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100. von Jean-Pierre Melville : Aus dem Schatten

Regisseur und Drehbuchautor Jean-Pierre Melville auf einem undatierten Foto Bild: Picture-Alliance

Jean-Pierre Melville war ein Perfektionist, der keine Rücksicht auf Empfindlichkeiten nahm, auch nicht auf die seines Hauptdarstellers. Das europäische Kino hat ihm viel zu verdanken.

          Natürlich kam dieser Film erst einmal nicht in die deutschen Kinos. Schließlich marschieren in der Eingangssequenz Wehrmachtssoldaten mit klingendem Spiel im Gleichschritt auf die menschenleere Place de l’Étoile in Paris – unaufhaltsam, unbeirrbar. Erst einen Sekundenbruchteil bevor der Tambourmajor auf die tief positionierte Kamera treten wird, blendet sie ab.

          Eine bedrohlichere, zugleich auch faszinierendere Szene als diese anderthalb Minuten hat das europäische Kino nicht zu bieten. Nicht einmal im Werk von Jean-Pierre Melville, dem Mann, der 1969 diesen Film gedreht hat, den in Deutschland neun Jahre lang niemand sehen sollte. Man muss daran erinnern, nicht nur, weil „Armee im Schatten“ so meisterlich ist, sondern auch, weil sechs Jahre nach dem deutsch-französischen Freundschaftsvertrag von 1963 Melvilles Reminiszenz an die alte Feindschaft hierzulande noch als unerträglich galt.

          Dabei wusste damals kaum jemand, wie viel Anlass der Regisseur dazu hatte, diesen Film nach dem noch während des Zweiten Weltkriegs erschienenen Résistance-Roman „L’Armée des ombres“ von Joseph Kessel zu drehen: Der jüngste Sohn der jüdischen Familie Grumbach aus dem Elsass, die nach der 1871 erfolgten deutschen Annexion ihrer Heimat nach Paris gegangen war, hatte 1940 selbst gegen die Invasoren gekämpft, erst als regulärer Soldat, dann im Widerstand (wo er das nach seinem Lieblingsautor gewählte Pseudonym Melville annahm), schließlich wieder als Soldat in den alliierten Truppen, die 1944 von Italien aus nach Frankreich vorstießen.

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          „Armee im Schatten“ hätte sein Debüt werden sollen, doch es dauerte 25 Jahre, bis der Film zustande kam, und so verfilmte Melville 1947 als Erstling einen anderen Résistance-Roman: „Das Schweigen des Meeres“ von George Bruller alias Vercors, ein am Vorbild Ernst Jüngers orientiertes Psychogramm eines kultivierten deutschen Besatzungssoldaten. Selbstverständlich wurde auch dieser Film hierzulande nicht gezeigt – nur ja keine Erinnerung an Dunkeldeutschland!

          Melville hatte weniger Berührungsängste; für „Armee im Schatten“ verpflichtete er nicht nur ein eminentes Staraufgebot, sondern als Berater auch einen französischen Armeeoffizier, der als Elsässer in der SS gedient hatte, und den echten deutschen Tambourmajor, der die Wehrmachtsparaden in Paris angeführt hatte – und das neben dem prominenten Résistance-Veteranen André Dewavrin alias Colonel Passy, der sich im Film selbst spielt.

          So war Melville: ein Perfektionist, der keine Rücksicht auf Empfindlichkeiten nahm, auch nicht auf die seines Hauptdarstellers Lino Ventura, mit dem er sich während der Dreharbeiten derart überwarf, dass beide nicht mehr miteinander sprachen. Aber sie dachten nicht daran, ihre Zusammenarbeit aufzukündigen; es wurde denn auch nicht nur Melvilles größte Leistung. Zwei weitere Filme und vier Jahre später starb der Regisseur, noch keine 56 Jahre alt. In Deutschland wurde „Armee im Schatten“ erst 1978 gezeigt. Und niemandem fiel auf, dass die Handlung des Films am 20.Oktober 1942 einsetzt, Melvilles fünfundzwanzigstem Geburtstag. Den hundertsten hätte Jean-Pierre Melville an diesem Freitag gefeiert. Die frühere deutsch-französische Feindschaft ist nun aus guten Gründen kein Thema mehr.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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