http://www.faz.net/-gqz-7s6ur

Zum Hundertsten von Louis de Funès : Unvergängliches Hirnsausen

Kurz nach dem großen Durchbruch mit „Fantomas“ und „Der Gendarm von Saint Tropez“: Funés in „Der Gendarm vom Broadway“. Bild: picture alliance / United Archiv

Nie konnte er Ruhe geben, ob als Einbrecher, Polizist, Notar, Geizkragen, Feinschmecker, Steuerberater, Verleger, Kunsthändler, falscher Rabbi oder Dirigent. Heute wäre der große Louis de Funès hundert Jahre alt geworden.

          Das Männlein hat sie offenbar nicht alle. Es duckt sich und springt, es rüttelt sich, es schüttelt sich, es verneint das Universum und scheint aus nichts als entzündeten Nerven zu bestehen – Millionen von schreienden Fasern, die man oben zu einem dicken, bösen Knoten ineinandergedreht hat, dem sogenannten Kopf. Das Männlein drückt sein Kreuz durch, schnappt nach Luft, stößt ächzende Lautpäckchen aus, schreit „Silence!“ beziehungsweise „Sileeeence!“, dann hopst es übers Telefon, das es vom Tisch gerissen und auf den Boden gestellt hat, zwischen Himmel und Hölle.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Hat es sich gerade wirklich mit den Fingern selbst die Augen aufgerissen? Jetzt fasst es sich an die Nase, zieht sie virtuell in die Länge und veranstaltet mit der gedachten Verlängerung des Zinkens Unbeschreibliches. Dann sinkt es auf die Liege. Drei Leute starren es an, im Gegenschnitt erkennen wir ihr entsetztes, aber fasziniertes Staunen als das unsrige. Mario David als Masseur, Agathe Natanson als Tochter des Männleins und Claude Gensac als seine Frau wissen und begreifen nicht, was sie da sehen; aber sie können den Blick nicht abwenden. Das Männlein schließt die Augen, atmet ruhiger. Dann richtet es sich wieder auf und fragt, warum man es so anstarre, was das solle, dieses „me r’garder comme ça?“

          Ein unerziehbares Kind

          Mit dieser Szene in Édouard Molinaros auch insgesamt aus perfektem Timing und systematischer Eskalation gestricktem Meisterwerk „Oscar“ von 1967 legte Louis de Funès einen der beseeltesten und verheerendsten Auftritte hin, die man von ihm je gesehen hat. Aber mit der Szene davor eigentlich auch schon. Und mit einigen danach. Selbst in den seichten, konfusen, schlechteren, ganz späten Filmen kracht es nicht selten bis zum Jubel. Soll heißen: Es hat gar keinen Sinn, die Anfälle dieses Menschen in irgendeine Rangordnung einzusortieren.

          Er ist einfach zu flink; er redet so schnell, als würde durch ihn hindurch der Text des Drehbuchs die Regie bekämpfen wollen – und dann wieder gebärdet er sich, als wolle er seine eigenen Worte, weil er sie bereut, einfangen, überwältigen und in den Sinn zurückreißen, dem sie eben entkommen sind.

          Mehr als alle anderen, die in Film und Fernsehen mit Hampeln (Dieter Hallervorden), Zappeln (Jim Carrey), Exhibitionismus (Jack Black) und Klamauk (tutti quanti) auf sich aufmerksam gemacht haben, wusste dieser Mensch, dass zum Grellen ein Unscheinbares gehört, das es stabilisiert – die kleinen Roboter-Hydraulik-Tics nach dem weit Ausgreifenden; der kurzatmige Seufzer; der Ausdruck der Augen, wie bei einem unerziehbaren Kind, das selbst am meisten verblüfft ist darüber, was es da gerade schon wieder angerichtet hat.

          Er strahlte Autorität aus

          Heute loben wir Schauspieler wie Andy Serkis, wenn sie Grimassen zustande bringen, die der Computer versteht und nachmodellieren kann. Louis de Funès dagegen hat das Pferd noch richtig herum aufgezäumt – und etwa sein berühmtes Zischquaken direkt bei Donald Duck gemopst. Er hat den Animationsfilm als fortgeschrittenste Slapsticktechnik mindestens so aufmerksam studiert wie die gesamte Konkurrenz aus Fleisch und Blut, soweit sie für sein Projekt des explodierenden Franzosen als Feuerwerkskörper aus dem Hypermarché Sprengstoffe bereitstellte.

          Appliziert wurde das alles einer unübersehbar für Witz geeigneten Grundausstattung: Seht, welch ein Typ – schütteres Haar, Stirnglatze, ein römisch-ciceronischer, stolzer Kopf, nicht hübsch, aber prägnant, ein Redner-, doch: Philosophenschädel, der nicht unbedingt spaßig wirkt, aber jede Menge Autorität ausstrahlt.

          Autoritäten, an die er sich auf seinem Lebensweg halten konnte, musste sich der am 31.Juli 1914, mithin am Vorabend des Ersten Weltkriegs als Louis Germain David de Funès de Galarza geborene Migrantensohn selbst suchen. Sein Vater, ein Anwalt aus Spanien, durfte in Frankreich nicht praktizieren. Er zog daher ohne seine Familie weiter nach Venezuela, etablierte sich dort als Diamantenhändler, scheiterte und starb in der andalusischen Heimat.

          Durch Zufall ins Theater

          Der später so berühmte Sohn dagegen versuchte sich als Kürschner, ärgerte auf der Berufsschule den Lehrkörper und bewies bei seiner ersten eigenen Autoritätenwahl gleich besten Geschmack: Er wandte sich der Fotografie zu und ließ sich von Charlotte Elisabeth Germaine Saisset-Schneider, bekannt als Germaine Dulac, beibringen, wie man Kurzfilme dreht.

          Diese Dame hat unter anderem den surrealistischen Film miterfunden und als Pionierin der Synthese aus mechanismusbewusst berechnenden Film- und spontanen Theatertugenden gewirkt – einer Synthese, die auf ganz andere Weise auch das Geschäft von de Funès werden sollte. Dulacs Film „Die Muschel und der Kleriker“ von 1927 folgt übrigens einem Drehbuch von Antonin Artaud, dessen drastisches Theaterverständnis durchaus als tragische Nachtseite der komödiantischen Übergeschnapptheiten gelesen werden kann, mit denen der Typus de Funès die Kamera notzüchtigte.

          „Am liebsten spiele ich Tyrannen. Ich habe ein Faible für falsche Menschen, für Lügner und Denunzianten.“ - Louis de Funés Bilderstrecke
          „Am liebsten spiele ich Tyrannen. Ich habe ein Faible für falsche Menschen, für Lügner und Denunzianten.“ - Louis de Funés :

          Dessen erster Ausflug ins Ästhetische war kurz. Nach der Foto- und Film-Schnupperlehre streifte er noch die Buchhalterei, das Industriezeichnen und das Schaufensterdekorationshandwerk, dann wurde er endlich Unterhaltungstagelöhner und spielte als Wehrdienstverschonter, der eben eine eigene Familie gegründet hatte, im deutsch besetzten Paris Jazzklavier. Ab 1941 ließ er sich außerdem die Schauspielerei beibringen, und Mitte der vierziger Jahre begegnete er schließlich einem Kollegen aus dem Schauspielkurs zufällig in der Métro. Der Mann bot ihm seine erste Theaterrolle an, eine wahre Feuertaufe, die auf den Stühlen eines kleinen Saals nicht mehr Leute versammelte als auf der Bühne (es klatschte hauptsächlich die Verwandtschaft des Ensembles).

          Anmaßender Gauner, tückischer Wüterich

          Dann kam das Kino. Durchs erste runde halbe hundert Filme fraß er sich freilich nicht als Star, auch wenn er dabei an der Seite der angesehensten Kollegen – von Fernandel bis Jean Gabin – arbeiten und dazulernen durfte. Vor genau einem halben Jahrhundert, im De-Funès-Wunderjahr 1964, hoben ihn dann drei Filme innerhalb von nur vier Monaten auf die Höhe des Ruhms, die er von da an halten konnte: Jean Giraults „Der Gendarm von Saint Tropez“, André Hunebelles „Fantomas“ und Gérard Ourys „Le Corniaud“, deutsch sowohl als „Scharfe Sachen für Monsieur“ wie „Louis, das Schlitzohr“ geläufig.

          Dieser Durchbruch mit fünfzig war umso erstaunlicher, als zwei Flügel des Triumph-Triptychons ihn auch noch dabei zeigten, wie er etablierte Größen ausstach – den formidablen Charakterkopf Jean Marais in „Fantomas“ und den damals in Frankreich ungeheuer populären Komiker Bourvil (André Robert Raimbourg) in „Le Corniaud“. Ein ernster und ein komischer Star wie in „Fantomas“, das mochte als Kontrastquelle noch angehen – aber zwei lustige Männer in ein und demselben Film?

          Der Unterschied zwischen Bourvil und de Funès war indes prononciert genug: Raimbourgs stattlich-normannische Erscheinung, sein leicht lädiertes Gebiss, sein antiintellektuelles und bescheidenes Auftreten, das Anstand wie Volkstümlichkeit ausstrahlte, entpuppte sich als ideale Vorlage für den anmaßenden Gauner und tückischen Wüterich, der da über ihn herfiel und ihn als Boten für eine Edelstein-, Edelmetall- und Drogenschmuggeltour missbrauchen wollte.

          Eine Marionette, die ihre Fäden essen will

          Die alten Tugenden, für die Bourvil stand, waren gerade dabei, sich angesichts einer neuen Zeit in Schwächen zu verwandeln: „Le Corniaud“ ist ein erz-westeuropäischer Nachkriegsfilm, in dem der neue Wohlstand auf dem Alten Kontinent beginnt, die erprobten Verhaltensnormen ins Rutschen zu bringen. Der treuherzige, bodenständige Bourvil fährt noch einen französischen Gebrauchtwagen und glaubt an das, was seiner Nation half, zwei Weltkriege zu überstehen – so ist er leider nicht gewohnt, sich seine Maßstäbe selbst zu setzen, was ihn seinem manischen Widersacher mit dem Amischlitten gegenüber allzu suggestibel macht: Der brave Mann will einfach für voll nehmen, was der kurze Teufel ihm einredet, auch wenn’s haarsträubender Quatsch ist.

          Die Erschütterung des Traditionellen durch Verschiebungen im sozialen Gleichgewicht zwischen Jung und Alt, Arm und Reich, modern und treu ist de Funès hier als ein Rudel Dämonen buchstäblich in den Leib gefahren: Eine zweideutige Duschszene mit einem Bodybuilder zeigt ihn, wie er seine eigene krumme Körperlichkeit mit den Händen prüft, sich abtastet und von seinem Leib enttäuscht ist wie von einem defekten Gerät; in einer anderen Szene erklärt und dirigiert er in einer Autowerkstatt pantomimisch und mit viel Maulaufreißen einem Mechaniker seinen Beruf.

          Man hört nicht, was er brüllt, alles ersäuft in Orchesterlärm, und man begreift: Der neue Mensch ist eine Marionette, die ihre Fäden am liebsten aufessen würde. Was sich da ankündigte, war „progrès“, ein in den Siebzigern in Mitteleuropa auch in deutscher Übersetzung sehr beliebtes Wort, der „Fortschritt“ eben, teils als neues, partnerschaftliche Arbeitsverhältnis – noch 1978 zählte de Funès als Kino-Firmenchef beim Einschlafen seine Schäfchen: „Ein Arbeiter, zwei Arbeiter...“ –, teils als Industrialisierungsschub mit ganz neuen Maschinen.

          Mit wem er nichts anfangen konnte, den verhaute er

          Eh bien, die Technik! Gute Filmkomiker lieben den Nahkampf mit ihr. Ob Bob Hoskins einen gezeichneten Hasen beharkt oder Leslie Nielsen mit lebensgefährlichen Apparaten kämpft. Was hätte Louis de Funès doch für eine Freude daran gehabt, sich mit computergenerierten Bildern anzulegen! Weil’s derlei damals noch nicht gab, hat er sich stattdessen in Technospielereien wie „vorwärts filmen, rückwärts abspielen“ ausgetobt, zum Beispiel in Claude Zidis industriekritischer Scheppergroteske „La Zizanie“ alias „Der Querkopf“ (1978), in der er sich über eine Maschine freut, die Dreck aus der Atmosphäre saugt (man sieht deutlich: Sie hat ihn eigentlich ausgespuckt, aber das wird dann eben verkehrt herum gezeigt), oder in Jean Giraults Katastrophenkrimi „Jo“ alias „Hasch mich, ich bin der Mörder“, wo de Funès ein Geländer, das er hinuntergerutscht ist, schwerkraftverhöhnend wieder hochrutscht, so dass selbst der allzeit in sich ruhende Bernard Blier als Inspektor Ducros um Fassung ringt.

          Sosehr alles an der Persona „Louis de Funès“ vom ersten Moment des Erfolgs an zum Solo drängte, so klar war ihm, dass szenische Größe nur aus dem Zusammenspiel mit anderen gewonnen werden kann, und bei aller Extrovertiertheit verletzte er die dafür nötige Disziplin kaum je; ob neben Fernandel, Jean Gabin oder Michel Simon vor dem Durchbruch, ob danach neben Bourvil – die beiden verbesserten ihr in „Le Corniaud“ entwickeltes Zusammenspiel noch einmal deutlich für Gérard Ourys „La grande Vadrouille“ alias „Die große Sause“ (1966) –, neben Coluche – grandios in Zidis „L’aile ou la cuisse“ alias „Brust oder Keule“ (1976) – oder mit seiner langjährigen kongenialen Immer-wieder-Filmgattin Claude Gensac: Stets war das Interaktion vom Feinsten, und wenn ihm einmal gar nichts mehr einfiel, was er mit den anderen anfangen sollte, verhaute er sie eben – vor allem die physisch Größeren, die sich das gefallen liessen, weil er ihren Verstand überwältigte, nicht ihre Leiber (eine sehr komische, sehr tiefe Wahrheit übers Soziale steckt darin).

          Bis heute starren wir ihn an

          Und ebenso oft, wie er sie deckelt, inspiriert und befreit er seine Mitmenschen auch: Unvergesslich das gegenseitige Einanderaufstacheln der Eheleute de Funès und Annie Girardot in „La Zizanie“ oder der Vertreter für Feuerlöscher in „Jo“, der zunächst damit angibt, dass Jean-Paul Sartre zu seinen Kunden gehört, dann von de Funès bekaspert wird und danach das Produkt, das er verkaufen soll, als „Scheißdreck“ verflucht.

          Wie passt der ganze Schamott nun zusammen? Braucht ein Schauspieler eine Werkidee? Vielleicht nicht. Aber bei all den Drehbucheinfällen, all den Regievolten, die andere zur Hinterlassenschaft von de Funès beitragen durften, den Rollen als Einbrecher, Polizist, Bauer, Direktor, Erfinder, Wirt, Feinschmecker oder Dirigent bleibt er einer Sache bis zu seinem Tod 1983 eisern verpflichtet: dem fortgesetzten Affront (man muss das Wort bellen, wie er es gekläfft hätte: „Affffront!“) gegen die Idee „Innerlichkeit“, gegen jede Ausrede angeblicher seelischer Komplikationen für ethisches Versagen. Das Menschenbild, das er malte, lebt vom Vorsatz, das Verhalten einer Person zur Kenntnis zu nehmen, um über sie zu einem gültigen Urteil – nicht selten: Also der oder die ist doch wirklich völlig bescheuert! – zu gelangen.

          Was man sieht, ist das, was man kriegt: Das hat etwas von Aufklärung, schmeckt aber natürlich immer auch ein wenig nach Spießer. Liebe zum Beispiel ist in den Filmen, durch die dieser Mann rast, nichts ungreifbar Transzendentes, sondern die Chance, im konkreten herzlichen Umgang miteinander auszukommen, auch wenn beide, die es angeht, Käuze sind. Und Kunst, das ist bei de Funès nicht etwas, was in den Kunstschaffenden oder den Menschen im Publikum vorgeht, in den black boxes namens Inspiration oder Rezeption, sondern die sichtbare Mühe der einen und der unüberhörbare Applaus der anderen. Filme, die von weniger als einer halben Million Menschen gesehen werden, interessierten ihn nicht, sagte er oft und gern.

          Wieso wir diesen Mann, zu dessen hiesigem Ruhm nicht zuletzt begnadete deutsche Synchronsprecher wie Klaus Miedel und Gerd Martienzen ihren Teil beigetragen haben, bis heute so anstarren? Weil das, was er treibt, um mindestens eine halbe Million Menschen zu verblüffen, lustiger, aufschlussreicher und sogar wahrer ist als alles, was uns ein Blick auf unseresgleichen oder in den Spiegel verraten könnte.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Proteste gegen Polizeigewalt enden in Krawallen Video-Seite öffnen

          Ausschreitungen : Proteste gegen Polizeigewalt enden in Krawallen

          In St. Louis im US-Bundesstaat Missouri haben Hunderte Menschen den dritten Tag in Folge gegen Polizeigewalt protestiert. Hintergrund der Kundgebungen ist der umstrittene Freispruch für einen weißen früheren Polizisten, der 2011 einen Afroamerikaner erschossen hatte

          Topmeldungen

          Teilnehmer einer NPD-Kundgebung in Bautzen im Mai 2017.

          Zusammenarbeit mit der NPD : Wie rechts ist Bautzen wirklich?

          Ein stellvertretender CDU-Landrat aus Bautzen hat in Asylfragen mit Neonazis kooperiert – und wird dafür von mehreren lokalen Politikern gelobt. Denn die angespannte Lage in der Stadt hatte sich danach beruhigt.

          UN-Vollversammlung : Iran entsetzt über „ignorante Hassrede“

          Mit seiner Rede vor der UN hat Donald Trump für Entsetzen gesorgt – und viel Applaus seiner Basis eingeheimst. Einer der vom amerikanischen Präsidenten Kritisierten wird heute die Antwort auf die Vorhaltungen liefern.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.