegen Apathie und Abstumpfung richten, offenbarte David Grossmans Dankesrede, die die Zuhörer, darunter die Politiker Christian Wulff, Richard von Weizsäcker, Norbert Lammert, Volker Bouffier, Annette Schavan und Hausherrin Petra Roth, aber auch die ehemaligen Friedenspreisträger Alfred Grosser, Friedrich Schorlemmer und Karl Dedecius sowie die Schriftsteller Ruth Klüger, Katharina Hacker, Carolin Emcke, Martin Mosebach, Rüdiger Safranski und Albert Ostermaier, spürbar ergriff. In seiner schönen, klaren Sprache beschrieb Grossman die Herzkammern seines Werkes. Seine Schilderung des unerträglichen Umstands, dass der Staat Israel im zweiundsechzigsten Jahr seines Bestehens noch immer keine festen Grenzen hat, erhielt in dem historischen Rahmen der Paulskirche besondere Wucht: „Wer keine klaren Grenzen hat, gleicht einem, in dessen Haus sich die Wände fortwährend bewegen; einem, der kein wirkliches Zuhause hat. Trotz seiner großen militärischen Stärke ist es Israel nicht gelungen, seinen Bürgern jenes natürliche, entspannte Gefühl zu geben, das ein Mensch hat, der sicher in seinem Land wohnt.“

Zu der Entschiedenheit, mit der Grossman seit Jahren für eine Zwei-Staaten-Lösung eintritt, gehört der Versuch, diesen schwierigen und schmerzhaften Weg für den Einzelnen in der Sprache gedanklich vorzuzeichnen. Als er nach dem Tod seines Sohnes Uri wieder zum Schreiben zurückgekehrt sei und stundenlang nach dem richtigen Wort für ein ganz bestimmtes Gefühl gesucht habe, sei er zunächst erstaunt gewesen, dass etwas „so Geringfügiges“ ihn überhaupt beschäftigte. „Doch als ich das richtige Wort gefunden hatte, empfand ich eine Befriedigung, von der ich geglaubt hatte, ich würde sie nie mehr im Leben empfinden können: das Gefühl, in dieser chaotischen Welt eine Sache so zu machen, wie sie gemacht werden muss.“

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Jahrgang 1974, verantwortliche Redakteurin für Literatur und Literarisches Leben.

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