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11. September 2001 Zehn Jahre danach

 ·  Hat der 11. September 2001 New York für immer verändert? Wir haben kurz vor dem zehnten Jahrestag der Katastrophe schon einmal nachgesehen, wie sich die Stadt künftig an ihre Vergangenheit erinnern wird.

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Nach dem 11. September 2001, hieß es, werde die Welt eine andere sein. Zehn Jahre später lässt sich festhalten, dass diese Behauptung etwas voreilig war. Zumindest für Menschen, die keine Angehörigen oder Freunde bei den Anschlägen verloren haben, ist die Welt so ziemlich die gleiche wie vorher, sieht man einmal davon ab, dass auf Flugreisen keine Flüssigkeiten mehr ins Handgepäck mitgenommen werden dürfen, das Vertrauen in Politiker durch den Irakkrieg auf einen neuen Tiefstand sank und der Islam seither extrem schlechte Presse hat. Wie aber sieht es in der Stadt aus, die von dem Terroranschlag am heftigsten getroffen wurde? Ist etwas geblieben von der Verletzlichkeit, dem Schock und der Trauer, die ihre Bewohner damals einte, und von jenem zuvor nicht gekannten Gefühl von Zusammengehörigkeit?

Die New Yorker, die ich frage, sagen nach einigem Überlegen übereinstimmend, die Stadt sei freundlicher geworden, die Menschen insgesamt weicher. Eine Freundin, die mir soeben lang und breit erklärt hat, wie wenig 9/11 sie persönlich betroffen habe, bricht urplötzlich in Tränen aus, als sie mir von den Gesichtern der Feuerwehrmänner erzählt, die sie damals in der U-Bahn von den Aufräum-Einsätzen an Ground Zero zurückkommen sah. Unter der dicken Staubschicht habe ein solches Entsetzen gelegen ... Heute sind an den Feuerwehrstationen Messingtafeln angebracht, die an die gestorbenen Kollegen erinnern, doch man übersieht sie leicht und läuft einfach daran vorbei. Ansonsten ist New York auf den ersten Blick genau so sehr wieder New York wie Berlin wieder Berlin ist oder London wieder London. 9/11 ist zu einem Schlagwort geworden, einem Symbol. Aber wofür?

Eine Lektion in Sachen Demokratie

Diese Frage beschäftigt den Schriftsteller Michael Shulan, 58, nahezu rund um die Uhr. Er ist Künstlerischer Leiter des 9/11 Memorial Museums, das sich noch im Aufbau befindet. Was bedeutet 9/11 für ihn? „Für mich persönlich war 9/11 eine Art staatsbürgerliches Erweckungserlebnis“, sagt er. „Ich hatte immer ein etwas unbehagliches Selbstverständnis als Amerikaner, kein starkes Gefühl dafür, was es heißt, Amerikaner zu sein. Nach dem 11. September 2001 habe ich mich anders amerikanisch gefühlt als vorher. Nicht unbedingt patriotischer, aber 9/11 hat mich etwas über Demokratie gelehrt. Es war eine ungeheure Anstrengung, die Amerika unternommen hat, eine Antwort auf 9/11 zu finden, auch der Weg zum Memorial war eine Anstrengung. Ja, für mich war 9/11 eine Lektion in Sachen Demokratie.“

Es gibt viele verschiedene Interpretationen von 9/11. Man kann es als nationale Tragödie begreifen oder als globale, als Angriff auf New York, Amerika oder die westliche Welt. Als Tag, der fast 3000 Menschen den Tod brachte und ihren Familien und Freunden einen geliebten Menschen nahm. 9/11 steht für einen perfiden, grausam perfekt durchgeführten Terrorakt, für Anlass von Kriegen, für das Datum, an dem das World Trade Center von der Erdoberfläche verschwand. Ein weiteres Flugzeug flog an jenem Tag ins Pentagon, ein viertes stürzte über Pennsylvania ab. Vielen dient 9/11 auch einfach als Zeitmarkierung: Dinge sind vorher passiert oder danach. „9/11 ist keine eindeutige Geschichte“, sagt Shulan. „Sie endet nicht mit dem Tod Bin Ladins, und wo genau sie beginnt, bleibt vage und mysteriös. Das ist es, was dieses Ereignis so interessant und gewaltig macht.“

„Here is New York“

Shulans eigene 9/11-Geschichte ist wie die der meisten New Yorker: Hat mitbekommen, dass etwas passiert ist, ist auf die Straße gerannt, hat die Türme erst brennen, dann live fallen sehen. Am Tag darauf lief er zu Ground Zero, wie die Unglücksstelle wenig später genannt werden sollte. Unterwegs wurde er von einem Polizisten gewarnt, er würde Dinge sehen, die er nie wieder vergessen würde, was er als Übertreibung abtat – bis er die abgetrennten Beine sah, die noch Schuhe trugen, die Körper ohne Kopf, die Leichen ... In dem verzweifelten Versuch, das Geschehene zu begreifen, organisierte er mit Freunden binnen weniger Tage eine Fotoausstellung, die im leerstehenden Ladengeschäft seines Wohnhauses in der Prince Street gezeigt wurde: „Here is New York“, nur zehn Tage nach dem Anschlag eröffnet, zeigte Tausende Fotos, die um 9/11 kreisten, vom World Trade Center, vom Anschlag, von den Tagen danach; zur Verfügung gestellt hatten sie professionelle Fotografen und Laien.

Die Menschen standen Schlange, um die Bilder zu sehen, die Ausstellung wurde viel länger gezeigt als geplant, tourte anschließend um die Welt. Es war, als würden die Menschen hoffen, das Unfassbare durch Bilder besser begreifen zu können, und vielleicht ging es auch darum, sich gemeinsam zu erinnern, im Versuch, die Erschütterung in den Griff zu kriegen.

Schwankende Erscheinung

Auch Shulan findet, dass New York sich verändert hat. Menschlicher ist das Wort, das er benutzt. Er erzählt von einer Frau, die einmal vor ihm die Madison Avenue entlang gelaufen sei. Sie sei sehr schick gewesen, hohe Absätze, elegantes Kleid, eine tolle Erscheinung, er habe sie die ganze Zeit angesehen. Auf einmal habe sie geschwankt und sich einen Moment an einer Mülltonne festgehalten. Er habe gewusst, dass sie in diesem Moment an 9/11 gedacht hatte. Jeder habe gewusst, dass alle an dasselbe dachten. „Ich glaube, die Stadt hat etwas über sich gelernt“, sagt er: „Dass man sich nicht vom Rest der Welt abschotten kann. Das kann zu Wut oder Aggression führen oder dazu, freundlicher, offener zu sein. New York hat sich für Letzteres entschieden. Es ist ein zivilisierter Ort geworden.“ Ein wenig fehlt ihm heute das Rauhe, Wilde – ihm hat es nicht schlecht gefallen, als ein Besuch des Times Square sich noch anfühlte, als ginge man an einen Kriegsschauplatz. Heute sei es wie Disneyland.

Shulan ist ein Mann, der seine Worte mit Bedacht wählt und seine Aussagen manchmal so lange prüfend hin und her wendet, bis auch ihr Gegenteil stimmt. Er ist kein Freund staatstragender Reden oder pathetischer Gesten, was für das Museum das Beste hoffen lässt. Eröffnung soll kommendes Jahr im September sein. Es wird sich unter einer Eingangshalle unterirdisch auf dem Gelände erstrecken, dort, wo sich früher die Kellergeschosse des World Trade Centers befanden. Dieses Jahr, zum zehnjährigen Jahrestag des Anschlags, wird ebenerdig das Memorial eröffnet, zu Füßen des neuen Wolkenkratzers One World Trade Center, der sich noch im Bau befindet, aber schon die stattliche Höhe von über siebzig Stockwerken erreicht hat und silbern und kalt in der Sonne glänzt. Fertig gestellt wird das Gebäude 541 Meter hoch sein, höher als die Türme des alten World Trade Centers, das höchste Gebäude der Vereinigten Staaten, der höchste Büroturm der Welt, vielleicht auch ein Symbol für irgendetwas.

Unheimlich, aufgeladen und unheilvoll

Shulan führt mich über das noch abgesperrte Memorial-Gelände, das man sich vorstellen kann wie einen Gedächtnispark. Exakt dort, wo die beiden Türme standen, sind quadratische Becken ausgehoben, an deren Wänden Wasser hinunterstürzt in einem unaufhörlichen Wasserfall. Was auf Fotos nicht viel hermacht, wirkt in echt beeindruckend, alleine schon durch die Größe. Die Abwärtsbewegung des Wassers evoziert den Einsturz der Türme, deren ehemalige Höhe allerdings nur noch schwer vorstellbar bleibt. In das die Becken umgebende Geländer sind die Namen all jener eingestanzt, die bei den Anschlägen umgekommen sind, 2982 Namen insgesamt. Rundherum wurden Bäume gepflanzt. Wenn der Baulärm einmal eingestellt sein wird, soll das Wasser die Geräusche der Stadt übertönen. Man solle hierherkommen, um sich zu erinnern – nicht jedoch, um von Tragik überwältigt zu werden, das sei einfach nicht die amerikanische Art, sagt Shulan und fügt hinzu, dass man nur hoffe, die Besucher würden hier nicht mit dem Skateboard durchfahren.

Dann führt er mich in das Gebäude, das einmal den Eingang zum Museum bilden wird. Empfangen wird es seine Besucher mit Sicherheitsvorrichtungen, wie man sie von Flughäfen kennt. Auch dies eine Folge von 9/11, wie Shulan bemerkt. Wir kommen an zwei ehemaligen Fassadeteilen des World Trade Centers vorbei, wie wir sie in den Monaten nach den Anschlägen täglich in den Fernsehnachrichten sahen. Diese schlanken Stützen, die sich nach oben gabelförmig auffächern und das Einzige waren, was nach dem Einsturz noch stand. Sie sehen rostig aus und unerwartet klein. Eine Rampe führt weiter nach unten. Shulan deutet auf eine Markierung weit über unseren Köpfen auf einer Wand. Genau an dieser Stelle – einst befand sich hier die Tiefgarage – explodierte 1993 beim ersten islamistischen Terroranschlag auf das World Trade Center die Bombe, die sechs Menschen tötete und weitere tausend verletzte. Mit diesem Wissen wirkt die Umgebung auf einmal eine Spur unheimlicher, aufgeladen durch ihre unheilvolle Geschichte.

Schrecken auf Bildern

Wir biegen um eine Ecke, vor uns liegt nun ein Raum mit relativ gigantischen Ausmaßen, in der einmal Fotos aus der Ausstellung „Here is New York“ zu sehen sein werden. Sieht man sie sich heute an – es gibt sie als gleichnamiges Buch –, wird einem auf drastische Weise vor Augen geführt, was man alles vergessen hat in den letzten zehn Jahren, oder vielmehr verdrängt. Da liegt dann ein abgetrenntes, blutüberströmtes Bein auf der Straße, rennen Menschen in Todesangst vor einer gigantischen Staubwolke um ihr Leben, starren in Schockstarre auf einen Ort, an dem eben noch zwei der höchsten Bauwerke der Welt standen ... Er selbst habe damals keine Fotos gemacht, sagt Shulan, der findet, dass Fotografieren einen davon abhält, genau hinzusehen. Aber viele andere haben damals den Impuls verspürt, den Schrecken auf Bilder zu bannen, um sich zu vergewissern vielleicht, dass sie selbst noch am Leben waren, Augenzeugen einer schrecklichen Katastrophe. Und plötzlich erinnere ich mich, wie ich selbst damals, am Abend jenes 11. September 2001, in Berlin vor dem Fernseher saß und die Bilder vom Bildschirm abfotografierte, die so unwirklich schienen, so grauenhaft und, ja, auch grauenhaft schön, und die damals auf allen Sendern in einer Endlosschleife wiederholt wurden.

Für die Angehörigen der Opfer wird es im Museum einen Extra-Raum geben, in den sie sich zurückziehen können. Shulan erzählt, dass das Museum so viele Hinterlassenschaften gestiftet bekommen habe, dass sie unmöglich alle ausstellen könnten – das letzte Paar Schuhe, das ein Feuerwehrmann getragen habe, Portemonnaies, die im Schutt gefunden wurden, sogar vom ersten Anschlag gebe es T-Shirts mit Spuren der Verwüstung. Eine Ahnung davon, wie das einmal aussehen könnte, bekommt man in einer Seitenstraße östlich von Ground Zero. Dort befindet sich ein kleines 9/11-Besucherzentrum, in dem in Schaukästen solcherlei Hinterlassenschaften ausgestellt sind. „Diese Schuhe trug Officer Soundso an seinem letzten Arbeitstag. Es war der vierte Geburtstag seines jüngsten Sohnes, und er und seine Frau hatten für den Abend Gäste eingeladen...“ In dieser Art etwa, mit dem unnachahmlichen, amerikanischen Gespür für große Gefühlsmomente, sind die Hinweisschilder gestaltet, die einem tatsächlich die Tränen in die Augen treiben.

Die Wahrheit

Doch das 9/11 Memorial Museum will die Geschichte nicht nur aus der Perspektive der Opfer erzählen – es wird auch um die Täter gehen. Um Al Qaida, die Flugzeugentführer und um Bin Ladin, dessen kürzlich erfolgte Ergreifung und Ermordung so gar nicht als donnernder Schlussstrich unter die 9/11-Geschichte daherkam. Man wolle die ganze Geschichte erzählen, sagt er. Dazu gehören auch die Folgen von 9/11: die Kriege, die gesundheitlichen Spätfolgen für die Helfer, die abstrusen Verschwörungstheorien, die im Internet kursieren ... Er wolle den Besuchern keine Geschichtsdeutung vorschreiben, sondern nur die Informationen liefern, „die Wahrheit“, auf die sich dann jeder seinen eigenen Reim machen müsse, sagt Shulan. Auch dies eine Lektion in Sachen Demokratie.

Die Stadt New York versucht seit längerem, die Gegend um Ground Zero herum für Anwohner und Besucher attraktiver zu machen, die gesamte Südspitze Manhattans, die seit ehedem so grau und unlustig wirkt wie die Anzüge der hier arbeitenden Geschäftsleute. Die meisten Touristen lockt wohl das Discount-Kaufhaus Century 21 an, das sich direkt gegenüber von Ground Zero befindet, man muss nur einmal die Straße überqueren, um auf Grabbeltischen nach herabgesetzten Designerstücken oder Boxershorts im Dutzendpack zu wühlen. Eine geeignete Nachbarschaft, um einer Tragödie zu gedenken?

Die Frage nach der Bedeutung

Das sei ja das Interessante, sagt Shulan. „Hier gibt es eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart und zwischen diesem Ort und anderen Orten, es ist ein lebendiger Ort, an dem man untersuchen kann, was war und was ist. Hier ist es geschehen, und hier geschieht es noch heute – was auch immer ,es‘ ist. Globalisierung, die Veränderungen unseres Selbstverständnisses, Multikulturalismus, Religion, all die vielen verschiedenen Aspekte, die zu 9/11 gehören, sie finden hier statt.“ Eine „Archäologie der Gegenwart“ will Shulan schaffen, der sich sehr für Geschichte interessiert und mit Begeisterung erzählt, dass während der Bauarbeiten auf Ground Zero Teile eines alten holländischen Schiffs ausgehoben wurden.

Shulan weiß, dass er sich im Prinzip mit einer Karteikarte in den Eingang stellen könnte, weiter nichts, und trotzdem wäre der Besucherandrang enorm. Er hofft, dass nicht nur Touristen den Weg ins Museum finden werden, sondern auch New Yorker, besonders optimistisch ist er jedoch nicht. „Ich glaube, die New Yorker werden einmal kommen, nicht öfter“, sagt er, schulterzuckend, schließlich ist er selber einer. Er glaubt, der zehnjährige Jahrestag wird sie alle noch einmal vereinen in einem kurzen Moment von Gemeinschaftsgefühl. Und anschließend in dem Wunsch, es jetzt loszulassen. „Okay, das ist zehn Jahre her, wir können das jetzt vergessen.“ So funktioniert New York. Ob es einem Museum gelingen wird, aus 9/11 wieder mehr zu machen als eine Floskel? „Wir alle haben die Bilder so oft gesehen: Flugzeug fliegt in Turm, Turm kollabiert, Flugzeug fliegt in Turm, Turm kollabiert“, sagt Shulan, „aber die Bedeutung liegt nicht in dem tatsächlichen Ereignis.“ Worin denn? „Das weiß ich auch nicht“, sagt er. Er wirkt nicht unglücklich dabei.

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Jahrgang 1971, Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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