Home
http://www.faz.net/-gqz-14ak5
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

150 Jahre „Über die Entstehung der Arten“ 1859 ohne Darwin

23.11.2009 ·  Am 24. November 1859 erschien „Über die Entstehung der Arten“. Ein Spiel: Stellen wir uns diesen Tag ohne Darwin vor. Was wäre aus der Biologie geworden? Was aus den Ideologien, die sich auf die Evolutionstheorie berufen haben?

Von Julia Voss
Artikel Lesermeinungen (2)

Am heutigen Tag jährt sich also die Veröffentlichung von Charles Darwins „Über die Entstehung der Arten“ zum hundertfünfzigsten Mal. Aus diesem Anlass folgendes Gedankenexperiment: Stellen wir uns den 24. November 1859 einmal ohne Darwin vor. Ein ganz normaler Tag im England des neunzehnten Jahrhunderts - die Sonne geht auf, die Buchläden öffnen, Kutschen rollen über Londons Straßen, niemand hat „Über die Entstehung der Arten“ geschrieben, nirgends wird dieses Buch verkauft, die Sonne geht wieder unter. Was wäre aus der Biologie geworden? Was aus den unzähligen Ideologien, die mit der Evolutionstheorie den Schulterschluss suchten?

Erste Möglichkeit: Das neunzehnte Jahrhundert wäre ohne die Evolutionstheorie vestrichen, verblieben im alten Schöpfungsglauben, nach dem Gott die Arten geschaffen habe. Wahrscheinlich? Nein, ausgeschlossen. Bereits 1844 war in England schließlich das Buch „Vestiges of the Natural History of Creation“ erschienen, in dem ein zunächst anonymer Autor eine Evolutionstheorie vorstellte. Noch bis Ende des neunzehnten Jahrhunderts verkaufte sich das Werk des Mannes, der später als der Verleger Robert Chambers enttarnt wurde, besser als Darwins „Entstehung der Arten“; erst danach verblasste sein Ruhm.

Marx schickte Darwin „Das Kapital“

Zweite Möglichkeit also: Die Evolutionstheorie wäre zwar auch formuliert, aber vielleicht weniger ideologisch in Anspruch genommen worden. Leider auch ausgeschlossen. Es war das Prinzip der Selektion, das Darwin zusammen mit der Variation als Motor des Evolutionsgeschehens betrachtete und an das sich die meisten weltanschaulichen Theorien knüpften. Karl Marx hoffte, die Arbeiterklasse werde siegreich voranschreiten, und schickte Darwin ein gewidmetes Exemplar von „Das Kapital“; Ernst Haeckel verstieg sich gleichzeitig zu der Behauptung, die Aristokratie sei das Produkt der Auslese. Rassismus, Sozialismus oder Kapitalismus - sie alle huldigten der Wahnvorstellung, in der Wissenschaft eine Verbündete gefunden zu haben. Nur: Fast auf das Jahr genau stellte auch der Naturforscher Alfred Russel Wallace eine Evolutionstheorie vor, die ebenfalls Selektion und Variation zur Grundlage hatte. Um die ideologische Ausschlachtung des Selektionsprinzips wäre man also auch ohne Darwin nicht gekommen.

Hätte die Geschichte also auf Darwin verzichten können? Nicht ganz. Was uns verlorengegangen wäre, ist Darwin als Vorbild wissenschaftlichen Arbeitens. Niemand schrieb klarer, forschte gewissenhafter und antwortete seinen Gegnern respektvoller. Darin besteht bis heute sein originellstes Erbe.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1974, Redakteurin im Feuilleton.

Jüngste Beiträge

Tom Tablet

Von Marcus Jauer

Was hört man da aus Berlin? Das traditionelle Klassenbuch soll vom Tabletcomputer ersetzt werden? Die Eltern erhalten bei jedem Tadel sofort eine SMS. Der Erfahrungsraum von Kindern ist in Gefahr. Mehr