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1917 im Glas : Kennedys Wein

Der teuerste deutsche Spätburgunder: Assmanshäuser Höllenberg von 1917 Bild: Rüchel, Dieter

Das Jahr 1917 war kein gutes Jahr für den Wein. Kennedy bekam trotzdem eine Kiste „Asmannshäuser Höllenberg“ geschenkt. Trinkt man den Wein heute, bleibt eine Überraschung nicht aus.

          Was macht der Kaffee da im Weinglas? So riecht doch kein Wein! Obwohl die Flüssigkeit für Kaffee wiederum nicht schwarz genug ist. Und erstaunlich frisch süßsauer schmeckt, aber zunächst immer noch wie Kaffee. Kalter Kaffee allerdings. Und alter Kaffee, nämlich aus dem Jahr 1917. Es ist ein Spätburgunder, dessen Existenz einmal mehr beweist, dass es nichts Neues unter der Sonne gibt, denn der in den letzten beiden Jahrzehnten in Deutschland boomende Spätburgunderanbau und -verkauf hat nur wiederbelebt, was jahrhundertelang bei deutschen Winzern und Trinkern üblich war und dann vergessen wurde.

          Dieser Hundertjährige stammt aus dem Rheingau und hört auf den schönen Namen „Assmannshäuser Höllenberg“. 1917 war ein schlechtes Weinjahr, und da durch den Ersten Weltkrieg akuter Personalmangel bei Lese und Kelterung herrschte, wurde meist auch nicht sorgfältig gearbeitet. Auf der Königlich-Preußischen Domäne des Klosters Eberbach allerdings schon, und in dessen Keller wurde dieser „Assmannshäuser Höllenberg“ erzeugt: als Edelbeerenauslese, also auf höchster Qualitätsstufe. Allerdings war es mit dem „Königlichen“ ein Jahr später schon vorbei. Der Krieg war aus, der König hatte abgedankt, die Franzosen besetzten dessen Domäne Kloster Eberbach und requirierten fleißig, was sie vorfanden.

          Um seine besten Weine davor zu schützen, hatte das Staatsweingut aber zwei von den insgesamt vier Fässern der „Höllenberg“-Auslese an ein befreundetes Weingut in Bad Kreuznach abgegeben. Dort waren zwar auch die Franzosen eingerückt, aber die Domäne August E. Anheuser genoss durch amerikanische Verwandtschaft (die riesige Brauerei Anheuser-Busch) besonderen Schutz durch die mit Frankreich verbündeten Vereinigten Staaten. So prangt auf dem Etikett der Flasche, aus der unser Wein stammt, nicht das Adlersignet des ehedem preußischen Staatsweinguts, sondern das Wappen der Familie Anheuser. Der Wein aber ist der gleiche. Auch der gleiche übrigens, von dem die hessische Landesregierung in Wiesbaden am 25.Juni 1963 eine ganze Kiste einem prominenten Gast verehrte: John F. Kennedy auf dessen legendärem Deutschlandbesuch.

          Warum ein Weingeschenk aus einem schlechten Jahrgang? Weil 1917 Kennedys Geburtsjahr war und die „Assmannshäuser Höllenberg“-Auslese der beste Rheingau-Rotwein. Sein Säuregrad von zwanzig Promille und der Zuckergehalt von 170 Grad Oechsle haben nicht nur Langlebigkeit garantiert, sondern auch die heutige Frische – wenn der erste Kaffeeeindruck einmal überwunden ist. Ob sich der amerikanische Präsident in den fünf Monaten bis zu seiner Ermordung noch an einer der Flaschen hat erfreuen können, ist unbekannt, der Verbleib etwaiger Restbestände in Washington ebenfalls. Was bedauerlich ist, denn die heutigen Hessischen Staatsweingüter Kloster Eberbach verwahren nach freiwilliger Auslagerung an die Nahe, französischer Beschlagnahmung und Präsidentengeschenk gerade noch drei Flaschen der Edelbeerenauslese von 1917. Eine vierte wurde im vergangenen Jahr versteigert und prompt zum bislang teuersten deutschen Spätburgunder – der Kennedy-Mythos tat seinen Teil dazu. Denn wenn es mit rechten Dingen zuginge, müsste das, was mittlerweile als „Kennedy-Wein“ berühmt ist, Kaffee-Wein genannt werden.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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          Quelle: F.A.Z.

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