Es ist vermutlich eine Sache des Blickwinkels, ob man diese Buchmesse als harmonisch oder langweilig bezeichnen wird. Die meisten Verlagsmenschen standen tagsüber gutgelaunt an ihren Ständen und abends auf den Empfängen und beteuerten, alles sei gut gelaufen, es habe viele Anfragen gegeben, finanziell sei alles in Butter. Und alles in allem blicke man optimistisch in die Zukunft.
Wie genau diese Zukunft aussehen soll, davon konnte man sich in der Halle 4.0 ein Bild machen. Alles redete dort über E-Books, E-Learning, E-Reader, auf den Podien bemühte man sich derweil, dem Fachpublikum den Unterschied zwischen Content und App zu erklären. Dort tat sich ein Paralleluniversum auf, das bislang noch wenig Schnittstellen aufweist mit der klassischen Verlagswelt einen Stock höher – mit ihren Kunstbildbänden und bibliophilen Editionen, mit junger Lyrik und alten Meistern. Dort beschwört man das sinnlich-haptische Element des Buches, und Content ist überhaupt ein Unwort. Wie und ob diese beiden Welten kompatibel sind, bleibt abzuwarten.
Zur Zeit ist der Anteil der verkauften E-Books noch verschwindend gering, aber wie schnell sich das ändern kann, zeigt der Erfolg der digitalisierten Musik und ihr Verkauf über Plattformen wie iTunes. Innerhalb von ein oder zwei Jahren kann sich vieles ändern, wenn überzeugende Endgeräte auf den Markt kommen und unkomplizierte Vertriebswege für Verbreitung sorgen. Die Buchmesse jedenfalls gibt sich mit der Initiative „Frankfurt SPARKS“ alle Mühe, die elektronischen Inhalte schon jetzt in das Messekonzept zu integrieren.
Bei Sascha Lobo blieb der Saal halbleer
Oft war in diesem Jahr die Klage zu hören, der Buchmesse fehlten die Stars. Zwar waren Jonathan Franzen und Bret Easton Ellis mit neuen Romanen gekommen, denen das Publikum freundliches Interesse entgegenbrachte, doch für Diskussionen sorgten sie nicht. Das muss nicht unbedingt schlecht sein, zeigt es doch, dass künstlich erzeugte Aufmerksamkeit wie im Falle der Marketing-Maschinerie von Sascha Lobo beim Publikum nicht zwangsläufig verfängt: Bei seiner Lesung im Literaturhaus blieb der Saal halbleer.
Interessanter war da schon die Entscheidung der Jury des Deutschen Buchpreises, als besten Roman Melinda Nadj Abonjis „Tauben fliegen auf“ auszuzeichnen. Die Schweizer Autorin hatte niemand auf der Rechnung, kaum jemand hatte ihr Buch gelesen. Was blieb der versammelten Literaturkritik da anderes übrig, als unbeteiligt mit den Schultern zu zucken und vorerst keine Meinung zu haben.
Ihr Verleger Jochen Jung dagegen begeisterte sich: „Wir haben diesen Preis auch stellvertretend für alle anderen kleinen Verlage gewonnen.“ Abonjis Buch startete in der ersten Auflage mit fünfzehnhundert Exemplaren, inzwischen wird sie in der vierten Auflage gedruckt und hält kräftig auf die hunderttausend zu – für einen kleinen Verlag wie Jung und Jung ein großer Überraschungserfolg. Am Samstag trifft dann endlich auch ein Stapel frischgedruckter Ausgaben auf der Buchmesse ein, pünktlich zur ersten Lesung von Nadj Abonji.
Die Hotlist ist eine Einladung an alle
Dass ständig irgendwo Tango getanzt wurde, war eine Nebenwirkung des Gastlandes Argentinien. Der Argentinische Verlegerverband zeigte sich hochzufrieden, Buchmesse-Direktor Jürgen Boos ist überzeugt von einer Wiederentdeckung Lateinamerikas in der Literatur. Ob er recht behält, ob diese Wiederentdeckung auch jenseits der Klassiker Borges und Cortazar stattfindet, wird man sehen. Im nächsten Jahr hat jedenfalls Island Gelegenheit, sich als Literaturnation vorzustellen, und den Vorteil, nicht gegen Klischees ankämpfen zu müssen – allzu gefestigte Vorstellungen von isländischer Literatur haben wohl die wenigsten.
Die jungen Verlage wie kookbooks, Blumenbar oder weissbooks, Neugründungen der letzten Jahre, haben sich mittlerweile als Marke etabliert. Die Zusammenarbeit scheint zu funktionieren: Regelmäßig bespielt man eine gemeinsame Plattform, die Leseinsel, und jeden Tag lädt kookbooks-Verlegerin Daniela Seel zum „Speed-Dating“ ein, bei dem die Verleger ihre aktuellen Programme im Schnelldurchlauf vorstellen. Mairisch-Verleger Daniel Beskos erklärt gutgelaunt, man müsse sich ja nicht jedes Jahr verdoppeln, also fällt das aktuelle Programm mit einer Vinylplatte, Hörbüchern und nur einem Roman ein wenig reduzierter aus. Entspannte Lässigkeit also auch hier.
Etabliert hat sich auch die Hotlist, die in diesem Jahr zum zweiten Mal erstellt wurde. Der „Preis der Hotlist“ wurde, wie schon 2009, auf der Party der jungen Verlage vergeben, und Schöffling-Autorin Ulrike Almut Sandig bekam die mit fünftausend Euro dotierte Auszeichnung für ihren Erzählungsband „Flamingo“. Den kennt natürlich auch kaum jemand, aber die Hotlist ist eben auch eine Einladung, Entdeckungen zu machen.
Wenig Futter für Aufregung und Smalltalk
Eventuell entdeckt auch Suhrkamp noch ein paar Exemplare des Nobelpreisträgers Mario Vargas Llosa. Die drei angestaubten Taschenbücher, die Ulla Berkewicz in die Kameras hielt, wirkten etwas kümmerlich, aber immerhin waren alle mit der Wahl einverstanden. Was natürlich wieder keine Diskussionen befeuerte, ebenso wenig wie der Friedenspreis des deutschen Buchhandels für David Grossmann, der am Sonntag in der Paulskirche verliehen wurde. Einverständnis allüberall, freundliches Nicken und übergehen zur Tagesordnung. Das sind gute Nachrichten für die Literatur, aber wenig Futter für Aufregung und Smalltalk.
Ebenfalls am Wochenende gab es dann doch noch etwas Gedränge bei den Auftritten von Thilo Sarrazin und Helmut Kohl. Sarrazin hatte nur diesen einen Termin, obwohl er der Autor des momentan meistverkauften Buchs Deutschlands ist. Doch die Debatte dauert ja schon seit einiger Zeit an und musste nun nicht mehr unbedingt auf der Buchmesse geführt werden.
Die Buchbranche ist vermutlich die einzige, die nicht über die Krise redet. Im vergangenen Jahr feierte man mit einiger Entschlossenheit darüber hinweg, in diesem Jahr gibt es wenig, worüber man hinwegfeiern müsste. „Alle sind relaxt“, heißt es. Das ist schön zu hören. Auch wenn es weniger Fachbesucher auf die Messe zog, die Zahl der Aussteller stieg leicht: 7539 waren es. Dass es kaum zu Gedränge kam, mag an dem Wetter gelegen haben, das viele nutzten, sich in der Agora zu sonnen und Gespräche an die Luft zu verlegen.
Für Entzerrung mag auch „Open Books“ gesorgt haben, das im vergangenen Jahr nach dem Vorbild von „Leipzig liest“ vom Kulturamt der Stadt Frankfurt initiiert wurde. Im Kunstverein traf sich das Lesepublikum bei Buch und Kaffee, während Autoren aus Neuerscheinungen lasen und sich den Fragen der Zuhörer stellten. Eine ruhige, junge, lässige Alternative zum Auftrieb auf der Messe, und überaus erfolgreich. Und damit entspricht es eigentlich genau der momentanen Stimmung.
Hab ich etwas verpasst? (Buchmesse Nachlese Teil 1)
(theblueyonder)
- 12.10.2010, 15:40 Uhr
Hab ich etwas verpasst? (Buchmesse Nachlese Teil 2)
(theblueyonder)
- 12.10.2010, 15:54 Uhr
Hab ich etwas verpasst? (Buchmesse Nachlese Teil 3)
(theblueyonder)
- 12.10.2010, 16:05 Uhr