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Festspiel-Sommer Vorhang auf in Salzburg und Bayreuth

24.07.2010 ·  Wohin mit den großen Festivals? Exklusivität wird immer schwieriger. Urauführungen leistet sich heute jedes mittelgroße Haus. Möglicherweise laufen Stadt- und Staatstheater den Schlachtschiffen bald den Rang ab.

Von Julia Spinola
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Ein Hauch von Lampenfieber liegt in der Luft, und genaugenommen erwarten wir nichts anderes. Morgen beginnen in Bayreuth wieder die Richard-Wagner-Festspiele, übermorgen eröffnen die Salzburger Festspiele ihre Saison. Veranstalter und Künstler leben, wenn nicht das ganze Jahr, so doch mindestens seit Probenbeginn ganz auf diese Tage hin. Doch auch alle übrigen Protagonisten, die in einem der großen Sommertheater mitspielen, bereiten sich jetzt auf ihre Auftritte vor.

Gemeint sind nicht nur die zahlreichen Festival-Angestellten, die Gastgeber der Empfänge und Sponsorenveranstaltungen, die Gastronomen rund um Hügel und Hofstallgasse, deren Vorbereitungen auf Hochtouren laufen. Gemeint sind auch und vor allem die eigentlichen Hauptakteure, all jene, die im glücklichen Besitz von Karten sind und für deren Augen und Ohren das ganze Spektakel einmal erfunden worden ist: Genießer, Mitreisende, Kritiker, Selbstdarsteller. Ganz gleich, ob man als „VIP“ über den roten Teppich flanieren darf oder nicht: Der eigene Part im glamourösen Festivalzauber soll von der Garderobe bis zu den Pointen des Pausengesprächs hin sitzen.

Mn erwartet zu Recht das Besondere

Festspiele sind Orte des Außeralltäglichen. Exklusivität ist ein Bestandteil ihrer tragenden Idee. Denn fernab des Alltags ticken die Uhren auch rezeptionslogisch ein wenig anders. Man ist entspannter, geselliger, mußevoller als im heimatlichen Stadttheater. Man fühlt sich besonders und erwartet zu Recht das Besondere. Diese Erwartungshaltung zu erfüllen wird für die beiden renommiertesten Festivals von Jahr zu Jahr schwieriger. Der Sänger-Jetset, das sich in immer engeren Radien drehende Karussell der großen Namen, lässt die Exklusivitätsanforderung zu einer heiklen Herausforderung werden.

Eine Wagner-Inszenierung von Hans Neuenfels, dessen „Lohengrin“ morgen in Bayreuth Premiere hat, kann man im Prinzip auch anderswo sehen. Erst recht gilt dies für die Premieren in Salzburg, die sich vom Jahresprogramm ambitionierter städtischer Bühnen kaum unterscheiden. Selbst das „Dionysos“-Projekt von Wolfgang Rihm taugt kaum als Salzburger Alleinstellungsmerkmal: Opern-Uraufführungen leistet sich heute jedes mittelgroße Haus. Und die Orchester- und Solistenprogramme, die von Montag an das Große Salzburger Festspielhaus füllen werden, kennt man ähnlich schon aus Berlin, Wien oder Baden-Baden und wird ihnen vielleicht auch in Luzern, beim Rheingau Musik Festival oder beim Berliner Musikfest wiederbegegnen. Wenn aber allerorten der gleiche Musikwind weht, droht der lokaltypische Glamourfaktor irgendwann zur Hauptsache zu geraten. Und der nutzt sich irgendwann ab.

Mehr als die Garnierung des Kerngeschäfts

Bayreuth, wo die beiden Wagner-Schwestern die erste Saison ohne den Rat des Vaters zu bewältigen haben, zehrt vom unschätzbaren Vorteil des von Richard Wagner selbst errichteten Festspielhauses mit seinen einzigartigen akustischen Verhältnissen. Einen Bayreuth-Debütanten wie den jungen Andris Nelsons die einzige Neuinszenierung dirigieren zu lassen, ist gerade deshalb - Begabung hin, Begabung her - ein Wagnis. Hier hatten Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier allerdings noch keinen Entscheidungsspielraum.

Die Sängerbesetzung der Eröffnungspremiere mit Annette Dasch und Jonas Kaufmann immerhin lässt auf eine Frische hoffen, die in den vergangenen Jahren nicht immer selbstverständlich war. Welchen Honig die Festspielleiterinnen künftig aus Bayreuths Privilegien ziehen werden, bleibt abzuwarten. Etwas mehr als die Garnierung des Kerngeschäfts mit „public viewing“, Wagner remixenden DJs (so eine Idee für kommendes Jahr) und Kinderopern, die anderswo besser realisiert werden, sollte man dann erwarten dürfen.

In Salzburg herrscht allgemeine Ratlosigkeit

Schlimmer steht es in Salzburg, wo der scheidende Intendant Jürgen Flimm seine letzte Saison verantwortet. Hier hat man eine große Chance verspielt. Markus Hinterhäuser, Salzburger Konzertchef und Interimsintendant von 2011 an bis zum Antritt Alexander Pereiras im Jahr darauf, hat als einer der visionärsten Köpfe des Festivals seit 2007 seine Befähigung als potentieller Festivalerneuerer unter Beweis gestellt. Er hat das Salzburger Konzertprogramm um klug durchdachte Reihen erweitert, die man tatsächlich nur in Salzburg hören konnte. Sowohl die beziehungsreichen Werkkombinationen dieser Programme als auch das Geschick, Interpreten zueinanderzubringen, die zuvor nicht zueinanderfanden, waren mehr als nur originelle Einfälle. Ausgerechnet Hinterhäuser aber hat man vergrault. Nicht allein wurde er als Kandidat für den Intendantenposten aus dem Findungsverfahren kurzerhand herausgeboxt; auch im Direktorium wollte man ihn als Konzertchef nicht mehr länger haben, da Pereira plant, den Konzertsektor gleich mit zu übernehmen. Sehen wir es als allgemeine Ratlosigkeit.

Wohin also mit den großen Festivals? Schon möglich, dass ihnen die Stadt- und Staatstheater den Rang bald ganz ablaufen werden. Stuttgart zum Beispiel: Hier hat der kommende Opernintendant, Regisseur Jossi Wieler, schon angekündigt, dass er künftig ausschließlich am eigenen Haus inszenieren wolle. Namen müssen sich wieder exklusiv an einen Ort, ein Haus, eine Tradition binden. Das scheint keine schlechte Idee.

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