05.04.2004 · Mit ihrer Aussage vor dem Untersuchungssausschuß, will die amerikanische Sicherheitsberaterin Rice die Vorwürfe des Terror-Fahnders Clarke widerlegen. Der nächste Zweifel ausräumende Auftritt aus den Bush-Reihen.
Von Christian GeyerKants dreiteilige Frage: Was kann ich wissen, was soll ich tun, was darf ich hoffen? - sie läßt sich heute klipp und klar beantworten. Erstens: Was kann ich wissen? Zum Osterfest ist uns aus Amerika die Auferstehung der Fakten angekündigt. Die Sicherheitsberaterin Rice will am Donnerstag vor dem unabhängigen Untersuchungsausschuß "9/11" aussagen.
Sie will die Vorwürfe des langjährigen Terror-Fahnders Richard Clarke widerlegen, der in seinem Buch "Gegen alle Feinde" behauptet, die Regierung Bush habe den Warnungen vor Al Qaida nicht den gebotenen Stellenwert eingeräumt, habe sich statt dessen von Anfang an auf den Irak fixiert. Kommt uns die Ankündigung des alle Zweifel ausräumenden Auftritts, des schlagenden Gegenbeweises nicht bekannt vor? Ist sie nicht eine Konstante in der Dramaturgie der Desinformation, mit der Amerika den Irak-Krieg inszeniert?
"Heuristik des Mosaiks"
Anfang 2003 hatte Colin Powell vor dem Weltsicherheitsrat schon einmal sagen wollen, was man wissen könne. Wir sahen Dias mit Modellzeichnungen von unter Dattelpalmen versteckten Lastkraftwagen. Wir wußten: mobile irakische Biowaffenlabore, eine Bedrohung für die Welt. "Es sind keine Behauptungen", sagte Powell damals, sondern "Tatsachen und Schlußfolgerungen, die auf stichhaltigen Geheimdiensterkenntnissen beruhen". Die gigantische Multimediashow folgte der "Heuristik des Mosaiks" (Powell): Steinchen für Steinchen sollte ein Gesamtbild entstehen, das den Krieg gegen den Irak zwingend machte.
Nun, April 2004, sagt Powell: April, April. Er sagt: "Ich bin nicht der Geheimdienstapparat." Er sagt: Nun habe sich herausgestellt, daß die damaligen Geheimdiensterkenntnisse nicht "so zuverlässig gewesen sind". Er sagt nicht: Sorry, wir haben die Welt manipuliert, sondern: Ach übrigens, ich bin da neulich wieder einmal falsch informiert worden. Das klingt ganz so, als spreche hier ein Abteilungsleiter von Ikea über eine innerbetrieblichen Kommunikationspanne beim Möbelversand: Sorry, unser Mitarbeiter im Lager hatte einen schlechten Tag, holen Sie sich doch freundlicherweise bei der Ausgabe ein neues Teil ab.
Neujustierung des Rasters
Die Beiläufigkeit, mit der Powell mal eben den einst als zentral bezeichneten Kriegsgrund als Ente bezeichnet, ist vielleicht aber auch der Sache geschuldet. Denn gewiß hätte es mit oder ohne Massenvernichtungswaffen nicht für einen Krieg gereicht. Über die Waffen war unter Fachleuten ja schon Jahre spekuliert worden. Nicht neues Wissen, sondern die neue Bewertung des alten Wissens war es, was Powell vor einem Jahr im Weltsicherheitsrat erreichen wollte - genauer: die Neujustierung des Rasters für die Verhältnismäßigkeit der Mittel zum Zweck. Nicht um Fakten, nicht um ein Mosaiksteinchen mehr oder weniger ging es Powell, sondern um das monumentale Thematisieren des Iraks vor weltpolitischem Forum.
Kann es da verwundern, wenn er das falsche Mosaik von damals als heute kaum noch der Rede wert erachtet? Steinchenzählen ist Erbsenzählerei. Was kann ich wissen? Daß jede Information, zu der die Regierung sich bequemt, eine Setzung ist, mit einer präzise angebbaren Funktion für den historischen Augenblick. Die Zuverlässigkeit dieser Information steht gleichsam auf einem anderen Blatt, sie ist der Kleinkram für später, eine Sache für die Ausschüsse. Entscheidend ist die Eigendynamik, die sich aus der Setzung des Themas ergibt. Auf die kann man hoffen. Tatsächlich gab es eine Zeit in Amerika, da glaubten laut Umfragen zwei Drittel aller Amerikaner, die Anschläge vom 11. September seien von Saddam Hussein gesteuert gewesen. Was darf ich hoffen? Daß die Korrektur immer erst später kommt.
„Sie überzeugen mich nicht“
Und was soll man tun? Man soll am Donnerstag abend das Fernsehen einschalten und der Sicherheitsberaterin Rice das Ohr leihen. Sie wird Steinchen auf Steinchen häufen, bis ein Mosaik entsteht. Jede Aktennotiz, jedes Gesprächsprotokoll, jedes Kantinengespräch werden auf den Tisch des Untersuchungsausschusses gelegt werden, um darzutun, daß der Name Al Qaidas früh in Rices Munde geführt wurde. Und doch kennt man die Heuristik des Mosaiks inzwischen genug, um wissen zu können, daß diese Steinchen falsche Klunker sind. Denn Richard Clarke will nicht bestreiten, daß Al Qaida für Bush eine Rolle spielte.
Er bestreitet, daß Al Qaida für Bush die gebührende Rolle spielte: die der höchsten Dringlichkeitsstufe, wie sie sich aus den damals verfügbaren Daten der Geheimdienste ergab. Demnach hat Bush die stichhaltigen Steinchen zur Verfügung gehabt. Sein Versäumnis war, sie nicht zu dem geschichtlich gebotenen Mosaik zusammengesetzt zu haben, weil die geschichtsphilosophische Vorlage zum Zusammensetzen für ihn Irak hieß. Die historische Antwort hat damals Joschka Fischer gegenüber Rumsfield gegeben: Sorry, Sie überzeugen mich nicht!
Richard Clarke nimmt heute den kommunikativen Ort ein, den ein Jahr zuvor Colin Powell besetzt hielt. Clarke setzt vor einem Weltforum das Thema, auf dessen Eigendynamik man hoffen kann. Diesmal ist es die Sicherheitsberaterin, die mit ihren Korrekturversuchen zu spät kommt. Was soll sie auch tun? Soll sie sagen, daß Bush dachte, durch seine Geheimdienste falsch informiert worden zu sein? So genau will man es dann wirklich nicht wissen.