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Analphabetismus Es fehlen ihnen die Worte

 ·  Sie tricksen, lügen, bluffen: Analphabeten sind eine verschwindende, aber konstante Minderheit. Viele schämen sich für ihr Handicap. Einige haben genug von der Isolation und sorgen für Aufklärung.

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Als Rosemarie Vogel ihrem Mann gestand, dass sie nicht lesen kann, war sie bereits fünfundzwanzig Jahre mit ihm verheiratet. Ein Vierteljahrhundert voller Ausflüchte, Minderwertigkeitskomplexe und Lügen. „Ich hatte immer Angst, dass er mich verlässt, wenn er die Wahrheit erfährt“, sagt die Neunundvierzigjährige heute. Deshalb versteckte sie ihr Handicap vor ihm und den gemeinsamen Kindern. Bis zu dem Tag, an dem sie am Telefon etwas vorlesen sollte. Da gingen ihr die Ausreden aus. Dabei war sie zuvor nie um eine verlegen. „Ich habe mir den Finger gebrochen“, sagte sie, wenn es ans Ausfüllen von Formularen ging. Wenn sie einkaufen musste, ließ sie die Kinder Einkaufszettel schreiben – und verglich die Wörter darauf mit den Waren in den Supermarktregalen.

Analphabetismus ist ein Tabuthema, die oft zermürbenden Versteckspiele und Ausreden gehören zum Alltag der Betroffenen: „Ich habe meine Brille vergessen.“ So verheimlichte Uwe Boldt bis zu seinem dreißigsten Lebensjahr die Tatsache, dass er nicht schreiben und nur wenig lesen konnte. Der Einundfünfzigjährige arbeitet im Hamburger Hafen und kam mit dieser Taktik lange gut durch. Boldt und Vogel gehören zu den Botschaftern des Bundesverbandes für Alphabetisierung und Grundbildung, der im Foyer von Halle 4.0 über seine Arbeit informiert. Die Probleme liegen auf der Hand: Wie soll man jemanden, der nicht lesen kann, auf ein Hilfsangebot aufmerksam machen? Durch Plakate mit der Aufschrift „Wenn Sie nicht lesen können, kommen Sie vorbei“ sicher nicht.

Ein kleine aber stetige Minderheit

Nicht alle sind so selbstbewusst wie Horst Uhrig, der zum Aufklärungsteam des Verbandes gehört. Von Anfang an stand er zu seinem Handicap. Diese Ehrlichkeit brachte ihn in skurrile Situationen: „Wenn ich am Fahrkartenautomaten um Hilfe gebeten und den Grund genannt habe, reagierten die Leute oft, als sei das ansteckend.“ Trotzdem ging er weiter offen mit dem Thema um, was ihn am Ende in einen Lesekurs brachte: „Ich habe mich um einen Job beworben und im Bewerbungsgespräch gesagt, dass ich nicht lesen kann. Da hieß es: ‚Wir nehmen Sie. Aber nur, wenn Sie es lernen.‘“

In diesen Kursen müssen die Lehrer oft ganz von vorne anfangen: Manche Analphabeten wissen nicht, wie man einen Stift richtig hält. Sie nehmen ihn in die Faust und versuchen, Buchstaben nachzumalen. Mit seinem Engagement gehört Uhrig einer verschwindenden Minderheit an. Von den vier Millionen Analphabeten, die es in Deutschland offiziell gibt, machen derzeit nur fünfundzwanzigtausend einen Kurs. Das sind 0,6 Prozent. Viele trauen sich nicht, manche wissen nichts von dem Angebot, andere wollen gar nicht lesen lernen. „Die sind noch nicht reif dafür“, sagt Boldt. Oft braucht es einen großen Leidensdruck, damit die Menschen in den Kurs gehen.

Alarmierend ist: Die Zahl der Analphabeten sinkt nicht. Pro Jahr brechen fünfundsechzigtausend Schüler ihre Ausbildung ohne Abschluss ab – viele von ihnen, weil sie nicht schreiben können. Oder zumindest nicht gut genug: Die meisten Menschen, die allgemein als Analphabeten bezeichnet werden, haben durchaus rudimentäre Kenntnisse. Sie können beispielsweise ihren Namen schreiben und einfache Wörter entziffern. Man spricht hier von funktionalen Analphabeten. Das bedeutet, die individuellen Kenntnisse sind niedriger als das, was die Gesellschaft erwartet. Das kann von Land zu Land stark variieren: Wer etwa in Deutschland als Analphabet gilt, fällt in den meisten Entwicklungsländern nicht weiter auf.

Wunsch nach Unabhängigkeit

Boldt und Vogel wollten um keinen Preis auffallen und entwickelten daher, wie viele Analphabeten, erstaunliche Fähigkeiten. Boldt machte den Führerschein, Vogel merkte sich in vielen Situationen nicht die Wörter, sondern die Bilder dazu. Das verblüffte ihren Mann am meisten, als er die Wahrheit erfuhr: Wie sie sich all die Jahre so gut zurechtgefunden hatte, ohne lesen zu können. „Mein Mann hat ganz toll und vernünftig reagiert“, sagt sie. Er unterstützte sie in ihrem Lerneifer.

Nicht alle Ehen kommen mit den durch Analphabetismus erzeugten Problemen klar. Andreas Brinkmann, Projektleiter beim Bundesverband für Alphabetisierung, hat das bei seinen Nachbarn erlebt: Der Mann war auf die Hilfe seiner Ehefrau angewiesen, die lesen und schreiben konnte. Als er sich aus diesem Abhängigkeitsverhältnis befreien wollte, sah sie ihre Machtposition bedroht. Sie bat ihn, ein Blatt Papier zu unterschreiben – es sei ein Glückwunsch an einen Bekannten. Er setzte seinen Namen darunter und stellte ihr damit nichtsahnend eine Kontovollmacht aus. Wenige Tage später war das Konto leer und die Frau weg.

Der Wunsch nach Unabhängigkeit begleitet viele Analphabeten ihr ganzes Leben. Der älteste Lernwillige, den der Bundesverband in einen Kurs vermittelte, war fünfundsiebzig. Er wollte seine Erinnerungen festhalten. Schriftlich.

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