06.10.2010 · Vom Abfall ins Bücherregal: Wie der Dichter Washington Cucurto und sein Kollektiv „Eloísa Cartonera“ aus dem argentinischen Wirtschaftszusammenbruch eine Tugend machten - und damit die lateinamerikanische Publikationslandschaft umkrempeln.
Von Florian BorchmeyerWenn jemand einem Verleger sagt, sein gesamtes Programm bestehe nur aus Müll, dürfte das die schlimmste aller möglichen Beleidigungen sein. Das Gegenteil gilt für Washington Cucurto: Er ist stolz darauf, als erster Verleger der Welt ausnahmslos Müll zu publizieren. Dabei überbietet der Katalog seines Hauses „Eloisa Cartonera“ inzwischen qualitativ selbst die feinsten Verlage. Denn nicht der Inhalt ist „Trash“, die Bücher selbst sind es: gefertigt aus den leeren Kartons der Hausmülltonnen und Supermärkte.
Recycled werden sie nie – als Öko-Paradies hat sich Buenos Aires bislang nicht hervorgetan. Gerade dadurch aber bietet der Abfall Überlebensmöglichkeiten für die Ärmsten der Armen. Seit dem wirtschaftlichen Zusammenbruch des Landes im Jahr 2001 fristen circa fünfzigtausend Argentinier ihr Dasein damit, Abfälle zu sammeln und an Wertstoffhöfe zu verkaufen.
„Cartoneros“ werden sie genannt – Namensgeber des Verlags. Ihre müllbetürmten Handkarren gehören heute weitaus mehr zum Stadtbild selbst feiner Viertel als die meist nur noch für Touristen aufrechterhaltenen Tango-Kneipen. Lange müssen Cucurto und seine Mitstreiter also nicht nach Rohmaterial für die Buchproduktion suchen. Zumal sie den Cartoneros ein Vielfaches des Marktpreises zahlen.
Etwa um die Jahrtausendwende schloss sich Cucurto mit weiteren Underground-Autoren zusammen, um Bücher im Eigenverlag zu verbreiten. Denn „Cucus“ bunte, sinnliche, oft offen sexuelle, aus allen Migrantendialekten der Multikulti-Metropole Buenos Aires wild zusammengemixte Literatur wurde von den etablierten Verlagen verschmäht, so dass er sein Geld meist als Möbelpacker verdiente. Bibliothekare taten sich sogar zusammen, um seinen ersten Gedichtband „Zelarayán“ aus den Regalen zu entfernen und als „obszönes Schundwerk“ öffentlich zu verbrennen.
Doch wie macht man aus Abfall Bücher? Und warum möchten Autoren daraus ihre Werke gefertigt sehen? In Fällen wie Eloísa Cartonera führt die Verelendung der lateinamerikanischen Städte zu ungewöhnlichen neuen Geschäftsmodellen, besonders aber auch zu einer ästhetischen Revolution. „Mit der Krise von 2001 brach unser Verlag zusammen“, berichtet Cucurto. „Unsere Maschinen wurden gepfändet, Geld hatten wir keines mehr, und binden konnten wir unsere Bücher erst recht nicht. Deshalb haben wir uns gesagt: Wenn anderes nicht zur Verfügung steht, dann machen wir aus unserer Armut eben ein System. Wir fotokopieren die Blätter und kleben sie in alte Pappkartons ein. Und weil wir keine Maschinen besitzen, ersetzen wir sie durch unsere eigenen Hände. Damit schneiden wir die Buchdeckel aus, bemalen sie, falten die Bögen. Alles per Hand.“
Eine unerschütterliche Liebe zum Buch als Kunstobjekt
Genau dieses aus der puren Not geborene Herstellungssystem verleiht den Büchern von Eloísa Cartonera einen einzigartigen Charakter. Denn zum einen ist die Herstellung jedes einzelnen Bandes ein aktives Sozialprojekt. Viele der Verlagsmitarbeiter waren früher selbst einmal Cartoneros und haben erst durch das Büchermachen wieder einen Arbeitsplatz gefunden. Sämtliche Verkaufserlöse werden zu gleichen Teilen an alle Mitglieder des Kollektivs ausgeschüttet. Doch vor allen Dingen spricht aus der Schönheit jedes einzelnen Bands eine unerschütterliche Liebe zum Buch als Kunstobjekt. Die Werbeaufschriften der Produkte, die in den Kartons enthalten waren, werden am Ende der Produktion mit Schablonen der jeweiligen Buchtitel überpinselt. Dann wird der Band per Hand liebevoll in leuchtenden Farben ausgemalt und dekoriert. „La editorial más colorinche del mundo“ – „Buntester Verlag der Welt“, nennt sich Eloísa Cartonera stolz.
Jeder Cartonero hat seinen eigenen Malstil und seine eigenen Vorlieben bei der Gestaltung des Buchs. So kehrt in der vollindustrialisierten Literaturbranche des 21. Jahrhunderts das Buch plötzlich wieder dahin zurück, wo es seinen Anfang hatte: zum vom Menschenhand erzeugten Unikat, das die individuelle Arbeit des Autors ebenso manifestiert wie die seines Handwerkers. Dabei sind Cucurto und seine Mitstreiter keineswegs naiv. Denn, wie „Cucu“ unterstreicht: „Menschen, die sonst nie ein Buch in die Hand nähmen, kommen zu uns. Für sie ist es wichtig, dass Bücher lustig und bunt sind, ein anderes Format haben, eine eigene, mystische Aura, mit der sie sich persönlich identifizieren.“
Argentinische Großschriftsteller reißen sich um eine Müll-Version ihrer Werke
Als der Verlag 2003 im Migrantenviertel Almagro seine Türen öffnete, hielt man die Cartonero-Buchmacher für Spinner. Heute hat er Ableger und Imitatoren in sämtlichen Ländern Lateinamerikas und in Europa. Kürzlich wurde die erste „Filiale“ in China eröffnet, die den Namen „Mil Gotas“ trägt – benannt nach einem Roman von César Aira, der mit diesem Titel 2003 mit über tausend verkauften Exemplaren einen der ersten Verkaufshits des neugegründeten Müll-Verlags produzierte. Eine beachtliche Zahl in der unabhängigen Verlagslandschaft Argentiniens. Und das Programm wächst ständig weiter – auch in deutscher Sprache, da der Berliner Übersetzer Timo Berger Mitglied des Kollektivs ist und die von ihm übertragenen Werke auch in die hiesigen Buchhandlungen bringt. Inzwischen reißt sich ein bedeutender Teil der argentinischen Großschriftsteller-Garde darum, eine Müll-Version ihrer Werke vorweisen zu können. Kaum einer von ihnen fehlt im Katalog von Eloísa Cartonera: Martín Kohan, Ricardo Piglia, Alan Pauls, Anna-Seghers-Preisträger Fabián Casas, der selbst den Verlag mitbegründete; daneben die großen Namen der lateinamerikanischen Literaturavantgarde wie Mario Bellatín oder Reinaldo Arenas. Derzeit verhandelt Cucurto mit der Borges-Witwe María Kodama darüber, ob auch der größte aller argentinischen Dichter noch seinen Weg in den Abfall findet.
Cucurto selbst ist allerdings immer noch als Enfant terrible verpönt. Deshalb wurde er von den argentinischen Kulturfunktionären nicht in die offizielle Delegation zur Buchmesse aufgenommen, und sein hochoriginelles neues Buch „1810“, das in humoristisch-burlesker Weise die Geschichte der zweihundertjährigen argentinischen Unabhängigkeit aus der Perspektive der nach Argentinien verschleppten Afrikaner erzählt, wartet noch immer auf einen Verleger. Nach Frankfurt wird „Cucu“ dennoch kommen: Der Kunstverein widmet Eloísa Cartonera aufgrund ihrer innovativen Buchgestaltung eine Hommage. Und noch etwas verbindet den Verlag mit Deutschland: Kürzlich erstand das Kollektiv eine deutsche Druckerpresse, die, wie „Cucu“ mit einem Blick zu dem über ihr angebrachten Evo-Morales-Poster spöttelt, „wohl noch vom Führer persönlich gefertigt wurde, so alt, wie sie ist.“ Das teutonische Monstrum druckt zwar lautstark, aber gut. Ein wenig deutsche Wertarbeit nimmt dem „buntesten Verlag der Welt“ sicher nicht seine Farbe.